Entwicklung der Minderheitensprachen in Kolumbien. Einfluss der Sprachenpolitik


Essay, 2021

6 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Sich zunächst den Grundlagen von Sprachenpolitik und der Einordnung im sprachwissenschaftlichen Kontext. Die besondere Dimension von Sprachenpolitik in Kolumbien beziehungsweise seiner Sprachenvielfalt bilden den Kern der Arbeit. Dabei werden beispielhafte Entwicklungen indigener Sprachen und Implikationen daraus für zukünftige sprachpolitische Maßnahmen aufgezeigt. Schließlich folgt nochmals ein Rückgriff auf die Einleitungsfrage und mit Unter ein letzter Ausblick für die weitere Entwicklung von Minderheitensprachen in Kolumbien.

Ausgehend von sprachwissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt sich die Soziolinguistik als eigenständige Disziplin am intensivsten mit Sprachenpolitik, da gerade sie die gesellschaftliche Dimension von Sprache zum Thema hat. Eine allgemeingültige Definition von Sprachenpolitik ist in der Sprachwissenschaft nicht existent, dies scheitert unter anderem an der terminologischen Ungenauigkeit der Begriffe (vgl. Marten 2016: 15). Vielmehr sind es unterschiedliche Modelle die für sich Teilbereiche dieser Disziplin erklären, aber nie allumfassend sind (vgl. Marten 2016: 15). In der Fachliteratur finden sich zwei akzeptierte Begrifflichkeiten die ‚Sprachpolitik‘ und ‚Sprachenpolitik‘ (vgl. Marten 2016: 16). Beide finden für sich Ihre Berechtigung, die Sprachpolitik bezogen auf eine isolierte Sprache, die Sprachenpolitik hingegen auf die Beziehung von Sprachen zueinander durch sprachpolitische Entscheidungen (vgl. Marten 2016: 16). In den weiteren Ausführungen ist daher der Terminus Sprachenpolitik passender, da er die kolumbianische Sprachenvielfalt umfassender abdeckt. Die Sprachenpolitik umfasst Maßnahmen, wie die Förderung von Sprachen, aber auch restriktive Vorgehensweisen, die beispielsweise auf die Ausgrenzung von Minderheitensprachen abzielen sind hierbei möglich.

Nun soll Kolumbien allgemein als Sprachgemeinschaft eingeführt und dabei schon auf die Bedeutsamkeit von Sprachenpolitik in diesem Kontext eingegangen werden. Der Reichtum an Sprachen und Sprachvarietäten in Kolumbien ist unvergleichbar (vgl. Hennecke 2019: 10). Alleine hier sind neben dem spanischen zahlreiche indigene Sprachfamilien, Kreolsprachen und unterschiedlichste diatopische Varietäten beheimatet (vgl. Hennecke 2019: 10 f.). Die beiden größten indigenen Sprachgruppen bilden die Sprecher des Guajiro und des Paez (vgl. de Piñeros 1997: 420). Damit weißt Kolumbien die größte Diversität an heute noch lebendigen Sprachen in ganz Hispanoamerika auf (vgl. Hennecke 2019: 10). Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Vielfalt seit dem Ende der Kolonialisierung einen dramatischen Rückgang erlebt (vgl. Hennecke 2019: 13 f.). So existieren heute neben dem spanischen noch 65 bekannte indigene Sprachen und zwei Kreolsprachen, in der vorspanischen Zeit waren es hingegen noch über 300 verschiedene indigene Sprachgemeinschaften (vgl. Hennecke 2019: 13 f.). Dieser Entwicklung wird versucht seit den 1980er Jahren entgegenzutreten und ein Kurs der bilingualen Bildung zu fahren (vgl. Hennecke 2019: 14). Hier werden erste Schritte einer fördernden Sprachpolitik deutlich, indem schließlich in der kolumbianischen Verfassung im Jahre 1991 die Legitimität ihrer Existenz zugesagt und als offizielle jeweils gebietsgebundene Sprache anerkannt wurde (vgl. Hennecke 2019: 17). In den noch vorhandenen indigenen Sprachregionen, ist eine besondere Ausprägung der ,Diglossie‘ vorherrschend (vgl. Hennecke 2019: 19). Die eigene indigene Sprache fungiert als ihre untereinander gebrauchte Nähesprache, das Spanische hingegen im Umgang mit Fremden (vgl. Hennecke 2019: 19).

