Ursachen von kriminellen Handlungen. Ein Vergleich der Rational-Choice-Theorie mit der General Theory Of Crime


Hausarbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein theoretischer Überblick über die Rational-Choice-Theorie in der Kriminologie und die General Theory Of Crime
2.1 Rational-Choice-Theorie in der Kriminologie
2.2 Soziale Normen und homo variabilis
2.3 General Theory of Crime

3 Zwischenfazit

4 Empirische Befunde
4.1 Der illegale Verkauf verschreibungspflichtiger Medikamente zur kognitiven Leistungssteigerung: Eine empirische Studie
4.2 Erklärung für abweichendes Handeln in High-Cost und Low-Cost-Situationen

5 Ein vertikaler Theorienvergleich der Rational-Choice-Theorie und der General

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit ist ein Beitrag zum Vergleich von Theorien einer ursächlichen Erklärung von kriminellem Handeln. Dafür werden die Rational-Choice-Theorie, welche als allgemeine Handlungstheorie auch Anwendung in der Kriminologie findet, und die General Theory Of Crime (1990), eine allgemeine Kriminalitätstheorie, herangezogen.

Um im Folgenden eine Ursachenanalyse durchführen zu können, müssen zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt werden: Kriminologie wird definiert als „die Lehre vom Verbrechen“. (Wickert 2020) Was aber ist ein Verbrechen und was trennt ein Verbrechen von gesetzeskonformen Handlungen? Aus gesellschaftlicher Sicht ist das Verbrechen, ebenso wie das Gesetz, ein soziales Konstrukt. Eine Handlung liegt nicht wie ein Objekt vor und kann nicht einfach so beschrieben werden. Es ist einfach einen Baum anhand seiner objektiven Eigenschaften zu beschreiben, für eine Handlung jedoch müssen solche Eigenschaften zunächst geschaffen werden. So kommt es, dass sich mit einem kulturellen Wandel auch die Bedeutung von Verbrechen ändert. Zwischen den Jahren 1920 und 1933 war der Verkauf von alkoholhaltigen Getränken in den USA verboten. Da die Menschen jedoch trotz des Verbots nicht auf Alkohol verzichten wollten, brannten sie ihren Alkohol selbst oder trafen sich in geheimen Bars. Ein weiteres, aus heutiger Sicht schwer vorstellbares Beispiel ist, dass in Deutschland zwischen 1871 und 1994 homosexuelle Handlungen zwischen Männern als Verbrechen angesehen wurden. Während dieser Zeit wurden Männer dafür verfolgt und bestraft. (vgl. Wickert 2020) Die einfachste Variante, um kriminelles Verhalten oder Verbrechen zu definieren, ist das Gesetz als Grenze zu verwenden. Demnach wird für den Rest der Arbeit Kriminalität als „Aggregat von Handlungen individueller Akteure, die gegen geltende Normen des Strafrechts verstoßen“ definiert. (Eifler, Leitgöb 2018: 189)

Nun wurde klargestellt, was man unter Kriminalität eigentlich versteht. Jedoch kommt nun die Frage auf, warum ein Individuum kriminell handelt, obwohl es sich der Gesetzeslage bewusst ist.

Im Folgenden wird deswegen ein Vergleich zweier stark diskutierter Theorien zur Erklärung kriminellen Verhaltens durchgeführt. Die Rational-Choice-Theorie und die General Theory Of Crime liefern jeweils Varianten zur ursächlichen Untersuchung von Kriminalität. Im ersten Schritt wird für einen allgemeinen theoretischen Überblick über die behandelten Modelle gesorgt, um im nächsten Schritt einen Einblick in die Wirksamkeit innerhalb empirischer Untersuchungen zu geben. Daraufhin werden, gefolgt von einem Schlussfazit, die Geltungsbedingungen der General Theory Of Crime durch die Variablen der Rational-Choice-Theorie im Zuge eines vertikalen Theorievergleichs beleuchtet.

Beginnend mit der Rational-Choice-Theorie wird zunächst ein theoretischer Überblick gegeben.

