PSK und andere Statistiken. (Mediale) Rezeption von Kriminalitätsstatistiken am Beispiel von Gewalt gegen PolizistInnen


Seminararbeit, 2020

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG UND ZENTRALE FRAGESTELLUNG

II. DIE PKS UND ANDERE STATISTIKEN
1. Die Polizeiliche Kriminalstatistik
a. Vorkommen und Verbreitung von Kriminalität - Ein Jahresvergleich
b. DasDunkelfeld
2. Andere Kriminalstatistiken
a. Strafverfolgungsstatistik
b. Staatsanwaltschaftliche Statistiken und Strafvollzugsstatistiken
c. Validität der einzelnen Statistiken - Ein Vergleich
d. SonstigeMethoden zur Aufschlüsselung der Kriminalität
3. Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik
a. Änderungen des Strafrechts, der Erfassung von Kriminalität und der Summenschlüssel
b. Sonstige Vorgänge, -welche die Vergleichbarkeit der PKS im Zeitverlauf berühren
c. Anzeigeverhalten, Veränderungen der Registrierungspraxis und des Kontrollverhaltens der Polizei

III. GEWALT GEGEN POLIZISTINNEN
1. Mediale Wirklichkeit - Gewaltdarstellung gegenüber Polizistinnen
2. Fiktionale und reale Gewalt
a. Langfristige Fallentwicklung 2003-2017
b. Anstieg der letzten Jahre (2018-2019)
aa. Fehlende Vergleichbarkeit zu den Jahren davor
bb. Zahlen von 2018 und 2019 - Ein echter Vergleich möglich?
i. Gesamtbild aller aufgeführten Straftaten im Bundeslagebild
ii. Erfassung der Taten nach §113 StGB im Bundeslage-. 23 bild
iii. Medialer Vergleich mit Vorjahreszahlen - Ungenauigkeiten im... 24 Sprachgebrauch
iv. Polizei - kein unbeteiligter Beobachter
v. Verhältnis zu anderen Straftaten
c. Bewertung der medialen Darstellung-politische -wie -wirtschaft-... 26 liehe Interessen

IV. FAZIT

Literaturverzeichnis

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I. Einleitung und zentrale Fragestellung

Kriminalstatistiken gehören zu den ältesten beständig erhobenen Sozialindikatoren. Die Geschichte der geführten und veröffentlichten Kriminalstatistiken reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück.1 Sie galten anfänglich als Informationsquellen, um „Urtheile über den sittlichen Zustand des Volkes“ zu fällen und wurden dabei zum Beispiel dazu verwendet, um das Verhältnis von Nahrungsmittelpreisen und Diebstahlsraten zu untersuchen.2

Eine genaue Analyse langer Zeitreihen von Kriminalstatistiken sowie kurzfristiger Fluktuationen innerhalb dieser werden bis heute genutzt, um Erklärungsansätze für die Beziehung zwischen dem sozialen und gesellschaftlichen Wandel in Deutschland und der Entwicklung der Kriminalität zu begründen. Ziel der Erhebungen ist es zudem, Erkenntnisse zur vorbeugenden und verfolgenden Kriminalitätsbekämpfung, für organisatorische Planungen und Entscheidungen, kriminalpolitische Maßnahmen sowie für die kriminologisch-soziologische Forschungen zu gewinnen.

Heute werden Kriminalstatistiken wie die jährlich erhobene Polizeiliche Kriminalstatistik3 zudem häufig in der öffentlichen Debatte als Anzeichen für die Entwicklung von Kriminalität aufgeführt und tragen so entscheidend zu dem damit verknüpften Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bei.

Gerade die Gewalt- und Widerstandshandlungen gegen Polizeibeamte haben in jüngerer Zeit eine neue Stufe des öffentlichen Diskurses erreicht. Diese Problematik ist gerade auch von kriminologischem Interesse, da die Polizei zum einen eine zentrale Funktion als Sicherheitsorgan der Bevölkerung aufweist und zum anderen als Teil der Exekutive die Funktion hat, den demokratischen Rechtsstaat zu repräsentieren.

