In der Kunst fällt es, besonders bei der Interpretation und Bewertung dieser, oft schwer, das Kunstwerk ohne den Künstler zu betrachten. Sein Leben, seine Biografie, sein Handeln, all das fließt oft in die Interpretation seiner Werke mit ein. Gerade deshalb ist das Leben eines Künstlers für die populistischen Medien wie Zeitungen und Internet oft besonders interessant. So passiert es schnell, dass aus Künstlern Legenden geformt werden, die einem spezifischen Stereotyp entsprechen, indem sie in gewisse Rollenbilder hinein erzählt werden. Wie eine solche Rollenzuschreibung erfolgt, untersucht diese Arbeit anhand des Beispiels einer amerikanischen Fotografin, Nan Goldin.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Leben und Rollen
2.1 Lebenslauf und Werke Nan Goldins
2.2 Goldins Motive in der Künstler-Legende
2.2.1 Nan Goldin als „Wunderkind“
2.2.2 Nan Goldin als „Magierin“
2.2.3 Nan Goldin als „Überwinderin von schwierigen Lebenslagen“
3. Nan Goldin als Abhängige
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Rollenzuweisung als „Abhängige“ das künstlerische Schaffen, das Leben und die Person der Fotografin Nan Goldin beschreibt, und reflektiert kritisch die Sinnhaftigkeit solcher biografischen Stereotypisierungen.
- Analyse der Künstlerlegende nach Ernst Kris und Otto Kurz.
- Biografische Daten und Entwicklung von Nan Goldin.
- Kritische Untersuchung populärwissenschaftlicher Rollenklischees.
- Die dreifache Dimension der Abhängigkeit im Werk Goldins (Drogen, Sexualität, Fotografie).
- Reflexion über das Spannungsfeld zwischen Biografie und Werkinterpretation.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Nan Goldin als „Wunderkind“
Das erste wichtige Motiv von Kris und Kurz ist die Bezeichnung des Künstlers als „Wunderkind“. Mit diesem Motiv sind drei Aspekte näher verbunden: Das Entdecken des künstlerischen Talentes durch eine außenstehende Person, das Verlangen, dem Ingenium schon früh Ausdruck zu verleihen und zuletzt das Durchsetzen des Ingeniums, oft in einer Form des Autodidaktentums. Aus den Beispiel-Anekdoten aus Kris‘ und Kurz‘ Versuch geht hervor, dass der unentdeckte Künstler oft einen niedrigen Berufsstand hatte, sein Ingenium aber ausgelebt werden wollte, weswegen der Junge Giotto beispielsweise als Hirte seine Tiere zeichnete. Dabei wurde der Künstler entdeckt und es folgte der soziale Aufstieg durch das Erlernen bzw. sich selbst Beibringen der Kunst. Dieses Motiv lässt sich, etwas abgeschwächt, auch auf die Kindheit der Fotografin Nan Goldin übertragen. Da das Milieu, in dem der Künstler heranwächst, ebenfalls eine große Rolle für das Motiv des „Wunderkindes“ spielt, muss auch dieses hier zunehmend berücksichtigt werden. Goldin war nach dem Suizid ihrer damals 19 Jahre alten Schwester zu einem regelrechten „Problemkind“ geworden. Sie hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern und ab ihrem 12. Lebensjahr wurde sie regelmäßig der zudem wechselnden Schulen verwiesen. Sie verkaufte Marihuana auf Spielplätzen und erst als sie auf eine „Hippieschule“ in Lincoln, Massachusetts ging, wie sie sie nannte, in der Schüler und Lehrer das gleiche Mitspracherecht hatten, veränderte sich ihr Verhalten und sie wurde sozialisierter. Dort wurde ihr „Ingenium“ von einer Lehrerin entdeckt, die Goldin eine Polaroid-Kamera schenkte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Theorie von Kris und Kurz ein und formuliert die zentrale Fragestellung bezüglich der Rollenzuweisung von Nan Goldin als „Abhängige“.
2. Leben und Rollen: Dieses Kapitel zeichnet den biografischen Werdegang Nan Goldins nach und setzt diesen in den Kontext der kunsttheoretischen Motive von Kris und Kurz, insbesondere als „Wunderkind“, „Magierin“ und „Überwinderin“.
3. Nan Goldin als Abhängige: Hier wird die spezifische Rollenzuweisung der „Abhängigen“ in drei Facetten – Drogen, sexuelle Beziehungen und die Fotografie selbst – detailliert analysiert und kritisch hinterfragt.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Rollenzuweisungen zwar zur Kategorisierung dienen können, aber auch eine unvoreingenommene Betrachtung der Werke erschweren.
Schlüsselwörter
Nan Goldin, Künstlerlegende, Biografik, Ernst Kris, Otto Kurz, Abhängigkeit, Rollenzuweisung, Fotografie, The Ballad of Sexual Dependency, Stereotypisierung, Ingenium, Drogensucht, Identität, Kunstkritik, Künstlermythos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die populärwissenschaftliche Zuschreibung von Rollen an die Fotografin Nan Goldin auf Basis kunstgeschichtlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Theorie der Künstlerlegende, die Biografie von Nan Goldin und die kritische Analyse von medialen Rollenzuschreibungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, inwiefern die Rollenzuweisung als „Abhängige“ Nan Goldins Person und Werk beschreibt und ob solche Schemata in der Biografik sinnvoll sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kunstgeschichtliche Analyse auf Basis der Theorie von Ernst Kris und Otto Kurz angewandt, ergänzt durch populärwissenschaftliche Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die biografische Einordnung der Künstlerin unter klassische Motive und die spezifische Analyse der „Abhängigkeit“ in Goldins Leben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind insbesondere Nan Goldin, Künstlerlegende, Biografik, Abhängigkeit und Stereotypisierung.
Wie definiert die Autorin die Abhängigkeit in Bezug auf Nan Goldin?
Die Autorin identifiziert eine dreifache Abhängigkeit: Drogenkonsum, sexuelle Beziehungen als wiederkehrendes Motiv und die Fotografie selbst als exzessiven Drang.
Inwieweit lässt sich das Motiv des „Wunderkindes“ auf Goldin anwenden?
Es findet sich in abgeschwächter Form in ihrer Jugend, insbesondere durch ihre schwierige Biografie und die Entdeckung ihres Talents durch eine Lehrerin an einer alternativen Schule.
- Citation du texte
- Sina Chayenne Bociek (Auteur), 2019, Nan Goldin als Abhängige? Populärwissenschaftliche Rollenzuschreibungen in der Biografik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1024818