[...]
Der vorliegende Aufsatz untersucht die Kategorien des ICH und des WIR bei Judith Butler. Grundsätzlich wichtig erscheint, Butlers Konstruktion und Entwicklung der beiden Begriffe zu analysieren. Butler spricht nicht vom Ich, sondern vom Subjekt. Die Schwerpunkte ihres Subjektbegriffs liegen dabei in der Dezentrierung des Subjektbegriffes, der Gleichsetzung von Identität mit Geschlechtsidentität und der Materialisierung von Körpern. Auch in dieser Arbeit wird diese ‘Dreifaltigkeit‘ beibehalten. Besondere Beachtung findet immer wieder das nicht-heterosexuelle Subjekt in seiner Marginalisierung. Das WIR im zweiten Teil wird auf die Kategorie Frau und auf ihrem Operieren auf politischer Ebene, insbesondere der feministischen und nicht-heterosexuellen Ebene, hin untersucht. Dabei steht nicht nur zur Diskussion, wie Butler das ‘Subjekt’ entwickelt, sondern auch, wie es sich in ihrer Theorie zum WIR verhält. Dabei habe ich versucht, möglichst praxisnah zu bleiben, soweit dies bei einer vollständig theoretischen Grundlage überhaupt möglich ist. Deshalb habe ich viele Ansätze und Aspekte von Butlers Theorie aussparen müssen, wie z.B. verschiedene philosophische (Derrida, Foucault) und psychoanalytische Aspekte (Kastrationsangst, Phallozentrismus), um zugunsten von Subjekt, Identität und Körper praxisbezogen arbeiten zu können. Diese ‘Dreifaltigkeit‘ scheint mir, um Butlers Theorie zu erfassen, durchaus wichtig. Weiterhin dringlich erschien mir, um Butler besser orten und verständlicher machen zu können, Übersetzungen und Gegenpositionen ihrer Kritiker mit einzubringen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Feminismus
1.2. Performativität
2. Das ICH
2.1. Butlers Subjekt Begriff
2.2. Das nomadische Subjekt
2.3. Identität
2.4. Butlers Identitätsbegriff
2.5. Das Queer- ICH
2.6. Drag
2.7. Körper
2.8. Butlers Handlungsbegriff
2.9. Zusammenfassung und Überlegung
3. Das WIR
3.1. ‘Die Frau’ ist tot – Es lebe ‘die Frau’
3.2. Das IHR- Das andere
3.3. Queer – WIR
4. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die komplexe Theorie der feministischen Theoretikerin Judith Butler in Bezug auf die Subjektbegriffe ICH und WIR verständlich aufzuarbeiten, um zu klären, wie Butler das Subjekt definiert und wie sich die Handlungsfähigkeit innerhalb dieser Konzepte gestaltet.
- Analyse der dekonstruktivistischen Subjektkonzeption nach Judith Butler
- Untersuchung der Performativität als Basis für Identitätsbildung
- Kritische Betrachtung der Geschlechterrollen und der Materialisierung von Körpern
- Erforschung der politischen Handlungsfähigkeit in einer dekonstruierten Identitätspolitik
- Reflektion über das feministische "WIR" und den Umgang mit dem "Anderen"
Auszug aus dem Buch
1.2. Performativität
Da bei Butler alles diskursiv ist, verwundert es nicht, daß die Basis ihrer Theorie die Performativität ist. Der Ausdruck ‘Performativität’ basiert auf der Sprechakttheorie von John L. Austin. Performative Sprechakte produzieren oder verwandeln eine Situation. Sie sind „niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘, sondern sie ‚gelingen‘ oder schlagen ‚fehl‘. Diese Unterscheidung ist für die Theorie der Identitätspolitik, die sich auf den Begriff der Performation stützt, von entscheidender Bedeutung. Denn die Produktivität von Sprechakten „ist der Motor, der alles am Leben hält und ins Leben ruft. Sprachliche Akte bringen die Körperumrisse, Geschlechtsidentitäten, souveräne Subjekte hervor. Durch sie ‚materialisieren‘ sich Macht- und Herrschaftsverhältnisse.“
Das Verb ‘to perform’ hat im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Es bedeutet u.a. verrichten, leisten und ausführen. Für Butlers Theorie sind die Übersetzungen aufführen, spielen und vortragen relevanter. Auch das Substantiv ‘performance’ gleich Aufführung ist schlüssig. Dabei hat Performace in Butlers Theorie nichts mit Schauspielerei zu tun, da sie nicht willkürlich ist und demnach auch nicht als subversives Mittel angesehen werden kann. Butler entwickelt Derridas Begriff der Performativität „als eine Praxis des Zitierens“ weiter. „Ein Diskurs funktioniert [...] durch das Zitieren von Normen, wodurch das Zitierte materialisiert wird.“ Daraus folgt, daß es einen fixierten Diskurs nicht gibt. Das Gegenteil ist der Fall, er ist immer eine diskursive Praxis, die im historischen Kontext gesehen werden muß.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung und den theoretischen Hintergrund von Judith Butlers Arbeit hinsichtlich Geschlecht und Subjekt.
2. Das ICH: Detaillierte Untersuchung des Butler’schen Subjektbegriffs, der Identität, der Körperlichkeit und der Handlungsfähigkeit des Ich.
3. Das WIR: Analyse des feministischen Kollektivs, des Umgangs mit dem "Anderen" und der Bedeutung des queer-Begriffs für die soziale Gemeinschaft.
4. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und kritische Reflektion der Umsetzbarkeit von Butlers Theorien in die politische Praxis.
Schlüsselwörter
Judith Butler, Subjekt, Performativität, Geschlechtsidentität, Dekonstruktion, Drag, Körper, Handlungsfähigkeit, Feminismus, Queer-Theorie, Heterosexuelle Matrix, Identitätspolitik, Macht, Diskurs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Konzepte von Judith Butler, insbesondere wie sie das Subjekt sowie die Kategorien ICH und WIR innerhalb der feministischen Theorie definiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Performativität, die Dekonstruktion von Geschlechtsidentitäten, die Rolle des Körpers und die politische Handlungsfähigkeit in der poststrukturalistischen Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Butlers komplexe und oft als schwer zugänglich empfundene Theorie verständlicher zu machen und zu hinterfragen, wie Identität und Handlungsfähigkeit in ihrer "Macht- und Diskursmatrix" funktionieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine dekonstruktivistische Herangehensweise, um Butlers Begriffe in den Kontext feministischer Debatten und Identitätspolitik einzuordnen und kritisch zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des ICH (Subjektbegriff, Körper, Identität) und des WIR (die Kategorie Frau, das Verhältnis zum Anderen und queere Gemeinschaften).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Judith Butler, Performativität, Subjekt, Geschlecht, Identität und Dekonstruktion.
Warum wird "Drag" als zentrales Beispiel bei Butler angeführt?
Drag dient Butler als parodistische Strategie, um den "Natürlichkeitsanspruch" heterosexueller Normen zu entlarven und zu zeigen, dass Geschlecht ein konstruierter Effekt ist.
Inwieweit ist Butlers Theorie praxistauglich?
Die Autorin kritisiert, dass Butlers Theorie aufgrund ihrer hochabstrakten Sprache schwer in konkrete politische Handlungsanweisungen zu übersetzen ist, erkennt jedoch ihr Potenzial zur Horizonterweiterung an.
- Quote paper
- Wiebke Bötefür (Author), 2001, Das Ich und das Wir in der feministischen Theorie von Judith Butler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1032