Marcus Tullius Cicero und die Entstehung des Herrscherkults um Julius Caesar


Seminararbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

B. Allgemeiner Stand der Forschung zur „Vergottung“Caesars

C. Einfluss des hellenistischen Herrscherkultes auf Cicero und Zeitgenossen

D. Cicero und der Herrscherkult um Caesar
1. Benutzung der Bezeichnung divus Iulius
2. Zeremoniell der Caesarverehrung und Errichtung einer Kultstätte
3. Bildnis und Kultstatue
4. Ausgestaltung des Divinierungsbeschlusses und acta Caesaris
5. Äußerungen zur Abhaltung der supplicationes für Caesar
6. Bezug zu Octavian

E. Fazit

Quellenverzeichnis

Appian, historia romana, hrsg. und übersetzt von McGing, Brian C., Cambridge 2019 (zit. App Buch)

Cassius Dio, Roman History, hrsg. und übersetzt von Cary, Earnest, Foster, Herbert B., Volume I: Books 1-11.

Cassius Dio, Roman History, hrsg. und übersetzt von Cary, Earnest, Foster, Herbert B., Volume III: Books 36-40.

Cassius Dio, Roman History, hrsg. und übersetzt von Cary, Earnest, Foster, Herbert B., Volume IV: Books 41-45.

Cassius Dio, Roman History, hrsg. und übersetzt von Cary, Earnest, Foster, Herbert B., Volume V: Books 46-50.

Cicero, Marcus tullius, De re publica/De legibus, in: hrsg. und übersetzt von Keyes, Clinton Walker; Cambridge/London 1988.

Cicero, Marcus Tullius, epistulae ad Quintum fratrem, hrsg. und übersetzt von Shackleton Bailey, David R., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, epistulae ad Qunitum et Brutum; hrsg. von David Roy Shackleton Bailey, Cambridge 2002.

Cicero, Marcus Tullius, De domo sua ad pontifices oratio, hrsg. von Centre Traditio Litterarum Occidentalium, Online-Publikation 2010.

Cicero, Marcus Tullius, De finibus bonum et malorum, hrsg. und übersetzt von Rackham, H., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, De natura deorum, hrsg. und übersetzt von Rackham, H., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, De officiis, hrsg. und übersetzt von Walter, Miller, Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, epistuale ad familiares, hrsg. von Centre Traditio Litterarum Occidentalium, Online-Publikation 2010.

Cicero, Marcus Tullius, post reditum in senatu, hrsg. und übersetzt von Watts, N.H, Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, pro lege Manilia, hrsg. und übersetzt von Grose Hodge, H., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, pro M. Marcello, hrsg. und übersetzt von Watts, N.H., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, pro M. Sestio, hrsg. und übersetzt von Gardner, R., Cambridge 2014.

Cicero, Marcus Tullius, Tusculanae disputationes, hrsg. und übersetzt von King, J.E., Cambridge 2014.

Livus, Titus, ab urbe condita, in: History of Rome, hrsg. und übersetzt von Foster, B.O, Cambridge 2014.

Plutarch, Antonius, in: Lives, Plutarch, 9. Demetrius and Antonius, hrsg. und übersetzt von Perrin, Bernadotte, Cambridge 2014.

Plutarch, Brutus, in: Lives, Plutarch, 6. Dion and Brutus, hrsg. und übersetzt von Perrin, Bernadotte, Cambridge 2014.

Plutarch, Caesar, hrsg. und übersetzt von Giebel, Marion, Stuttgart 2015.

Sallust, Invectiva in M. Tulliam Ciceronem, Centre Traditio Litterarum Occidentalium, Online-Publikation 2010.

Tertullian, Apologeticum, hrsg. und übersetzt von Glover, Terrot Reaveley; Rendall, Gerald H., Cambridge 2014.

Literaturverzeichnis

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A. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Herrscherkult um Julius Caesar, der gegen Ende seiner Herrschaft umfangreiche und über das damals bekannte Maß hinausgehende Ehren erhalten hatte. So war Caesar bereits zu Lebzeiten zum dictator perpetuus und pontifex maximus ernannt worden, zudem wurden Feste für ihn abgehalten, Statuen errichtet und schlussendlich sollte sogar der fünfte Monat Quinctilis in Iuli umbenannt werden.