Ungeachtet dessen ist die Bedeutung und Aussagekraft dieser Statistiken als Sozialindikator schon lange umstritten. So stellt sich fortwährend die Frage, inwiefern sich Kriminalstatistiken tatsächlich als Indikator sozialer Problemlagen eignen oder vielmehr nur die Arbeitsnachweise der staatlichen Strafverfolgungsorgane wiederspiegeln. Kriminalität lässt sich zudem nicht als naturgegebenes Phänomen ausweisen. Das Kriminalitätsaufkommen ist stets abhängig von gesellschaftlich gesetzten Normen, Kriminalitätsdefinitionen und der Anwendung von Rechtsnormen, die dem Wandel der Zeit unterliegen.4 Auch die Kriminalitätserfassung hat im Laufe der Jahre grundlegende Änderungen und Brüche erlebt. Deren Interpretation erfordert daher eine besondere Sorgfalt.5

Um zu einer kritisch-wissenschaftlichen Betrachtung dieser Problematik beizutragen, soll zunächst auf die Frage eingegangen werden, ob aufgrund empirischer Erkenntnisse eine Steigerung oder eine Abschwächung der Delinquenz in Deutschland festgestellt werden kann. Weiter wird untersucht, wie die PKS und andere Statistiken Delinquenz statistisch ausdrücken und welche Aussagekraft dieser Darstellungen zukommt. Überdies wird auf etwaige Faktoren eingegangen, die zu berücksichtigen sind. Gesondert werden die Kriminalitätsentwicklungen bezüglich der „Gewalt gegen Polizistinnen“ beleuchtet und darauf eingegangen, inwiefern eine mediale Rezeption dieser Statistiken erfolgt und diese Darstellungen repräsentativ für die tatsächlichen Entwicklungen stehen.

II. Die PKS und andere Statistiken

1. Die Polizeiliche Kriminalstatistik

Die PKS wird seit 1953 kontinuierlich geführt und durch das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht. Das BKA fasst dabei die Datensätze der einzelnen Landeskriminalämter über die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten in den einzelnen Bundesländern zusammen. Hierbei werden alle der Polizei bekannt gewordenen strafrechtlichen Sachverhalte erfasst. Ausgenommen hiervon sind Verkehrs- sowie Staatschutzdelikte und darüber solche Delikte, für die die Polizei nicht zuständig sind (Steuer- und Finanzdelikte, etc.) oder die direkt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurden. Die PKS spiegelt dabei zum einen sozial abweichende Verhaltensnormen und zum anderen die strafrechtliche Kontrolle wieder. Gerade durch das mehrstufige System der Sozialkontrolle wird der PKS ein besonderer Wert gegenüber anderen Kriminalstatistiken zugemessen. Der Effekt der Sozialkontrolle wird im sog. „Trichtermodel“ deutlich.6 Die Ausgangszahlen beziehen sich auf die bundesweit erfassten absoluten Zahlen bezüglich Verbrechen und Vergehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Trichtermodell - Kriminalitätsmessung auf Grundlage der amtlichen Statistik, Quelle: Statistisches Bundesamt, Justiz auf einen Blick S.6, Wiesbaden 2011.

Das Trichtermodel der Strafverfolgung erläutert, wie sich das Ausmaß und die Dimensionen der registrierten Delinquenz in den einzelnen Verfahrensabschnitten relativieren und verringern. Die Trichterstufen erläutern dabei, wie Polizei und Justiz die registrierte Kriminalität bewerten. Daraus wird deutlich, dass letztlich nur ein Bruchteil der bekannt gewordenen Delikte auch zu einer strafrechtlichen Sanktionierung der Täter führt. Die PKS kommt diesem Ausfilterungsprozess zuvor und veranschaulicht dadurch ein größeres Gesamtbild.

a. Vorkommen und Verbreitung von Kriminalität

- Ein Jahresvergleich

Die Kriminalstatistiken wie die PKS sollen außer zur Messung des Ist-Zustandes auch Antworten über zeitliche Verläufe und Entwicklungen geben.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklungen bei Straftaten insgesamt - Polizeiliche Kriminalstatistik 2019, S.26, Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2020.

