Deborah Singer aus dem Roman "Hiob" von Joseph Roth und die Frau Hiobs aus dem Buch "Hiob" des Alten Testaments

Figurenanalyse und Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Der Roman Hiob von Joseph Roth und das Buch Hiob des Alten Testaments
2.1 Der Roman Hiob von Joseph Roth
2.2 Das Buch Hiob im Vergleich

3. Deborah Singer und Hiobs Frau - Dieselbe Figur oder „nur“ eine Referenz?
3.1 Analyse: Die Figur der Deborah
3.2 Vergleich: Hiobs Frau

4 Fazit

5. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

"Es war ein Mann im Lande Uz, der hieB Hiob. Derselbe war schlecht und recht, gottesfurchtig und mied das Bose." In diesem an Marchen erinnernden Ton beginnt das biblische Buch Hiob, und es endet, fast wie ein Marchen, mit Hiobs zufriedenem Tod in hohem Alter. "Und Hiob starb alt und lebenssatt."1

Der Roman Hiob von Joseph Roth beginnt mit dem Satz: „Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfurchtig und gewohnlich, ein ganz alltaglicher Jude.“2 In dieser Arbeit sollen die beiden Werke behandelt und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt werden. Schon bei dem Vergleich des Romanbeginns mit dem Anfang des biblischen Buches Hiob fallen die Gemeinsamkeiten auf, die sich durch das ganze Werk ziehen. Ritter merkt zu diesem marchen- oder auch formelhaften Ton an, dass Roth so „dem Leser mit[teilt], dass er zum Zwecke der Belehrung die Folgehandlung aus der Wirklichkeit in eine weitgehende raum-zeitliche Distanz rucken wird, besetzt mit stereotypisierten Figuren.“3

Oftmals wird in Arbeiten, die Roths Werk mit der Geschichte der Bibel vergleichen, der Fokus auf die Figur des Hiob, beziehungsweise Mendel Singer selbst gelegt, oder es werden die Handlungsablaufe und dergleichen untersucht. In dieser Hausarbeit soll jedoch besonders die Figur der Deborah Singer analysiert werden, um diese anschlieBend mit der Frau des biblischen Hiobs zu vergleichen. Dabei wird die Figurenanalyse vor allen Dingen anhand Bachorz Kriterien erfolgen. Zweifelsohne muss dabei auch berucksichtigt werden, dass Hiobs Frau in der Bibel nur einen einzigen Satz von sich gibt, und Deborah Singer sich im Roman wesentlich ofter zu Wort meldet und generell eine sehr ausgearbeitete Figur ist. Daher werde ich mich auch mit der Frage befassen, ob es sich bei Deborah Singer um dieselbe Figur oder „nur“ um eine Referenz auf die Figur handelt.

2. Der Roman Hiob von Joseph Roth und das Buch Hiob des Alten Testaments

2.1 Der Roman Hiob von Joseph Roth

Joseph Roth, der „ Hiob den AuBenseiter aller AuBenseiter zum Gegenstand seines Romans machte: von Gott selbst ausgesondert, von der Welt verlassen, mit Gott hadernd, sitzt der biblische Hiob auf einem Haufen Asche und der Hiob des 20. Jahrhunderts in einem New Yorker Hinterstubchen.“4

So zumindest fasste es Huppauf einmal zusammen und deutete den Roman Roths somit als moderne Adaption der biblischen Geschichte. Ritter schreibt dazu: „Der referentielle Verweis auf das Buch Hiob und die paratextuelle Notiz vom Roman eines einfachen Mannes versprechen einen Zusammenhang von judisch-religioser und weltlicher Thematik, auf einen geschichtslosen Helden zielend.“5 In beiden Werken geht es um einen Mann, der sehr streng den judischen Traditionen folgt und tief in seinem Glauben verwurzelt ist. Beide Manner verlieren im Laufe der Erzahlung durch dramatische Schicksalsschlage ihre Familien, auch wenn die Einzelheiten sich hier sehr stark unterscheiden. Durch diese Ruckschlage wandelt sich der Glaube an Gott beider grundlegend und scheint zwischenzeitlich verloren. Das Ende ist in beiden Fallen glucklich, da die Protagonisten sich selbst wieder als glucklich, beziehungsweise zufrieden beschreiben. Der Mendel-Hiob findet einen Teil seiner Familie wieder, wohingegen der biblische Hiob neue Kinder bekommt und sein Ruf wieder hergestellt wird. Huppauf beschreibt die Handlung des Romans wie folgt: „Die Handlung ist »einfach« und linear aufgebaut, und obwohl Roth von Anfang an marchenhafte Erzahlelemente benutzt, bricht doch erst der SchluB deutlich mit der Plausibilitat eines psychologisch und soziologisch nachvollziehbaren Geschehens.“6 Der Schluss des Romans und auch der, der biblischen Geschichte, sind jeweils umstritten - dazu spater mehr.

