Nan Goldin als Abhängige? Populärwissenschaftliche Rollenzuschreibungen in der Biografik


Seminararbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Rollen
2.1 Lebenslauf und Werke Nan Goldins
2.2 Goldins Motive in der Künstler-Legende
2.2.1 Nan Goldin als „Wunderkind“
2.2.2 Nan Goldin als „Magierin“
2.2.3 Nan Goldin als „Überwinderin von schwierigen Lebenslagen“

3. Nan Goldin als Abhängige

4. Fazit

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„[…] [V]on dem Augenblick an, da der bildende Künstler das Szenarium der Überlieferung betritt, [sind] mit seinem Werk und seiner Person bestimmte Vorstellungen verknüpft […]“1

Seit der Renaissance erlebt die Zuweisung von Künstlern in stereotype Rollen in der Biografik einen enormen Anstieg2. So sind in der Biografie von Künstlern3 seit jeher einige wiederkehrende Merkmale zu finden, die eng an antike Motive verknüpft sind und dazu dienen, dem Künstler etwas „Besonderes“ zuzuschreiben und ihn zum Genie macht. Diese stereotypen Motive mythologisieren den Künstler hin zur Legende und schüren in der Öffentlichkeit bestimmte „Grundvorstellungen“.4 Diesen Grundvorstellungen und ihrer Bedeutung soll in der vorliegenden Arbeit exemplarisch nachgegangen werden.

Die theoretische Grundlage für deren Untersuchung, folgt der kunstgeschichtlichen Arbeit „Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch“ von Ernst Kris und Otto Kurz5 aus dem Jahr 1934. Dieser kritische „Versuch“, wie sie selbst ihn nennen6, soll die Probleme der Stereotypisierung von Motiven und der Legendenbildung von Künstlern aufzeigen. In besonderem Maße argumentieren sie, dass für die Darstellung der Künstlerbiografien nicht zwingend die historischen Fakten, sondern vielmehr die verbreiteten Stereotypen verantwortlich sind. Diese können sowohl vom Künstler selbst, mittels Selbstinszenierung, als auch von der Öffentlichkeit, in der Antike und Renaissance durch den Volksmund und heute durch Presse und moderne Medien verbreitet werden.

Al Beispiel der amerikanischen Fotografin Nancy Goldin soll die Arbeit im obigen Sinne folgender konkreter Fragestellung nachgehen: „Inwiefern beschreibt die Rollenzuweisung als „Abhängige“ Nancy Goldins künstlerisches Schaffen, ihr Leben und ihre Person?“ und im Anschluss daran: „Sind solche Rollenzuweisungen in der Biografik von Künstlern sinnvoll?“

In diesem Kontext soll im zweiten Kapitel der Lebenslauf Nancy Goldins genauer beleuchtet werden. Dabei sollen zunächst einige biografische Daten erfasst werden, die ihr Leben und ihr künstlerisches Schaffen prägten. Daraufhin soll, mit Verweis auf Kris und Kurz, Goldins Darstellung unter gewissen Motiven aufgezeigt werden. Das dritte Kapitel soll sich anschließend mit der Rollenzuweisung Nancy Goldins als „Abhängige“ beschäftigen und thematisiert ebenso, ob speziell diese und Rollenzuweisung allgemein, in der Biografik und in der Kunst sinnvoll sind, oder nicht.

Abschließend lässt sich sagen, dass zu Nancy Goldin als moderner Fotografin bislang nur wenig publizierte Forschungsliteratur existiert, weshalb sich die vorliegende Arbeit zusätzlich auf populärwissenschaftliche Ausarbeitungen ihres Lebens in der Presse und modernen Medien stützt.

