Die Jüdin Hertha Nathorff, die von 1895 bis 1993 lebte, war in ihrem Leben vordergründig Ärztin und dazu nebenbei Dichterin. Getrieben durch die Ängste und Sorgen, die ihr Leben nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 beschwerten, begann sie vermehrt über dieses Thema zu schreiben. In ihren veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen von 1933 bis 1945 verarbeitete sie die erlebten Grausamkeiten und machte sie für die Nachwelt zugänglich. Ihre hinterlassenen Gedichte, Kurzgeschichten und Zeitungsartikel bezeugen ein Leben, welches eine Kehrtwendung von einem glücklichen Leben hin zu großem Leid durchlebte und erzählen aus der Sicht einer Frau, die sich zeitlebens nie als Lyrikerin verstand. Vielmehr hatte sie immer den Drang das Leben anderer Menschen zu verbessern und opferte sich in ihrer Arbeit und sozialem Engagement der Menschheit.
Die wiederkehrenden Problematiken, entstanden durch die Vertreibung aus Deutschland und dem Leben im Exil, sollen im Folgenden in ihren Gedichten analysiert werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit ihre Lyrik autobiografisch gelesen werden kann und wie sich diese Annahme bestätigen lässt. Verändert sich dadurch die Sichtweise auf das Lebensschicksal von Hertha Nathorff und damit vielleicht die Wahrnehmung des Schicksals von Jüdinnen, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebten? Dieser Frage wird bei der Analyse und Interpretation einiger ausgewählter Gedichte nachgegangen. Dazu müssen Parallelen zur Biografie und historischen Ereignissen hergestellt werden. Zuerst soll Hertha Nathorffs Lebensgeschichte erzählt werden, da sie bei der Bezugnahme im späteren Verlauf immer wieder eine Rolle spielen wird. Dann werden die Tagebuchaufzeichnungen und die darin integrierten Gedichte näher betrachtet. An ausgewählten Gedichten wird eine Analyse und Interpretation vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Lebensgeschichte
3 Das Tagebuch der Hertha Nathorff
3.1 Gedichte im Tagebuch
3.2 Autobiografischer Zusammenhang
3.3 Gedicht vom 2. Juni 1933
3.4 Gedicht vom 20. Mai 1934
3.5 Gedicht vom 3. Februar 1939
4 Gedichtband „Stimmen der Stille“
4.1 An den Leser:
4.2 An meinen Mann Heimat – wo?
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lyrik der Ärztin Hertha Nathorff, um die Frage zu klären, inwieweit ihre Gedichte als autobiografische Zeugnisse gelesen werden können und wie sie das Schicksal von Jüdinnen während und nach der Zeit des Nationalsozialismus sowie im Exil widerspiegeln.
- Analyse von Hertha Nathorffs Lebensgeschichte als Kontext für ihr literarisches Schaffen.
- Untersuchung der Tagebuchaufzeichnungen (1933–1945) und der darin enthaltenen Gedichte.
- Interpretation ausgewählter Gedichte im Hinblick auf autobiografische Bezüge und historische Ereignisse.
- Betrachtung des Gedichtbandes „Stimmen der Stille“ und der dort verarbeiteten Themenkomplexe.
- Erforschung der psychologischen Belastung und Identitätsfindung im Exil.
Auszug aus dem Buch
3.1 Gedichte im Tagebuch
Das Tagebuch enthält zwölf Gedichte, die entweder zu Beginn, am Ende oder zwischen einer Tagebucheintragung stehen. Die Gedichte tragen lediglich die Daten als Überschrift. Sie handeln zu Beginn über das Unverständnis und dem Leiden durch das Handeln der Mitmenschen nach der Rassentheorie. Das lyrische Ich kämpft um Recht, Ehre und Heimat. Daraus entwickelt es Mut sich erst recht als Jüdin zu bekennen, aber gleichzeitig liest man in den Gedichten aus dem Jahr 1934 über Hass, Wut und Vergeltung. Die Energie des lyrischen Ichs in den Anfangsgedichten ist in den letzten Gedichten ab 1938 versiegt. Es hat resigniert, ist machtlos und seine Seele gebrochen, was bis hin zu Selbstmordgedanken führt. Das letzte Abschiedsgedicht von der Heimat hinterlässt eine bedrückende und düstere Untergangsstimmung. Ein Gedicht vom 13. Juli 1933 ist „An meinen Mann“ gewidmet und das Gedicht vom 1. März 1939 ist ein Abschiedsgedicht vom Sohn, der am nächsten Tag mit dem Kindertransport nach England fährt. Das sind die einzigen beiden Gedichte, in denen Bezug auf geliebte Menschen genommen wird.