Der Großteil der Ehren wurde aber größtenteils erst nach seinem Tod umgesetzt. Dass Caesar posthum in den Stand eines Gottes, eines deus erhoben wurde, steht außer Frage. Die aus heutiger Perspektive eigentliche Frage, die nicht nur die Cicero -Quellen, sondern sämtliche Quellen beantworten sollen, ist diejenige, ob Caesar eine solche Vergöttlichung oder gar Vergottung1 bereits zu Lebzeiten zugesprochen werden kann. Die Bezeichnung als divus Iulius war zwar schon vor seinem Tod üblich, aber eine Vergöttlichung Caesars nicht mit Sicherheit angenommen werden. In diesem Zusammenhang ist vielmehr anzumerken, dass die sogenannte acta Caesaris, die Caesars Gesetze und wohl auch die Ehrbeschlüsse enthielt erst nach seinem Tod umgesetzt wurde und damit von einer echten Vergöttlichung auch erst nach seinem Tode gesprochen werden kann.

Vor diesem Hintergrund soll diese Arbeit sich mit Aussagen und Ansichten des Marcus Tullius Cicero beschäftigen , einer der bedeutendsten Widersachers Caesars, der bis zuletzt versuchte das politische System der römischen Republik zu retten.2 Nach dem Sieg Caesars über seine Widersacher hatte er Cicero, der sich zunächst Pompeius angeschlossen hatte und nach dessen Niederlage und Tod mit seinen Anhängern brach, 47 v. Chr. noch begnadigen lassen.3 Schließlich wurde er nach Caesars Tod von zweiten Triumvirat für vogelfrei erklärt und am 7. Dezember 43 v. Chr. auf der Flucht getötet.4

Daher erscheinen gerade die Ausführungen Ciceros zu Caesar von besonderer Bedeutung zu sein. Bezüglich der Quellenlage zum Herrscherkult um Caesar können Ciceros Werke bedeutende Stellen entnommen werden, die den Umgang mit Caesars Ehren, gerade zu seinen Lebzeiten, maßgeblich beschreiben. Die im folgenden dargestellten Aussagen Ciceros unterscheiden sich hinsichtlich der daraus folgenden Interpretation für den Leser stets durch einen markanten Unterschied: Den Ort und die Art und Weise der Verkündung. Es sollte nicht überraschen, dass öffentlich gemachte Aussagen in einem beschwichtigen Ton verfasst waren und private Äußerung, die sich aus den Briefen Ciceros an Freunde und Familie ergeben, einem deutlich erkennbaren spöttischen Unterton unterliegen. Dieser Gegensatz soll in dieser Arbeit dargelegt werden. Zudem sind die privaten Äußerungen stets in zeitlich in direktem Zusammenhang mit dem Tagesgeschehen verfasst worden und geben in möglichst unverfälschter Weise die Gedanken zu Caesars Verehrungskultur wieder. In diesen Briefen berichtet Cicero vor allem nicht nur von den eigenen Ansichten, sondern gibt auch die Ansichten anderer Zeitgenossen wieder.5

B. Allgemeiner Stand der Forschung zur „Vergottung“ Caesars

Vor Caesar existierte in Rom bereits ein Herrscherkult, der jedoch noch signifikante Unterschiede zu den hellenistischen Traditionen auswies. Die Furcht und gleichzeitige Ablehnung eines rex, dessen Regierungsgewalt für die Römer die Tyrannenherrschaft schlechthin darstellte und eindeutig negativ konnotiert war, war für jeden Römer ein nicht zu vermittelndes Regierungs- und Herrschaftsmodell.

