Zum Film "Papusza: Die Poetin der Roma"


Essay, 2019

4 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Papusza: Die Poetin der Roma

Gleich zu Beginn des Films „Papusza“ aus dem Jahr 2013, produziert von Krzysztof Krauze und Joanna Kos-Krauze, werden zwei Dinge hervorgehoben: Erstens, dass der Name „Papusza“ einem Baby gegeben wird, weil es „Puppe“ bedeutet und die junge werdende Mutter eine solche in einem Schaufenster sieht. Zweitens, dass das Leben dieses Kindes nicht einfach sein wird. Denn die Mutter gebiert sie allein und verlassen in einem Feld und die nächste Szene bestätigt beide Identifikatoren, als zwei weitere Frauen eine Art Geburtsritual an ihr vollziehen und diese Worte über ihr aussprechen.

Die nächste Szene zeigt Papusza, die eigentlich Bratislawa Waijs heißt und von ungefähr 1910 bis 1987 in Polen gelebt hat, im Gefängnis. Eine elegant gekleidete Frau überzeugt den leitenden Beamten, dass Papusza eine alte, verwirrte Frau und nicht mehr justizfähig sei. Von dem Gefängnis wird sie zu einem Opernhaus gebracht, das mit eleganten Menschen gefüllt ist. Dort muss sie einer Vorführung ihrer eigenen Lieder zuhören, die vor einer künstlich anmutenden Kulisse von einem Chor und Orchester vorgetragen werden. Sie erscheint so fehl am Platz, wie sie sich wahrscheinlich fühlt – und wie ihre Lieder vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte erscheinen, nun, da sie in einem geschlossenen Saal anstatt am Lagerfeuer vorgetragen werden. Papusza hält ihre Augen geschlossen und niedergeschlagen, erst mit zunehmender Intensität eines Liedes hebt sie diese auf. Sie scheint sehr abwesend und deprimiert zu sein, und obwohl keine Jahreszahlen angegeben sind, lässt sich vermuten, dass es sich hier um eine Zeit in ihrem Leben handelt, in der sie keine Gedichte mehr schreibt. Sie scheint sich selbst von ihnen abzuschotten zu versuchen, was ihr jedoch nicht gelingt. Denn das Heben der Augen zusammen mit der Musik und der unmittelbar darauffolgenden Szene weckt den Anschein, dass Papusza sich an ihr Leben erinnert, bevor sie in diese Traurigkeit verfiel.

Im Übergang auf diesen Rückblick gibt der Film, durchgehend in schwarz-weiß gehalten, zuerst einen Blick auf weite Felder und den Horizont. Es geht um den Tag, an dem eine etwa vierzigjährige Papusza dem Dichter Jerzy Ficowski begegnet, der in das „Zigeunerlager“ kommt, um einer Festnahme zu entgehen. Sie beobachtet den Fremden nur von der Ferne, während er sich redlich bemüht, das Vertrauen der Kinder im Camp zu gewinnen. Dass die Frauen das Eigentum des „Gadjo“ ungeachtet jeder Privatsphäre durchsuchen, erscheint dem Zuschauer als dreist, aber in der Mentalität der „Zigeuner“ gilt es nicht als unmoralisch, da es sich ja tatsächlich um Eigentum eines Außenstehenden handelt. Doch Papusza, die als einzige im Lager lesen kann, was in den Dokumenten steht, motiviert sich und die Frauen schließlich, die persönlichen Gegenstände wieder zurück zu geben.