Der Germanist Benno von Wiese schreibt über Lyrik: „der direkte Umgang mit dem Kunstwerk fordert über die Sachlichkeit hinaus ein intimes Sicheinlassen, das mit rationalen Mitteln allein nicht gelingen kann“. Bei den Gedichten in Hertha Nathorffs Tagebuch fällt es leicht, sich auf diese einzulassen. Durch den persönlichen Bezug zur Autorin im Tagebuchtext, liest man die Gedichte nicht unvoreingenommen. Auch ihr Schreibstil und ihre Art zu dichten, erleichtern den Zugang zu den Gedichten und erwecken schnell Emotionen. Besondere Wachsamkeit muss deshalb darauf gelegt werden, die Sachlichkeit bei der Interpretation der Gedichte nicht zu verlieren. Zunächst soll nun der autobiografische Zusammenhang zwischen den Gedichten und dem Leben von Hertha Nathorff analysiert werden. Danach sollen drei ausgewählte Gedichte interpretiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt Hertha Nathorff als Ärztin und Dichterin vor und definiert das Ziel der Arbeit, ihre Lyrik im Kontext ihrer Biografie und der nationalsozialistischen Verfolgung zu untersuchen.
2 Lebensgeschichte: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg Hertha Nathorffs von ihrer Geburt in Laupheim über ihre medizinische Karriere in Berlin bis hin zur Flucht und dem harten Neuanfang im Exil in New York nach.
3 Das Tagebuch der Hertha Nathorff: Es wird die Bedeutung des Tagebuchs als historische Quelle und als Ort der Verarbeitung von persönlichem Leid durch die Autorin erläutert.
3.1 Gedichte im Tagebuch: Dieser Abschnitt beschreibt die zwölf im Tagebuch enthaltenen Gedichte und deren inhaltliche Entwicklung von Kampfgeist bis zur Resignation.
3.2 Autobiografischer Zusammenhang: Hier wird die Verbindung zwischen der Biografie der Autorin und dem lyrischen Ich in den Gedichten methodisch erörtert.
3.3 Gedicht vom 2. Juni 1933: Die Analyse dieses Gedichts beleuchtet die zunehmende ideologische Ausgrenzung und das Leiden des lyrischen Ichs im Deutschland des Jahres 1933.
3.4 Gedicht vom 20. Mai 1934: Dieses Kapitel interpretiert das Gedicht als Dialog und zeigt den Mut des lyrischen Ichs, offen gegen die Rassendiskriminierung aufzutreten.
3.5 Gedicht vom 3. Februar 1939: Die Interpretation thematisiert die tiefe Verzweiflung, den Todeswunsch und das Ringen um den Erhalt des Kindes angesichts der drohenden Emigration.
4 Gedichtband „Stimmen der Stille“: Dieser Teil gibt einen Überblick über den 1966 veröffentlichten Gedichtband, der neben dem Exil-Schicksal auch Naturerfahrungen und Muttersein thematisiert.
4.1 An den Leser:: Es wird die direkte Adressierung des Lesers in diesem Gedicht sowie die Bescheidenheit der Autorin in Bezug auf ihr literarisches Wirken untersucht.
4.2 An meinen Mann Heimat – wo?: Die Analyse dieses Gedichts konzentriert sich auf die Suche nach Heimat und die zentrale Rolle der Liebe und Geborgenheit im Leben der Autorin.
5 Resümee: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion über die Bedeutung der Gedichte als authentische Zeugnisse eines vom Nationalsozialismus zerstörten Lebens.
Schlüsselwörter
Hertha Nathorff, Tagebuchaufzeichnungen, Exillyrik, Nationalsozialismus, Autobiografie, Flucht, Jüdinnen, Identitätsverlust, Emigration, Gedichtanalyse, Stimmen der Stille, Lebensgeschichte, Widerstand, Heimatbegriff, Primärliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Aufarbeitung des Lebens der jüdischen Ärztin Hertha Nathorff, insbesondere mit ihrer Lyrik im Kontext ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das Individuum, das Leben im Exil, die Identitätsfindung unter schwierigen Bedingungen und die autobiografische Verarbeitungsweise in Gedichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu ergründen, ob und wie Hertha Nathorffs Lyrik autobiografisch gedeutet werden kann und welchen Beitrag ihre Texte zur Erinnerung an das Schicksal emigrierter Jüdinnen leisten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der sie die Gedichte primär im Kontext der Biografie und der historischen Ereignisse interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Lebensgeschichte, die Untersuchung der Tagebuch-Gedichte sowie die Analyse des publizierten Gedichtbandes „Stimmen der Stille“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hertha Nathorff, Tagebuchaufzeichnungen, Exillyrik, Nationalsozialismus, Autobiografie und Flucht charakterisiert.
Warum ist das Tagebuch von Hertha Nathorff als historisches Dokument von besonderer Bedeutung?
Es dient als unmittelbares Zeugnis, das sowohl den schrittweisen Verlust der beruflichen und gesellschaftlichen Existenz in Deutschland als auch den mühevollen Kampf um einen Neuanfang in den USA dokumentiert.
Welche Rolle spielt das „Herz“ als zentrales Motiv in ihren Gedichten?
Das Herz fungiert in vielen Gedichten als Symbol für die Seele, das unter der Last der Ausgrenzung leidet, aber gleichzeitig als Kraftquelle dient, die ihr hilft, für ihre Familie und ihre Arbeit einzustehen.
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- Anonym (Author), 2018, Literatur einer Jüdin. Eine Analyse Hertha Narthoffs Lyrik auf autobiographische Elemente, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033322