2 Ein theoretischer Überblick über die Rational-Choice- Theorie in der Kriminologie und die General Theory Of Crime

2.1 Rational-Choice-Theorie in der Kriminologie

Die Rational-Choice-Theorie (RCT) ist eine Handlungstheorie, welche individuelles Verhalten durch subjektive Präferenzen erklärt. Allgemein existieren eine enge und eine weite Version der RCT, die beide innerhalb der Kriminologie als theoretische Ansätze eine Rolle spielen. Die enge Version beschränkt sich in ihrem Erklärungsmodell ausschließlich auf instrumentelle Anreize. (vgl. Mehlkop 2020: 13) Diese spiegeln sich im Menschenbild des homo oeconomicus wider, welches beschreibt, dass Individuen ihre Entscheidungen stets mit Hilfe eines Kosten-Nutzen-Kalküls treffen, um dadurch ihren persönlichen Nutzen zu maximieren. Neben dem Prinzip der Nutzenmaximierung unterstellt das Modell den Akteuren zudem vollständige Information in einer entscheidungstreffenden Situation. (vgl. Opp 2018: 64-65; Kirchgässner 2008) Das bedeutet, dass Individuen über jegliche Art von Information Bescheid wissen und in ihrem Entscheidungsmodell darauf zurückgreifen können. Weiter wird beschrieben, dass ein Entscheidungsträger in seiner Handlungswahl eingeschränkt ist. Durch einen Mangel an Zeit oder an materiellen Ressourcen sind bestimmte Handlungen für die Akteure nicht zu realisieren. (vgl. Gautschi, Berger 2018: 203)

Mit Hilfe dieses Menschenbilds versucht Gary S. Becker (1986) Kriminalität ursächlich zu erklären. Sein klassisches Erklärungsmodell für deviantes Verhalten bezieht sich also auf die rationale Abwägung eines Akteurs von negativen Sanktions- und positiven Nutzeneffekten. Die Vorstellung des homo oeconomicus als ,perfekten Maximierer‘ (Gautschi, Berger 2018: 203) mit vollkommener Information wird allerdings als unrealistische Darstellung realer Personen angesehen. In einer modernen RCT wird die Annahme vollkommener Information anders interpretiert. Vollkommene Information beschreibt demnach lediglich, dass Akteure nur die in der Situation relevanten Informationen beschaffen. Die Informationsgenerierung wird von Restriktionen erschwert, sodass es selten gelingt alle wichtigen Informationen zu sammeln. (vgl. Gautschi, Berger 2018: 203)

Während die enge Version der RCT also von vollständiger Information für Entscheidungen ausgeht und deswegen Entdeckungswahrscheinlichkeiten als irrelevant ansieht, postuliert eine weite Version der RCT dafür, dass vielmehr subjektiv eingeschätzte Wahrscheinlichkeiten für eine Erklärung herangezogen werden sollten. Des Weiteren erlaubt eine weite RCT individuelle Unterschiede in der Verwendung eines Kosten-Nutzen-Kalküls und berücksichtigt internalisierte Normen als entscheidende Variable. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 356) Kosten und Nutzen müssen zudem nicht zwangsläufig materieller Natur sein. Vielmehr können sich beispielsweise emotionale oder andere nicht-materielle Komponenten auf die Entscheidung des Akteurs auswirken. Auch Kosten, die erst im Nachhinein auftreten, wie eventuelle Schwierigkeiten bei der zukünftigen Arbeitsplatzsuche als vorbestrafte Person, sind in das Konstrukt integriert. (vgl. Wilson 1985: 44)