2. Leben und Rollen

2.1 Lebenslauf und Werke Nan Goldins

Nancy Goldin wurde am 12. September 1953 in Washington D.C. geboren.7 Nach dem Suizid ihrer Schwester verließ sie im Alter von gerade einmal 14 Jahren das Elternhaus und zog zu Freunden, die sie selbst ihre „Ersatzfamilie“8 nennt. Nach Anfängen als Amateurfotografin und einer ersten Ausstellung ihrer Bilder 1973, begann Nan Goldin 1974 ein Studium an der School of the Museum of Fine Arts in Boston.9 1978 ging sie nach New York, wo sie sich auch heute noch viel aufhält. In New York gelang ihr 1981 der Durchbruch mit ihrer wohl bekanntesten Arbeit: „The Ballad of Sexual Dependency“ – Die Ballade der sexuellen Abhängigkeit. Das Kunstwerk war eine mit Musik hinterlegte Diashow mit ca. 700-800 verschiedenen Bildern, die sie während ihrer Studienjahre von sich und ihrem engsten Freundes- und Bekanntenkreis gemacht hatte.10 Die Bilder der Installation veränderten sich im Laufe der Jahre leicht, hinterlegt wurden diese mit Rock-, Opern-, Reggae- und Bluesmusik. „The Ballad“ wurde 1985 erstmals auf der Biennale des New Yorker Whitney Museum of American Art ausgestellt und im Folgejahr, als Fotoband veröffentlicht, für den Goldin 125 Bilder auswählte, die die Rolle der Frau und des Mannes in den Mittelpunkt rücken und auf sexuelle Beziehungen verweisen. Als Leitfaden des Buches kann die Liebesbeziehung zwischen Nan und Brian gesehen werden, welche ca. 3 Jahre lang anhielt. Als Goldin 1984 von ihrem Lebensgefährten Brian brutal zusammengeschlagen wurde, verfiel sie in einen Drogenexzess, der, verursacht durch Kokain, Ecstasy und sogar Heroin, bis 1988 anhielt und für Goldin in einer Entzugsklinik endete, in der sie trotzdem fotografierte.11 Schon in der Vergangenheit hatte sie von Zeit zu Zeit zu Drogen gegriffen, jedoch nie in diesem Maße. In den Folgejahren setzte Nan Goldin die Fotografie von Drag Queens fort und veröffentlichte 1990-92 eine Fotoserie von durch AIDS verursachte Todesfälle im Freundeskreis. 1955 wurde ein biografischer Film von Goldin für den BBC gedreht, der den Titel „I’ll be your mirror“ trug.12 Gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren Nan Goldins Werke vermehrt Teil von retrospektiven Ausstellungen in Museen. Insbesondere ihre Installation „Devil‘s Playground“ aus dem Jahr 2003 wurde häufig angefragt. 2007 wurde ihr der Hasselblad Photography Award für besondere Leistungen in der Fotografie verliehen. 2014 veränderte sich Ihre Arbeit thematisch und sie brachte erstmalig ein Buch heraus, das den Titel „Eden and After“ trägt und sich thematisch statt mit dem Tod, Drogen und Gewalt Kindern und Hoffnung zuwandte. 2019 nahm sie den Kunstpreis Ruth Baumgarte für ihr Lebenswerk entgegen.13

Seit 1988 lebte sie überwiegend drogenfrei, bis sie 2014 nach einer Operation Oxycontin verschrieben bekam, was sie sofort abhängig machte. Sie verglich die Wirkung mit Opium und Heroin, doch da Oxycontin in Berlin, wo sie zu dem Zeitpunkt lebte, sehr teuer und schwer zu beschaffen war, nahm Nan auch Ketamin und schließlich eine Überdosis Fentanyl ein. 2017 wies sie sich selbst in eine Entzugsklinik ein und ist seit dieser Zeit wieder Drogenfrei.

2.2 Goldins Motive in der Künstler-Legende

Neben den biografischen Daten Goldins suggerieren vor allem populärwissenschaftliche Biografien ein spezifisches Bild der Künstlerin. Was also prägt das Bild von Goldin in Bezug auf die kunstgeschichtliche Theorie von Kris und Kurz? Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihrem selbst so genannten „Versuch“ mit verschiedenen Motiven, die das Bild eines Künstlers in der Biografik prägen. Sie argumentieren damit, dass für das Bild des Künstlers nicht die jeweiligen Lebensdaten aus der Künstlerbiografie ausschlaggebend seien, sondern vielmehr die durch die Öffentlichkeit verbreiteten Motive und Stereotypen des Künstlers: „Nicht der Lebenslauf des Künstlers, sondern das Urteil von Mit- und Nachwelt wird uns als Quelle dienen, die Künstlerbiografik im weitesten Sinne; in ihrem Mittelpunkt steht die Legende vom Künstler.“14 Hierbei sind Motive wie das „Wunderkind“, die täuschend echte Nachahmung der Wirklichkeit, die den Künstler zum „Magier“ macht, die Heroisierung des Künstlers und die Fähigkeit des künstlerischen Talents, schwierige Phasen durch eben dieses zu überwinden besonders zentral. Unter diesen Aspekten soll auch der Lebenslauf von Nancy Goldin näher untersucht werden, um aufzuzeigen, dass sich auch bei Ihr ein starker Bezug zur Künstlerlegende finden lassen kann, trotz der Tatsache, dass ihr Medium die Fotografie und nicht die Bildende Kunst ist.

