Johann Gottfried Herder und der aufrechte Gang


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der aufrechte Gang bei Herder

3. Kritik der „Ideen“ Herders

4. Ausblick

1. Einleitung

„Europa muss zu seinen humanistischen Werten stehen!“ wird zur Zeit stärker als sonst gefordert, in einer Zeit, in der Menschen an den Außengrenzen Europas auf der Straße übernachten müssen. Der Begriff „stehen“ ist, wie am Beispiel zu sehen, nicht wörtlich zu nehmen, sondern fungiert als sprachliche Metapher. Diese Metapher durchzieht fast alle sozialen, geistigen und körperlichen Aspekte unseres Lebens. George Arthur Goldschmit bezeichnet dieses Wort sogar als „Grundwort“ der deutschen Sprache, weil das Wort „stehen“ fast in jedem dritten Satz zu finden und durch eine Vielzahl von Partikeln kombinierbar sei. Es ist nach Gerhard Gramm deswegen sogar eine der Hauptstützen der deutschen Sprache. Im Hinblick auf die deutsche Sprache und die deutschsprachige Philosophie falle auf, dass sie eine sehr leibliche und körpemahe Sprache ist. Vor allem sei das philosophische Sprechen aus Elementen des Wortes „Stehen“ durchdrungen. Als Beispiel nennt er die Wörter „Gegenstand“ oder „Standpunkt“. Bemerkenswert ist, dass alle philosophische Termini, die sich in der akademischen Philosophie verfestigen konnten, ihren bildlichen Hintergrund oder Ursprung nicht verloren haben. Diese philosophischen Terme schöpfen ihren kognitive Relevanz und ihrer allgemeine Orientierung aus der Kraft dieser Metapher, der eine welterschließende Kraft hätte. Diese Metapher könne besonders dazu dienen, Selbst-und Weltverhältnisse deutlich zu machen, weil sie einerseits eine Körperlichkeit beinhaltet, als auch einen weiten Symbolgehalt hat, wie z.B existentielle oder sexuelle Symbolgehälter. Doch diese Metapher würde auch Spannung hervorrufen, weil sie z.T Gegensätze hervorrufen würde. Die Metapher des „Stehens“ hätte nach Ivor Armstrong Richards nämlich Bestandteile, die begrifflich inkompatibel wären. Daher könne man nach Gerhard Gramm auch von der Metapher „stehen“ als eine Art Leitmetapher philosophischer Begriffsbildung sehen, die nicht nur eine epistemologische, sondern auch eine linguistische und kulturhistorische Dimension hat. Deswegen ist es nur sehr schwer nachzuvollziehen, ob die kognitiven oder figurative Bestandteile der Metapher dominieren. Zusammengefasst ist diese Metapher des „Stehens“ ein eindrucksvolles Beispiel, wie die Sprache philosophiert, unabhängig davon, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.1 Gottfried Herder hat das Potential der Metapher, dieses Pathoses, gesehen und mitgeprägt und u.a auf dem aufrechten Gang seine Natur- und Kulturphilosophie aufgebaut. Herder sah einen engen Zusammenhang zwischen dem aufrechten Gang, der Sprache und der (Vernunfts)-bildung, der in dieser Hausarbeit näher beleuchtet wird. Als Grundlage für diese Arbeit dient das Werk „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Zunächst wird ein geschichtsphilosophischer Abriss über den aufrechten Gang skizziert, bevor die Leitfrage beantwortet wird. Am Ende folgt eine kritische Bewertung der Position Herders.