Betrachtet man die Entwicklungen der letzten Jahre, ist die Fallzahl der in der PKS aufgeführten „Straftaten insgesamt“ rückläufig. Im Jahr 2019 wurden 5.436.401 Fälle registriert, was einem Rückgang von 2,1 % zum Vorjahr (2018: 5.555.520) entspricht, obwohl die Einwohneranzahl im Bundesgebiet allein in diesem Zeitraum um 226.862 Menschen anstieg. Darüber hinaus lagen in den Jahren 2014 bis 2016 die Fallzahlenjeweils noch bei über sechs Millionen Fällen. Eine vergleichbar geringe Anzahl an Fällen wie 2019 gab es zuletzt 1992.8 Auch die Zahl der Tatverdächtigen ist mit 2.019.211 um - 1,6% niedriger als im Vorjahr (2018: 2.051.266). Dabei sind 75,6% der Tatverdächtigen männlich und der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen beträgt - wie im Vorjahr - circa 35%.9 10 Hingegen ist die die Aufklärungsquote für bekannt gewordene Straftaten auf 57,5% und damit knapp unter dem Höchststand von 2018 (57,7%)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Straftatenanteile an Straftaten insgesamt - Polizeiliche Kriminalstatistik 2019, S.24, Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2020.

Gerade im Hinblick auf die einzelnen „Straftatenanteile an Straftaten insgesamt“ lässt sich der Rückgang der absoluten Zahlen gut nachvollziehen. Besonders die unter dem Summenschlüssel „Diebstahlkriminalität“ zusammengefassten Delikte (wie z.B der einfache und schwere Diebstahl) sowie der „Straßenkriminalität“ (umfasst verschiedenste Delikte, unter anderem viele der „sonstige Straftaten“), die einen großen Anteil der Gesamtkriminalität ausmachen, sind stark rückläufig. (-5,9% bei der „Diebstahlkriminalität“ mit 1.822.212 Fällen, was damit dem niedrigsten Stand seit 1987 entspricht - 2018: 1.936.315 Fälle und - 4,9% bei der „Straßenkriminalität“ 2018: 1.131.088 Fälle - 2019: 1.075.143 Fälle).11

Dem gegenübergestellt steigt hingegen gleichzeitig die Verbreitung von kinderpomografischen Schriften drastisch um 64,6% innerhalb nur eines Jahres, sowie die Computerkriminalität (+11,3% zum Vorjahr) und der Widerstand gegen und tätlicher Angriff auf die Staatsgewalt um immerhin 8,2% zum Vorjahr.

Bei diesen Entwicklungen ist letztlich jedoch zu beachten, dass es sich bei der PKS um eine sog. „Ausgangsstatistik“ handelt. Die Straftaten werden folglich erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen erfasst, sodass bei der Erfassung der Straftaten eine zeitliche Verschiebung, welche das Deliquenzvorkommen verzerrt.12

b. Das Dunkelfeld

Die PKS spiegelt letztlich nur das sog. „Hellfeld“ der Delinquenz wider. Das bedeutet, dass nur die Kriminalität, die von den Opfern angezeigt oder durch eigene Ermittlungsarbeiten der Polizei entdeckt wird, in der Statistik aufgenommen wird. Die Straftaten, welche der Polizei und der Staatsanwaltschaft nicht bekannt werden, bleiben schlussendlich verborgen und bilden das sog. „Dunkelfeld“. Einzelne Dunkelfeldforschungen gehen davon aus, dass die Zahl der nicht aufgedeckten Straftaten bei bis zu 95% Prozent liegt, wobei die Zahl der im Dunkelfeld verbleibenden Kriminalität bezüglich besonders schweren Straftaten deutlich niedriger zu sehen ist, da derartige Taten leichter und schneller bekannt werden.13 Letztlich jedoch ist das Verhältnis zwischen Hell- und Dunkelfeld grundsätzlich unbestimmt, da eine vollständige Aufhellung des Dunkelfeldes praktisch nicht umsetzbar ist.14 Zum einen ist, wie bereits erwähnt, die Größenordnung je nach Delikt unterschiedlich, zum anderen lässt sich aus der Vergrößerung des Hellfeldes keine äquivalente Verkleinerung des Dunkelfeldes ableiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Denn auch wenn das registrierte Hellfeld zum Beispiel von den der Polizei bekannt gewordenen Gewaltdelikten zunimmt, kann dennoch ein gleichzeitiger Anstieg von der im Dunkelfeld begangenen und verborgen gebliebenen Gewaltdelikten gegeben sein und somit auch eine Vergrößerung des Dunkelfeldes (siehe Abbildung 4: Jahre 1990-1994). Andererseits kann auch bei einer Abnahme des Dunkelfeldes gleichzeitig eine Abnahme des Hellfeldes gegeben sein (siehe Abbildung 4: Jahre 1994-2002). Die Abbildung bezieht sich zwar auf die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und nicht auf Deutschland, solche Ergebnisse müssen aber auch bei der Analyse der Kriminalitätsentwicklung in Deutschland hinreichend berücksichtigt werden.15 Entscheidend für die Größe von Hell- und Dunkelfeld ist letztlich das Anzeigeverhalten der Bevölkerung sowie das Kontrollverhalten der Polizei.

