"Natur- und Menschenkiller". W.G. Sebalds Elementargedicht "Wie der Schnee auf den Alpen"

Zur Frage einer möglichen Parallelisierung der Zerstörung von Mensch/ Natur durch die Kunst


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wie der Schnee auf den Alpen – Die Beziehung zwischen Mensch & Natur
2.1 Das negative Naturkonzept Sebalds
2.2 Die Haupt- und Nebenfiguren in Wie der Schnee auf den Alpen
2.3 Der vormoderne Mensch als ein Synonym von Natur?

3 Die Zerstörung der Natur und des Menschen durch die Kunst
3.1 Zerstörung der Naturbindung des Menschen durch die Kunst
3.2 Zerstörung des vormodernen Menschenbildes durch die Kunst

4 Kritik – Der Tod des Menschen ist unausweichlich

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Der Mensch ist die Krone der göttlichen Schöpfung – im Verbund mit der Natur, den Tieren, Pflanzen, geschaffen im Prozess der Nemesis – so sieht es die Kirche bis heute und nach diesem Kredo lebten die Menschen bis zur Zeit der Aufklärung in Europa. Mit dem Beginn der Moderne, in der Zeit der Renaissance, der Reformation und der Aufklärung, löste sich der Mensch schließlich mehr und mehr von Gott ab und verlor dadurch auch seine „natürliche“ Verbindung zur göttlich geformten Natur, die ihn bis dahin umgab. Der moderne Mensch, da ist sich die heutige literaturwissenschaftliche Forschung weitestgehend einig, lebt nach der Natur, gebunden an die Künstlichkeit der industriellen Welt als zentrales Merkmal heutiger Modernität.1 W.G. Sebald hat sich dieser Thematik gewidmet. In seinem Elementargedicht, das bis heute im Gegensatz zu seinen Prosa-Werken noch weitgehend unerforscht ist2, stellt er den Niedergang der göttlichen Natur durch den Verlust der theologischen Weltsicht anhand dreier menschlicher Einzelschicksale dar, deren Entfernung von der Natur immer stärker fortschreitet.3 Diese Einzelschicksale stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten und thematisieren die Zerstörung der Natur durch den Menschen in drei Schritten, nämlich durch den Gottesverlust, die aufgeklärte Wissenschaft, und die Erfahrungen des Krieges. Der erste Teil des Gedichts, in dem Sebald dem vormodernen Maler Matthias Grünewald schon im 16. Jahrhundert, also in einer Zeit, in der das Verhältnis zu Gott und Natur noch paradiesisch erschien, die Erkenntnis des Gottesverlustes zuschreibt, endet somit ebenfalls in der Vernichtung der Natur. Letztlich verstirbt aber auch der Maler durch die für ihn schrecklichen Erkenntnisse. Ist der vormoderne Mensch nach Sebald somit nicht gleichsam als Bestandteil der göttlichen Natur zu verstehen? Geht er nicht den Weg, der der Natur als Bestandteil einer alten göttlichen Ordnung vorgeben ist, mit und bildet nicht der Maler Grünewald mit seiner entwickelten Ratio somit den Übergang zum modernen Menschen, wie es Baumgärtel formulier hat?4 Diesem Thema wird sich die vorliegende Arbeit widmen und anhand einer genauen Analyse des ersten Teils von Sebalds Elementargedicht – Wie der Schnee auf den Alpen der zentralen Fragestellung nachgehen, ob die vormodernen Protagonisten in Sebalds Werk erst durch den Verlust der Verbindung zur göttlichen Natur oder eben als Bestandteil der göttlichen Natur zugrunde gehen. In einem zweiten Schritt soll in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Kunst als vermeintlich bedeutsamster „Natur- und Menschenkiller“ in Sebalds Gedicht näher untersucht werden. Die Arbeit wird sich dabei in einem ersten großen Abschnitt detailliert mit dem Naturkonzept Sebalds und den Figuren aus dem ersten Teil des erwähnten Werkes beschäftigen, in dem es auch um eine mögliche Parallelisierung von gottverbundener Natur und vormodernem Mensch gehen soll, denn beide Existenzen werden durch die Kunst fundamental beeinflusst und verändert. Der nächste große Abschnitt der Arbeit befasst sich anschließend mit der Rolle der Kunst als mögliche Ursache für die Abkehr des vormodernen Menschen von der Natur und von Gott, sowie ihrem Beitrag zur Zerstörung der Vorstellung von einer gottgebundenen Natur. Zudem wird ihre Rolle in Bezug auf den Tod des vormodernen Menschen bzw. die Geburt des modernen Menschen näher untersucht. Einige kritische Worte zu einer derartigen Interpretation des Gedichts von Sebald sowie ein zusammenfassendes Fazit sollen schließlich die Arbeit beenden.