2.2.1 Nan Goldin als „Wunderkind“

Das erste wichtige Motiv von Kris und Kurz ist die Bezeichnung des Künstlers als „Wunderkind“. Mit diesem Motiv sind drei Aspekte näher verbunden: Das Entdecken des künstlerischen Talentes durch eine außenstehende Person, das Verlangen, dem Ingenium15 schon früh Ausdruck zu verleihen und zuletzt das Durchsetzen des Ingeniums, oft in einer Form des Autodidaktentums. Aus den Beispiel-Anekdoten aus Kris‘ und Kurz‘ Versuch geht hervor, dass der unentdeckte Künstler oft einen niedrigen Berufsstand hatte, sein Ingenium aber ausgelebt werden wollte, weswegen der Junge Giotto beispielsweise als Hirte seine Tiere zeichnete16. Dabei wurde der Künstler entdeckt und es folgte der soziale Aufstieg durch das Erlernen bzw. sich selbst Beibringen der Kunst. Dieses Motiv lässt sich, etwas abgeschwächt, auch auf die Kindheit der Fotografin Nan Goldin übertragen. Da das Milieu, in dem der Künstler heranwächst, ebenfalls eine große Rolle für das Motiv des „Wunderkindes“ spielt, muss auch dieses hier zunehmend berücksichtigt werden. Goldin war nach dem Suizid ihrer damals 19 Jahre alten Schwester zu einem regelrechten „Problemkind“ geworden. Sie hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern und ab ihrem 12. Lebensjahr wurde sie regelmäßig der zudem wechselnden Schulen verwiesen.17 Sie verkaufte Marihuana auf Spielplätzen und erst als sie auf eine „Hippieschule“18 in Lincoln, Massachusetts ging, wie sie sie nannte, in der Schüler und Lehrer das gleiche Mitspracherecht hatten, veränderte sich ihr Verhalten und sie wurde sozialisierter. Dort wurde ihr „Ingenium“ von einer Lehrerin entdeckt, die Goldin eine Polaroid-Kamera schenkte.19 Von dort an begann Goldin instinktiv, Fotos von all ihren Mitmenschen zu machen. Sie wurde inspiriert von Fotos in Modezeitschriften, die sie immerzu in kleinen Läden gestohlen hatte. Sie fotografierte Menschen in der Drag-Queen Szene, hasste es jedoch, wenn man sie thematisch etwa Diane Arbus zuordnete, da Goldin diese nicht zu kategorisieren versuchte.20 Goldin versuchte einige Nachtstunden im Bereich der Fotografie zu nehmen, brach diesen Kurs jedoch schnell wieder ab und brachte sich ihre gesamten Fähigkeiten in der Fotografie durch Referenzen und Vergleiche selbst bei, bis sie ihr Studium in Boston begann, das sie 1977 abschloss21. Um den Rückbezug zu Kris‘ und Kurz‘ Motivik ziehen zu können, lässt sich über Goldins Jugend sagen, dass sich ihr „Ingenium“ inmitten zerrütteter Familienverhältnisse und Bildungsschwierigkeiten herauskristallisierte und schließlich durch die „Entdeckung“ durch ihre Lehrerin zum Vorschein kam. Sie lernte das Fotografieren fast ausschließlich als Autodidaktin und durch ihre neue Herangehensweise, mit Menschen, hier vor allem ihr Umgang mit Drag-Queens, diese nicht in Schubladen zu stecken, gewann Goldin an Ansehen und vollzog einen sozialen Aufstieg. [c1]

2.2.2 Nan Goldin als „Magierin“

Als zweites wichtiges Motiv folgt das Motiv nach Kris und Kurz liegt im Verständnis des Künstlers als „Magier“, welches ihnen zufolge mit seiner Heroisierung einhergeht. In den Anekdoten der Antike bis hin zur Renaissance finden sich immer wieder Anspielungen darauf, dass der Künstler im Sinne der mimesis die Natur nachahmen solle und diese sogar idealisieren und verschönern könne.