Dieser Unterschied der Literarizität zwischen ihr und den anderen wird mal als nützlich betrachtet, mal als gänzlich unbrauchbar. In einem weiteren Rückblick auf eine ca. zwölfjährige Papusza erklärt ihre Mutter ihr sogar, dass sie einen Fluch auf das ganze Lager legen würde, sollte sie weiter die Flüche der Gadjo lesen (die sich, zumindest für den Zuschauer, nur als Reklamen herausstellen). Und tatsächlich verbreitet sich in einer Nacht, als Papusza sich zum Lesen davonschleicht, im Lager ein Feuer. Dennoch hält es sie nicht davon ab, weiter zu lernen. Eine vage Angst scheint aber zu bleiben, und sich auch immer wieder zu bestätigen, wenn man den Lebenslauf der Papusza anschaut. Natürlich lässt sich rückblickend und mit einer komplett anderen Sichtweise sagen, dass nicht das Lesen das Problem war, sondern die Gesellschaft, in der Papusza lebte. Denn diese veränderte sich nur widerwillig und nicht autogen, sondern hauptsächlich durch äußere Umstände bestimmt. Dass Papusza einfach ihrem Recht auf Bildung nachging kann man als innere Veränderung werten, das sie es selbst vorantreibt. Doch das Misstrauen der Roma allem gegenüber, was nicht aus ihrer Kultur und ihrem Verständnis stammt, lässt sie selbst dem Anspruch Papuszas, lesen zu lernen, argwöhnisch gegenüberstehen. Und Papusza holt sich schließlich auch Hilfe von außen, bei einer jüdischen Kauffrau lernt sie weiterlesen. Dass immer wieder schreckliche Dinge in ihrem Leben geschehen, lässt sich genauso gut dem Zufall zuschreiben – zumindest das Feuer in jener Nacht. Dass ihr Clan sie verstößt, nachdem ihre Gedichte so erfolgreich werden, und die Roma nicht mehr unsichtbar und unbekannt bleiben, wie es ihre Werte und Regeln vorschreiben, ist tatsächlich gesellschaftlich bedingt.

Das Feuer lässt sich jedoch auch als positives markiertes Motiv im Film vorfinden. Als Ort der Gemeinschaft, erstrecken sich hier die Gespräche am Lagerfeuer von dunklen Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung durch Hitler, bis hin zur Aufforderung an Papusza, zu singen. Dabei ist sie keineswegs so unterdrückt, dass sie sich hier nicht verweigern kann. Der Tag endet mit einem Blick von der Ferne auf das Lager mit seinen Feuerstellen und das nächste Bild zeigt wieder einen weiten Horizont, in dem der Wagentross unterwegs ist. Lagerfeuer und Wagen in Bewegung, fortschreitende Figuren, die immer wieder die Nahaufnahmen des Lagerlebens unterbrechen und gleichzeitig vorantreiben zeichnen die „Freiheit“ der Roma aus.

Tatsächlich wird im Film immer wieder bildlich dargestellt, was in Papuszas Gedichten zu hören ist: Landschaft, Wald, Himmel, Horizont, Lagerfeuer, die Weite, Bewegung, Nacht. Dabei hört man die Gedichte selbst nicht. Nur einmal erzählt sie ihrem Sohn – wiederum am Lagerfeuer – eines ihrer Gedichte, woraufhin der Dichter Jerzy Ficowski mit Faszination reagiert. Dieses für den Zuschauer sehr überraschende und wie aus dem Nichts kommende „Entdecken“ einer Dichterin ist eine der Lückenstellen des Films. Tatsächlich wäre es wünschenswert, weitere Gedichte von Papusza innerhalb der Narrative des Films zu hören. Es ist möglich, dass sie geschichtlich nicht ganz auf bestimmte Situationen zu münzen sind, doch wenn man sich schon die künstlerische Freiheit nimmt, Gespräche zu erfinden und Situationen auszubauen und auszumalen, dann kann man auch die Gedichte an entsprechenden Stellen einbauen. Ob sie nun in dieser oder jener Situation entstanden sind, ist nicht so wichtig, wie sie selbst sprechen zu lassen. Natürlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte, dennoch wäre es passend gewesen, beide nebeneinander zu betrachten.