2 Wie der Schnee auf den Alpen – Die Beziehung zwischen Mensch & Natur

Wie der Schnee auf den Alpen stellt den ersten Teil des Elementargedichts von W.G. Sebald dar, in dem sich der Autor umfangreich mit dem Verhältnis von Mensch, Natur und Kunst in der Vormoderne, genauer gesagt im Spätmittelalter (ca. 1250-1500), auseinandersetzt. Es wurde 1986 geschrieben. Das Gedicht ist in Satzstrukturen organisiert, auf Reimschemata wird gänzlich verzichtet.5 Als literarisches Stilmittel treten in diesem Teil des Gedichts in erster Linie zahlreiche Bildbeschreibungen der Werke des Renaissance-Malers Matthias Grünewald auf. Grünewald selbst stellt auch die von Sebald ausgewählte Hauptfigur des Gedichts dar. Die Verquickung von natürlicher und menschli-cher Zerstörung durch die Kunst wird dem Leser in diesem Teil des Gedichts besonders deutlich, weil die Lebensgeschichte Grünewalds anhand von zu verschiedenen Zeiten geschaffenen Gemälden nachvollzogen wird. Die stete „Abarbeitung“ Grünewalds an der Natur und seine immer weiter fortschreitende Entfremdung von ihr, werden durch diese Gemälde mehr als offensichtlich.6 In diesem Zusammenhang soll zunächst einleitend das negative Naturkonzept Sebalds vorgestellt werden, das der Autor im ersten Teil des Gedichts entwickelt. Es fungiert als elementare Voraussetzung für die hier angebotene Interpretation des ersten Abschnitts des Gedichts Nach der Natur – Wie der Schnee auf den Alpen. Im Anschluss werden die Figuren des Gedichts, insbesondere der Protagonist Matthias Grünewald, in ihrem Leben, Schaffen und Sterben näher betrachtet. Schließlich wird der Versuch der Parallelisierung von gottgebundener Natur und vormodernen Menschen unternommen.

2.1 Das negative Naturkonzept Sebalds

Sebalds Naturbegriff ist, zumindest für den ersten Teil des Elementargedichts, von einer deutlich negativen Einstellung geprägt, die vorwiegend in den Bildinterpretationen zu den Gemälden des Malers Matthias Grünewald zum Ausdruck kommt. Neben diesem Eindruck, der nachfolgend noch näher beschrieben wird, lässt sich das negative Bild Sebalds von der Natur aber vor allem in einer fundamentalen Naturkritik erkennen, die im fünften Abschnitt des Gedichts bei einer Beschreibung von einer der Abbildungen des Isenheimer Altars, für dessen gesamte Ausgestaltung sich Grünewald verantwortlich zeichnet, ersichtlich wird. Der Altar ist zugleich auch Hauptwerk des künstlerischen Schaffens Grünewalds, weshalb Sebald den Versuch unternimmt, sein negatives Bild von Natur in die Gedanken seines Protagonisten zu projizieren. Er schreibt:

„Der panische Halsknick (…) ist der äußerste Ausdruck der Körper dafür,/ daß die Natur kein Gleichgewicht kennt,/ sondern blind ein wüstes/ Experiment macht ums andre/ und wie ein unsinniger Bastler schon/ ausschlachtet, was ihr grad erst gelang./ Ausprobieren, wie weit sie noch gehen kann,/ ist ihr einziges Ziel, ein Sprossen,/ Sichforttreiben und Fortpflanzen,/ auch in und durch uns.“7