Der aufrechte Gang wurde geschichtlich gesehen noch nie als reines anatomisches Faktum gesehen. Er diente immer schon zur Bestimmung von Selbst-und Weltverhältnissen. In der Antike konzentrierte sich das philosophische Denken eher auf äußere Phänomene, wie z.B. Himmelskörper, die Verwunderung im Subjekt auslösten. Daher dauerte es einige Zeit bis sich die Philosophie auf den Menschen selbst konzentrierte, weil die eigene Existenz keine Fragen hervorrief und als bekanntes Phänomen gesehen wurde. Demokrit z.B. bezeichnete den Menschen als Wesen, das „wir allen kennen würden“. Man könnte sogar von einem Desinteresse an der eigenen Existenz sprechen. Erst mit Philosophen wie Sokrates und der allgemeinen Sophistik hätte es eine anthropologische Wende gegeben. Nun war das „eigentliche Wesen“ des Menschen Gegenstand der philosophischen Untersuchung. Der Blick richtete sich nicht mehr nach außen, sondern nach „innen.“2 Weil sich die Philosophie nach „innen“ richtete, erschien das körperliche Dasein nur als eine bloße Oberfläche, die durchdringt werden muss, um das „eigentliche Wesen“ zu erkennen. Auch die Definition des Menschen von Aristoteles als Vernunft- und Sprachwesen (zoon logon) spiegelt den Übergang der Philosophie von außen nach innen ab, den die Philosophie in der Antike teilweise vollbracht hat. Dennoch hat sich die Definition des Menschen von Platon als „ungefiederten Zweibeiner“ hartnäckig lange gehalten und auch Aristoteles bezeichnete den Menschen in eigenen Schriften als „ungefiderten Zweibeiner“.3 Für Kurt Bayert hat die nachhaltige Attraktivität dieser Definition der Zweifüßigkeit zwei wesentliche Gründe: Zum einen liege es an der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen: der sich als zweifüßiges, aufgerichtetes Wesen wahmehme.4 Der aufrechte Gang und die Zweibeinigkeit sind so zentrale Bestandteile der Wahrnehmung des Menschen, dass sich diese nur schwer aus der Definition des Menschen entziehen würden. Der zweite Grund ist, dass sich der Mensch durch den aufrechten Gang und der Zweibeinigkeit von den vierfüßigen Tieren abheben möchte. Denn ist ein zenrales Motiv in der Anthropologie, sass sich der Mensch mit Tieren vergleicht und sich mit bestimmten Merkmalen, wie die des aufrechten Ganges, von den Tieren abgrenzen möchte. Zudem musste sich der Mensch im Kontrast zu zwei Seiten definieren, zum einen gegen die Götter und zum anderen gegen die

Tiere.5 Der aufrechte Gang als Eigentümlichkeit des Menschen wurde erst im Vergleich zwischen Mensch und Tier als Merkmal klassifiziert, weil die Menschen sich die Götter nicht als körperliches Wesen vorstellen wollten.6 Die antike Frage nach dem „eigentlichen Wesen des Menschen“ war vernetzt mit ethischen, komischen und theologischen Bezügen und war deshalb kein Gegenstand gesonderter Theoriebildung.7 Erst in der frühen Neuzeit konnte sich die Anthropologie teilweise von diesen Bezügen lösen.8