Dem Dunkelfeld wird positiv vor allem teils eine regulative und erhaltende Funktion in der Gesellschaft zugesprochen. Nach dieser Ansicht würde eine vollständige Ahndung der Delinquenz zu einem Kollaps des Justizapparates sowie einer Abnutzung der sozialen Normen führen. Die nicht erkannte Kriminalität schützt folglich die Rechtsnormen und sorgt für Akzeptanz und Orientierung in der Bevölkerung. Diese generalpräventiven Effekte würden sonst verloren gehen.16

2. Andere Kriminalstatistiken

Neben der PKS gibt esjedoch noch weitere Kriminalstatistiken und Methoden die zur Kriminalitätsanalyse herangezogen werden.

a. Strafverfolgungsstatistik

Im Vergleich zur PKS erfasst die Strafverfolgungsstatistik (StVStat) alle vor Gericht verurteilten Täter und wird daher auch als „Verurteiltenstatistik“ bezeichnet. Sie beruht historisch gesehen auf der „gerichtlichen Verurteiltenstatistik“ (von 1882-1942 als „Reichskriminalstatistik als Reihe in der Statistik des Deutschen Reiches“ herausgegeben), welche die längste historische Zeitreihe unter den Kriminalstatistiken verzeichnet und versucht die Kriminalitätsentwicklung bis zurück ins Jahre 1836 zu veranschaulichen.17 Ab 1950 wurde die Reihe in der Bundesrepublik als Strafverfolgungsstatistik vom Statistischen Bundesamt in Kooperation mit den Justizverwaltungen der Länder, den Statistischen Landesämtern und dem Bundeszentralregister herausgegeben. Als Rechtsgrundlage für die StVStat dient das Bundesstatistikgesetz (BStatG) in der Form des Beschlusses vom 20. 10. 2016.18 Sie gibt die Verurteiltenrate für die Bundesrepublik Deutschland (zunächst ohne neue Bundesländer) wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Verurteilte (mit und ohne Straftaten im Straßenverkehr) und polizeilich registrierte Staftaten, 1834-2011 (Raten pro 100.000 strafmündige Bevölkerung/Wohnbevölkerung), Oberwittler in Ralph 2015, S. 561.

In der StVStat werden die abgeurteilten und verurteilten Jugendlichen, Heranwachsenden und Erwachsenen jeweils nach Geschlecht, Straftat und Art der Entscheidung sowie ferner nach dem Alter zur Tatzeit und der Art und Höhe der erkannten Strafen und Maßregeln aufgeschlüsselt dargestellt. Betrachtet man diese, lässt sich im Hinblick auf die Rate aller verurteilten Personen pro 100.000 Einwohner im Unterschied zur PKS ein stabiler Verlauf mit eher geringen Steigerungen erkennen.19 Inhaltlich lassen sich aus der StVStat insbesondere Rückschlüsse über die Rechtsfolgen von Straftaten für die ermittelten Straftäter ziehen. Unmittelbare Folge ist, dass zum einen die Erfassungszeiträume der PKS und der StVStat nicht kongruieren und zum anderen die Erfassungsmethoden heterogen sind. Überdies kann dem einzelnen Fall im Justizbereich eine andere strafrechtliche Beurteilung zukommen als zuvor der polizeilichen Ermittlung.