Um sich der sprachpolitischen Dimension von Sprachentwicklungen in Kolumbien begreifbar zu machen, ist eine historische Betrachtung dienlich. Die Anfänge spanischer Eroberungspolitik waren geprägt von einem vorsichtigen bekehren zur spanischen Sprache und dem Christentum (vgl. de Piñeros 1997: 417). Das dunkle Kapitel Kolumbiens im Umgang mit seinen Minderheitensprachen begann mit dem sogenannten Dekret Real Cédula von 1770, indem der vollständige Niedergang aller Indianersprachen beschlossen wurde (vgl. Hennecke 2019: 19). Auch in der ersten Verfassung des Landes 1886 haben Minderheitensprachen noch keine Berücksichtigung gefunden (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 433). Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, konnten Indigene Stämme erstmals ihr Recht auf einen eigenen kulturellen Status durchsetzen. Den Stein ins Rollen brachte ein Dekret zur Anerkennung seiner kulturellen Vielfalt im Jahre 1978. Des Weiteren erlangten Indigene politische Bedeutung durch den Beginn einer ethnischen Bildungsoffensive von 1985 an, der sogenannten etnoeducación die bis heute anhält . Erste politische Interessensgruppen zur Durchsetzung gleicher Rechte bildeten sich und aktive bildungspolitische Maßnahmen, wie die Förderung und Erforschung der eigenen Indigenen Sprache wurden eingeleitet (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 435) . Schließlich erlangten sie auch ganz offiziell Schutzrechte in der kolumbianischen Verfassung ab 1991. In Artikel 10 der Verfassung heißt es bis heute:

El castellano es el idioma oficial de Colombia. Las lenguas y dialectos de los grupos étnicos son también lenguas oficiales en sus territorios. La enseñanza que se imparta en las comunidades con tradiciones lingüísticas propias será bilingüe. (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 434) Im Folgenden sollen die aktuellsten sprachpolitischen Umstände näher beleuchtet werden. Die Sprachforschungseinrichtungen wie Institute oder Universitäten legen hierzulande hohen Wert auf die Sprachpflege und sind darum bemüht äußere Einflüsse auf die eigene Sprache möglichst gering zu halten (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 433). Auf politischer Ebene lassen sich zwei Ansätze feststellen (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 433). Zum einen Maßnahmen die die Regulierung des Verhältnisses zwischen seiner Spanischen und Minderheitensprachen zum Ziel haben (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 433). Zum anderen die Förderung von Fremdsprachen durch ein nationales Bilinguismus Programm (vgl. Mora 2019: 62) (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 433). Die Verantwortung der Politik für den erst genannten Maßnahmenbereich besteht beispielsweise darin, Überzeugungsarbeit für die Bedeutung seiner bildungspolitischen Vorhaben wie der etnoeducación in der gesamtkolumbianischen Bevölkerung zu leisten (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 434 ff.). In Artikel 5, Ziffer 5 wird sich zum Ziel gesetzt: „the critical understanding of the national culture and the ethnic and cultural diversity of the country, as a foundation of national unity and identity.“ (vgl. Mora 2019: 64). Weiterhin wird in Artikel 57 der Verfassung die Zweisprachigkeit an Schulen, mit der indigenen Sprache des jeweiligen Hoheitsgebietes und dem spanischen als offizielle Sprachen festgelegt (vgl. Mora 2019: 64). Ziel der Förderung von Fremdsprachen ist die Intensivierung von Fremdsprachen an Schulen und Hochschulen, wobei das Hauptaugenmerk kolumbianischer Sprachenpolitik auf der Verbreitung des englischen liegt (vgl. Hennecke/Lancheros 2017: 438 f.). Diese Vorgehensweise wird gerade von Vertretern der Minderheitensprachen kritisiert, weil gerade dieses Bilinguismus Programm alle anderen Sprachen vernachlässige (vgl. Mora 2019: 55 f.). So kritisieren Guerrero und Mora, dass Englisch als Unterrichtssprache immer weiter ausgeweitet wird, indigene Sprachen jedoch auf der Strecke bleiben und an Universitäten wenig bis gar nicht unterrichtet werden (vgl. Mora 2019: 64 f).

