Leistungsgerechtigkeit im Kontext von Inklusion. Eine Herausforderung an das inklusive Schulsystem


Bachelorarbeit

33 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Inklusion
2.1. Der Inklusionsbegriff.
2.2. Historischer Kontext aus pädagogischer Perspektive.
2.3. (Menschen-) Rechtliche Grundlagen
2.4. Index für Inklusion.
2.5. Inklusion in der Gesellschaft
2.6. Schulische Inklusion
2.7. Fazit

3. Leistung.
3.1. Der Leistungsbegriff
3.2. Gesellschaftliche Leistung
3.3 Schulische Leistung - Der pädagogische Leistungsbegriff
3.4. Inklusive Leistung
3.5. Fazit

4. Leistungsbewertungen
4.1. Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung
4.2. Formative und Summative Leistungsbewertungen.
4.3. Alternative Konzepte der Leistungsbewertung
4.4 Fazit

5. Ist Leistungsgerechtigkeit im Kontextvon Inklusion möglich?
5.1. Analyse der gesammelten Ergebnisse
5.2. Aktueller Forschungsstand

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als angehende Lehrerin stößt man während seiner Ausbildung immer wieder auf das Thema „Inklusion“. Ich persönlich durfte schon mehrfach miterleben, wie dieses Konzept an Regelschulen umgesetzt, beziehungsweise versucht wird, umzusetzen. Das folgende Zitat soll einen Einblick geben, was genau unter Inklusion zu verstehen ist: „Eine inklusive Gesellschaft würdigt alle Menschen und damit auch behinderte Menschen unabhängig von Art und Grad ihrer Behinderung als wertvollen Bestandteil der Gesellschaft. Für inklusive Bildung bedeutet dies, Institutionen so zu gestalten, dass alle Menschen unterrichtet werden und lernen können, indem sie gewürdigt werden, wie sie sind, partizipieren und ihr Potential entfalten können“ (Burtscher u.a., 2013, S.39). Schulische Inklusion ist immer noch ein aktuelles und stark diskutiertes Thema. Seit der Veröffentlichung der „Salamanca - Erklärung“ im Jahr 1994 wird nach einer demokratischen, gleichberechtigten Bildungsgesellschaft gestrebt. Dies bedeutet für das deutsche Schulsystem ein Streben nach einer gleichberechtigten Klassengemeinschaft, unabhängig von Fähigkeiten oder Unfähigkeiten. Doch wie schaut es in der Realität, mit der Umsetzung dieses Strebens, aus? In Deutschland gibt es immer mehr inklusive Klassengemeinschaften, jedem Kind soll gleichermaßen der Zugang zur Bildung möglich sein. Bei der Umsetzung dieses Ziels kommt es, in den verschiedensten Bereichen, stetig zu Schwierigkeiten. Meine Arbeit soll sich schwerpunktmäßig mit der Möglichkeit von Leistungsgerechtigkeit in inklusiven Klassen beschäftigen. Beginnend mit einem Einblick in die Entwicklung des Konzeptes Inklusion, daraufhin möchte ich auf die bisher dominierenden Typen der Leistungsbewertung, und deren Problematik, im Kontext von Leistungsgerechtigkeit, eingehen, um anschließend mögliche, alternative Konzepte der Leistungsbewertung für inklusive Klassengemeinschaften vorzustellen. Nach jedem Kapitel erfolgt ein Fazit mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte, sowie kurzen Erläuterung zur Theorie. Abschließend wird, mithilfe der gesammelten Ergebnisse, versucht die Eingangsfrage der Arbeit, „Ist Leistungsgerechtigkeit im Kontext von Inklusion möglich?“, zu beantworten.