2. Der aufrechte Gang bei Herder

Herders Ideen können als Reaktion auf ein strukturelles Problem begriffen werden, das die Philosophie der Neuzeit im Bezug auf die Anthropologie hatte. Den je weiter sie ihre Anthropologie betrieb, desto größerer waren auch die Problematiken deutlich. Denn durch die vergleichende Anatomie verflüchtigten sich die Unterschiede zwischen dem Menschen und dem Tier immer weiter. Nach diesen empirischen Befunde der Naturwissenschaften im 18 Jahrhundert blieb für einige Philosophen nur eine Antwort übrig, nämlich, dass der Mensch nur ein Tier unter vielen sei. Durch diese empirischen Befunde ergab sich eine Spannung, die unterschiedliche Reaktionen verursachte. Zum einen gab es die philosophischen Materialisten. Sie folgerten, dass, wenn aus den empirischen Naturwissenschaft keine Sonderstellung des Menschen belegt werden könne, diese Sonderstellung auch nicht existieren kann. Zum anderen gab es die christlichen Theologen und Philosophen, die an ihrer spiritualistischen Anthropologie festhielten und die empirische Denkweise ablehnten. Diese beiden Strömungen waren die Eckpositionen eines Spektrums, innerhalb dessen sich weitere Denkansätze entwickelten. Neben den verschiedenen Formen des Dualismus, wie die von Descartes oder Kant in der Philosophie, die die verschiedenen <Seiten> des Menschen und die verschiedenen <Aspekte> gegenüber stellten und sie verglichen, so wollten andere Autoren solche Dualismen gerade überwinden und eine <ganzheitliche> Theorie des Menschen entwickeln.9 Diese Autoren der ganzheitlichen Theorie griffen dabei oft auf Ergebnisse verschiedene Denkströmungen zurück und kombinierten verschiedene Ergebnisse. Neben philosophischen Ergebnissen und naturwissenschaftlichen Ergebnissen , griffen sie auch auf religiöse Elemente zurück.10 Im vierten Buch seines Werkes „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ verfolgt Johann Gottfried Herder genau die ganzheitliche Position. Er ist eine Art versöhnendes Bindeglied zwischen den beiden Eckpunkten des Spektrums. Er ist in der schwierigen Position, weil er sowohl die tierische Leiblichkeit als auch die geistige und sprachliche Verfasstheit des Menschen im Einklang bringen muss. Herder versucht durch den Vergleich von „tierischer“ und „menschlicher“ Anatomie die Eigenständigkeit der menschlichen Gattung innerhalb des Tierreichs zu bewahren, ohne die Kette der Lebewesen zu unterbrechen. Er legt den Begriff „Geist“ nicht als Differenz zur Sinnlichkeit aus und greift auch nicht zu fatalistischen Lösungen. Johann Gottfried Herder versucht das Wesen des menschlichen „Geistes“ mit der dem Menschen eigentümlichen Konstitution seiner Wirklichkeit zu beantworten. Er geht von einer einzigartigen Freiheit und Vernunftsorganisation aus, die der Mensch im Vergleich zu den Tieren hätte. Diese Freiheit würde sich aus der physiologischen Organisation ergeben. Um diese physiologische Organisation zu belegen, vergleicht er den Menschen mit dem Orang-Utan.11 Dieser wäre dem Menschen im äußeren Erscheinungsbild sehr ähnlich, sowohl im Bezug auf innere Organe als auch die Schädelform. Im Vergleich zu anderen Tieren hätte er nach Herder keine determinierenden Instinkte mehr, sondern hätte ein Denkvermögen, das dicht am Rande der Vernunft stehen würde. Er wolle sich vervollkommnen, aber könnte dieses nicht, weil seine geistige Spähre verschlossen wäre, denn er könne fremde Ideen und eigene Ideen nicht miteinander verknüpfen.12 Im Vergleich zu den Menschen hätte der Uran Utan menschenähnliche Züge, z.B. im Bezug darauf wie sie Kulturtechniken anwenden (wie das Jagen und das Bewaffen). Nun fragt Johann Gottfried den Leser, was genau denn fehle, damit dieses menschenähnliche Tier als Mensch gesehen werden könne. Der zentrale Unterschied, der den Menschen von den Tiere unterscheide, wäre der aufrechte Gang, sowie die dadurch neue Lage des Hinterhauptloches am menschen Gehirn. Der Orang-Utan hätte 25 Unterschiede in der Muskulatur und dem Skelett, der ihn hindern würde, so wie der Mensch, ständig aufrecht gehen zu können. Er bezieht sich unter anderem auf naturwissenschaftliche Arbeiten seiner Zeit, z.B von Daubennton, um seine Interpretation der organischen Organisation des Menschen zum aufrechten Gang empirisch zu untermauern. Zum einen hätte der Mensch ein bestimmtes Verhältnis von Körpergewicht zum Gewicht des Gehirn, zum anderen wäre die gesamte Form des Gehirns und des Gesichts