„Die Fähigkeit, dass sie [die Beispielanekdote22 ] dem Künstler nachrühmt, daß er die Wirklichkeit vorzutäuschen verstehe, darf mit der Fähigkeit verglichen werden, die den mythischen Künstler auszeichnet: daß er bewegtes, sagen wir zunächst automatenhaft bewegtes Leben schaffen kann.“23

Mit „The Ballad of Sexual Dependency“ hatte Nan Goldin zwischen 1981 und 1985 ihren großen Durchbruch als Fotografin. Die Motivik vom Künstler als „Magier“ lässt sich Kris und Kurz zufolge nur bedingt auf Nan Goldin anwenden. Der Grund dafür scheint in dem Umstand zu liegen, dass sich Kris und Kurz ausschließlich auf bildende Künstler beziehen, wozu der Fotograf nicht direkt zählt. Weiterhin umfasst die Fotografie als künstlerisches Medium bereits eine „naturalistische“ bzw. „realistische“ Abbildung des Umfeldes. Nan Goldin kann in diesem Kontext als „Magierin“ verstanden werden, da sie die Geschichte hinter dem Bild einfängt und durch ihre Darstellung Emotionen sowohl vermittelt als auch beim Betrachter auslöst. „Durch die Leistung des Künstlers wird die Kluft, die Bild und Abgebildetes trennt, geschlossen.“24 Der Fotograf muss also die Geschichte des Menschen auf dem Foto sichtbar machen und Situationen offenlegen, die mit der Realität verknüpft sind. Themen von Nan Goldins Fotografien sind Sex, Drogen und Gewalt, damit verbunden auch der Tod. Dabei gewährt Nan Goldin einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben und das Leben ihrer Freunde. „The Ballad of Sexual Dependency“ war eine Art Tagebuch des sozialen Umfeldes Goldins. Nan Goldin sieht sich nicht als Voyeurin, sondern behauptet, die Bilder seien Familienbildern gleichzustellen: „There is a popular notion that the photographer is by nature a voyeur, the last one invited to the party. But I'm not crashing; this is my party. This is my family, my history.“25 Goldins Fotografien von sich selbst, Freunden und Geliebten haben eine erzählerische Funktion. Während viele ihrer Motive glamourös dargestellt sind - weswegen Goldin oft vorgeworfen wurde, sie würde einen „Heroin chic“26 generieren - sind ihre Umstände emotional sehr rau. Sie beschreibt:

„Ich möchte genau zeigen, wie meine Welt aussieht, ohne Verschönerungen, ohne Verherrlichungen. Dies ist keine traurige Welt, sondern eine Welt, in der es ein Bewusstsein für Schmerz, eine Qualität für Selbstbeobachtung gibt.“27

Diese Fähigkeit, die Realität ungeschönt darzustellen und mit ihren Fotografien eine Geschichte zu erzählen, die dem Betrachter die hinter der bloßen Abbildung liegende Realität näher bringt, zeigt also, wie das Motiv des „Magiers“ und des „Bezwingers der Natur“ hier zu verstehen ist.

Des Weiteren erfährt Nan Goldin eine Heroisierung durch ihre künstlerische Arbeit. Durch die aufklärerische Funktion ihrer Bilder, die versuchen, die ungeschönte Realität prekärer Gesellschaftsschichten offen zu legen, wurde sie in den populärwissenschaftlichen Medien immer wieder zu einer „Heldin“ erklärt. Ursprünglich stellten Goldins Bilder einen Kampf um Intimität und Anerkennung dar, später auch gegen die AIDS-Epidemie der Schwulen-, Lesben- und Transvestiten- Szene New Yorks, sowie die Folgen von Drogenkonsum. In diesem Kontext hat sie durch ihre öffentliche Darstellung von Sexualität einen wesentlichen Teil von Aufklärungsarbeit gegen AIDS geleistet. 2011 wurde Nan Goldin der Reminders Day Award im Rahmen der „ Reminders Day Aidsgala “ verliehen. Mit ihrer Fotografie habe sie AIDS ein individuelles, nichtvoyeuristisches und menschliches Gesicht gegeben und damit stark zur Enttabuisierung der Krankheit beigetragen.28 Zudem kämpft Goldin seit 2017 stark gegen die Opioidkrise in den USA, indem sie immer wieder Proteste leitet und organisiert, die sich unter anderem gegen die Spenden von Opioid-Unterstützer-Familien an Museen aussprechen.29