2. Einführung in die Inklusion

2.1. Der Inklusionsbegriff

Der Begriff „Inklusion“ wird in den unterschiedlichsten Wissenschaften gebraucht, so findet er zum Beispiel Verwendung im Bereich der Geologie, der Mathematik, der Bildungswissenschaften oder der Human- und Sozialwissenschaften. Aufgrund des häufigen Gebrauchs, in den unterschiedlichsten Disziplinen, lässt sich vermuten, dass eine allgemeine Begriffsdefinition unwahrscheinlich ist. In dieser Arbeit geht es überwiegend um die Inklusion der Bildungswissenschaften und der Human- und Sozialwissenschaften. Inklusion wird von dem lateinischen Wort „incluso“ hergeleitet und bedeutet übersetzt „Einschluss“ oder „Einschließen“. (Kuhlmann, u.a., 2018, S.11) Das englische Original „inclusion“ wird hingegen mit dem deutschen Wort „Integration“ übersetzt. Um eine Neuorientierung zu erreichen, wurde der aus den 1980er gebräuchliche Begriff der „Integration“ durch „Inklusion“ abgelöst. (Burtscher u.a., 2013, S.27 f.) Integration und Inklusion werden oft gleichbedeutend verwendet, dies liegt insbesondere daran, dass beide Projekte ein ähnliches Ziel verfolgen, und zwar die Anerkennung von Vielfalt und die Möglichkeit der Partizipation, um Ausgrenzung und Diskriminierung zu beenden. (Spatscheck, u.a., 2017, S.32) Im Rahmen der Integrationsbewegung wurde insbesondere zwischen „nicht-behinderten“ und „behinderten“ Menschen differenziert. Das Modell der Inklusion hingegen verfolgt eine prinzipielle Unterschiedlichkeit von Individuen und umfasst alle Heterogenitätsdimensionen, wobei Behinderung letztlich eine von Vielen wäre. (Burtscher u.a., 2013, S.27 f.) Wenn man sich mit dem Begriff der Inklusion beschäftigt, stößt man zwangsläufig, wiederkehrend auf den Begriff der „Exklusion“. Inklusion und Exklusion stehen in einer unauflöslichen Relation zueinander. Das Verhältnis von Exklusion und Inklusion lässt sich wie folgt beschreiben: „Ein antonymes, sich dichotom ausschließendes Begriffspaar, zweitens ein sich korrelativ konstituierendes Begriffsverständnis, sowie drittens eine ordnungspolitisch und begriffsgeschichtlich bestimmungsbedürftige Differenzlinie, an der sich soziale Praktiken des Einschließens und Ausschließens konstitutiv orientieren“ (Burtscher u.a., 2013, S.53). In einem engeren Verständnis bezeichnet „Exklusion“ „die aktive Verhinderung von Partizipationsmöglichkeiten von konkreten Personen und Gruppen in einem räumlich erfahrbaren Sozialraum“ (Burtscher, 2013, S.54). Konträr dazu, versteht man somit unter Inklusion die aktive Gewährleistung von Partizipationsmöglichkeiten.

Das Inklusionsprojekt macht es sich zum Ziel zukünftig eine Gesellschaft zu erschaffen, welche auf gesellschaftliche Barrieren verzichtet und versucht Gerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen, Unterschiedlichkeit soll zur Normalität werden. (Spatscheck, u.a., 2017, S. 25 ff.)

2.2. Historischer Kontext aus pädagogischer Perspektive

Der Begriff „Inklusion“ wurde erstmalig zu Beginn der 2000er Jahre im deutschen Sprachraum verwendet, infolge der „Salamanca-Erklärung für inklusive Bildung“. (Burtscher, u.a., 2013, S.27) Im Juni 1994 fand in Salamanca, Spanien, eine Konferenz statt, welche 92 Regierungen und 25 internationale Organisationen involvierte. Ziel dieses Treffens war es, erforderliche Änderungen zu besprechen, um integrative Pädagogik zu fördern und eine „Bildung für Alle“ zu ermöglichen. (Unesco, 1994) Vor der „Salamanca - Erklärung“ wurde in Deutschland, bereits 1992, die UN­Kinderrechtskonvention ratifiziert, hierbei ist für die Entwicklung des Inklusionskonzept Artikel 28 [Recht auf Bildung; Schule; Berufsausbildung] von Interesse. Es ist der erste Artikel, welcher explizit eine grundlegende Chancengleichheit für das Recht des Kindes auf Bildung fordert. (Menschenrechte, UN-Kinderrechtskonvention) Im März 2009 wurde die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Artikel 24 [Bildung] dieser Konvention erkennt das Recht behinderter Menschen auf Bildung an, diese Anerkennung bekräftigt zudem, die in Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention genannten Punkte. In der UN-Behindertenrechtskonvention findet man bereits den Begriff der „Inklusion“ wieder: „Ausgehend vom Prinzip der Gleichberechtigung gewährleistet die UN-Behindertenrechtskonvention damit ein einbeziehendes (inklusives) Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen. Dabei ist sicherzustellen, dass behinderte Menschen nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Behinderte Kinder dürfen also nicht aufgrund ihrer Behinderung vom Besuch einer Grundschule oder einer weiterführenden Schule ausgeschlossen werden. Vielmehr soll ihnen gleichberechtigt mit anderen - nichtbehinderten - Kindern der Zugang zu einem einbeziehenden (inklusivem), hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht ermöglicht werden.“ ( UN - Behindertenrechtskonvention) Beide Konventionen legen eine gesetzlich definierte Chancengleichheit im Bereich Bildung fest. Seit 2006 wird zudem ein inklusives Bildungssystem angestrebt. In Kapitel 2.3. wird im Detail auf die grundsätzlichen Menschenrechte im deutschen Bildungssystem eingegangen, dabei findet zudem eine intensivere Auseinandersetzung mit der UN-Behindertenrechtskonvention statt.