Die Einzelherrschaft eines Mannes war damit nicht ohne weiteres möglich. Dennoch war bestand bereits während der Republik die gängige Ansicht der Menschen, dass sich Gottheiten in Menschen verewigen können.6 Der in Rom siegreich einziehende Feldherr wurde von bereits von den Römern der Republik als Inkarnation des Iupiter Optimus Maximus verstanden. In Menschengestalt kehre diese Gottheit in den Tempel zurück und existiere dort in seiner göttlichen Form.7 Ein solches göttliches Wesen nannten die Römer einen deus, was aufgrund seiner gesellschaftspolitischen Wirkung mit Staatsgott übersetzt werden kann, denn er war Teil der römischen Götterwelt. Die Möglichkeit der Vergöttlichung eines lebenden Menschen war also bereits vor Caesars Wirken im Entstehen begriffen.8 Auch Cicero spricht in diesem Zusammenhang vermehrt von Staatsgöttern.9

Inwiefern Caesar posthum in die Götterwelt auszuordnen ist, steht für den Großteil der Autoren nicht zur Debatte. Dass eine posthume Divinisierung stattgefunden hat, zeigen schon die nachfolgenden römischen Kaiser, die stets posthum eine Vergöttlichung erfahren haben.10 Eine endgültige Divinisierung Caesars fand schlussendlich im Jahre 42 v. Chr. statt.11

In dieser Ungewissheit inbegriffen ist die Antwort auf die Frage, ob Caesar die Monarchie einführen wollte und nach dem rex -Titel strebte. Des Weiteren lag es danach wohl auch in seiner Absicht die römische Gesellschaft entsprechend umbauen zu wollen, dass diese fortan im Sinne einer autoritären Herrschaft geführt wird. Es stellt sich daher seit jeher die Frage, ob Caesar, wäre er nicht ermordet worden, seine Divinisierung schon zu Lebzeiten vollzogen sehen wollte. Zwar wurden Caesar diverse Ehrungen zuteil, die im Nachhinein auch in Kraft gesetzt wurden, doch seine Ermordung wurde mit der Art seiner Machtausübung begründet.12 Daher erscheint seine politische Stellung nicht derart unbestritten gewesen zu sein, dass Caesar als „Gottkönig“ bezeichnet werden konnte, beziehungsweise dies bereits zu Lebzeiten durchsetzen konnte.

Ein sogenannter Vergottungsbeschluss bestand daher wahrscheinlich nicht aus Zeitmangel, da Caesar bereits tot war, sondern spiegelt sich nach dem Großteil der Autoren durch andere Gründe wider.13 Dass Caesar selbst nicht derartige Bemühungen vorantrieb zeigt sich insbesondere daran, dass Caesar ebenfalls neben dem weltlichen Titel dictator perpetuus auch den geistlichen Titel des pontifex maximus trug. Die allseits notwendige Einsetzung eines Priesters zur Begründung eines Herrscherkultes hätte er daher selbst einleiten können.14 Daher ist die Frage nicht inwiefern Caesar posthum behandelt wurde, sondern wie er zu Lebzeiten von seinen Zeitgenossen hinsichtlich seiner Herrschaftsausübung und einhergehenden Verehrung einordnet wurde.15

C. Einfluss des hellenistischen Herrscherkultes auf Cicero und Zeitgenossen

Die philosophische Gedankenwelt der spätrepublikanischen Phase war in erster Linie durch die Werke Ciceros geprägt.16 Diese können mitunter anderen Quellen die Grundlage für die anschließende Beurteilung der Apotheose Caesars darstellen.

Wie auch für die Zeitgenossen war Cicero nicht der Auffassung, dass eine Vergöttlichung eines Menschen aus weltlichen Gesichtspunkten ausgeschlossen sei. Seine Gedanken dazu dürften im Einklang mit den obigen Ausführungen zur allgemeinen Vergöttlichungskultur in im römischen Reich gestanden haben.