b. Staatsanwaltschaftliche Statistiken und Strafvollzugsstatistiken

Staatsanwaltschaftliche Statistiken und Strafvollzugsstatistiken bilden weitere Säulen der Kriminalstatistik. Sie werden ebenfalls jährlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Erstere greifen alle eröffneten Verfahren auf und sind vor allem durch die Ausweitung von Verfahrenseinstellungen relevant, geben jedoch keine Auskunft über die Straftat als solche oder die Tatverdächtigen. Durch die Strafvollzugsstatistiken lassen sich insbesondere die Struktur der Gefängnispopulation im Erwachsenen- und Jugendstrafvollzug in demographischer und kriminologischer Sicht sowie Veränderungen im Zeitverlauf darstellen. Die im Strafvollzug befindlichen werden dabei nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Familienstand, Staatsangehörigkeit, Art und Dauer des Vollzugs, Art der Straftat sowie Zahl der Vorstrafen charakterisiert.20 Ferner wird der Bestand an Insassen in sämtlichen Justizvollzugsanstalten nachgewiesen. Auch lassen sich Informationen über die Art der Zu- und Abgänge für die einzelnen Vollzugsarten veranschaulichen. Für umfänglichere historische Zeitreihen sind die beiden Statistiken jedoch noch nicht geeignet. Auch konnten die Statistiken der aufeinanderfolgenden Instanzenstufen bisher noch zu keiner zusammenhängenden Verlaufsstatistik zusammenzufasst werden, die das System der staatlichen Sozialkontrolle verdeutlichen.21

c. Validität der einzelnen Statistiken - Ein Vergleich

Betrachtet man die einzelnen aufgeführten Statistiken wird deutlich, dass es bei allen zu einem „Täterschwund“ aufgrund des oben aufgeführten Trichtermodells kommt.22 Die PKS steht dabei noch an der ersten obersten Stufe des Trichtermodells und erfasst somit die meisten Straftaten. Gerade im Hinblick auf die einzelnen Delikte, den Täter sowie das Opfer liefert die PKS dadurch noch die genauesten Informationen zur Kriminalität und dessen Entwicklung. Auch aus diesem Grund wird die PKS oft von Legislative, Exekutive und Wissenschaft als erstes Mittel zur Kriminalitätsanalyse herangezogen.

[...]


1 Weick, S.l, Heinz 1990, S.50f.

2 Weick, S.l; Starke, S. 4.

3 im Folgenden PKS genannt.

4 Oberwittler in Albrecht/Groenemeyer 2012, S.772, Oberwittler in Kopp 2016, S. 257ö

5 Oberwittler in Albrecht/Groenemeyer 2012, S.773, Oberwittler in Kopp 6, S. 257ff; W

6 Schwind 2016, S. 50.

7 Bortz/Döring, S. 295 ff.

8 Jehle, DRiZ 2017, 126 ; PKS 2019, S10.

9 PKS 2019, S. 12, 32.

10 PKS 2019, S.26.

11 PKS 2019, S.15, 16.

12 PKS 2014, S. 3.

13 Heinz 2007, S. 306 f.

14 Popitz inPohlmann/Eßbach, S. 164; Heinz 2007, S. 306 f.

15 Heinz: 2004, S.35ff.

16 BearbeiterinPohlmann/Eßbach, S. 164.

17 OberwittlerinRahlf2015, S. 561 ff.

18 BG-Blatt Teil I 2016, S. 2394.

19 OberwittlerinRahlf2015, S. 561 ff.; Möllers 2018, Strafvollzugsstatistik, Rückfallstat

20 Meier 2009, 27.

21 RfSW2009, S. 15ff.; Weick, S.2.

22 Schwind 2016, S. 50

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
PSK und andere Statistiken. (Mediale) Rezeption von Kriminalitätsstatistiken am Beispiel von Gewalt gegen PolizistInnen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Strafrecht)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
34
Katalognummer
V1031704
ISBN (eBook)
9783346434180
ISBN (Buch)
9783346434197
Sprache
Deutsch
Schlagworte
statistiken, mediale, rezeption, kriminalitätsstatistiken, beispiel, gewalt, polizistinnen
Arbeit zitieren
Benjamin Lehnhof (Autor:in), 2020, PSK und andere Statistiken. (Mediale) Rezeption von Kriminalitätsstatistiken am Beispiel von Gewalt gegen PolizistInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031704

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