Genderübergreifende Flanerie. Von Flaneur, Flaneuse und mehr: Darstellung der sozialen Realität in "Mrs. Dalloway"


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über Flanerie als soziale Reflexion

2. Flanerie als Stilmittel
2.1. Der Flaneur
2.2. Die Flaneuse

3. Flanerie in Mrs. Dalloway
3.1. Der einsame Wanderer
3.2. Clarissa als Flaneuse
3.3. Elizabeth, die wahre Flaneurfigur

4. Gehen als Zeichen

1. Über Flanerie als soziale Reflexion

„I love walking in London.” (Woolf 3) So antwortet Clarissa Dalloway auf die Frage eines Bekannten, wohin sie unterwegs sei. Die Protagonistin des Romans Mrs. Dalloway nimmt damit einen klaren Standpunkt zum Flanieren ein. Die Frau von Richard Dalloway ist eine Flaneuse, im Laufe des Werkes spaziert sie durch die Stadt London. Aber auch ihre fast erwachsene Tochter Elizabeth und ihr Freund und ehemaliger Geliebter Peter Walsh haben eine Vorliebe für das entspannte Spazieren.

Diese Figuren werden in Mrs. Dalloway als Flaneurfiguren eingeführt, sowohl als weibliche Flaneuse als auch als männlicher Flaneur. Dabei wird auch eine weitere, eine androgyne Flaneurfigur eingeführt. Neben ihrem Interesse zur Stadt und zum legeren Schlendern haben die drei ungleichen Charaktere noch etwas gemeinsam: sie stellen durch die Art ihres Flanierens ihre Position in der Gesellschaft und deren Einschränkungen dar.

Dabei gehe ich auf Peter Walsh als privilegierten Flaneur, Clarissa Dalloway als gesellschaftlich angesehene Flaneuse und Elizabeth Dalloway als freie und androgyne Flaneurfigur ein. Um die Figuren richtig einordnen zu können, werde ich zuerst die Unterschiede der verschiedenen Flaneurfiguren erklären und die Personen dann jeweils einordnen und dies gleichzeitig auf ihre soziale Stellung sowie ihren Umgang damit beziehen.

2. Flanerie als Stilmittel

Flanerie beginnt mit einer Person, die durch die Stadt geht, „listening to its narrative“ (Parsons 3). Die Begriffe Flaneur und Flaneuse sind einerseits, aber nicht nur geschlechtsspezifisch voneinander abzugrenzen. Die beiden Archetypen haben verschiedene Merkmale, die nachfolgend erläutert werden. Bis heute ist die Erfassung der Merkmale kritisch umstritten, besonders die Flaneuse wird oft mit unterschiedlichen Konnotationen definiert.

Der Begriff Flaneur stammt aus dem französischen und beschreibt eine Person, die ohne Ziel umherwandert (Keidel 14). Eine äquivalente Übersetzung im deutschen oder englischen gibt es nicht, deshalb wurde der Begriff in beiden Sprachen übernommen. Seinen ersten Auftritt hat der Archetyp soweit bisher bekannt in The Man in the Crowd von Edgar Allan Poe. Doch ab wann ist eine Person eine Flaneurfigur und was grenzt diese von seinen Mitmenschen ab? Zuerst beginne ich mit dem älteren und bekannteren Flaneur und gehe danach auf die Flaneuse in Abgrenzung zum Flaneur ein.

2.1. Der Flaneur

Ein Flaneur ist

A figure of masculine privilege and leisure, with time and money and no immediate responsibilities to claim his attention, the flaneur understands the city as few of its inhabitants do, for he has memorised it with his feet. (Elkin 3)

Lauren Elkin spricht in diesem Zitat bereits zu Beginn von einem männlichen Protagonisten, oder zumindest einer Person, die die Privilegien eines Mannes hat. Diese Privilegien entsprechen der Zeit und dem Geld, welche dem Protagonisten ermöglichen seine Zeit ohne ersichtlichen Grund und ohne Gewinnmöglichkeit für einen Spaziergang zu nutzen. Weiter betont sie auch, dass seine äußere Umgebung einer städtischen Landschaft entspricht, da ein Flaneur nur in der Stadt existieren kann. Der Flaneur entwickelt durch sein Erkunden, sein Flanieren, ein verbessertes Verhältnis zur Stadt und kennt diese besser als andere. Neben dem Geschlecht sind weitere Hauptmerkmale des Flaneurs also der geographische Raum der Großstadt und dass er diesen durch Streifzüge erkundet.