Der Roman ist in zwei Teilen konzipiert. Ritter beschreibt sie als „dialektisch“7. Er ordnet die Handlungsteile folgenden Thesen zu: „Die Handlung kontrastiert den ersten Teil des Aufbruchs in die amerikanische Fremde (These: Amerikanismus) mit dem zweiten komplementaren Teil der Identitatskrise (Antithese: Antiamerikanismus), einmundend in den ungeschriebenen dritten Teil von Heimkehr und Identitatserhalt (Synthese).“8 Der erste Teil spielt hauptsachlich in der alten Heimat, dem fiktiven Ort Zuchnow9, die symbolisch fur die judische Traditionsgeschichte, in der Mendel selbst auch lebt, gelesen werden kann. Er vertritt nach Huppauf „den in seiner eigenen Welt anachronistisch gewordenen Anspruch des autonomen Subjekts durch den Idealtyp des biblischen Patriarchen.“10 In diesem ersten Teil werden die Familienmitglieder vorgestellt und die Kindheit und Jugend der Kinder erzahlt. Bruche bekommt dieses vermeintliche Familienidyll zum ersten Mal durch die Geburt des vierten Kindes Menuchim, der krank auf die Welt kommt. Ein weiterer Bruch stellt der verpflichtende Militardienst der beiden altesten Sohne dar. Einer wendet sich dadurch von der Familientradition ab und lasst sich verpflichten, wohingegen der andere auswandert und fortan in den USA lebt. Als die Tochter sich schlieBlich ebenso entgegen den Traditionen und Regeln mit einem Kosaken einlasst, fallt der Entschluss, dass die verbliebene Familie - also Eltern und Tochter - dem Sohn nach Amerika11 nachreist, den kranken Menuchim jedoch zuruck lasst. „In kurzen stakkatoartigen Satzen teilt Mendel seiner Frau Debora mit“12, dass sie nach Amerika gehen werden13. Dabei handelt es sich nicht um eine Frage oder Bitte, sondern um „harte Befehle, die kein Widerspruch dulden“14, es scheint, dass „Mendel auch sich selbst befiehlt, da er keinen anderen Ausweg weiB.“15 In dem Roman selbst heiBt es weiter: „Es war, als hatten sie, Deborah und Mendel, nicht freiwillig den EntschluB gefaBt, nach Amerika zu gehn, sondern als ware Amerika uber sie gekommen“16. Amerika soll eine bessere Zukunft fur die Tochter ermoglichen und die Familie wieder mit einem Sohn vereinen. Jedoch ist „[d]er Amerikamythos [...] bruchig, die Vision fragwurdig. Amerika statt des Shtetl: die Identitatskrise des Helden verstarkt sich.“17

Die Lage der Familie Singer und vor allem der Widerspruch, der sich in Mendels Weltbild manifestiert, wird in dem Roman auf einer weiteren sehr speziellen Ebene gespiegelt. Die Vornamen der Familienmitglieder der Singers sind nicht bedeutungslos, wie es auch in der judischen Tradition verankert ist. Jedoch lasst sich gegen Ende des ersten Teils eine beinahe gegensatzliche Art zwischen der Namensbedeutung und den Handlungen der Namenstrager:innen beobachten.