Im Gegensatz zum dritten Teil des Elementargedichts, in dem Sebald anhand des Bildes „Alexanderschlacht“ von Altdorfer in erster Linie die Reinheit und paradiesische Anmutder Natur gegenüber dem vom Menschen verursachten Chaos betont8, tritt dem Leser die Natur in dem hier behandelten ersten Teil des Gedichts als wahnsinniges Monster entgegen, welches, getrieben von einem wirren Schaffungs- und Zerstörungswahn, in erster Linie sinnlos erscheint und vom Menschen unkontrollierbar handelt. Hierin drückt sich auch ein elementares Wesen von Sebalds Werken aus, nämlich die Erörterung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur.9 Natur im Spätmittelalter wird dabei von Sebald also als durchweg negativ beschrieben. Diese Einstellung Sebalds zur Natur des vormodernen Menschen mag verwundern, zumal die Loslösung des aufgeklärten Menschen von der Mutter Natur zugleich Auslöser seines eigenen Untergangs ist, sowie es bei Grünewald im Verlauf des Gedichts der Fall ist. Überlegungen zur Frage einer möglichen Parallelisierung von vormodernem Menschen und Natur sollen jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt näher diskutiert werden.

Wie bereits erwähnt, lässt sich das negative Bild Sebalds von der Natur auch durch eine Analyse seiner Bildbeschreibungen von den Gemälden Grünewalds, die überall verteilt im Verlauf des Gedichts Wie der Schnee auf den Alpen auftauchen, untermauern. Die meisten, ja fast alle entstammen den Isenheimer Altarbildern Grünewalds und zeigen eine abgestorbene, vergängliche und von fremden Mächten zerstörte Natur, der keine Form von Leben mehr zugesprochen werden kann. Sie zeigen eine „kontigent-destruktive Natur“10, die durch ihre Krankhaftigkeit und ihren Zerfallsprozess den Menschen ebenfalls mit zugrunde richtet. Das erste Gemälde, auf das Sebald in diesem Zusammenhang rekurriert, ist das Bild „Versuchung des Antonius“. Auf diesem Bild sind im Hintergrund zahlreiche abgestorbene Äste zu sehen, die karg in ein vorderes Chaos aus fabelartigen Ungeheuern hineinragen. Bemerkenswert ist hier jedoch der noch positiv-konnotierte, hellfarbene Hintergrund, in dessen Umgebung der Heiland dargestellt zu sein scheint. Insofern sind in diesem Gemälde, aus der Perspektive des literarischen Grünewalds, völlig konträr zu Sebalds elementarer Naturkritik, noch Momente der „ästhetischen Anschauung des Naturschönen“11 zu erkennen, die jedoch im Verlauf des Gedichts durch andere Gemälde immer weiter zurückgedrängt werden. Für seine negative Grundperspektive auf die Darstellung der spätmittelalterlichen Natur führt Sebald an einer anderen Stelle des Gedichts noch ein weiteres Gemälde des Isenheimer Altars an, das seiner Meinung nach einen „panischen Halsknick“ darstellt. Auf diesem Gemälde ist die hoffnungsvolle Erscheinung der Natur bereits nicht mehr präsent. Die kargen Äste ragen hier auch in einen kargen Hintergrund hinein. Abgestorbenes, Zersetzung und Krankhaftigkeit dominieren hier das Naturbild, aber trotz alledem bleibt die Natur materiell noch vorhanden. Sie ist weiterhin real mit dem Auge wahrnehmbar, wenn auch leblos. Doch selbst dieser Zustand verschlechtert sich im weiteren Verlauf des Gedichts. Das wichtigste Gemälde, das diese weitere Entwicklung darstellt, ist wohl die Baseler Kreuzigungsszene. Hier erscheint die Natur nur noch als eine von der ewigen Finsternis verschlungene Materie. Ähnlich formuliert auch Steinaecker die Entwicklungen der Welt in Sebalds Werk Die Ringe des Saturn.12 Natur wird auf diesem Bild wie ein vollkommenes Fotonegativ dargestellt. Die helle Farbigkeit des Antonius-Gemäldes weicht einer alles vereinnahmenden Dunkelheit, die von Sebald mit der Sterbeszene Christi, die auf dem Bild dargestellt ist, parallelisiert wird. Das Sterben der Religiosität des vormodernen Menschen kommt nach Sebald also dem Sterben der von Gott geschaffenen Natur gleich. Es scheint, als ob damit auch der vormoderne religiöse Mensch nicht von diesem Prozess verschont wird, da er, so wurde bereits angedeutet, auch als Bestandteil oder gar als Synonym von Natur gedeutet werden kann.13 Inwieweit auch der Protagonist und die Nebenfiguren des Gedichts, Matthias Grünewald und die zahlreichen Geistlichen, Bauern und Künstler, einem vormodernen Menschenbild zugeordnet werden können, soll im Folgenden durch eine nähere Betrachtung dieser literarischen Figuren untersucht werden. Dadurch soll schließlich der Versuch unternommen werden, Natur und den vormodernen Menschen in ihrem Seins- und Sterbeprozess zu parallelisieren.