Ein weiteres (maskulines) Privileg des Flaneurs ist neben der Möglichkeit zum Durchführen dieser zeitraubenden Tätigkeit „total freedom unleashed from the act of putting one foot in front of the other” (Elkin 4). Diese Freiheit benötigt die Tatsache, dass der Flaneur keinen derzeitigen Verpflichtungen nachgeht und möglichst ohne Begleitung unterwegs ist. Zusätzlich bedeutet das auch, dass er unbemerkt bleiben muss, um seine Aufmerksamkeit dem Gehen und der Erkundung der Stadt zu schenken. Er ist mehr Beobachter als Teil der Menge und sammelt Eindrücke der Stadt und der Bewohner (Keidel 15). Besonders seine Abgrenzung von der Menschenmenge und deren Zielsetzung unterscheidet den Flaneur von anderen Personen.

Der ideale Flaneur bei Isabel Vila-Cabanes ist “a middle-aged man about town who is ever interested in the urban scene” (Vila-Cabanes139). Auch sie spricht von einem Mann in der Stadt, spezifiziert aber zusätzlich, dass es ein Erwachsener jenseits des jungen Erwachsenenalters und noch vor dem Alter sein muss.

Anything, any detail that suddenly loosened itself, would draw me towards it. Every turn I made was a reminder that the day was mine and I didn’t have to be anywhere I didn’t want to be. I had an astonishing immunity to responsibility, because I had no ambitions at all beyond doing only that which I found interesting. (Elkin 4)

Zu den Merkmalen eines Flaneurs gehört also das Wahrnehmen von kleinen oder unwichtigen Details, welche auf einem Weg ohne Ziel und ohne Verpflichtungen erfasst werden. Dabei entsteht ein fließender Übergang zwischen Beobachtung und Reflexion (Keidel 195). Dadurch entwickelt sich eine neu gefundene Freiheit, nur eigene und spontane Bedürfnisse zu befriedigen.

Er liest die Stadt und ihre Bewohner wie ein Buch und ist dabei nicht Protagonist, sondern unbeteiligter Zuschauer. Weitere Merkmale sind also, dass er sich frei und unerkannt durch die Stadt bewegen kann und dabei als Beobachter zumeist schweigend und ohne Interaktion mit anderen seine Observationen notiert – oder als fiktive Figur auch als inneren Monolog vorträgt. Ein Flaneur ist ein männlicher, freier Spaziergänger, der sich alleine durch die Stadt bewegt und dabei ohne Interaktion mit anderen Personen die Merkmale der Stadt aufnimmt. Er hat keine Verpflichtungen und findet Gefallen daran, sich ziellos durch die Straßen zu bewegen.

2.2. Die Flaneuse

Da der Flaneur nur einen Mann in Betracht zieht, wurde etwa 1840 die weibliche Form davon, die Flaneuse, in der Umgangssprache eingeführt. Die Geschichte der Flaneuse beginnt mit Prostituierten, da „die Sehnsucht der Frauen, die ohne männliche Begleitung durch die Straßen streifen, streng problematisiert und sanktioniert wurde“ (Banita 10f.). Frauen war es nicht erlaubt, allein die Stadt zu erkunden. Dadurch sind die Merkmale, die den Flaneur von einfachen Spaziergängern abgrenzen, bei der Flaneuse durch die niedrige soziale Position und der fehlenden Freiheit der Frau im 19. Jahrhundert schwer zu erreichen. Ein Aspekt der Flaneuse ist deshalb, dass sie ein unkonventionelles Leben führt (Vila-Cabanes 243), das nicht dem Bild der Frau entspricht, dass sich die Gesellschaft wünscht. Bereits im 19. Jahrhundert war das weibliche Geschlecht aber passiver Teil der städtischen Gesellschaft und begann sich mit zunehmender Zahl erwachsener, alleinstehender Frauen zu einem aktiven Teil der Stadt zu entwickeln (Gomolla 42). Lauren Elkin fokussiert sich auf dieses Überschreiten von Grenzen:

The portraits I paint here attest that the flaneuse is not merely a female flaneur, but a figure to be reckoned with, and inspired by, all on her own. She voyages out and goes where she’s not supposed to; she forces us to confront the ways in which words like home and belonging are used against women. She is a determined, resourceful individual keenly attuned to the creative potential of the city, and the liberating possibilities of a good walk (Elkin 22).