„Jonas, der >Friedliebende<, wird Soldat; Schemarjah, der >von Gott Behutete<, emigriert; Mirjam, die >Fruchtbare<, zeigt nymphomanische Neigungen; Menuchim, der >Troster<, ist ein Kruppel; die Ehefrau Deborah, die >biedere FleiBige<, wird depressiv, Mendel, >mit dem Gott ist<, agiert hilflos und selbstanklagend.“18

Der erste Teil des Romans endet kurz nach der Ankunft in New York. Die Reise war muhsam, aber weitgehend ohne Komplikationen, doch der Anfang in den USA bringt vor allen Dingen Schwierigkeiten fur Mendel, sich in die neue Ordnung zu integrieren. „Begrenztes Anpassen und Dulden zeichnen die Haltung der wahren Uberlegenheit aus.“19 Diese Beschreibung Huppaufs des skeptischen Handlungsideals trifft exakt auf Mendel Singer zu, da er auf seine neue Heimat und samtliche Veranderungen seiner Lebenssituation mit Passivitat und eben jener begrenzten Anpassung antwortet. Im Gegensatz dazu steht die Leichtigkeit, die Deborah und Tochter Mirjam bei der Integration zu haben scheinen. Fur sie wird zu Beginn „the American Dream“ zur Wahrheit. Deborah assimiliert sich. Und so wird an einer Stelle beispielsweise beschrieben, dass sie schon zehnmal im Kino war20. Zeitgleich beginnen die Hoffnungen „in Amerika eine ganze fremde Welt zu finden, in der es moglich gewesen ware, das alte Leben und Menuchim sofort zu vergessen“21 zu schwinden. Denn „dieses Amerika war keine neue Welt. Es gab hier mehr Juden als in Kluczysk.“22 Und so vergisst auch sie das zuruckgelassene Kind Menuchim nie. Der Sohn Schemarjah, der sich in den USA dann Sam nennt, hat sich sehr gut integriert und lebt den Traum ebenfalls, fur Mendel an vielen Stellen zu viel, da er ihn nicht wieder zu erkennen scheint. Mendel selbst uberwaltigt die Geschaftigkeit, die Geschwindigkeit und auch das Chaos, welches ihm begegnet. Fur ihn zeigt sich Amerika „als »Konglomerat aus Kaufleuten, Industriellen, Bankiers und Angestellten« [, die] durch »Gewaltigkeit, Rastlosigkeit und Industriezivilisation« [zu imponieren versuchen]“23.

Der zweite Teil spielt komplett in den USA. Er beginnt mit der Beschreibung, dass sich nun auch Mendel eingewohnt zu haben scheint, und die Hoffnung erfullt sich vermeintlich. Jedoch bleibt Mendel passiv. Er gewohnt sich in sein neues Umfeld, in sein Wohnviertel, ein, aber kreiert beinahe ein neues Schtetl in New York. Ritter schreibt dazu: „Mendel Singers beharrlich immobile Lebensweise setzt sich in der Handlung des zweiten Romanteils fort.“24 Mit der Zeit scheinen sich jedoch alle soweit eingelebt und integriert zu haben, und es steht die Uberlegung im Raum, Menuchim nach Amerika zu holen, da dieser gewisse Entwicklunsgfortschritte zu zeigen scheint, wie ein Brief aus der Heimat den Singers mitteilt - Menuchim hat angefangen zu sprechen.25 Und auch der Sohn Jonas schreibt einen Brief und berichtet, dass es ihm gut gehe. Ritter bezeichnet diese Episoden des Romans als „retardierende Momente der erzahlerischen Dramaturgie“26. Denn dann beginnt der Krieg, Sam beschlieBt mitzuziehen und fallt, das gleiche Schicksal ist vermutlich auch Jonas widerfahren, der als verschollen gemeldet wird. Zudem scheint nun einen Zusammenfuhrung mit dem zuruckgelassenen Sohn Menuchim unmoglich. Deborah stirbt schlieBlich vor Kummer nach der Nachricht des Todes von Sam. Mirjam wird verruckt und in eine Psychiatrische Anstalt gebracht. Erst hier ist der wirkliche Tiefpunkt fur Mendel erreicht, den man zunachst schon fruher vermutet hatte.

An diesem Tiefpunkt sucht Mendel Antworten auf die Frage des Warums. Huppauf schreibt dazu, dass die Frage der Schuld Mendel antreibt und sieht die Uberzeugung von Montaigne, dass es niemanden ohne eigene Schuld schlecht ginge, als „Grundlage fur Mendel Singers wiederholte und stets bohrender werdende Frage: »Wo ist die Sunde«?“27 Neben dieser Frage begleitet Mendel Singer Angst. Diese begleitet die gesamte Familie Singer bereits seit der ersten Romanhalfte. Im zweiten Teil des Romans beginnt die Angst allerdings diffus zu werden. An die Stelle der konkreten Angst vor dem Zaren, den Soldaten, den Kosaken und Bauern et cetera tritt die Angst vor dem Unbekannten, die Mendel Singer in Amerika permanent umgibt. In einem Gesprach mit Freunden nach diesem Tiefpunkt sagt Mendel jedoch „Ich habe keine Angst, meine Freunde!“28 und „[m]it der Angst hat Mendel das Leben der Menschen hinter sich gelassen und wartet auf den Tod.“29 Er hat sich von seinem Glauben, von Gott und von seinem alten Leben losgesagt.

