Russland im Konflikt mit der Ukraine

Eine Analyse anhand des Neorealismus


Essay, 2018

6 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Lehrstuhl fur Internationale Beziehungen

Proseminar: Einfuhrung in die international und europaische Politik (WS 2018/19)

Eingereicht am: 04.12.2018

Russland im Konflikt mit der Ukraine - Eine Analyse anhand des Neorealismus

1. Einleitung

Seit Februar 2014 herrscht zwischen der Ukraine und Russland ein bewaffneter Konflikt, dem bislang mehr als 3000 Menschen zum Opfer fielen. Dieser Konflikt dauert bis heute an und spitzt sich in den aktuellen Ereignissen weiter zu. Doch wie kommt es zu diesen kriegsahnlichen Zustanden in der Ukraine? Dazu ist ein Ruckblick in die Historie der beiden Konfliktparteien Russland und Ukraine, besonders in das Jahr 2013 notwendig: Nach der Majdan-Revolution, der Ubergangsprasidentschaft von Oleksandr Turtschynow und der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommen mit der EU sah Russland eine Bedrohung in der Ukraine, die auf dem Weg zu einer westlich orientierten Demokratie war. Russland reagierte 2014 mit der Annexion der Halbinsel Krim, womit Russland nicht nur das Volkerrecht, sondern auch mehrere bilaterale und multilaterale Abkommen wie das Budapester Memorandum von 1994.1 Dieser Schritt loste nicht nur eine Reihe von gewaltsamen Ereignissen in der Ostukraine aus, sondern stellt auch die internationale Gemeinschaft vor die Herausforderung des richtigen Reagierens auf die Ereignisse.

Aufgrund der andauernden Aktualitat des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland ist eine Betrachtung von groBer Relevanz und soll im Folgenden unter der Frage: „Wie lassen sich die aktuellen Ereignisse der Krim-Halbinsel seit dem 25. November 2018 aus der Sicht des Neorealismus erklaren?“ analysiert werden. Der Neorealismus als Weiterentwicklung des Realismus durch Kenneth Neal Waltz bietet hierbei die Moglichkeit die Staaten unabhangig von deren innerer Organisation und Aufbau zu betrachten. Zudem spielen bei der neorealistischen Analyse nichtstaatliche Akteure keine Rolle, womit der Fokus auf die Staaten und die Struktur des internationalen Systems gesetzt wird.

Zunachst soll die Theorie des Neorealismus dargestellt werden und einer Prufung hinsichtlich der Erklarungskraft unterzogen werden. Im zweiten Teil soll die Theorie auf das empirische Beispiel der aktuellen Ereignisse bei der Krim Halbinsel angewendet werden. Ziel ist es, eine Erklarung fur das auBenpolitische Handeln Russlands zu finden. Auch wenn der Fokus auf Russland liegt, soll die Beteiligung anderer europaischer Staaten zur Erklarung herangezogen werden.

2. Die Theorie des Neorealismus nach Kenneth Neal Waltz (1979)

Das groBte Ziel der Staaten im Neorealismus ist das Streben nach Sicherheit. Dieses Sicherheitsstreben begrundet sich in der Anarchie zwischen den Staaten und unterscheidet sich vom klassischen Realismus nach Hans Morgenthau in der Ursache fur das Agieren in einer Anarchie. Denn Morgenthau ubertragt sein skeptisches Menschenbild auf die Staaten und erklart damit deren auBenpolitisches Handeln. Die Anarchie nach Morgenthau zeichnet sich durch Chaos und Gewaltherrschaft aus. Im klassischen Realismus, als auch im Neorealismus ist die Anarchie von einer gewissen Machtverteilung ohne Gewaltmonopol gepragt und „it be populated by units wishing to survive“2. Die einzelnen Staaten agieren unabhangig von anderen Staaten und streben danach ihre eigene Sicherheit zu erhalten und zu vergroBern, was Waltz auch self-help-principle nennt.3 Nach dem Selbsthilfe-Prinzip handeln die Staaten, um Machtungleichgewichte selbst auszugleichen (balancing).