Sie geht sogar noch weiter und bezeichnet diese Unkonventionalität als Akt der Rebellion der Flaneuse, die im Gegensatz zu dem Mann, der sein Privileg der Freiheit nutzt, an Orte geht, an die sie nicht gehen sollte. Frauen waren damals noch an ihre Heimstätte – entweder das Haus ihrer Eltern oder ihres Ehemannes – gebunden. Durch die Überwindung dieser Ketten befreit die Flaneuse sich selbst und kann durch das Spazieren gehen Freiheit erlangen.

„Die Frau muss sich vor der Straße hüten und zugleich vor dem gesellschaftlichen oder selbst auferlegten Zwang, in die Enge des ihr zugehörigen Heims zurückzukehren“ (Banita 9). Die Rebellion der Frau kann also bereits mit dem Akt des Verlassens ihres Hauses beginnen. Mit dem Einführen von öffentlichen Einrichtungen, die den heutigen Einkaufszentren ähnlich sind, wurden Räume aufgemacht, die Frauen allein besuchen und dadurch das Stadtleben erkunden konnten (Vila-Cabanes 225). Oftmals wurde aber gerade dieser Bestandteil der Flaneuse kritisiert, denn Frauen bewegen sich „nicht flanierend, sondern in erster Linie konsumierend durch die Stadt.“ (Gomolla 40).

Dieser Faktor wurde in der weiteren Forschung berücksichtigt und als Differenzierung von Flaneur und Flaneuse – abseits der Geschlechtsfrage – genutzt. Banita trennt die Flaneuse vom Flaneur in der Hinsicht ab, dass sie auf ihrem Weg ein Ziel verfolgt oder einer Verpflichtung nachkommt und dabei möglicherweise vom Weg abkommt oder einen Umweg in Kauf nimmt, um ihren Drang zum Flanieren zu stillen (Banita 7). Das bedeutet auch, dass der Mann erst durch das ziellose Umherwandern zum Flaneur wird, die Frau aber bereits durch das Umherwandern an sich ein Merkmal der Flaneuse erfüllt.

Ein weiteres Merkmal des Flaneurs war seine Abgrenzung als Beobachter. Auch die Flaneuse wird oft als unsichtbare Flaneurin beschrieben (Banita 11). Diese Unsichtbarkeit des Flaneurs kann die Frau aber nie erreichen, da sie beim Wandern durch die Stadt vom System abweicht und sich hervorhebt (Elkin 13). Auch durch die Erotisierung der Frau durch den Blick eines Mannes wird die gewünschte Unauffälligkeit verhindert (Vila-Cabanes 225). Stattdessen kann die Flaneuse sich „ihrer Sichtbarkeit sehr bewusst“ werden (Banita 11) und die Reaktionen ihrer Umgebung zur Selbstreflexion nutzen. Die Flaneuse ist also keine reine Zuschauerin sondern überdenkt die Art, wie sie wahrgenommen wird.

Die weibliche Flanerie wird als Mittel zur Beschreibung von „Armut, Ungewissheit und Nostalgie“ (Banita 11) verwendet, drückt aber auch ein Streben nach Freiheit aus, durch das sie sich ihrer weiblichen Rolle entziehen will (Banita 11 f.). Das Geschlecht der flanierenden Person beeinflusst, was und wie diese die Stadt aufnimmt und reflektiert. Der Unterschied des entdeckerlustigen männlichen Flaneurs zur Flaneurin, die bewusst vom Weg abkommt, ist die „Neigung der Frau, die Restriktion des Straßengangs als Metapher für andere Ausgrenzungszonen zu begreifen“ (Banita 12).

Ich möchte hier noch anmerken, dass es auch Forschungsstimmen wie Janet Wolff gibt. Diese schlägt vor, keine weibliche Variante einzuführen, sondern vielmehr die Position des Flaneurs und die Einschränkung der öffentlichen Plätze so zu mindern, dass sich die Frage nach einer weiblichen Flaneuse erübrigt (Wolff 28).