Nach einiger Zeit findet er eine Schallplatte mit emem Musikstuck, dass Menuchims Lied heiBt. Eine zweite Peripetie folgt daraufhin in Form von Menuchims Wiederkehr. Erst im Lied, dann auf einem Bild, das ihm gereicht wird, auf dem er aber seinen Sohn nicht erkennt, und schlieBlich in der Person Menuchims selbst. Zum Osterfest besucht ihn ein Fremder, der sich dann als der verlorene Sohn entpuppt oder fast schon „offenbart“30. Dieser Besuch an der Ostertafel spielt mit der Thematik des Abendmahls und diese „spirituelle »Erwartung eines Wunders« stilisiert der Text zum tatsachlichen Wunder“31. Menuchim „wird - im Kontext des Osterfestes als Auferstehungsfeier - zum Erloser spirituell uberhoht, den in seinem Taufnamen angelegten Auftrag des »Trosters« am Vater erfullend “32 In der Vereinigung Menuchims und Mendels „vollzieht sich die Wiederherstellung seiner Lebensbalance unter dem Diktum von Liebe, Glaube, Hoffnung“33. Spatestens vollzieht sie sich dann, wenn Menuchim Mendel in den letzten Satzen des Romans verspricht, Mirjam zu helfen und ihn zuruck nach Europa zu holen, wo ihn nun auch Enkelkinder erwarten.

Der Schluss34 des Romans ist sehr umstritten. Hahn schreibt dazu: „Als sich zum SchluB der Geschichte ein fast marchenhaftes happyend einstellt [...] ist von Gott nicht mehr die Rede. Eine unmogliche Literatur, Literatur in einem zu weichen Ton, der sich am Geschehen reibt.“35 Wahrend ihn einige als zu weich bezeichnen, sehen ihn andere als genau richtig und im Einklang mit dem Marchenton, den der Roman an anderer Stelle ebenfalls anschlagt. Einige lesen ihn auch einfach als Parallele der biblischen Geschichte. Roth selber schreibt spater, dass er den Ton zu weich gewahlt hat. Oder in seinen Worten: „Es ist mir zu virtuos in seinem Geigenton: Paganini; das Leid ist zu schmackhaft und weich.“36 Dass Menuchim jedoch in Europa bleiben musste und Mendel mit ihm zuruckkehrt, ist aus Raffels Sicht notwendig, denn„[a]uf so etwas Altmodisches wie wie ein Wunder kann man nur in Europa hoffen, in Amerika darf man nicht daran glauben“37 - zumindest in der Romanrealitat. Und genau das war die verpflichtende Bedingung fur Menuchims Heilung: Die Moglichkeit eines Wunders, die er in Amerika nicht mehr gesehen hat, weshalb er auch mit den alten Traditionen und dem Glauben brach. Die Bedingung, unter welcher „Mendel Singer einen Zipfel des Glucks erhaschen konne“38 war in der sonstigen Romanrealitat nicht gegeben, denn „auBerhalb des Wunders hat Roth keine solche Bedingungen gefunden“39.

2.2 Das Buch Hiob im Vergleich

Nicht nur den Titel haben das Buch der Bibel und der Roman von Joseph Roth gemeinsam. Nach Hahn handelt es sich um die „umfangreichste epische Umschrift der Hiobsgeschichte und als solche ganz der Lutherschen Ubersetzung verpflichtet, die bis in die Diktion des Textes hinein nachgeahmt wird.“40 Dementsprechend wurde auch in dieser Arbeit die Ubersetzung nach Martin Luther verwendet, denn so lassen sich auch sprachliche Ubereinstimmungen erkennen, wie die des Begriffes „gottesfurchtig“, der sowohl zur Beschreibung des Hiob im Buch der Bibel, als auch zur Beschreibung des Mendel-Hiob im Roman verwendet wurde. Der Begriff an sich zeigt auch direkt eine groBe Ubereinstimmung, denn die reine Gottesfurcht wird beiden zeitweise zur groBten Last. Erst die Uberwindung der Furcht befreit beide Protagonisten und lasst sie zu ihrem jeweiligen Happy End kommen.