Nach Cicero war die Apotheose eines Menschen möglich, doch unterschied er dabei streng zwischen lebenden und toten Menschen.17 So spricht er davon, dass jeder, der seinem Vaterland gut gedient habe, selbstverständlich ein Platz im Himmel zugesichert sei, dieses jedoch nach deren Tod unter der Voraussetzung der geleisteten Dienste an der Gemeinschaft:

„ Omnibus, qui patriam coservaverint, audiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur“. 18

Der Mensch sei im Sinne eines natur- und schicksalsgegebenen Umstands entweder durch das eigene Denkvermögen oder durch das eigenständige Handlungsvermögen in der Lage eine solche Wandlung zu durchleben und sei daraus folgend „quasi ein sterblicher Gott“.19 So stelle sich nach Cicero die Frage, ob nicht die ganze Himmelswelt mit „Göttern sterblichen Ursprungs“ gefühlt sei und verweist in diesem Zusammenhang bereits im Vorfeld der eben beschriebenen Aussage auf Romulus, der seit jeher „im Himmel mit den Göttern lebt“.20

Cicero hatte bereits in seiner Rede Pro lege Manilia (auch De imperio Cn. Pompei) die göttliche Aura eines gottgesandten Heilsbringers, hier Cn. Pompeius, festgestellt.21 Zum Zeitpunkt dieser Rede (66 v. Chr.) dürfte die Gleichsetzung eines römischen Feldherrn mit einem göttlichen Heilsbringer noch ungewöhnlich gewesen sein.22 Daher sei es nicht abwegig davon auszugehen, dass die ideell-theoretischen Grundlagen des Prinzipats in dieser Zeit gelegt wurden, wodurch das römische Volk näher an Idee eines Einzelherrschaftssystems herangeführt werden sollte.23 Die neu entstandenen Kulte in Rom, wie der Kult der Roma und der für die Generäle Roms könnte bereits eine Fortsetzung des hellenistischen Herrscherkultes im römischen Herrschaftsbereich gewesen sein.

In diesem Zusammenhang sind die von Cicero privat verfassten Quellen sehr wichtig, in denen er zu diesem Thema deutlich offener und spöttischer sprach und sich daher ein ganz anderes Bild zeichnen lässt.24 In einem Brief an Atticus spricht Cicero beispielsweise von solchen „zukünftigen Göttern“.25 Die Nennung dieser zukünftigen Götter erfolgt jedoch in einem spöttischen Unterton, sodass die „zukünftigen Götter“ dieser wohl nicht würdig sein sollen.

D. Cicero und der Herrscherkult um Caesar

1. Benutzung der Bezeichnung divus Iulius

Zunächst ist festzustellen, dass Cicero in öffentlichen wie auch in privaten Schriften divus beziehungsweise divinus stets als Auszeichnungsattribut einer Lobpreisung für eine hohe Leistung benutzte.26 So komme kein großer Mann ohne die Lobpreisung des Göttlichen in ihm aus.27 In diesem Zusammenhang lässt sich auch deus nachweisen.28 Die Ansätze einer solchen Lobpreisung bei Cicero ist in dieser Arbeit schon weiter oben beschrieben worden und auch der Kultname divus Iulius für Caesar ist durch Cicero belegt. In der entscheidenden Stelle aus der zweiten philippischen Rede, die für die (öffentlichen) Beurteilungen des Caesarkultes durch Cicero entscheiden ist, wird dieser Begriff bereits verwendet. Wie weiter unten dargestellt, muss der Kultname bereits gängig gewesen sein, ansonsten wäre die anschließende Nennung der Einsetzung M. Antonius als flamen nicht verständlich,29 denn für diese Einsetzung muss bereits ein Kult vorhanden gewesen sein. Ohne einen solchen Kult wäre die Diskussion um die Einsetzung eines flamen ohne Sinn.

In einer weiteren Stelle berichtet Cicero in objektiver Weise über die Lobpreisungen und Verehrung Caesars durch das Volk. So beschreibt Cicero wie Caesar 49 v. Chr., nach dem Überschreiten des Rubikon, auf dem Heimweg in den Städten Italiens als Gott beziehungsweise gottgleich empfangen wurde.30 Den Menschen wirft Cicero vor, dass sie sich Caesar „verkaufen“ würden, beschreibt die Geschehnisse auch hier mit einem negativen Unterton.