2.2 Soziale Normen und homo variabilis

Dem Effekt von Normen auf ein Individuum wird in der Kriminalitätsforschung ebenfalls eine große Rolle zugesprochen. In einer weiten Version der RCT wird diese Relevanz ebenfalls berücksichtig. Das Menschenbild des homo sociologicus besagt, dass sich Akteure gemäß internalisierter Normen und Rollenerwartungen verhalten und nicht etwa rational-abwägend und unter Verwendung eines Kosten-Nutzen-Kalküls. Klargestellt wird bei diesem Ansatz jedoch nicht wie potentielle Normverletzungen, die in der Realität beobachtbar sind, zustande kommen, da ja angenommen wird, dass Menschen immer gemäß ihrer integrierten Normenstrukturen handeln. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 358) Um diesem Problem entgegenzuwirken, können Normen als Anreize für das Individuum additiv in das Kosten-Nutzen-Kalkül der RCT übernommen werden. Das Handeln gemäß einer internalisierten Norm würde dementsprechend als Nutzen gelten und das Brechen einer Norm als Kosten, da hierbei der Annahme entsprechend von einem guten und einem schlechten Gewissen ausgegangen wird. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 358) Das Zusammenspiel von Rationalität und Normen wird von „Dual Process Theorien“, wie der Situational Action Theory (SAT) und der Modern Frame Selection (MFS), behandelt. Beide Theorien postulieren einen zweistufigen Ablauf von Entscheidungsprozessen, bestehend aus Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozess. Relevant hierbei ist allerdings, dass internalisierte Normen auch eine automatische nicht­kalkulierte Handlung erzeugen können und folglich den Entscheidungsprozess übergehen würden. (vgl. Mehlkop 2020: 30) Mit der Integration von Normen in die RCT wird von einer variablen Rationalität, von einem homo variabilis gesprochen. Menschen handeln nur in bestimmten Situationen rational-abwägend, verhalten sich jedoch meistens gemäß internalisierter Normen. Aufgrund von begrenzten kognitiven Kapazitäten sind Menschen nur in der Lage eine begrenzte Anzahl an Informationen zu verarbeiten. Im Sinne einer Komplexitätsreduktion werden somit häufig Normen herangezogen, um die Wahl zu erleichtern. (vgl. Mehlkop 2020: 23)

Gemäß der MFS kann während einer Deliberationsphase ein automatisch-spontaner Modus (as-Modus) oder ein reflektiert-kalkulierender Modus (rc-Modus) einsetzen. Falls sich ein Akteur in einer Situation wiederfindet, in welcher er auf eine stark internalisierte Norm zurückgreifen kann, aktiviert er den as-Modus und handelt gemäß der Norm. Wird in einer Situation keine internalisierte Norm angesprochen, wird der as-Modus nicht aktiviert und es werden im Sinne der Entscheidungsfindung weitere kalkulierende Maßnahmen im rc- Modus herangezogen. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 359)

Unterschiede zwischen der SAT und der MFS stellen Abschreckungsmechanismen und die Moral dar, welche in der SAT stärker thematisiert werden. Des Weiteren werden laut SAT Handlungsalternativen erst wahrgenommen, sobald eine Motivation zur Bedürfnisbefriedigung vorliegt oder externe Effekte anderweitig eine Handlung erzwingen. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 359) In der SAT greifen ebenfalls zwei Handlungsmechanismen. (vgl. Mehlkop 2020: 25) Es wird zudem davon ausgegangen, dass moralische Emotionen individuell variieren können und somit Normen als Filter unterschiedlich stark fungieren. Ist die Moral eines Menschen sehr stark ausgeprägt, so würden kriminelle Handlungsalternativen selektiv ausgeschlossen werden und er würde im Extremfall automatisch gesetzeskonform handeln. Ebenso würde eine stark ausgeprägte Befürwortung kriminellen Handelns zu einer automatisch kriminellen Handlung führen. Sobald moralische Filter in einer Situation nicht greifen, eruiert ein Akteur seine Handlungsalternativen reflektiv. Hierbei wird die beste Handlungsalternative unter Einfluss von externen und internen Kontrollen (siehe 2.3) gewählt. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 359-360; Mehlkop 2020: 25)