Gemeinsamkeiten liegen zunachst einmal in der generelle Situation der Protagonisten, welche uber Umwege zu einem unbegrundet harten Leben kommen. Obwohl es dem Bibel-Hiob davor ausgesprochen gut ging und der Fall somit nochmals verdeutlicht wird und radikaler erscheint - nicht zuletzt die Geschwindigkeit der aufeinanderfolgenden Schicksalsschlage - hat sich auch Mendel-Hiob vor der Geburt Menuchims trotz des vergleichsweise bescheidenen Lebens nicht beklagt. An dieser Stelle sollte nochmals betont werden, dass im Selbstverstandnis Mendels Umfeld ein krankes Kind nicht grundlos in eine Familie geboren wurde, sondern aufgrund einer vorangegangenen Tat.41 Mendel reagiert auf seine Schicksalsschlage vor allen Dingen mit der Frage: „Warum bin ich so gestraft?“42 Und er beginnt bei sich nach der moglichen Sunde zu suchen, findet aber keine. Deborah Singer gibt sich spater selbst die Schuld und sieht ein Ereignis der Vergangenheit als Grund fur Menuchims Krankheit. In der Bibel sind die Strafen Versuchungen des Teufels, der Gottes treuesten Diener testen will, bei Mendel-Hiob sieht es eher nach einer generellen Strafe Gottes aus. Gleich bleibt das „Warum“, worauf es bei beiden keine Antwort gibt. Diese fuhrt zu einem groBen Unverstandnis seitens der jeweiligen Frau, dazu spater mehr.

Die vermutlich groBte Ubereinstimmung erfolgt im Roman sehr spat durch Gesprache mit den Freunden Mendels. In der biblischen Geschichte bilden diese Gesprache den Hauptteil, im Roman konnten sie eher als Wendepunkt beschrieben werden. Ubereinstimmend sind dabei vor allen Dingen die Bildsprache, aber auch zu einem gewissen Teil die Figuren, denn die Freunde erfullen jeweils dieselbe Funktion und lassen sich auch den jeweiligen Personen der Bibel zuordnen. Zudem haben ihre Reden jeweils identische Anteile in Bibel und Roman. Hahn beschreibt diese Szene wie folgt:

„Als Mendel Singer, der Hiob des Romans, nach dem Tod seiner Frau Deborah Gebetsschal und Gebetsriemen, die Bibel und andere hebraische Bucher verbrennt, als er schlieBlich auch Gott verbrennen will, zitieren ihm seine drei Freunde den biblischen Hiob. Im Rekurs auf den alten Text sprechen sie das Deutsch Luthers. Doch nicht nur uber die Sprache der Zitate wird der Geschichte ein bestimmter Hiob implantiert, vielmehr ist die gesamte Struktur des Textes nur auf dem Hintergrund von Luthers Lesart zu verstehen.“43

Die drei Freunde sprechen aktiv uber die biblische Geschichte und ziehen den Vergleich zwischen Mendel Singer und Hiob: „erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ahnliches geschehen wie dir. [...] Auch er lasterte Gott. Und doch war es eine Prufung gewesen“44 Doch Mendel will dies so nicht akzeptieren. Er fragt: „Und warum ist Menuchim krank? Schon seine Krankheit war ein Zeichen, daB Gott mir zurnt - und der erste der Schlage, die ich nicht verdient habe.“45 So antwortet er auch direkt auf die qualende Frage, die ihn antreibt: Warum?

Es wird auBerdem ausgesprochen, dass das einzige, was Mendel noch „retten“ konne, was Gott fur ihn noch tun konne, ein Wunder ware. Doch Mendel bleibt dabei, dass es Wunder nicht mehr gebe. Menkes, der bedachtigste der Freunde, der mit dem biblischen Elihu verglichen werden kann46, wendet ein, dass maBige Wunder moglich sind. Und schlieBlich kommt Mendel zu demselben Schluss, zu dem auch Hiob in der Bibel kam: „Alle Jahre habe ich Gott geliebt, und er hat mich gehaBt. Alle Jahre habe ich ihn gefurchtet, jetzt kann er mir

[...]


1 Barbara Hahn: Hiobsgeschichten. Ubersetzungen und Umschriften von Martin Luther bis Martin Buber. In: Deutsche Vierteljahrsschrift fur Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. 71 (1), 1997. S. 146.