2. Zeremoniell der Caesarverehrung und Errichtung einer Kultstätte

„Et tu Caesaris memoria diligens, tu illum amas mortuum? Quem is honorem maiorem consecutus erat quam ut haberet pulvinar, simulacrum, fastigium, flaminen? Est ergo flamen, ut Iovi, ut Marti, ut Quirino, sic divo Iulio M. Antonius?“ - Zweite Philippische Rede von MarcusTullius Cicero - Oktober 44 v. Chr.

Diese Stelle wurde bereits weiter oben angesprochen und enthält eine der wichtigsten Hinweise zu der das römische Normalmaß übersteigenden Verehrung eines Herrschers, was sich durch folgende Elemente begründet. Cicero spricht hier Teile der essenziellen Voraussetzungen für die Apotheose Caesars an. Zum einen nennt er hier das Götterpolster (pulvinar), die Statue (simulacrum), den Tempelgiebel (fastigium) und den Priester (flamen) an. Die ersten drei Elemente sollten die Kultstätte ausmachen, die in ihrer Zusammenfassung einen Tempel gemeint haben könnten.31 Inwiefern Cicero hier die Begriff als Bestandteile oder gar als Synonyme gemeint hat, kann nicht ganz klar geklärt werden, zum Teil wird davon ausgegangen, dass damit vor allem Caesars Eigenschaft als ponitfex maximus geehrt werden sollte.32

Dies zeigt sich insbesondere am Begriff fastigium. Obwohl fastigium den Hausgiebel meint, kann der Begriff auch den Tempel im Ganzen meinen, sodass die Aufstellung eines solchen fastigium auch die direkte Einweihung des Tempels gemeint haben kann.33 So wurde das fastigium als besondere Ehrung der Person auch an privaten Häusern angebracht und war nicht nur öffentlichen Gebäuden vorbehalten.34 Cicero könnte mit fastigium insgesamt auf etwas Bedeutenderes anspielen, indem er mit der Umschreibung des Tempels auch die Existenz und Einrichtung einer staatlichen Kultstätte postulieren wollte.35

Cicero erwähnt das fastigium, bevor er die Ernennung M. Antonius zum flamen Caesars anspricht, der den wichtigsten Zeil dieser Quellenstelle ausmacht.36 Der flamen diente unter römischen Gesichtspunkten als Initiativakt für den Beginn eins Kultes. Das betraf auch die Götter selbst. Den großen römischen Göttern war jeweils ein eigener Kultpriester zugewiesen.37 Hinsichtlich der Einsetzung des M. Antonius als flamen beschreibt Cicero die Situation daher deutlich prägnanter:

„Quid igitur cessas? Cur non inauguaris? Sume diem, vide qui te inauguret; conlegae sumus; nemo negabit. O detestabilem hominem, sive quod tyranni sacerdos es sive quod mortui!“

Cicero kritisiert M. Antonius für den Nichtantritt des Amtes des flamen also scharf. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage warum Cicero zunächst die Kritik an der Divinisierung Caesars durch M. Antonius anerkannte,38 hier jedoch die Divinisierung Caesars voranzutreiben schien. Vor allem weil, Cicero hier Caesar wiederholt mortuus nennt, der ein Anrecht auf die Einsetzung seines flamen hatte. Ansonsten wäre dies eine Missachtung der memoria caesaris.39 Erst wenn der flamen inauguriert sei, kann eine consecratio vollzogen werden.40

Letzteres als Voraussetzung für die Divinisierung Caesars bedeutet im Umkehrschluss, dass eine solche Divinisierung noch nicht stattgefunden haben kann. Es wäre widersinnig die Durchsetzung solcher Voraussetzungen zu fordern, wenn ein solches Anliegen bereits längst umgesetzt worden wäre. Indem er also klar zwischen dem lebendem und dem totem Caesar unterscheidet, spricht er damit Caesar eine Vergöttlichung zu Lebzeiten ab. Zwar nannte Cicero den Begriff divus Iulius, doch dies könnte Cicero nur aufgrund der schlichten praktischen Notwendigkeit getan haben, um die Einsetzung des flamen richtig bezeichnen zu können, die durch die acta Caesaris, die später näher erläutert wird, einen solchen flamen bereits vorsah.41

[...]