2.2 Die Haupt- und Nebenfiguren in Wie der Schnee auf den Alpen

Sebalds Protagonisten sind stets von einer starken Schwermütigkeit und melancholischen Grundgefühlen gezeichnet. Dieser Umstand trifft in erster Linie auf die Hauptfigur des ersten Abschnitts des Elementargedichts, Matthias Grünewald, zu. Aber auch den Nebenfiguren des ersten Teils des Gedichts und den Hauptfiguren des zweiten und dritten Abschnitts des Gedichts können diese Charaktereigenschaften in gewissem Umfang zugesprochen werden.14
Die literarische Hauptfigur des ersten Teils des Gedichts ist eng mit dem historischen Maler Matthias Grünewald verbunden, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebte und somit epochenhistorisch noch im Spätmittelalter, am Übergang zur Renaissance, zur Aufklärung und zur Reformation (ab ca. 1517) angesiedelt werden kann.15 Die Identität des literarischen Matthias Grünewald ist im Werk Sebalds jedoch gespalten, was vermutlich auf der unklaren wahren Identität des historischen Grünewalds beruht. Einerseits tritt einem der Maler in Sebalds Gedicht nämlich als Matthias Grünewald, andererseits aber auch als Mathis Nithart entgegen. Beide Teilidentitäten beziehen sich im Text jedoch auf eine einzige Person, dessen Wesen in Anknüpfung an postmoderne Literatur in sich gespalten ist. Der Maler wird also bei Sebald ebenso verschiedenartig dargestellt wie die Natur in seiner Fundamentalkritik, ohne dem Leser die Möglichkeit zu geben, die Identität des Malers bzw. alle Eigenschaften der Natur exakt bestimmen zu können. Die Figur Grünewald wird neben ihrer Schwermütigkeit auch noch durch eine Form von Arbeitswahn gekennzeichnet, der den Maler selbst im Angesicht seines nahenden Todes zum Ende des Gedichts Wie der Schnee auf den Alpen noch an seine Tätigkeiten bindet.16 Zudem erscheint der literarische Grünewald im Text ohne Zweifel als höchst gläubiger Katholik, was vor allem durch seine Tätigkeiten für die christliche Kirche als auch durch seine Werke selbst, unter anderem die Schaffung des Isenheimer Altar, verdeutlicht wird. Deshalb kann der literarische Grünewald auch innerhalb der Gesellschaft als tief christlich verordnet werden. Gemäß dem Attribut der tiefen Christlichkeit und aufgrund seiner Obrigkeitstreue im Sinne der Kirche kann die Hauptfigur zunächst als ein vormoderner, noch tief mit religiösem Lebensstil verhafteter Mensch gedeutet werden. Zugleich weisen die weiteren Attribute (melancholisch und arbeitsversessen) auf eine Entwicklung der Ratio (im Sinne der Aufklärung) hin, die den Maler erst im Verlauf seines Lebens, durch die Wahrnehmung von Zerstörung, Krankheit und Krieg in seiner persönlichen Umwelt, zu einer depressiv-geprägten Abkehr von Gott führt.17 Von seinem Ursprung her kann Grünewald jedoch noch als fest verwurzelt in seinem Glauben (und somit auch in der gottverbundenen) Natur beschrieben werden. Dabei kann sogar, wie später noch gezeigt werden soll, von einer Parallelisierung Grünewalds mit der Natur in Sebalds Text gesprochen werden, obwohl er während seiner beruflichen Tätigkeit mit seinem zweiten Ich, Mathis Nithart, kontrastiert wird, der sich vor allem mit dem Bau von Maschinen beschäftigt18 und daher eher als naturfremdes, modernes Wesen erscheint.