des Menschen auf den aufrechten Gang ausgelegt. Die Gehimbildung sowie die Ausbildung der Sinne des Menschen hänge wesentlich von seiner aufrechten Stellung ab. Denn „jedes Tiergehim ist nach der Bildung seines Kopfs, oder vielmehr diese nach ihm, geformt, weil die Natur von innen aus wirket. Zu welchem Gange, zu welchem Verhältnis der Teile gegeneinander, zu welchem Habitus endlich sie das Geschöpf bestimmte, darnach mischte und ordnete sie auch seine organischen Kräfte. Und so ward das Gehirn groß oder klein, breit oder schmal, schwer oder leicht, viel- oder einartig, nachdem seine Kräfte waren und in welchem Verhältnis sie gegeneinander wirkten. Darnach wurden auch die Sinne des Geschöpfs stark oder schwach, herrschend oder dienend. Höhlen und Muskeln des Vorder- und Hinterhaupts bildeten sich, nachdem die Lymphe gravitierte, kurz, nach dem Winkel der organischen Hauptrichtung.“13 Aus den Ergebnissen des anatomischen Vergleichs folgert Herder, dass der aufrechte Gang das entscheidende Merkmal des Menschen ist und unmittelbar mit der Vernunftsausbildung zusammenhängt. „Alle äußere Form der Natur ist Darstellung ihres inneren Werks; und so treten wir, große Mutter, vor das Allerheiligste deiner Erdenschöpfung, die Werkstätte des menschlichen Verstandes.“14 Als nächstes argumentiert Herder, dass der Mensch zur Kunst und zur Sprache organisiert sei. Der Mensch wäre mit dem aufrechten Gang ein Kunstgeschöpf geworden, denn durch die Befreiung der Hände wäre er nun dazu befähigt worden, Werkzeuge zu benutzen, zu erfinden und die Welt nach neuen Ideen „abzustasten“ und zu begreifen.15 Wiederum fördert das Benutzen und Erfinden der Werkzeuge die Funktion seiner Hände und der Gehirne, durch welche sich der Mensch vom Tier unterscheide.16 Doch alleine das Gehirn und die Hände würden nicht ausreichen, um das Wesen des Menschen zu beschreiben. Der Mensch brauche eine zusätzliche Triebfeder, damit seine Vernunft „erweckt“ werde. Dieser Faktor würde alles erstin Bewegung bringen. Diese Triebfeder nennt Herder „das göttliche Geschenk der Rede.“17 Nur durch die Sprache könne die nackte Fähigkeit der Vernunft aktiviert werden und lebendig werden. Das heißt, dass die Sprache elementar dafür ist, dass sich die Vernunft ausbilden kann. Als Beleg dafür, dass sich die Vernunft ohne die Sprache nicht ausbilden könne, nennt er das Beispiel von taubstummen Menschen. „Er ahmt nach, was sein Auge sieht, Gutes und Böses; und er ahmt es schlechter als der Affe nach, weil das innere Kriterium der Unterscheidung, ja selbst die Sympathie mit seinem Geschlecht ihm fehlet. Man hat Beispiele, daß ein Taub- und Stummgeborner seinen Bruder mordete, da er ein Schwein morden sah, und wühlte, bloß der Nachahmung wegen, mit kalter Freude in den Eingeweiden desselben: schrecklicher Beweis, wie wenig die gepriesne menschliche Vernunft und das Gefühl unsrer Gattung durch sich selbst vermöge.“18 Die Taubstummen würden nach Herder ohne die Sprache nicht nur die Kontrolle über ihre (menschliche) Vernunft verlieren, sondern auch ihr Empathievermögen. Deswegen bezeichnet Herder die Sprache auch als „Steuerruder unsrer Vernunft und die Rede als den Himmelsfunken ansehen, der unsre Sinnen und Gedanken allmählich in Flammen brachte.“19 Die Sprache hat somit einen immensen und positiven Einfluss auf die Vernunft, wie das Zitat „Von der Sprache also fängt seine Vernunft und Kultur an |...|“20 " zeigt. Zudem würde die Sprache die nackten Fähigkeiten des Menschen lebendig machen und ihn erst zum ganzen Menschen machen. Herder stellt weiter eine enge Verbindung zwischen der Sprache des Menschen und dem Denken her. „Nur durch die Rede wird Auge und Ohr, ja das Gefühl aller Sinne eins und vereinigt sich durch sie zum schaffenden Gedanken, dem das Kunstwerk der Hände und andrer Glieder nur gehorchet.“21 Herder geht davon aus, dass er einen Stufengang entdeckt hätte, an deren Spitze der Mensch mit seiner Sprache stehe. Er interpretiert die natürlichen Artikulationen des Menschen als Vorbereitung der Natur auf die menschliche komplexe Sprache.22 „Bei den Tieren sehen wir Voranstalten zur Rede und die Natur arbeitet auch hier von unten herauf, um diese Kunst endlich im Menschen zu vollenden.