1 Begriff nach Gesche, Die Vergottung Caesars – Gesche benutzt diesen Begriff als Unterscheidungsmerkmal zwischen der Behandlung wie einen Gott (Vergöttlichung) und der Behandlung als Gott (Vergottung).

2 Rochlitz, Das Bild Caesars in Ciceros "Orationes Caesarianae", 75.

3 Klass, Cicero und Caesar: ein Beitrag zur Aufhellung ihrer gegenseiten Beziehungen, 170.

4 Fleck, Cicero als Historiker, 181; Cicero hatte noch zwischen 49. und 45 v. Chr. vermehrt Caesar zur Lob zu beeinflussen, Rochlitz, Das Bild Caesars in Ciceros "Orationes Caesarianae", 90 nach Cic. Att. 2,1,6.

5 Strasburger, Caesar im Urteil seiner Zeitgenossen, 13.

6 Liv. 1, 12, 5.

7 Versnel, Triumphus. An inquiry into the origin, development and meaning of Roman triumph, 56–93.

8 Clauss, Kaiser und Gott, 44.

9 Cic. de leg. 2, 55: „mairores eos qui ex hac vita migrassent in deorum nimero esse voluissent“.

10 Vgl. dazu Dio 12,29,8; Tertull. Apol. 28. 34, 4; Plut. Caes. 67, 4.

11 Weber, Princeps, 91; Koep, Consecratio, 286; Fowler, W,W, Roman Ideas of deity, ion the last century before the Christian era, 122; Altheim, Römische Rechtgeschichte, 78–79; Heinen, Zur Begründung des römischen Kaiserkultes, 135.

12 Zeremoniell: App. II 137; Dio 44, 9,1, 44, 8, 4; Caesars Entscheidungen gegen den Senat: App. II 138; Caesar entlässt nach Beendigung des Bürgerkriegs nicht sein Heer: App. II 138; Feier seines Triumphs über römische Bürger: Plut. Ant. 56, 4; keine Erwähnung der Vergottung durch die Mörder Caesars in App. IV 94, 97.

13 Gesche, Die Vergottung Caesars, 47.

14 Denniston, Ciceros Philippische Reden I und II.

15 Ehrenberg, Caesars's final aimes, 154; Alföldi, Studien über Caesars Monarchie, 43; Becht, Regeste über die Zeit von Caesars Ermordung bis zum Umfang der Politik des Anton, 1.

16 Siehe dazu die Darstellung bei Wassmann, Ciceros Widerstand gegen Caesars Tyrannis - Untersuchungen zur politischen Bedeutung der philosphischen Spätschriften.

17 Charlesworth, Some oberservations on ruler-cult, especially in Rome, 24–25; Bömer, Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom, 225 vgl. auch die Opfergaben für den Verwandten Ciceros Marcus Marius Gratidianus: „omnibus vicis statuae, ad eas tuas, cerei“, in: Cic. off. 3, 80; siehe noch, Cic. de nat. deor. 2, 61, 153. 3, 19, 49.2, 24, 62; Cic. Quint. Fr. 1,1,3; de leg. 2, 22;

18 Cic. de rep. 6, 13.

19 de fin. II 40: „[…] sic hominem ad duas res, ut ait Aristoteles, ad intellegendum et ad agendum esse natum, quasi mortalem deum“

20 Cic. Tusc. 1, 28; „Romulus in caelo cum dis agit aevom. […] Totum prope caelum, ne plures persequar, nonne humano genere completum est?“

21 Gelzer, Pompeius, 4,27,110; siehe zu praesentem Gruber, Cicero und das hellenistische Herrscherideal, 246; von divinus als eine „Lieblingswendung“ Ciceros spricht Koch, Gottheit und Mensch im Wandel er römischen Staatsform, 10; labor, fortitudo, industria, celeritas und consilium als Merkmale für den höheren Rang Pompeius: Gruber, Cicero und das hellenistische Herrscherideal, 248–249; Pompeius sei in den Himmel aufgestiegen.