Die Nebenfiguren, die im ersten Teil des Gedichts auftreten, sind von Sebald größtenteils völlig anders konzipiert worden, als es bei der Hauptfigur der Fall ist. Das einzige Attribut, was beinahe allen Figuren im ersten Teil des Gedichts zugesprochen werden kann, ist die Religiosität. Jedoch verfügen die meisten Nebenfiguren nicht über die Entwicklung der Ratio. Sie sind unaufgeklärt und bleiben es auch bis zum Ende des Gedichts. Die wichtigste Diskrepanz zwischen der literarischen Hauptfigur des Werkes und den Nebenfiguren, die als Beispiele für den vormodernen Menschen gesehen werden können, ist aber das unterschiedliche Triebverhalten. Während die Hauptfigur Grünewald versucht, ein tugendhaftes Leben im Sinne der Christlichkeit zu führen, frönen die Nebenfiguren im Werk ihrem lasterhaften Leben. Sie töten oder foltern, wie die Bauern in den Bauern-Kriegen oder der Würzburger Bischof, sie geben sich ihrer Wollust hin, wie die Insassen des Isenheimer Spitals und erliegen letztlich dem Wahnsinn und der Vernichtung.19 Die Entwicklung eines vernunftgeleiteten Verhaltens wird den Nebenfiguren des Gedichts daher weitestgehend abgesprochen. Insofern erscheint es beinahe so, als ob sich das alte Menschengeschlecht durch die andauernde Gewalt gegen seine eigenen Mitglieder in einem „,Akt der Selbstverstümmelung‘“20 selbst zu Grunde richten will, dessen Erlösung nur der Tod sein kann.

Im Folgenden soll nun untersucht werden, inwieweit sich der vormoderne Mensch mit der Natur in Sebalds Gedicht parallelisieren lässt. Dabei soll das Augenmerk vor allem darauf gelegt werden, inwieweit sich die Verbindung zwischen dem christlich vormodernem Menschen und der gottgegebenen Natur bei der Hauptfigur und den Nebenfiguren in Wie der Schnee auf den Alpen voneinander unterscheidet.

2.3 Der vormoderne Mensch als ein Synonym von Natur?

Die Parallelisierung von Natur und vormodernem Menschen (im Allgemeinen wie im Besonderen) wird, wie bereits ansatzweise dargestellt wurde, in Sebalds Text sowohl innerhalb der Verse, als auch durch die Kommentare zu den Gemälden des historischen Grünewalds deutlich. Im Besonderen erfolgt der Versuch der Parallelisierung von Natur und Mensch jedoch in der Darstellung der literarischen Hauptfigur des Stücks (Matthias Grünewald) und der verschiedenen Nebenfiguren.

Im Zusammenhang mit dem literarischen Grünewald verweist Sebald im Rahmen seines Gedichts u.a. auf „seinen grünfarbenen Namen“21 und macht somit die Grundfarbe der Natur zu einem wesentlichen Identitätsmerkmal seines Protagonisten. Zusätzlich kommt die mögliche Parallelisierung der Natur mit Grünewald durch die Heirat des Malers mit einer jüdischen Frau (Anna), die sich aufgrund ihrer Herkunft rassistischen Anfeindungen und territorialer Ausgrenzung gegenüber sieht, zum Ausdruck. So ist es der jüdischen Gemahlin vor ihrer Heirat mit Grünewald unter anderem nicht gestattet, dort hinzugehen, „wo ein grüner Baum wächst“.22 Diese Hoffnungslosigkeit versucht sie mit Hilfe der Heirat zu überwinden. Juden werden im Spätmittelalter, so formuliert es Sebald, in der Stadt (Frankfurt am Main) somit in jeder Hinsicht systematisch von der sinnlichen Erfahrbarkeit der Natur ausgeschlossen bzw. man spricht ihnen diese menschliche Verbundenheit ab und deutet sie ins Zerstörerische um.23 Dadurch erfolgt eine Exklusion der Juden von der Natur durch die nicht-jüdischen Stadtbewohner Frankfurts. Durch die Heirat mit Grünewald sieht seine spätere Frau jedoch die Chance, sich wieder mit der Natur zu vereinigen. Insofern kann Sebalds literarische Figur Grünewald hier als Sinnbild der Natur gedeutet werden.

[...]


1 Vgl. hierzu: Bohrer, Karl Heinz: Nach der Natur. Ansicht einer Moderne jenseits der Utopie, in: Krüger, Michael (Hrsg.): Nach der Natur. Über Politik und Ästhetik, München 1988: Carl Hanser Verlag, S. 210.