Flaubert malte bereits eine Version des Flaneurs, die „social discomfiture“ (Elkin 4) widerspiegelt. Dies trifft aber eindeutig mehr auf die Flaneuse zu. Der Flaneur beschreibt also die Stadt, die Flaneuse aber reflektiert durch sie Missstände. „Sie werden zu Figuren der Revolte, zu Ikonen der nach Emanzipation strebenden Frau“ (Gomolla 42) und sind daher neben literarischen Figuren auch sozialpsychologische.

3. Flanerie in Mrs. Dalloway

Die Flanerie ist ein zentraler Aspekt im Storytelling von Mrs. Dalloway. Es gibt nicht eine einzelne Flaneriefigur, sondern sowohl mehrere männliche Flaneure als auch mehrere weibliche Flaneusen. Der auffälligste männliche Flaneur ist Peter Walsh, aber auch Richard Dalloway und Septimus Warren Smith ist einer. Die Protagonistin Clarissa Dalloway ist eine Flaneuse, genauso wie ihre Tochter Elizabeth.

Jeder Charakter hat seine eigene, individuelle Art zu flanieren, die durch den sozialen Stand und den daraus resultierenden Einschränkungen und Freiheiten beeinflusst wird und dies widerspiegelt. Besonders durch die Oppositionen Mann-Frau und Mutter-Tochter fallen ihre Unterschiede, aber auch einige Gemeinsamkeiten, auf.

3.1. Der einsame Wanderer

Dass Männer durch die Stadt flanieren, ist keine Neuheit im Werk. „Joined by an elderly gentleman with an Aberdeen Terrier, by men without occupation, the crowd increased.“ (Woolf 14) Die Menge besteht also zu einem Großteil aus Flaneuren, aus Männern ohne Verpflichtungen oder Ziel.

Auch mehrere der Protagonisten sind Flaneure, einer der Wichtigsten davon ist Peter Walsh. Doch warum ist dieser ein Flaneur und kein einfacher Spaziergänger? Zuerst einmal entspricht er Isabel Vila-Cabanes idealem Flaneur: Ein Mann mittleren Alters in der Großstadt London, der an der urbanen Szenerie interessiert ist. Dies zeigt sich an seiner klaren und detailreichen Beschreibung der Orte, die er auf seinem Weg von Clarissa zu einer Unterkunft besucht. „Yes, he remembered Regent’s Park; the long straight walk; the little house where one bought air-balls to the left; an absurd statue with an inscription somewhere or other.” (Woolf 41) Interessant an seinen Beschreibungen ist, dass er diese zum Großteil aus der Vergangenheit bezieht oder zumindest sofort damit verlinkt. Obwohl er sich im modernen London befindet, verweilt er doch mehr in seinen Erinnerungen, die „the result of seeing Clarissa“ (Woolf 41) sind. Er reflektiert seine Beobachtungen meist sofort.

Während seines Weges durch die Stadt zeigt sich auch, wie gut er die Straßen und die Wege kennt und sich diese durch häufiges Flanieren eingeprägt hat. Er folgt einer fremden Frau, dabei wird sein Weg durch die Angabe der Straßennamen wie „Piccadilly“ (Woolf 39), „Oxford Street“ (Woolf 40) oder „Great Portland Street“ (Woolf 40) klar gezeichnet (Woolf 40).

He turned; went up the street, thinking to find somewhere to sit, till it was time for Lincoln’s Inn--for Messrs. Hooper and Grateley. Where should he go. Up the street, then, towards Regent’s Park. (Woolf 40)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Genderübergreifende Flanerie. Von Flaneur, Flaneuse und mehr: Darstellung der sozialen Realität in "Mrs. Dalloway"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
The Flaneur in British Literature from the 18th Century to the Present
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1026254
ISBN (eBook)
9783346425898
ISBN (Buch)
9783346425904
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Virginia Woolf, Mrs Dalloway, Flanerie, Gender, Flaneur, Flaneuse
Arbeit zitieren
Lea Jell (Autor:in), 2020, Genderübergreifende Flanerie. Von Flaneur, Flaneuse und mehr: Darstellung der sozialen Realität in "Mrs. Dalloway", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1026254

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