2.3. (Menschen-) Rechtliche Grundlagen

Im folgenden Kapitel sollen nun die (Menschen-) Rechtlichen Grundlagen, in Bezug auf Bildung, vorgestellt werden, beginnend mit dem deutschen Grundgesetz. Im Abschnitt „Grundrechte“ findet man unter Artikel 12 (1) : „(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden“ (Deutscher Bundestag, 2010). Dieses Grundrecht wird allen Individuen seit 1968 zugestanden und ist somit im Gesetz verankert. Für das Thema Inklusion ist vor allem hervorzuheben, dass jeder Staatsbürger das Recht hat, seine Ausbildungsstätte frei zu wählen. Im Jahre 1966 wurde der „Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“ verabschiedet. Hierbei handelt es sich um einen multilateralen Vertrag, die Bundesrepublik Deutschland unterschrieb diesen im Jahre 1973, der Pakt trat ab 1976 in Kraft. Artikel 13 des UN - Sozialpaktes umfasst „das Recht auf Bildung“. Auch hier wird das Recht auf Bildung eines Jeden anerkannt. (Menschenrechte, UN-Sozialpaket) Im Detail werden einige Heterogenitätsgruppen genannt: „Sie stimmen ferner überein, dass die Bildung es jedermann ermöglichen muss, eine nützliche Rolle in einer freien Gesellschaft zu spielen, dass sie Verständnis, Toleranz und Freundschaft unter allen Völkern und allen rassischen, ethnischen und religiösen Gruppen fördern sowie die Tätigkeit der Vereinten Nationen zur Erhaltung des Friedens unterstützen muss“ (Menschenrechte, UN-Sozialpaket). Wie man anhand dieses Paktes sehen kann, wird international bereits im Jahr 1968 eine Chancengleichheit für Alle, ohne Ausgrenzungen, festgelegt.(Menschenrechte, UN-Sozialpaket) Sowohl in der „Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte“ als auch im „UN-Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“ wird dargestellt, wie die Bildungsinstitutionen gestaltet sein müssen, um für Jedermann zugänglich zu sein. (Burtscher, 2013, S. 41) Mit der UN-Kinderrechtskonvention wird speziell das Recht der Kinder auf Bildung gesetzlich verankert. In Artikel 28 wird unter Anderem festgelegt, dass der Zugang zu unterschiedlichen Formen allgemeinbildender und berufsbildender Sekundarschulen gewährleistet werden muss. In Deutschland zählen auch integrative Schulformen dazu. (Menschenrechte, UN-Kinderrechtskonvention) Alle bisher vorgestellten vertraglich festgelegten Regelungen beinhalten bereits das Recht auf Bildung eines Jeden, zudem kann man in jedem Artikel eine Forderung nach Chancengleichheit ausmachen. Jedoch erst Artikel 24 der UN­Behindertenrechtskonvention legt explizite Regelungen für ein inklusives Schulsystem dar. Die UN-Behindertenrechtskonvention stützt sich auf den Festlegungen der zuvor genannten Rechte und bekräftigt sie. Artikel 24 (Bildung) befasst sich mit dem Recht von Menschen mit Behinderung auf Bildung. Behinderte Menschen dürfen demnach nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden bzw. der Besuch einer weiterführenden Schule verboten werden. Um eine gleichberechtigte, gemeinsame Ausbildung zu ermöglichen, müssen innerhalb des allgemeinen Bildungssystem, geeignete Maßnahmen vorgenommen werden, um eine erfolgreiche Ausbildung zu ermöglichen. (Menschenrechte, UN­Behindertenrechtskonvention) Als unbedingte Voraussetzung „gehört die Bereitstellung fachlich abgesicherter, bedarfsgerechter qualifizierter Unterstützung - insbesondere das Angebot sonderpädagogischer Förderung. Anspruch auf sonderpädagogische Förderung ist z. B. bei den Kindern und Jugendlichen anzunehmen, die in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten so beeinträchtigt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können“ (Menschenrechte, UN­Behindertenrechtskonvention) . Dies bedeutet, um eine qualitativ hochwertige, inklusive Bildung zu erhalten, müssen angemessene Vorkehrungen getroffen werden. Dies könnte zum Beispiel die Vermeidung von Barrieren in Schulen sein. Die UN­Behindertenrechtskonvention ist somit das erste Gesetz, welches detailliert angibt, welche Maßnahmen und Voraussetzungen notwendig sind, um ein inklusives Bildungssystem zu ermöglichen. Die Konvention sieht die absolute Gleichberechtigung und Gleichstellung für alle Menschen vor. „Das Ziel der UN­Behindertenrechtskonvention ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte für alle Menschen mit Behinderungen zu erreichen und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern“ (Burtscher, u.a., 2013, S.40 ff.). Dieses Ziel wird bestärkt und unterstützt durch die zuvor genannten Gesetze, aber auch durch andere zusammenhängende Grundsätze, wie das der Nichtdiskriminierung oder der Chancengleichheit.