Durch diese überwiegend positiven Rezeptionen aus der AIDS- und Anti-Drogen-Bewegung, für die sich Nan Goldin einsetzt, wird sie bis heute in der Öffentlichkeit heroisiert. Die Motivation für diese Arbeit, die Goldin leistet, nahm sie aus eigenen schwierigen Lebenslagen und Erfahrungen, was zum nächsten und letzten Motiv überleitet.

2.2.3 Nan Goldin als „Überwinderin von schwierigen Lebenslagen“

Eng verknüpft mit der Heroisierung des Künstlers bei Kris und Kurz ist die Fähigkeit dessen durch sein Ingenium und seine künstlerische Arbeit schwierige Lebenslagen zu überwinden oder jene zu ihrer Kunst zu machen. Dieses der drei Motive lässt sich wohl am ehesten auf die Arbeit von Nancy Goldin beziehen. Durch den frühen Auszug aus ihrem Elternhaus und das Zusammenleben mit Freunden aus der New Yorker Drogen- und Transvestiten-Szene kam Goldin schon früh in Kontakt mit den illegalen Rauschgiften. Dass Nan Goldins „Ingenium“ sie zur Überwindung dieser schwierigen Lebensphasen gedrängt hat, ist hier wenig plausibel, jedoch entwickelte sie die fotografische Strategie, ihre Realität, ihren ungeschönten Alltag, in ihre Bilder einfließen zu lassen. Kris und Kurz argumentieren in ihrem Versuch für eben diese Strategie. Sie verweisen darauf, dass der Künstler als „Schöpfer des Kunstwerkes“30 bestimmte Charakteristika, oder wie sie es nennen, „Eigentümlichkeiten“ in seinen Bildern hinterlässt, die Biografen oder Betrachter aus eben diesen herauslesen können. „Dieses Schlussverfahren der Biografik geht von der Voraussetzung aus, dass die lebendige Eigenart des Künstlers sich in seinem Werk fortsetzt; […]“31 So wird, nach Kris und Kurz beispielsweise die Ekstase, neben Künstlerkonkurrenzen oder dem Verhältnis von Lehrer und Schüler des Künstlers, durch das Bild deutlich vermittelt. Ekstase bedeute hier eine Isolation von der Öffentlichkeit, Berauschung und Einsamkeit. All diese Aspekte finden sich bei Nancy Goldin wieder, weswegen sich dieses Motiv besonders stark auf die Fotografin anwenden lässt. Selbst die viel gelesene Zeitung „The Guardian“ beschreibt Goldin in einem Interview als sehr extrovertiert: „Goldin is an outsider by instinct and nocturnal by nature, someone who lives on the edge of society by her own rules.“32 Obwohl Goldin viele Freunde und Bekannte und einen regen Kontakt zu bestimmten „Underground-Szenen“ in New York hat, beschreibt sie sich selbst eher als isoliert von der Gesellschaft. Nan Goldin schafft es durch ihre enge Verbundenheit zu diesen Menschen, Bilder von ihnen in so intimen Momenten zu machen, dass der Betrachter vergisst, dass sie als Fotografin bei der jeweiligen Situation anwesend war. Sie schreckt vor gewaltvollen Bildern nicht zurück, ganz im Gegenteil. sie legt durch ihre Fotografie so manche Missstände offen. Sie fotografierte AIDS-Kranke, Menschen, die durch Drogenmissbrauch oder AIDS starben, Menschen beim Sex, beim Drogenkonsum und sogar sich selbst, nachdem sie von ihrem damaligen Freund Brian fast blind geschlagen wurde.33 Dieses Bild, Nan one month after being battered (Abb.1), ist zum Aushängeschild dafür geworden, dass Goldin ihre Schwierigkeiten nicht zu vertuschen versucht, sondern sie in ihre Arbeit mit einfließen lässt.

[...]


1 Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Mit einem Vorwort von E.H. Gombrich. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1980. S. 25.