Das Sicherheitsstreben ist der Kausalmechanismus beim Neorealismus. Das internationale System, in dem sich die Staaten befinden, wird anhand von zwei Aspekten untersucht: Zum einen werden die Akteure des Systems betrachtet und zum anderen die Struktur des internationalen Systems.4 Da die Strukturen des internationalen Systems das Handeln der Staaten bedingt, wird der Neorealismus auch Struktureller Realismus genannt.

Die unabhangige Variable ist hier das internationale System , also die Anarchie, in denen sich die Staaten befinden und die Positionen der Staaten in diesem System. Die abhangige Variable ist die AuBenpolitik der Staaten, im zu untersuchenden Konflikt die der Ukraine und Russlands. Das internationale System wird von Waltz nach drei Polaritaten unterschieden: Zum einen das unipolare System mit der Vorherrschaft eines Staates, dann das bipolare System mit einem Machtausgleich zwischen zwei Staaten und letztlich das multipolare System mit mehreren ahnlich machtigen Staaten. Am stabilsten lasst sich die bipolare Ordnung aufgrund der Ubersichtlichkeit der Bedrohungslage einstufen.

Sobald die gewohnte Ausgeglichenheit zwischen den Staaten im internationalen System gestort wird, setzen die Staaten nach der Gleichgewichtstheorie alles daran dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Von balancing behaviour spricht man, wenn sich mehrere Staaten verbinden, um ihre Sicherheit gegenuber eines machtigen Staates auszubauen. Wenn sich Staaten jedoch mit einem machtigen Staat verbinden, wird das als bandwagoning behaviour bezeichnet. Es ist darauf hinzuweisen, dass dabei nicht von einer Kooperation gesprochen werden kann, da damit ein Verlust von Autonomie, Macht und Sicherheit fur die Staaten verbunden ist. Denn der Staat muss immer damit rechnen, dass die Kooperation durch den anderen Staat gebrochen wird, was es schwer macht diesem zu vertrauen. Kooperation zwischen Staaten lasst sich beim Neorealismus nicht erklaren.

Ebenso problematisch ist die Erklarung des Einflusses von internationalen Institutionen, Organisationen und innerstaatlichen Strukturen auf das auBenpolitische Handeln. Hierfur gibt es aus neorealistischer Sicht keine Erklarung. Auch bei Staaten, die sich nicht von Sicherheitsstreben leiten lassen und sich auBenpolitisch in Zuruckhaltung wahren wie beispielsweise Deutschland, stoBt die Theorie des Neorealismus an Grenzen. Dennoch lasst sich mit dem Neorealismus die AuBenpolitik vieler Staaten erklaren, da der Neorealismus „in vielen AuBen- und Verteidigungsministerien ihre politische Pragekraft entfaltet“5 und wird besonders bei der folgenden Konfliktanalyse an Russland deutlich.

3. Die aktuellen Ereignisse beim Ukraine-Russland Konflikt aus der Sicht des Neorealismus

Betroffen vom Konflikt sind zunachst Russland und die Ukraine, aber auch andere Staaten, besonders die der Europaischen Union (EU). An diesem Punkt besteht die erste Hurde fur die Erklarung aus neorealistischer Sicht, da die EU als Akteur kein einzelner Staat ist, sondern ein Zusammenschluss mehrerer Staaten. Ein Zusammenschluss dieser europaischen Staaten ergab sich aufgrund von Ahnlichkeit in ihren Interessen und um ihre Macht gegenuber machtigeren Staaten auszubauen (balancing behaviour).6 Auch indem die Ukraine begann mit der EU zu sympathisieren, zeichnete sich ein balancing behaviour ab. Im Folgenden soll aus diesem Grund die EU als „Staat“ aufgefasst werden, um aus neorealistischer Sicht argumentieren zu konnen.

Am 25. November 2018 ereignete sich vor der Krim-Halbinsel bei der Meeresenge von Kertsch ein militarischer ZusammenstoB, bei dem Schiffe der Grenztruppen Russlands einen Schlepper und zwei Schiffe der ukrainischen Marine beschossen und geentert hatten. Die ukrainischen Schiffe wurden beschlagnahm, die Seeleute inhaftiert und eine Seeblockade des Asowschen Meeres und der Meerenge von Kertsch verhangt. Damit treibt Russland den Konflikt weiter voran, statt ihn zu deeskalieren. Russland baut mit der Kontrolle, der fur die Ukraine wirtschaftlich wichtigen Hafenstadte Mariupol, Berdjansk und Henitschesk seine Macht und Einfluss aus und destabilisiert die Ostukraine. Russland agiert als einzelner Staat, unabhangig auf sich gestellt und greift zur Selbsthilfe. Es verfolgt die Strategie das Funktionieren des ukrainischen Staates zu storen, um ihn so fur den Westen inakzeptabel und das Land zu einem Pufferstaat zu machen.7 Es erlangt damit das Ziel, eine weitere Ausbreitung des westlichen Einflusses zu unterbinden und mochte nach Waltz das Gleichgewicht im internationalen System wiederherstellen.