2 Vgl. Meyer, Sven: Der Kopf, der auftaucht. Zu W.G. Sebalds Nach der Natur, in: Niehaus, Michael/ Öhlschläger, Claudia (Hrsg.): W.G.Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei, Berlin 2006: Schmidt, S. 67.

3 Sebald, Winfried Georg: Nach der Natur. Ein Elementargedicht, 4Frankfurt am Main 2008: Fischer Taschenbuch Verlag.

4 Vgl. Baumgärtel, Patrick: Mythos und Utopie. Zum Begriff der Naturgeschichte der Zerstörung im Werk W.G. Sebalds, Berlin 2009: Peter Lang Verlag, S. 65-74.

5 Vgl. Baumgärtel: Mythos und Utopie, S. 60.

6 Vgl. Baumgärtel: Mythos und Utopie, S. 65-66.

7 Sebald: Nach der Natur, S. 24.

8 Vgl. Sebald: Nach der Natur, S. 96-97.

9 Vgl. Meyer: Der Kopf, der auftaucht, S. 69.

10 Steinaecker, Thomas von: Zwischen schwarzem Tod und weißer Ewigkeit. Zum Grau auf den Abbildungen W.G. Sebalds, in: Martin, Sigurd/ Wintermeyer, Ingo (Hrsg.): Verschiebebahnhöfe der Erinnerung. Zum Werk W.G. Sebalds, Würzburg 2007: Königshausen & Neumann, S. 119.

11 Fuchs, Anne: Die Schmerzensspuren der Geschichte. Zur Poetik der Erinnerungen in W.G. Sebalds Prosa, Köln 2004: Böhlau Verlag, S. 219.

12 Vgl. Steinaecker: Zwischen schwarzem Tod und weißer Ewigkeit, S 123.

13 Vgl. Fuchs: Die Schmerzspuren der Geschichte, S. 215.

14 Hierbei handelt es sich zum einen um den Naturforscher Steller und Sebald selbst. Vgl. Schütte, Uwe: W.G. Sebald. Einführung in Leben und Werk, Göttingen 2011: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 39.

15 So tritt im Gedicht Sebalds der berühmte Reformator Thomas Münzer auf, dem der literarische Grünewald im Verlaufe seines Schaffens sogar selbst begegnet. Vgl. Sebald: Nach der Natur, S. 29.

16 Vgl. hierzu: Sebald: Nach der Natur, S. 32: „Was bleibt, bis zuletzt, / ist die aufgetragene Arbeit“.

17 Vgl. Baumgärtel: Mythos und Utopie, S. 65.

18 Vgl. hierzu: Sebald: Nach der Natur, S. 18.

19 Vgl. Sebald: Nach der Natur, S. 8 und S. 20.

20 Maier, Anja K.: Der panische Halsknick. Organisches und Anorganisches in W.G. Sebalds Prosa, in: Niehaus, Michael/ Öhlschläger, Claudia (Hrsg.): W.G. Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei, Berlin 2006: Schmidt, S. 118.

21 Sebald: Nach der Natur, S. 14.

22 Sebald: Nach der Natur, S. 13.

23 Vgl. hierzu die Assoziationen, die innerhalb des Gedichtes mit Grünewalds Frau Anna verbunden werden. Sie wird als „handelssüchtig, krank“ und als „ein Opfer der bösen Vernunft“ (Sebald: Nach der Natur, S. 15) beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
"Natur- und Menschenkiller". W.G. Sebalds Elementargedicht "Wie der Schnee auf den Alpen"
Untertitel
Zur Frage einer möglichen Parallelisierung der Zerstörung von Mensch/ Natur durch die Kunst
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V1027098
ISBN (eBook)
9783346469854
ISBN (Buch)
9783346469861
Sprache
Deutsch
Schlagworte
W.G.Sebald, Nach der Natur, Natur, Kunst, Mensch, Elementargedicht, Germanistik, Neuere Deutsche Literatur, Literaturwissenschaft, Lyrik
Arbeit zitieren
Bernd Appel (Autor:in), 2013, "Natur- und Menschenkiller". W.G. Sebalds Elementargedicht "Wie der Schnee auf den Alpen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027098

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