2 Vgl.: Ebd. S. 24 f.

3 Der maskuline Begriff „Künstler“ wird im Folgenden für alle drei Geschlechter wirksam.

4 Vgl: Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 23.

5 Im Folgenden werden beide Autoren der Einfachheit halber nur beim Nachnamen genannt.

6 Vgl: Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 17.

7 Vgl.: Zelazko, Alicja: Nan Goldin. In Encyclopaedia Britannica. 2019. URL: https://www.britannica.com/biography/Nan-Goldin (22.09.19 15:35 Uhr)

8 Vgl.: Wiensowski, Ingeborg: Ein Tagebuch sexueller Abhängigkeit. In Spiegel Online. 2009. URL: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotografin-nan-goldin-ein-tagebuch-sexueller-abhaengigkeit-a-653324.html (06.10.2019 15:56)

9 Vgl.: Zelazko, Alicja: Nan Goldin. A.a.O.

10 Vgl.: Ebd.

11 Vgl.: Kunstmuseum Wolfsburg: I’ll be your mirror. 1997. URL: https://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/ausstellungen/nan-goldin-ill-be-your-mirror-fotografien-1972-1996/ (22.09.16:16)

12 Vgl.: Zelazko, Alicja: Nan Goldin. A.a.O.

13 Vgl.: Scheder, Beate: „Wir leben in gefährlichen Zeiten“, Interview in: taz. 2019. URL: https://taz.de/Fotografin-ueber-US-Opioidkrise/!5605942/ (25.09.19)

14 Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 22.

15 Talent, angeborene Begabung

16 Vgl.: Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 29 ff.

17 Vgl.: O’Hagan, Sean: Nan Goldin: ‚I wanted to get high from a really early age‘. Interview in: The Guardian. 2014. URL: https://www.theguardian.com/artanddesign/2014/mar/23/nan-goldin-photographer-wanted-get-high-early-age (24.09.19 15:11)

18 Vgl.: O’Hagan, Sean: Nan Goldin: ‚I wanted to get high from a really early age‘. A.a.O.

19 Vgl.: Ebd.

20 Vgl.: Ebd.

21 Vgl.: Ebd.

22 Gemeint sind hier die Beispielanekdoten von Pilinius, Vgl. Kris, Ernst. Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 93.

23 Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S. 94.

24 Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S.110.

25 McGarrigle, Connor: Nan Goldin: The devil’s playground. In: Stunned Weblog. 2007. URL: http://www.stunned.org/goldin.htm (24.09.19 18:42)

26 Heroin chic war ein Modestil, der sich besonders in den 1990er Jahren entfaltete. Er bestand aus dem idealisieren von blasser Haut, dunklen Augenringen, einem abgemagerten Körperideal, dukelrotem Lippenstift und zerzausten oder strähnigen Haaren.

27 Goldin, Nan: The Ballad of Sexual Dependency. New York Aperture Foundation, New York City, 1989. S. 6. Eigene Übersetzung

28 Vgl. Bplus PR: Rückblick 2001-2012. In: Update-your-life. 2012. URL: http://www.update-your-life.com/projekte/reminders-night/rueckblick-2001-2012.html#c171 (25.09.19 13:19 Uhr)

29 Vgl.: Spallek, Sebastian: Nan Goldin macht Mäzenatenfamilie für ihre Drogensucht verantwortlich. In: Monopol, Magazin für Kunst und Leben. 2018. URL: https://www.monopol-magazin.de/nan-goldin-macht-maezenatenfamilie-fuer-ihre-drogensucht-verantwortlich (23.09.19 13:12 Uhr)

30 Kris, Ernst / Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. A.a.O. S.141.

31 Ebd. S.152.

32 O’Hagan, Sean: Nan Goldin: ‚I wanted to get high from a really early age‘. A.a.O.

33 Vgl. Goldin, Nan: The Ballad of Sexual Dependency. A.a.O. S. 8

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Nan Goldin als Abhängige? Populärwissenschaftliche Rollenzuschreibungen in der Biografik
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Die Legende vom Künstler
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V1024818
ISBN (eBook)
9783346429247
ISBN (Buch)
9783346429254
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Fotografie, Nan Goldin, Legende, Biografie, Rollenzuschreibung, Rollenzuweisung, Medien, Abhängigkeit
Arbeit zitieren
Sina Chayenne Bociek (Autor), 2019, Nan Goldin als Abhängige? Populärwissenschaftliche Rollenzuschreibungen in der Biografik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1024818

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