Erklaren lasst sich dieses Verhalten aus neorealistischer Sicht mit der von Russland wahrgenommenen Machtkonkurrenz. Die Orientierung der Ukraine am Westen und der Chance in die NATO einzutreten, stellt fur Russland mehrere Gefahren dar. Mit der Machtverschiebung um 1990 kam es im internationalen System zu einer neuen Ordnung und die Anarchie der Staaten regelte sich neu. So befurchtet Russland eine Bedrohung seiner Sicherheit durch die VergroBerung und Machterweiterung der EU.8 Ein Schritt zu dieser Bedrohung fur Russland ereignete sich mit dem Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine im Jahr 2014. Der Gleichgewichtszustand im internationalen System wurde damit gestort. Die Bedrohung wird von Russland auch deshalb so deutlich wahrgenommen, da ein Staat mit hoher Macht (hier durch die EU) direkt an Russland angrenzen wurde.9 Um die eigene Macht und Sicherheit zu vergroBern, ware ein Zusammenschluss in einer Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) mit der Ukraine das Optimum fur Russland. Ebenso in der Sicherheit bedrangt sah sich Russland, da die Verhandlungen zwischen der Ukraine und der EU weitestgehend ohne Einbezug Russlands erfolgten.10

Aus der Spirale der bewaffneten Ereignisse in der Ostukraine ergibt sich nun eine Bedrohung der Sicherheit nicht nur fur die Ukraine, sondern fur das internationale System insgesamt. In einem Dilemma befinden sich europaische Staaten wie Deutschland, die einerseits gezwungen sind Sanktionen uber Russland zu verhangen und die mit der Abkehr von einem engen Wirtschaftspartner verbundenen Kosten tragen mussen. Sie mussen Russland angemessen in die Schranken weisen und wollen dabei gleichzeitig nicht die Beziehungen zu Russland verschlechtern.11 Derzeit lasst sich den europaischen Staaten vorwerfen, dass sie viel zu zuruckhaltend gegenuber Russlands Seeblockade reagieren und sich deshalb ein Machtgleichgewicht zugunsten Russlands herauskristallisiert hat. Russland mochte mit der Seeblockade nach der Gleichgewichtstheorie die Ordnung im internationalen System wiederherstellen, welches sich als multipolares System auffassen lasst. Denn es gibt mehrere Staaten mit viel Macht, wie beispielsweise Russland, China, die USA und weitere. Die Macht liegt weder bei einem Staat noch gleicht sich die Macht zwischen zwei Staaten aus.

Die Ukraine reagierte auf die aktuelle Seeblockade bei der Meerenge von Kertsch und dem Asowschen Meer mit dem Verhangen des Kriegsrechts fur 30 Tage und verhangte ein Einreiseverbot fur mannliche russische Staatsburger im Alter von 16 bis 60 Jahren, um weitere Vereinnahmungen von Russland zu verhindern und das Machtungleichgewicht nicht noch grower werden zu lassen. Das eigene Sicherheitsbedurfnis ist durch Russlands Einfluss in der Ostukraine nicht erfullt und es gilt dieses mit den getroffenen MaBnahmen wiederzuerlangen.