2.4. Indexfürlnklusion

Das erste Exemplar des „Index für Inklusion“ wurde im Jahr 2000 als englische Version veröffentlicht. Es folgten über die Jahre mehrfach überarbeitete Auflagen dessen, in Deutschland erschien der erste Index im Jahre 2003, eingeführt in das deutsche Bildungssystem wurde er hingegen erst im Jahre 2017.

Der „Index für Inklusion“ zählt als Basis für das inklusive Schulsystem und liefert die Grundprinzipien für die inklusive Schulentwicklung. Er dient als Unterstützung inklusiven Unterrichts, in Form eines anwendungsbezogenen Leitfadens nach inklusiven Werten. Es wird vermittelt, dass nicht nur Leistungen und Ergebnisse im Fokus stehen sollten, sondern vor allem das Lernen, Lehren und die Beziehungen untereinander, damit eine Weiterentwicklung der Bildung erzielt werden kann. Der Index bezieht sich auf alle Menschen, es geht sich nicht nur um eine spezielle Gruppe, wie zum Beispiel Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf. Der Index ist in vier Teile aufgeteilt. Im ersten Kapitel werden die „Schlüsselkonzepte“ vorgestellt, welche einige Konzepte einführen und ein Grundverständnis von Inklusion vermitteln. Das zweite Kapitel „Planungsrahmen“ bietet Strukturierungsmöglichkeiten für eine inklusive Einrichtung. Hierbei können Fortschritte zusätzlich festgehalten werden, um eine spätere Reflexion zu ermöglichen. Als Drittes werden „Evaluationsmaterialien“ vorgestellt, welche als Unterstützung der Evaluation der Einrichtung dienen und als Hilfe auf Veränderungen geeignete Maßnahmen festzuhalten. Der abschließende Abschnitt befasst sich mit dem „Index-Prozess“ und stellen die Phasen dessen vor. Der Index für Inklusion ist somit eine Hilfestellung bzw. ein Leitfaden für inklusive Einrichtungen und bietet Planungsunterstützungen, Überlegungen zu geeigneten Maßnahmen und versucht das inklusive Verständnis näherzu bringen. (Booth, u.a., 2019)

