In der Arbeit wird der Topos Vergänglichkeit im Werk von Dieter Roth untersucht. Hierbei wird zunächst ein Überblick über Position und Konzept des Künstlers gegeben, um anschließend näher auf die Motive Vanitas, Archivierung und Musealisierung und Dieter Roths Rolle als Sammler einzugehen. Anhand ausgewählter Werke wird der Frage nach-gegangen, inwiefern sich Roths Kunst zwischen den Polen gehen und bleiben bewegt und welchen Einfluss Zeit, Zufall und Material auf die Vergänglichkeit seiner Kunst ausüben. Essentielle Leitfragen befassen sich mit Thesen, ob und wie die Konservierung der verwesenden Kunst Dieter Roths durchzuführen ist und inwiefern Museen für die Bewahrung und Zerstörung ebensolcher verantwortlich sind.
Das Gegensatzpaar gehen — bleiben umfasst ein Spannungsfeld zwischen zwei Polen, die jeweils nicht ohne den anderen bestehen können. Die Pole stehen sich konträr gegenüber und sind doch eng miteinander verbunden, sodass fluide Übergänge entstehen. Es handelt sich nicht nur um ein rein sprachliches Konstrukt, sondern lässt sich konkret auf alltägliche und künstlerische Motive anwenden. So wird man in den aktuellen Medien täglich mit dem Tod, der eigenen Vergänglichkeit und dem Wandel der gewohnten Welt konfrontiert.
Dieter Roth befasste sich beinahe obsessiv mit dem Thema Vergänglichkeit und der Infragestellung tradierter Kunstformen und institutioneller Regeln. Seine Kunst bewegt sich zwischen der Bewahrung und dem Verfall, Beständigkeit und Unbeständigkeit, Chaos und Ordnung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Künstlerische Position und Themen
3. Vanitas, Archivierung und Musealisierung
4. Werkbetrachtung
4.1. Flacher Abfall
4.2. Gartenskulptur
4.2.1. Faktor Zufall
4.2.2. Faktor Material
4.3. Schimmelmuseum
5. Begräbnisinstitut Museum
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Topos der Vergänglichkeit im Werk von Dieter Roth unter Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen Bewahrung und Verfall. Ziel ist es, mittels einer Analyse ausgewählter Werkbeispiele aufzuzeigen, wie Roth die paradoxen Anforderungen der Musealisierung an seine prozesshaften, organischen Arbeiten herausfordert.
- Dieter Roths künstlerische Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Wandel.
- Die Rolle von Zeit, Zufall und organischem Material in seinem Schaffen.
- Theoretische Auseinandersetzung mit den Paradoxien des Sammelns und Archivierens.
- Kritische Reflexion der Rolle des Museums im Kontext vergänglicher Kunst.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Faktor Zufall
Der künstlerische Einsatz der natürlichen Veränderung von organischen Substanzen bezieht den Faktor Zufall in das Werk mit ein, sodass das Kunstwerk für Dieter Roth zur „Art in progress“ wird. Eine theorieübergreifende Definition des Zufalls könnte lauten, dass zufällige Ereignisse als solche aufgefasst werden, welche sich weder als regelmäßige Folge von Gesetzmäßigkeiten noch als Ergebnis rationaler Planung erklären lassen. Der Zufall bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen System und Chaos und ist ein grenzüberschreitendes Phänomen, sodass auch Erkenntnisse der Naturwissenschaft prägend auf die Kunst wirkten. Künstler experimentieren und lenken den Zufall, egal ob er bewusst oder unbewusst aufgesucht oder integriert wird. Sie verwenden beispielsweise Techniken der Frottage und Collage sowie methodische Verfahren der Biologie und Mathematik. Für Künstler ist der Zufall ein Glücksfall, der ihnen ein unglaublich großes Angebot an Gestaltungs- und Experimentiermöglichkeiten bietet.