22 Bei Cicero verfestigt sich das Bild: Quint. 1,1, 7: „Nam Graeci quidem sic te ita viventem intuebuntur ut quendam ex annalium memoria aut etiam de caelo divinum hominem esse in provinciam delapsum“.

23 Reitzenstein, Die Idee des Prinzipats bei Cicero und Augustus, 399,436; Meyer, Caesars Monachie und das Principat des Pompeius, 174; Heinze, Ciceros "Staat" als politische Tendenzschrift, 73–94; Lepore, Il priceps Ciceroniamo.

24 Strasburger, Caesar im Urteil seiner Zeitgenossen, 13.

25 Cic. Att. 14,11,1 (21. April 44 v. Chr.): „Sed momento, sic alitur consuetudo perditartum contionum, ut nostri illi non heroes, sed di futuri quidem in gloria sempiterna sint, sed non sine invidia, ne sine periculo quidem“

26 Cic. Phil. IV 3.4.6 (auf Octavian bezogen), de imp. Cn. Pomp. 10, 33, 36.; auch Caesar selbst heißt bei Cic. Pro Marc. 3, 8: deo simillimum; Cic. p. red. in sen. 4, 8: „parens ac deus nostrae vitae, fortunae, memoriae, nominis“; ähnlich Cic Quir. 5,11; 8; 18; 10. 36; zu der Verwendung übermenschlicher Ausdrücke durch Cicero: Alföldi, Studien zu Caesars Monarchie und ihren Wurzeln, 387–397.

27 Cic. de nat. deor. II 66, 167: „nemo magnus vir sine quodam adflatu divino“.

28 Cic. p. red. Sen. 4, 8; p. red. Quir. 5 11.10, 25; Sest. 68, 143-44; Att. 14, 11, 1.

29 Gesche, Die Vergottung Caesars, 35 Nach Cic. Phil II 110.

30 Cic. Att. 8, 16, 1: „Qui nunc quo modo occurrent, quo modo autem se vendidant Caesari! Municipia vero deum, nec simulant, ut cum de illo aegroto (Pompeius), vota faciebant“.

31 Dies., Die Vergottung Caesars, 25; Ehrenberg, Caesars's final aimes, 154; Rotondi, Leges publicae populi Romani, 425; Strack, Zum Gottkönigtum Caesars, Probleme der augustinischen Erneuerung, 23f.

32 Taylor, The divinity of the Roman emporer, 66.

33 Vgl. den Thes. Ling. Lat. für Cic. Phil II. 110 fastigium hier für Hausgiebel; Vgl. auch Cic. de domo sua 136: mit der Verleihung eines pulvinars erfolgt gleichzeitig die Dedication des Tempels.

34 Vgl. Plut. Caes. 63,6 – keine vergottende Bedeutung nach Gesche, Die Vergottung Caesars, 23.

35 Gesche, Die Vergottung Caesars, 24.

36 Gesche, Die Vergottung Caesars, 24.

37 Gesche, Die Vergottung Caesars, 29.

38 Cic. Phil. I 1-2, 31-32; vgl. auch Phil II 90; I 36; II 31; Cic. Phil I 30-31.2; II 115; Plut. Ant. 14,2, Plut. Brut. 19; Dio 46,3,2.

39 Zu mortuus: Cic Phil. II 110; I 24; siehe auch zur Undankbarkeit Antons gegenüber Caesar Cic. Phil XIII 41.

40 Bickermann, Die römische Kaiserapotheose, 5.

41 Gesche, Die Vergottung Caesars, 63 Nach Cic. Phil. II 110, Dio. 44,6,4

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Details

Titel
Marcus Tullius Cicero und die Entstehung des Herrscherkults um Julius Caesar
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Antiker Herrscherkult
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1030172
ISBN (eBook)
9783346443823
ISBN (Buch)
9783346443830
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herrscherkult, Rom, Cicero, Caesar
Arbeit zitieren
Fritz Grosch (Autor:in), 2021, Marcus Tullius Cicero und die Entstehung des Herrscherkults um Julius Caesar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030172

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