Die Arbeit unternimmt den Versuch, Philosophieren mit Kindern als eine aussichtsvolle Methode der sprachlichen Bildung und Förderung im Setting der Ganztagsgrundschule zu begreifen. Im Zuge bildungspolitischer Diskurse stellt das derzeit im Fokus stehende Schulmodell nicht nur einen Bildungs- und Lernort für Schüler*innen dar, sondern versteht sich vor allem auch als ein Lebensort, der zahlreiche Dimensionen kindlicher Lebenswelten abbildet.
Da laut Statistiken von 2017 der Anteil der Kinder zwischen drei und sechs Jahren mit einem Migrationshintergrund in Deutschland bei 38 Prozent liegt, sind methodische Sprachbildungskonzepte in Einrichtungen wie der Ganztagsgrundschule angezeigt. Vor dem Hintergrund sprachlicher und kultureller Diversität an Grundschulen verdient das Philosophieren mit Kindern als eine Interaktionsform, die sprachliche Bildung als primärpräventive Aufgabe von Bildungseinrichtungen zu Gunsten von Chancengleichheit zu fördern vermag, besondere Beachtung.
Welche Wirkungen, Synergien und Chancen sie bereithält, soll in dieser Arbeit anhand einer Projektbetrachtung und Auswertung an einer Modellschule herausgestellt werden. Der Frage, wie sich das Format in den rhythmisierten Ganztag sinnvoll einbetten lässt und welche Bedeutung ihm im gesamten formalen wie auch non-formalen Spektrum des Schulalltags zukommt, soll ebenso nachgegangen werden wie der Fragestellung, ob über die sprachliche Bildung hinaus durch Philosophieren mit Kindern am Ort Ganztagsgrundschule auch Sprachförderung im Sinne einer Sekundärprävention möglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Migrationsgesellschaftliche Entwicklung in Baden-Württemberg
2.1 Ganztagsgrundschule als migrationsgesellschaftliches Mikrosystem
2.1.1 Eine Hinführung
2.1.2 Modell einer Karlsruher Ganztagsgrundschule
2.2 Bedeutung der Sprache
2.3 Philosophieren als Methode
3 Philosophieren mit Kindern als Interaktionsform
3.1 Begriffsklärung Philosophieren mit Kindern
3.2 5-Finger-Methode nach Martens
3.3 Prinzip sustained shared thinking
3.4 Aspekte der Sprachbildung/-förderung beim Philosophieren mit Kindern
4 Vorstellung des Projektes "Kinder philosophieren - kleine und große Fragen an die Welt" im Rahmen des AG-Angebots an der Grundschule am Wasserturm
4.1 Ausgangssituation und Setting
4.2 Zielsetzung und Fragestellung
4.3 Vorbereitungsphase
4.4 Durchführung und Verlauf
4.5 Abschluss: Exkursion – Dokumentation und Auswertung
5 Untersuchung
5.1 Design
5.2 Analyse
5.3 Qualitative Interpretation
5.4 Auswertung des Projektes
6 Chancen und Potentiale von PmK im Setting Ganztagsgrundschule – ein Fazit
6.1 Aspekt des rhythmisierten Ganztags
6.2 Aspekt des migrationsgesellschaftlichen Kontextes
6.3 Aspekt der Sprache
6.4 Interdisziplinäre Verknüpfung und Anschlussfähigkeit
6.5 Soziale und gesellschaftliche Dimension
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial von "Philosophieren mit Kindern" (PmK) als Methode der sprachlichen Bildung und Förderung innerhalb einer Ganztagsgrundschule mit hohem Migrationsanteil, um Ansätze für Chancengleichheit und soziale Teilhabe zu evaluieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie dieses Format in den rhythmisierten Ganztag eingebettet werden kann und ob es über die allgemeine sprachliche Bildung hinaus als Sekundärprävention fungieren kann.
- Strukturelle Analyse der Ganztagsgrundschule als migrationsgesellschaftliches Mikrosystem
- Einsatz und didaktische Anwendung der 5-Finger-Methode nach Martens
- Methodische Verknüpfung von Sprache, Denken und sozialen Interaktionsformen
- Qualitative Auswertung von Philosophieeinheiten mittels Mayring-Inhaltsanalyse
- Reflexion der Rolle von Philosophieren als vierte Kulturtechnik im Primarbereich
Auszug aus dem Buch
3.1 Begriffsklärung Philosophieren mit Kindern
In der berühmten Warum-Frage von Kindern manifestiert sich ihre ureigene Eigenschaft: das ‚Verstehenwollen‘. Ihre Neugier auf Zusammenhänge und Sinnhaftigkeit der sie umgebenden Umwelt zeigt sich in der Aktivität des Sich-an-jemanden-Wendens, der zumeist eine erwachsene Person ist. Darin lässt sich die intuitive Haltung des Kindes erkennen, sich gemeinsam - also in Interaktion mit einem Gegenüber auf die Suche nach Sinnfindungen zu machen. Das Erlangen von Antworten und Erklärungen auf große und kleine Fragen durch eine gemeinsame Suchbewegung scheint ein existentielles Bedürfnis von Kindern zu sein. Bereits seit der Antike existieren Vorstellungen und Überzeugungen über den elementaren Stellenwert von Philosophieren mit Kindern (vgl. Sinhart-Pallin/Ralla 2015: 9).