2.3 General Theory of Crime

Die General Theory of Crime (1990) wurde von den beiden Wissenschaftlern Michael R. Gottfredson und Travis Hirschi veröffentlicht. Sie erklärt die Entstehung von deviantem Verhalten anhand des Zusammenspiels von Selbstkontrolle und Gelegenheitsstrukturen, die ein kriminelles Verhalten ermöglichen. (Seipel, Eifler 2003: 290) Kriminalität wird von Gottfredson (2017) als ,behaviors that provide momentary or immediate satisfactions, but that have subsequent negative consequences‘ definiert. (Opp 2020: 173) Der Fokus der Theorie auf Kurzfristigkeit wird hier bereits sichtbar und spielt im gesamten weiteren Verlauf eine wichtige Rolle. Innerhalb der GTOC wird sich vor allem mit den positiven Konsequenzen von Kriminalität beschäftigt, da davon ausgegangen wird, dass kriminelles Handeln eine einfache Variante ist seinen Nutzen zu steigern und es deswegen als attraktiv angesehen wird. (vgl. Seipel, Eifler 2003: 290) Selbstkontrolle ist eine quantitative Variable, die häufig mit zwei Ausprägungen (hoch und niedrig) zusammengefasst wird. Hierbei ist nicht ganz klar, ab wann von einer niedrigen und ab wann von einer hohen Selbstkontrolle gesprochen werden kann. (vgl. Opp 2020: 158) Es wird davon ausgegangen, dass eine niedrige Selbstkontrolle die Folge einer gescheiterten Sozialisation und ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal ist. Außerdem wird beschrieben, dass Selbstkontrolle frühkindlich entsteht und von Eltern implementiert wird. Diese Annahme wird jedoch kontrovers diskutiert. (vgl. Opp 2020: 158; Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 357) Die Autoren schreiben der Theorie einen allgemeinen Geltungsanspruch zu, jedoch schreibt Gottfredson (2018), dass der Alleinerklärungsanspruch der GTOC missverständlich interpretiert werde und stellte klar, dass neben Selbstkontrolle auch andere Faktoren für die Erklärung von Kriminalität relevant sein können. Dies suggeriert, dass die GTOC ebenfalls eine Version der RCT sein könnte. (Opp 2020: 157) Später werden wir uns mit einer Modellierung der beiden Theorien innerhalb eines vertikalen Theorievergleichs auseinandersetzen. (Opp 2020)

Grundsätzlich wird in der GTOC davon ausgegangen, dass menschliche Entscheidungen nach dem Muster der Rational-Choice-Theorie erklärt werden können. Im Hinblick auf individuell ausgeprägte Selbstkontrolle können diese jedoch unterschiedlich ausfallen. (vgl. Sattler, Graeff, Sauer, Mehlkop 2018: 357) Dadurch wird erneut klar, dass eine niedrige Selbstkontrolle als entscheidend bei der Wahl für eine kriminelle Handlung gilt. (vgl. Mehlkop 2020: 30) Folglich tendieren Menschen mit niedriger Selbstkontrolle eher zu kriminellen Handlungen als Menschen mit hoher Selbstkontrolle. Niedrige Selbstkontrolle wird durch sechs Ausprägungen definiert, während von den Autoren beschrieben wird, dass erst von einer geringen Selbstkontrolle gesprochen werden kann, wenn alle sechs Dimensionen bei einer Person zeitgleich vorliegen. (vgl. Gottfredson und Hirschi 1990: 91)

Ein Mangel an Selbstkontrolle wird also zum einen durch impulsives Verhalten, durch welches Personen nicht in der Lage sind auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigungen zu verzichten, definiert. Zum anderen präferieren Personen mit wenig Selbstkontrolle einfache Aufgaben und versuchen schwere Aufgaben zu vermeiden. Des Weiteren werden ein eher risikoreich ausgeprägtes Verhalten und geringe körperliche Aktivität impliziert. Die letzten beiden Dimensionen beschreiben ein egoistisches, selbstbezogenes Verhalten und eine Tendenz zur Reizbarkeit in Konfliktsituationen. (vgl. Gottfredson und Hirschi 1990: 89, 90)

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Details

Titel
Ursachen von kriminellen Handlungen. Ein Vergleich der Rational-Choice-Theorie mit der General Theory Of Crime
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1027229
ISBN (eBook)
9783346436320
ISBN (Buch)
9783346436337
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminologie, Rational Choice, Rational Choice Theorie, General Theory Of Crime, Sozialpsychologie, Soziologie, Psychologie
Arbeit zitieren
Tobias Muhr (Autor), 2021, Ursachen von kriminellen Handlungen. Ein Vergleich der Rational-Choice-Theorie mit der General Theory Of Crime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027229

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