4. Zusammenfassung und Ausblick

Es ist davon auszugehen, dass die weitere Zuspitzung des Konflikts nicht nur Folgen fur die Ukraine, sondern fur das ganze internationale System hat, wenn sich die Staaten auch auf die aktuellen Ereignisse bei ihrer Reaktion zu milde zeigen. Die wohl groBte Diskrepanz zwischen den beteiligten Akteuren besteht wohl in ihrer politisch-strategischen Vorstellung. Russland agiert nach dem Neorealismus und lasst sich hinsichtlich der Kategorien Macht, Einfluss, Prestige und Gleichgewicht analysieren. So will Russland die Ukraine in ihrem Einflussbereich behalten und deren Annaherung an die NATO verhindern.12 Dabei lasst sich behaupten, dass es Russland nicht nur um die Ukraine geht, sondern um seine gesamte Stellung in der Welt und sein damit verbundenes Sicherheitsgefuhl. Im Handeln Russlands kommt ein Widerstand gegen andere Staaten, die die Weltordnung dominieren, wie beispielsweise die USA oder die Staaten in der EU zum Ausdruck.13 Indem die EU auf eine AuBenpolitik gerichtet ist, die Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit befurwortet, prallen hier zwei Konfliktparteien aufeinander, die nach ihrem politischen Verstandnis nicht unterschiedlicher sein konnten.

Die auBenpolitischen Sicherheitsinteressen und die vollige Ablehnung der NATO wurden von den anderen Staaten unterschatzt. Die EU und der Westen war viel zu naiv zu glauben, Russland wurde tatenlos zusehen, wenn direkt vor seinen AuBengrenzen eine Regierung unterstutzt wird, „die Einbindung der Ukraine in westliche Strukturen vorantreibt“14. Die Eskalationsspirale dreht sich weiter und mundet in die Gefahr einer erneuten Spaltung und Instabilitat Europas. Wann ist es genug fur Russland Einfluss in der Ukraine zu nehmen um sein Sicherheitsempfinden wieder herzustellen? Diese Frage bleibt unbeantwortet und lasst sich wohl noch schwerer beantworten, solang die anderen Staaten mit einer wirkungsvollen Reaktion auf sich warten lassen. Nach dem Neorealismus nach Waltz musste Russland, nachdem es den ursprunglichen Zustand der Machtverteilung im internationalen System wieder hergestellt hat, aufhoren seine Macht in der Ukraine weiter auszubauen. Anscheinend gehort nach dem Neorealismus fur Russland die Kontrolle des Asowschen Meeres und der Meeresenge von Kertsch zum Herstell en ihrer Sicherheit. Doch es ist fraglich, ob das gelingt und ob das der letzte Schritt Russlands war.

[...]


1 Vgl. Puglierin, Jana (2014): Wir durfen die Annexion der Krim nicht einfach hinnehmen! Elektronisch abgerufen unter: https://dgap.org/de/think-tank/publikationen/dgapstandpunkt/wir-duerfen-die-annexion-der-krim-nicht-einfach-hinnehmen [04.12.2018].

2 Waltz, Kenneth Neal (1979): Theory of international politics, S. 121.

3 Vgl. Waltz, Kenneth Neal (1986): Political Structures, S. 85.

4 Vgl. Schornig, Niklas (2010): Neorealismus, S. 71.

5 Schornig, Niklas (2010): Neorealismus, S. 68.

6 Maull, Hanns W. (2006): Nationale Interessen! Elektronisch abgerufen unter: https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die- zeitschrift/archiv/jahrgang-2006/oktober/nationale-interessen-aber-was-sind-sie [04.12.2018].

7 Vgl. The Economist (2014): The Ukraine Crisis. Elektronisch abgerufen unter: https://www.economist.com/briefing/2014/04/16/boys-from-the-blackstuff [04.12.2018].

8 Vgl. Mearsheimer, John J. (2014): Why The Ukraine Crisis Is The West's Fault, S. 79.

9 Vgl. ebd., S. 79.

10 Vgl. Hacke, Christian (2014): Der Westen und die Ukraine-Krise, S. 42.

11 Vgl. ebd., S. 46.

12 Vgl. Ehrhart, Hans-Georg (2014): Russlands unkonventioneller Krieg in der Ukraine, S. 30.

13 Vgl. ebd., S. 30.

14 Hacke, Christian (2014): Der Westen und die Ukraine-Krise, S. 42.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Russland im Konflikt mit der Ukraine
Untertitel
Eine Analyse anhand des Neorealismus
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V1033306
ISBN (eBook)
9783346442710
Sprache
Deutsch
Schlagworte
russland, konflikt, ukraine, eine, analyse, neorealismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Russland im Konflikt mit der Ukraine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033306

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