“23 Zusätzlich könne kein Tier das Niveau der menschlichen Sprache erreichen, da den Tieren wichtige Anatomien fehlen, wie z.B. der Kehlkopf.24 Wieder spielt Herder hier auf die physiologischen Organisation des Menschen an. Der Mensch wäre erst durch seine Anatomie und insbesondere durch den aufrechten Gang erst dazu fähig, die Sprache vollkommen zu entwickeln. Ohne die organische Gestalt des Menschen gäbe es keine menschliche Sprache. „Aber den Menschen baute die Natur zur Sprache; auch zu ihr ist er aufgerichtet und an eine emporstrebende Säule seine Brust gewölbet. Menschen, die unter die Tiere gerieten, verloren nicht nur die Rede selbst, sondern zum Teil auch die Fähigkeit zu derselben: ein offenbares Kennzeichen, daß ihre Kehle mißgebildet worden und daß nur im aufrechten Gange wahre menschliche Sprache stattfindet.“25 Doch die Funktion der Sprache ist nach Herder nicht die Laute der Natur nachzuahmen, sondern, ,,[...] Ideen in Töne zu prägen, Gestalten durch Laute zu bezeichnen und die Erde zu beherrschen durch das Wort seines Mundes.“ Aus diesem Zitat ist das Motiv der „Dominium terrae“ deutlich rauszuhören. Die Sprache dient als Mittel, um die Erde zu beherrschen. Auch im letzten Abschnitt ist die theologische Interpretation der Sprache deutlich zu erkennen: „nur mit der Organisation zur Rede empfing der Mensch den Atem der Gottheit, den Samen zur Vernunft und ewigen Vervollkommnung, einen Nachhall jener schaffenden Stimme zu Beherrschung der Erde, kurz, die göttliche Ideenkunst, die Mutter aller Künste.“26 Dennoch hält Herder daran fest, dass die Entstehung der menschlichen Sprache von der organischen Gestaltung des Menschen abhängt, auch wenn er den göttlichen Einfluss nicht ablehnt. Er betont vielmehr, dass der Mensch selbst die Sprache erschaffen hätte und dass die Sprache Einfluss auf die Vernunftsausbildung des Menschen hätte.27 Diese organische Organisation des Menschen und seine Fähigkeiten würden den Menschen dazu befähigen, dass er die Welt mit der Sprache und den Ideen beherrschen und formen kann. Herder versteht unter „Ideen“ nicht nur die passive Nachahmung von gesehenen Bildern durch die Einbildungskraft, vielmehr ist sie eine Art von positiver Schaffung. Daher ist die Idee ein Produkt von der menschlichen Stimme, die etwas erschaffen könne.28 Herder bezeichnet den Menschen gerade deswegen als ein Kunstgeschöpf, der sich und seine Umwelt formen könne. Auffällig ist, dass Herder die organische Beschaffenheit des Menschen abwechselnd auf naturalistischer, ästhetischer und symbolischer Weise darstellt. Dieses ist nach Kurt Bayertz kein Zufall, sondern hätte seine Wurzeln in dem gewählten konzeptionellen Ansatz von Herder. Herders Ideen sollen das Bild einer Welt widerspiegeln, die von Gott geordnet wäre und in deren Zentrum der Mensch stehe. Als Beleg dafür nennt er folgende Zitat von Herder „Vom Himmel muss unsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen, wenn sie einigermaßen diesen Namen verdienen soll. Denn da unser Wohnplatz, die Erde, nichts durch sich selbst ist, sondern von himmlischen, durch unser ganzes Weltall sich erstreckenden Kräften ihre Beschaffenheit und Gestalt, ihr Vermögen zur Organisation und Erhaltung der Geschöpfe empfängt, so muss man sie zuvörderst nicht allein und einsam, sondern im Chor der Welten betrachten, unter die sie gesetzt ist.“29 Bayertz sieht in dieser Passage ein kosmologisches Theoriedesign. Der aufrechte Gang ist für Herder somit ein Beleg dafür, dass der Mensch ein von Gott privilegiertes Wesen ist. Dieses wird ebenfalls eindeutig durch die folgende Passage: „Hören wir, wie die Erschaffung des Menschen durch die Gott-Natur in den Ideen beschrieben wird! «Als die bildende Mutter ihre Werke vollbracht und alle Formen erschöpft hatte, die auf dieser Erde möglich waren, stand sie still und übersann ihre Werke; und als sie sah, dass bei ihnen allen der Erde noch ihre vornehmste Zierde, ihr Regent und zweiter Schöpfer fehle: siehe, da ging sie mit sich zu Rat, drängte die Gestalten zusammen und formte aus allen ihr Hauptgebilde, die menschliche Schönheit. Mütterlich bot sie ihrem letzten künstlichen Geschöpf die Hand und sprach: <Steh auf von der Erde! Dir selbst überlassen, wärest du Tier wie andere Tiere; aber durch meine besondere Huld und Liebe gehe aufrecht und werde der Gott der Tiere!> Lasset uns bei diesem heiligen Kunstwerk, der Wohltat, durch die unser Geschlecht ein Menschengeschlecht ward, mit dankbarem Blick verweilen; mit Verwundrung werden wir sehen, welche neue Organisation von Kräften in der aufrechten Gestalt der Menschheit anfange und wie allein durch sie der Mensch ein Mensch ward.“30