So muss man dazu die Gedichte separat hinzuholen und mit der Verbildlichung im Film vergleichen. Mit dem „Zigeunerlied aus Papuszas Kopf gefertigt“ von 1950/51 lässt sich das gut machen. Obwohl es in einer Zeit entstanden ist, als die Dichterin schon sesshaft geworden war, drückt es die Liebe zum „Zigeunerleben“ dennoch sehr stark aus. Vielleicht ist es auch gerade aus dieser neuen Sesshaftigkeit entstanden, denn obwohl von Papusza anscheinend erwünscht, war es doch eine erzwungene Sesshaftigkeit – und jeder Übergang, jede drastische Veränderung eines Lebensstils ist schwer und lässt den Menschen sehnsüchtig auf die guten Aspekte des Vergeangenen zurückblicken.

Zigeunerlied aus Papuszas Kopf gefertigt (1950/51)

… Das Feuer lieb ich wie mein eignes Herz. / Winde, stark und sachte / Wiegten das Zigeunerkind, / trieben’s weithin in die Welt. / Regen wuschen mir die Tränen, / der Sonnenball – goldener Zigeunervater / wärmte mir den Leib / und versengt‘ mir schön das Herz…

Allein die erste flüchtige Lektüre weckt im Leser beziehungsweise Zuhörer eine Zuneigung und Liebe zu dem Feuer, den Winden, selbst dem Regen und der Sonne gegenüber. Näher betrachtet lässt sich eine Parallele zwischen erster und achter Strophe erkennen: das Feuer, das wie das eigene Herz geliebt wird, mag dasselbe sein, das mit der Kraft der Sonne das Herz versengt, so sehr ist es „in“ dem Herzen der Papusza verankert. Vor dem Hintergrund des Filmes denkt man bei dem Wort „Feuer“ sofort an jene Szene, die oben schon beschrieben ist: ein Lager am Fluss, behagliche Feuer brennend, Gespräche und Lieder zu hören, dann schließlich einschlafen unter freiem Himmel. Den Witterungen ausgesetzt zu sein gehört genauso dazu, selbst das Wetter in all seinen Elementen wie Wind, Regen und Sonne, sorgt für den „Zigeuner“. Und so geht es in den nächsten zwei Strophen weiter, voller Freude über die verschiedenen Aspekte des „Zigeunerlebens“, mit Ausrufen wie „Oj, wie ist es schön zu leben, / alles das zu hören!“. Selbst eine Geschichtlichkeit klingt durch, obwohl diese ja eigentlich im Widerspruch zu dem Gedächtnis der Roma gehört, welche keinen Begriff für Vergangenheit oder Zukunft kennen, wie Papusza es im Film dem Gadjo Dichter erklärt. „Keiner versteht mich, / nur Wälder und Flüsse. / Was ich erzähle, / ist längst schon vergangen, / hat mit sich genommen / die jungen Jahre.“ Melancholie, Sehnsucht, Vermissen klingt alles mit – genauso wie Papuszas einzigartige Situation als lesende und dichtende „Zigeunerin“, die sich auf der einen Seite mehr vom Leben erwünscht, als in ihrer Kultur möglich, und doch auf ganz verständliche Weise noch dazu gehören möchte. Das Leben zwischen zwei Welten stellt sich als eine komplexe, emotionale und einsame Sache heraus, die es vorsichtig und individuell zu gestalten gilt und die oft mit vielen Verletzungen und Enttäuschungen, Zurückweisungen und Verlusten einher geht.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Zum Film "Papusza: Die Poetin der Roma"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
HS: Unsere Nachbarinnen. Jüdinnen und „Zigeunerinnen“ in der neuesten Literatur Mitteleuropas
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
4
Katalognummer
V1030918
ISBN (eBook)
9783346432162
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachbarn, Sinti und Roma, neueste Literatur, Mitteleuropa, Polnische Literatur, Filmanalyse, Puppe, Gedichte, Oral Literature, Literarizität, Lieder
Arbeit zitieren
Josefine Stahl (Autor:in), 2019, Zum Film "Papusza: Die Poetin der Roma", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030918

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