Als ‚natürliche implizite‘ Form des Philosophierens sieht Martens das erste Interagieren des Kindes mit seiner Umwelt, während dessen sich erste Aktions- und Sprachmuster etablieren. In dieser Phase gehe es um die zentralen W-Fragen des ‚Woher‘ und ‚Wohin‘ und um die Bedeutung von Wörtern (vgl. Martens 2010: 164). Insofern können Kleinkinder in Anbetracht ihrer kindlichen Naivität bereits als Philosophen gelten, wenn sie für (Natur-) Phänomene in der ersten Phase der präoperationalen Intelligenz nach Piaget (ca. 2-4-Jährige) beispielsweise animistische Erklärungsversuche anwenden. Dass sie dies tun, indem sie auf den sozialen Bereich des Menschen rekurrieren (vgl. Kienbaum/Schuhrke 2010: 167) lässt ein Denken in (dyadischen) sozialen Beziehungen erkennen sowie eine frühe Auseinandersetzung mit ihren sozio-kulturellen Kontexten, in denen Kinder aufwachsen und die sie offensichtlich prägen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfrage zur Bedeutung des Philosophierens mit Kindern im Kontext der Ganztagsgrundschule.
2 Migrationsgesellschaftliche Entwicklung in Baden-Württemberg: Analyse des gesellschaftlichen Kontextes und der Rolle der Ganztagsgrundschule als Lebens- und Lernort.
3 Philosophieren mit Kindern als Interaktionsform: Theoretische Fundierung der Methode, inklusive der 5-Finger-Methode und dem Prinzip des sustained shared thinking.
4 Vorstellung des Projektes "Kinder philosophieren - kleine und große Fragen an die Welt" im Rahmen des AG-Angebots an der Grundschule am Wasserturm: Praktische Beschreibung des durchgeführten Projekts, der Vorbereitung und der einzelnen Einheiten.
5 Untersuchung: Qualitative Analyse der gesammelten Transkripte und Auswertung der pädagogischen Interventionen.
6 Chancen und Potentiale von PmK im Setting Ganztagsgrundschule – ein Fazit: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf die Bedeutung der Methode für die pädagogische Praxis.
Schlüsselwörter
Philosophieren mit Kindern, Ganztagsgrundschule, Migrationshintergrund, Sprachliche Bildung, Sprachförderung, 5-Finger-Methode, sustained shared thinking, Inklusion, Partizipation, soziale Interaktion, interkulturelle Pädagogik, Qualitative Inhaltsanalyse, Schulentwicklung, Chancengleichheit, Menschenbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Philosophieren mit Kindern als pädagogische Interaktionsform, um sprachliche Bildung und Teilhabe in einer diversen Ganztagsgrundschule zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen der Migrationskontext, die Rolle der Sprache als Identitätsmerkmal und das methodische Konzept des Philosophierens zur Unterstützung kognitiver und sozialer Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Es soll evaluiert werden, inwieweit Philosophieren als festes pädagogisches Angebot im rhythmisierten Ganztag integriert werden kann, um Sprachbildung und Chancengerechtigkeit zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, bei der Transkripte aus durchgeführten Philosophie-AG-Einheiten anhand eines Kategoriensystems ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil dokumentiert das konkrete Projekt "Kinder philosophieren - kleine und große Fragen an die Welt", inklusive der methodischen Vorbereitung, der Durchführung und der Analyse einzelner Einheiten.
Was charakterisiert die Arbeit?
Die Verknüpfung von theoretischem Wissen aus der Migrationspädagogik mit praktischen Erfahrungen im Ganztagssetting sowie die Anwendung der 5-Finger-Methode nach Martens.
Warum wurde die 5-Finger-Methode gewählt?
Die Methode bietet eine anschauliche, strukturierte Anleitung für Kinder und Lehrende, um philosophische Denkweisen schrittweise als "Kulturtechnik" zu erlernen.
Welche Bedeutung spielt die Fotografie im Projekt?
Die Fotografie dient als Methode, um lebensweltbezogene Themen der Kinder aufzugreifen, abstrakte philosophische Fragen greifbar zu machen und Selbstwirksamkeit zu stärken.
Gibt es messbare Sprachfortschritte?
Eine quantitative Verbesserung des Sprachstands konnte nicht verifiziert werden, jedoch zeigten sich signifikante positive kommunikative Entwicklungsprozesse und eine gesteigerte dialogische Kompetenz bei den Kindern.
Was ist die Schlussfolgerung des Projekts?
Philosophieren stellt eine essenzielle Bereicherung für den Lebensort Ganztagsgrundschule dar, da es kognitive, sprachliche und soziale Entwicklungsprozesse in einer Weise verbindet, die über reine Wissensvermittlung hinausgeht.
- Arbeit zitieren
- Silke Habermaier (Autor:in), 2019, Sprachliche Bildung und Förderung in der Ganztagsgrundschule. Philosophieren mit Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031381