[...]


1 Gramm, Gerhard: <Stehen>. In: Ralf Konersmann (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Metapher. Darmstadt 2014, S. 425.

2 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.17.

3 Ebd., S.25.

4 Ebd., S.33.

5 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.34.

6 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.34.

7 Ebd., S.39.

8 Ebd., S.45.

9 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.34.

10 Ebd., S.220.

11 Johann Gottfried Herder, Werke. Hg. von Wolfgang Proß. Bd. III: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Teilbde. (Bd. III/I: Text, Nachwort; 1185 S.; Bd. III/II: Kommentar, Register; 1031 S.). Carl Hanser Verlag, München - Wien 2002, S.235.

12 Ebd., S.235.

13 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Bände, Band 1, Berlin und Weimar 1965, S.149.

14 Ebd., S.140.

15 Ebd., S.162.

16 Wenwei, Pang: Das Sprachdenken in „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried, S.420.

17 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Bände, Band 1, Berlin und Weimar 1965, S.164.

18 Ebd., S.165.

19 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Bände, Band 1, Berlin und Weimar 1965, S.165.

20 Wenwei, Pang: Das Sprachdenken in „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried, S.420.

21 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Bände, Band 1, Berlin und Weimar 1965, S.164.

22 Wenwei, Pang: Das Sprachdenken in „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried, S.420.

23 Ebd., S.165.

24 Ebd., S.166.

25 Ebd., S.167.

26 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 2 Bände, Band 1, Berlin und Weimar 1965, S.168.

27 Wenwei, Pang: Das Sprachdenken in „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried, S.421.

28 Wenwei, Pang: Das Sprachdenken in „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried, S.421.

29 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.180.

30 Bayertz, Kurt. Der Aufrechte Gang: Eine Geschichte Des Anthropologischen Denkens. München: Verlag C.H.Beck, 2012, S.216.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Johann Gottfried Herder und der aufrechte Gang
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Kiel)
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V1030963
ISBN (eBook)
9783346432438
ISBN (Buch)
9783346432445
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, gottfried, herder, gang
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Johann Gottfried Herder und der aufrechte Gang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030963

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