2 Joseph Roth. Hiob. Roman eines einfachen Mannes. In: Ders.: Reclam XL. Text und Kontext. Hg. von Wolfgang Pfutz. Stuttgart 2013. S. 7.

3 Alexander Ritter: Uber das »Gleichgewicht zwischen der Tischplatte und ihrer kunstlichen Verlangerung«. Zur kulturkritischen Antithese >Amerika< und der Lebensbalance in Joseph Roths Hiob (1930). In: Johann G. Lughofer; Mira M. Zalaznik (Hrsg.): Joseph Roth. Europaisch-judischer Schriftsteller und osterreichischer Universalist. Berlin 2011., S. 93.

4 Bernd Huppauf: Joseph Roth: Hiob. Der Mythos des Skeptikers. In: Bernd M. Kraske (Hrsg.): Joseph Roth. Werk und Wirkung. Bonn 1988. S. 36.

5 RITTER (2011), S. 92.

6 HUPPAUF (1988), S. 28.

7 RITTER (2011), S. 92.

8 RITTER (2011), S. 92.

9 ROTH (2013), S. 190. Anmerkungen: Zuchnow: fiktiver Name einer russischen, vermutlich in der westlichen Ukraine gelegenen Kleinstadt mit vormals hohem judischen Bevolkerungsanteil (Schtetl)

10 HUPPAUF (1988), S. 43.

11 Mit „Amerika“ sind in dieser Hausarbeit stets die USA gemeint, da in dem Roman jedoch der Begriff „Amerika“ gebraucht wird, tauchen in der Arbeit beide Begriffe auf.

12 Eva Raffel: Vertraute Fremde. Das ostliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig. In: Christine Bierbach (Hrsg. u. a.): Mannheimer Beitrage zur Sprach- und Literaturwissenschaft. Band 54. Tubingen 2002, S. 218.

13 „Wir werden nach Amerika fahren. Menuchim muB zuruckbleiben. Wir mussen Mirjam mitnehmen. Ein Ungluck schwebt uber uns, wenn wir bleiben.“ ROTH (2013), S. 67.

14 RAFFEL (2002), S. 219.

15 Ebd.

16 ROTH (2013), S. 92.

17 RITTER (2011), S. 96.

18 RITTER (2011), S. 93.

19 HUPPAUF (1988), S. 41.

20 Vgl. ROTH (2013). S. 106.

21 ROTH (2013). S. 107.

22 ROTH (2013). S. 107f.

23 RITTER (2011), S. 91.

24 RITTER (2011), S. 96.

25 Vgl. ROTH (2013), S. 114.

26 RITTER (2011), S. 96.

27 HUPPAUF (1988), S 41.

28 ROTH (2013), S. 144.

29 HUPPAUF (1998), S 46.

30 Vgl. RITTER (2011), S. 97.

31 RITTER (2011), S. 97.

32 RITTER (2011), S. 98.

33 RITTER (2011), S. 98.

34 „Mendel schlief ein. Und er ruhte aus von der Schwere des Glucks und der GroBe der Wunder.“ ROTH (2013), S. 184.

35 HAHN (1997), S. 160.

36 ROTH (2013), S. 201.

37 RAFFEL (2002), S. 228.

38 HUPPAUF (1988), S. 47.

39 Ebd.

40 HAHN (1997), S. 159.

41 RAFFEL (2002), S. 207.

42 ROTH (2013), S. 42.

43 HAHN (1997), S. 159.

44 ROTH (2013), S. 141.

45 ROTH (2013), S. 143.

46 Vgl. ROTH (2013), S. 143 und Hiob 32.

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Details

Titel
Deborah Singer aus dem Roman "Hiob" von Joseph Roth und die Frau Hiobs aus dem Buch "Hiob" des Alten Testaments
Untertitel
Figurenanalyse und Vergleich
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Katalognummer
V1031406
ISBN (eBook)
9783346437464
ISBN (Buch)
9783346437471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deborah, singer, roman, hiob, joseph, roth, frau, hiobs, buch, alten, testaments, figurenanalyse, vergleich
Arbeit zitieren
Tabea Mielitz (Autor:in), 2021, Deborah Singer aus dem Roman "Hiob" von Joseph Roth und die Frau Hiobs aus dem Buch "Hiob" des Alten Testaments, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031406

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