2.5. Inklusion in derGesellschaft

In diesem Kapitel soll ein Blick auf das Inklusionsgeschehen innerhalb der deutschen Gesellschaft geworfen werden. Schulische Inklusion steht in einem ständigen Wechselspiel mit den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen. Daher stellt sich die Frage, in welchen Punkten die schulische Inklusion sich mit der Gesellschaft vereinbaren lässt und wobei es zu Schwierigkeiten kommt. Um diese Frage beantworten zu können wird zunächst das meritokratische Modell vorgestellt. Unter einer meritokratischen Gesellschaft versteht man eine Gesellschaft, in welcher Individuen ausschließlich auf Basis ihrer Leistungen einen sozialen Status, Bildungs­und Berufsgruppen zugeordnet werden. (Gruber, 2016, S.14) ,, Obwohl satirisch verwendet, hielt der Begriff Einzug in die politisch-soziologische Sprache als Beschreibung eines Tauschprinzips individueller Leistung gegen entsprechende Be- oder Entlohnung“ (Gruber, 2016, S.15). Das meritokratische System spiegelt sich im deutschen Gesellschaftssystem ebenfalls wieder. Über viele Jahre baute sich unsere Gesellschaft auf diesem Prinzip auf, heutzutage steht es immer mehr im Mittelpunkt der Kritik. So heißt es : wenn selbst die Etablierung leistungsbasierter Regeln in Organisationen oftmals nicht zur Beseitigung diskriminierender Behandlung führt, sondern sie indirekt sogar unterstützen kann“ (Gruber, 2016, S.17). Dieses Zitat, bezogen auf die Thematik der Inklusion, nennt bereits eine Problematik des Zusammenspiels von schulischer und gesellschaftlicher Inklusion. Wie kann man von Chancengleichheit, im Kontext von Inklusion, innerhalb einer meritokratischer Gesellschaft sprechen? Es kann nicht erwartet werden, dass ein inklusives Kind die gleiche Leistung, unter den gleichen Bedingungen, wie seine Klassenkameraden erbringt. Es wird demnach kritisiert, dass eine Individualisierung durch Leistung stattfindet. Weiterhin erfolgt die Leistungsbewertung aufgrund spezifischer, definierter Leistungskriterien, welche nicht demokratisch beschlossen wurden, sondern von Machtoberhäuptern festgelegt wurden. (Gruber, 2016, S.18) Es gibt zahlreiche weitere Kritiken hinsichtlich des meritokratischen Konzepts, jedoch möchte ich hier nun nicht weiter ins Detail gehen, eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik Leistung befindet sich in Kapitel 3. Das deutsche Gesellschaftssystem lässt sich demnach als Leistungsgesellschaft definieren. Dies bedeutet im Detail, dass Leistung zu einem Prinzip geworden ist, nachdem sich alle gesellschaftlichen Bereiche und Strukturen orientieren. Besonders bemerkbar macht sich dies in den Bereichen der Bildung und der Arbeitswelt. Eine erbrachte Leistung ist maßgebend für zukünftige berufliche und soziale Positionen. (Jürgens, 2010, S.14) Inwiefern das mit der Thematik der Inklusion und der Leistungsgerechtigkeit zusammenhängt, wird in Kapitel 4 erklärt. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass der Grundstein für eine inklusive Teilhabe am deutschen Gesellschaftssystem, aufgrund der bereits erläuterten, fest verankerten Regelungen und Gesetze, gelegt ist.

2.6. Schulische Inklusion

„Inklusive Bildung bedeutet zunächst, dass allen Menschen - unabhängig von Geschlecht, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, besonderen Lebensbedürfnissen, sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen - die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln. (Burtscher, u.a., 2013, S.151 Dieses Zitat gibt bereits einen perspektivischen Einblick was man unter schulischer Inklusion, im Generellen, verstehen kann. Im letzten Kapitel mussten wir feststellen, dass die Umsetzung des Konzepts der Inklusion, im Einklang mit der Gesellschaft, sich als schwierig gestaltet. Dieses Kapitel soll nun aufzeigen, welche Maßnahmen notwendig sind um ein Gelingen der inklusiven Schulentwicklung zu ermöglichen. Eine grundlegende Begriffserklärung, für Inklusion im schulischen Kontext, gestaltet sich als schwierig. Das Inklusionsverständnis unterscheidet sich von Autor zur Autor, von Land zu Land und von Wissenschaft zu Wissenschaft, (vgl. Moser, u.a., 2017, S.164) „So unterscheiden sich die einzelnen Verständnisse unter anderem in Bezug auf die Ziele von Inklusion, die Zielgruppe, die Legitimation, die Betrachtungsebene sowie die Umsetzung in der Praxis“ (Moser, u.a., 2017, S.165). Es lässt sich jedoch festhalten, dass Inklusion kein Status ist, sondern als Prozess verstanden werden muss. Zudem gibt es nicht eine bestimmte Zielgruppe, sondern alle Schülerinnen müssen in ihrer Individualität im Fokus stehen. Schulische Inklusion strebt die bestmögliche Qualifizierung und soziale Integration Aller an. (Moser, u.a., 2017, S.166) Mögliche Gelingensbedingungen für inklusiven Schulunterricht sind ein ausreichend ausgebildetes Kollegium, dazu gehören auch sonderpädagogische Lehrkräfte und Lernbegleiter; ein Kooperationsnetzwerk zwischen den unterschiedlichen Bildungseinrichtungen, mit dem Ziel des Kompetenztransfers; die Sicherung materieller Ressourcen; Methodenvielfalt im Unterricht, aber auch differenzierte Beurteilungen der Lernenden. ( Erbring, 2016, S.48 f.)