Einerseits konstruiert Roth sein Konzept und setzt das Werk bewusst bestimmten Umwelteinflüssen wie Temperaturschwankungen oder Insekten und Vögeln aus. Betrachtet man Aufnahmen der Vorbereitung und Anhäufung seiner „Materiallabyrinthe“ wird deutlich, dass der Zufall inszeniert und kein Teil der Sammlung beliebig angeordnet wurde. Er baute sogar bewusst Sollbruchstellen ein, um den Verfall zu beeinflussen. Andererseits können die äußeren Einflüsse nur bedingt gelenkt werden. Der Zufall steht hier im Zusammenhang mit der Materialästhetik. Roths Werk wird von Improvisation sowie Wandel geprägt, sodass sein Werk folglich nicht mehr ausschließlich vom Gedankengut des Schöpfers abhängig ist. Jedoch verliert das Chaos seinen Schrecken, gerade weil ein Schöpfer am Werk beteiligt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Spannungsfeld zwischen den Polen „gehen“ und „bleiben“ ein und erläutert die Relevanz der Vergänglichkeit für das Werk von Dieter Roth.
2. Künstlerische Position und Themen: Das Kapitel bietet einen biografischen und konzeptionellen Überblick über Dieter Roth und verortet ihn im Kontext der Fluxus-Bewegung.
3. Vanitas, Archivierung und Musealisierung: Es werden die theoretischen Grundlagen des Vanitas-Motivs und die Paradoxien des Sammelns und Archivierens in der Kunst erörtert.
4. Werkbetrachtung: Anhand zentraler Werkgruppen wie „Flacher Abfall“, „Gartenskulptur“ und „Schimmelmuseum“ wird der Umgang mit organischem Material und Verfallsprozessen analysiert.
5. Begräbnisinstitut Museum: Dieses Kapitel kritisiert die Schwierigkeiten und Widersprüche bei der Konservierung und musealen Präsentation von Dieter Roths vergänglicher Kunst.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung über Dieter Roths ambivalentes Verhältnis zwischen dem künstlerischen Konzept der Vergänglichkeit und den institutionellen Anforderungen der Bewahrung.
Schlüsselwörter
Dieter Roth, Vergänglichkeit, Verfall, Kunst, Musealisierung, Vanitas, Schimmelmuseum, Gartenskulptur, Zufall, Material, Fluxus, Archivierung, Bewahrung, Kunstmarkt, Prozessualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk des Künstlers Dieter Roth im Hinblick auf den Topos der Vergänglichkeit und die damit verbundenen künstlerischen Strategien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dialektik zwischen Bewahrung und Verfall, die Rolle des Zufalls sowie die Hinterfragung von Werkbegriffen durch den Einsatz organischer Materialien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Roths Kunst zwischen den Polen des „Gehens“ (Vergänglichkeit) und „Bleibens“ (Archivierung) agiert und welche Konsequenzen dies für die museale Praxis hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kunstwissenschaftliche Analyse, die sowohl theoretische Konzepte (z.B. Paradoxien des Sammelns) als auch eine detaillierte Betrachtung ausgewählter Kunstwerke kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Werkgruppen wie den „Flachen Abfall“, die „Gartenskulptur“ und das „Schimmelmuseum“ sowie die Konflikte zwischen dem künstlerischen Prozess und dem musealen Erhaltungsanspruch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Vergänglichkeit, Verfall, Dieter Roth, Musealisierung, Prozessualität, Zufall und Materialästhetik.
Wie definiert Dieter Roth das Museum in Bezug auf seine Kunst?
Roth betrachtet das Museum ironisch als ein „Begräbnisinstitut“, da die institutionelle Konservierung seinem Konzept des notwendigen und natürlichen Verfalls entgegensteht.
Welche Rolle spielen Insekten in der Kunst von Dieter Roth?
Insekten fungieren bei Roth als „werkimmanente Helfer“, die den von ihm gewünschten Verfall organischer Materialien vollenden, statt wie in musealen Kontexten üblich als Schädlinge bekämpft zu werden.
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- Anne-Sophie Krier (Autor), 2021, Gehen - Bleiben. Vergänglichkeit in der Kunst von Dieter Roth, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1024681