Im Weiteren soll beispielhaft auf die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Minderheitensprachen eingegangen und daraus zukünftige Anforderungen für die Sprachenpolitik in Kolumbien abgeleitet werden. Es lässt sich beobachten, dass die Lehrpläne an Schulen starke Auswirkungen auf den Fortbestand von Muttersprachen Indigener Minderheiten haben (vgl. Ospina 2015: 21 f). Die Übertragung ihrer Muttersprachen gelingt effizienter an Schulen mit ethnopädagogischen Unterricht, im Vergleich derer mit einer monolingualen spanischen Unterrichtsform (vgl. Ospina 2015: 22). Eine erste Schlussfolgerung für die Sprachenpolitik wäre demzufolge, mehr zweisprachigen Unterricht bzw. Unterrichtsmaterialien anzubieten (vgl. Ospina 2015: 22). Neben diesen Trends im Bildungsbereich, führen die Folgen von Anpassungen an die spanische Mehrheitssprachengesellschaft zu einer Unterbrechung der Sprachenübertragung (vgl. Ospina 2015: 23 f). Die Schulen können zwar zu einer Erhaltung beitragen, die Motivation jedoch, müsste von den Mitgliedern indigener Stämme selbst ausgehen (vgl. Ospina 2015: 24). Ospina betont die Erfolge von Sprachenpolitik hinsichtlich der Wertschätzung indigener Sprachen, weißt aber gleichzeitig auf eine noch existente diskriminierende Haltung hin (vgl. Ospina 2015: 24). So wird das Spanische in der Gesellschaft weitgehend als überlegen betrachtet, sowie dominiert eine kastilische Wertehaltung an Schulen (vgl. Ospina 2015: 24). Weiterhin sei der Widerspruch zwischen offizieller Anerkennung und real nötigen Veränderungen, Grund für den Rückgang des Sprachgebrauchs (vgl. Ospina 2015: 24). Demnach sei nicht die bloße Institutionalisierung von Sprache an Schulen verantwortlich, sondern ebenso ist es das stagnieren von realen Beziehungen sozialer Gruppen untereinander die zu einer Vernachlässigung im Gebrauch von indigenen Muttersprachen geführt haben (vgl. Ospina 2015: 24). Eine Lösung könnte laut Ospina die Frage nach der Motivation sein, ihre Muttersprache weiterhin ausüben zu wollen (vgl. Ospina 2015: 25). Für Indigene sind es demzufolge vor allem psychologische Faktoren wie ein starkes Gefühl von Intimität, Zugehörigkeit, Selbstvertrauen genauso wie das Verantwortungsbewusstsein die eigene Kultur am Leben zu erhalten, die eine entscheidende Rolle spielen (vgl. Ospina 2015: 25). Kritisiert werden außerdem die bisher angestrebten Versuche Sprachentwicklungen zu evaluieren (vgl. Ospina 2015: 22 f). Diese Beobachtungen verliefen bisweilen zu ungenau, es müssten vor allem deutlich wissenschaftlichere Ansätze wie die der soziolinguistischen Forschung eingesetzt werden, um nötige Implikationen für eine effizientere Sprachenpolitik zu bekommen (vgl. Ospina 2015: 22 f).

Die über einen langen Zeitraum anhaltende Unterdrückung von Sprachminderheiten, hat seit einiger Zeit politisch als auch gesellschaftlich ein Umdenken erfahren (vgl. Hennecke 2019: 20). Im Gegenteil, ein Großteil der kolumbianischen Bevölkerung begrüßt nun die bereits angesprochene enorme sprachliche Vielfalt im Land und besonders politisch angestoßene Fördermaßnahmen sind im vollen Gange (vgl. Hennecke 2019: 20). Allerdings sind noch einige Hürden zu überwinden, wie die Distanz zwischen indigenen Gruppen und den Mehrheitskolumbianern, die unter anderem geographisch begründet liegt (vgl. de Piñeros 1997: 419). Häufiger fehlt dadurch auch der Kontakt zu Indianersprachen, weshalb die angesprochene etnoeducación wiederum für einen Großteil der Kolumbianer realitätsfremd erscheinen mag (vgl. de Piñeros 1997: 419). Abschließend sei nochmals darauf verwiesen, dass die weiteren Entwicklungen von Minderheitensprachen sicherlich nicht ausschließlich von sprachpolitischen Entscheidungen abhängen, sondern sich deutlich vielfältiger durch weitere Faktoren erklären lassen. Eine Sensibilisierung in der Kolumbianischen Gesellschaft und die kontinuierliche Motivation Indigener Stämme sich zu bewahren, sind für eine Erhaltung dieses kulturellen Erbes genauso gefragt. Die Anfangs aufgeworfene Einleitungsfrage lässt sich auch auf Grund von vergangenen sprachpolitischen Versäumnissen nicht ohne weiteres beantworten. Auch wenn den Sprachminderheiten ein breites Rechtsfundament geschaffen wurde, so fehlt dennoch eine konsistente Datenlage über die Entwicklung dieser seit ihrer offiziellen Anerkennung. Dennoch lässt sich festhalten, dass der Prozess der Aufrechterhaltung sprachlicher Vielfalt längst begonnen hat und wohl auch in zukünftigen politischen Entscheidungen Beachtung finden wird.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Minderheitensprachen in Kolumbien. Einfluss der Sprachenpolitik
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,6
Autor
Jahr
2021
Seiten
6
Katalognummer
V1030250
ISBN (eBook)
9783346430991
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung Dozentin: "Sehr schön geschriebenes Essay."
Schlagworte
Sprachpolitik, Minderheitensprache, Kolumbien, Sprachenpolitik, Soziolinguistik, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Simon Sandleben (Autor), 2021, Entwicklung der Minderheitensprachen in Kolumbien. Einfluss der Sprachenpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030250

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