2.7. Fazit

Dieses erste Kapitel sollte einen Einblick in die Thematik der Inklusion gewähren. Man kann sagen, dass spätestens seit Anfang 2000 die Inklusionsdebatte an Popularität gewonnen hat. Die wichtigsten Punkte sollen hier noch einmal zusammengefasst werden. Inklusion verfolgt das Ziel eine gleichberechtigte Gesellschaft zu erschaffen, ohne gesellschaftliche Barrieren und mit der Möglichkeit der gleichberechtigten Teilhabe. (Spatscheck, u.a., 2017, S.25 ff.) Diese Ziel bezieht sich auf alle Heterogenitätsdimensionen und umfasst somit alle Menschengruppierungen, unabhängig von einer Behinderung. (Burtscher, u.a., 2013, S.28) Gestützt wird dieses Ziel von den bereits beschlossenen menschenrechtlichen Grundlagen im Bereich der inklusiven Bildung. Diese Gesetzen bieten eine gewisse Basis für die Umsetzung der Inklusion am deutschen Schulsystem, insbesondere die Grundsätze der Chancengleichheit, der Nichtdiskriminierung und der Gleichberechtigung stechen hervor. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist allerdings die einzige Konvention, welche bereits im Detail auf die Thematik der Inklusion eingeht und explizite Richtlinien im Bereich der Kinderbildung nennt. Mit dem Index für Inklusion gibt es bereits seit Anfang der 2000er Jahre ein geeignetes Handbuch zu inklusiven Unterricht, welches Lehrkräften als Orientierungsrahmen dienlich sein kann. Das deutsche Gesellschaftssystem hat sich als eine Leistungsgesellschaft geäußert, diese steht womöglich im Widerspruch zu dem Inklusionsgeschehen. Im Zusammenhang mit schulischer Inklusion ist es hierbei wichtig zu bemerken, dass Leistungen in der Schule entscheidend für zukünftige Chancen der Teilhabe in der Gesellschaft sind. Leistungen der Schulzeit ebnen den Weg für das zukünftige Berufsleben und somit auch den Status in der Gesellschaft. Die schulische Inklusion arbeitet darauf hin, dass alle Lernenden die gleichen Chancen und Möglichkeiten der Partizipation im Bereich der Bildung erhalten. Kapitel 2 verdeutlicht, dass es bis heute kein eindeutiges Verständnis von Inklusion gibt. Jede Wissenschaft definiert den Begriff auf unterschiedliche Weise, besonders die gesellschaftliche Inklusion wirft Fragen und Probleme auf. Wie kann eine gleichberechtigte Partizipation aller stattfinden, wenn diese Teilhabe abhängig ist von erbrachter Leistung? Und wie kann dementsprechend schulische Inklusion dafür sorgen, dass Leistungsbewertung gleichberechtigt vollzogen wird? Die gesetzliche Lage bietet immerhin eine Basis der Umsetzungsmöglichkeiten, aber in der Praxis kollidieren Gesellschaft und Bildungssystem miteinander. Inwiefern diese bisher gewonnenen Erkenntnisse helfen auf die Eingangsfrage eine Antwort zu finden, wird in Kapitel 5 erläutert. Kapitel 3 setzt sich nun intensiver mit dem Begriff der Leistung auseinander.

3. Leistung

3.1. Der Leistungsbegriff

Im folgenden Abschnitt wird versucht den Begriff der Leistung genauer zu definieren, zunächst mit einer allgemeineren Definition von „Leistung“. Der Begriff „Leistung“ findet sowohl in der Alltagssprache, als auch in der Wissenschaft Gebrauch.

Je nach Sprachkontext unterscheiden sich die Definitionen des Begriffes deutlich. Wenn man nun das Wort „Leistung“ im Duden nachschlagen würde, findet man vier verschiedene Bedeutungen:

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Details

Titel
Leistungsgerechtigkeit im Kontext von Inklusion. Eine Herausforderung an das inklusive Schulsystem
Autor
Seiten
33
Katalognummer
V1030458
ISBN (eBook)
9783346436443
ISBN (Buch)
9783346436450
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leistungsgerechtigkeit, kontext, inklusion, eine, herausforderung, schulsystem
Arbeit zitieren
Laura Mathieu (Autor:in), Leistungsgerechtigkeit im Kontext von Inklusion. Eine Herausforderung an das inklusive Schulsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030458

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