Diese Arbeit verfolgt das Ziel, einen groben Überblick über die aktuelle gesundheitspolitische Debatte zu verschaffen und die darauffolgenden Implikationen für die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen darzustellen sowie kritisch zu reflektieren.
Durch Begriffe wie ‚Partizipation‘, ‚Ressourcenorientierung‘, ‚Selbsthilfe‘ und ‚Aktivierung‘ dominiert das Empowerment-Konzept seit den 1990er-Jahren den theoretischen Diskurs und die Praxis der Sozialen Arbeit. Das Konzept ist ein handlungsleitendes Plädoyer für einen aktivierenden Sozialstaat und eine aktivierende Sozialpolitik sowie für eine partizipative, aktivierende Soziale Arbeit fernab von defizitorientierten Ansichten und der „Vorherrschaft der Experten, die zu einer Erosion alltagsweltlicher Fähigkeiten führt“ (Galuske 2005).
Aber gerade in der sozialpolitischen Diskussion sorgt Empowerment für mehrere Kontroversen und widersprüchliche Auslegungen seiner Prinzipien. Aufgrund seiner begrifflichen Unschärfe wird Empowerment vorgeworfen, dass es zur Usurpation des traditionellen Wohlfahrtsstaates beitrage, indem es der neoliberalen Politik eine theoretische Grundlage anbietet. Diese hat das Konzept in ihrer Agenda und als Argumentation für einen minimal schlanken Sozialstaat übernommen und die entsprechende Semantik für sich genutzt. Trotzdem wird Empowerment weiterhin sowohl innerhalb als auch außerhalb
der Sozialen Arbeit verbreitet genutzt und von mehreren Organisationen des Sozialbereichs in ihrem Leitbild integriert. Fachkräfte werden ständig ermutigt, durch verschiedene Projekte und Vorträge in ihrer Praxis Empowerment-orientiert zu handeln.
Soziale Arbeit steht mit dem Gesundheitswesen in starker Verbindung, was in all ihren Bereichen zum Ausdruck kommt – seien es ambulante, teilstationäre oder stationäre Einrichtungen. Sie wird hauptsächlich dann tätig, wenn die Menschen krankheitsbedingt ihr lebensweltliches Gleichgewicht verlieren oder zu verlieren drohen. Durch gezielte sozialarbeiterische gesundheitsfördernde, präventive oder rehabilitative Interventionen wird aktiv dagegen kämpft, solchen ungünstigen Zuständen vorzubeugen. In diesem Zusammenhang stellt sich in Hinblick auf die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen die Frage, welche Rolle das Empowerment in dem Spannungsfeld zwischen dem aktivierenden Wohlfahrtsstaat und dem minimalen Sozialstaat einnimmt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Begriffserklärung
2.1 Das Empowerment-Konzept
2.2 Der aktivierende Wohlfahrtsstaat
3 Das Empowerment-Konzept im Rahmen der aktivierenden Gesundheitspolitik
4 Der minimale Sozialstaat
5 Die Rolle der Sozialen Arbeit in einem aktivierenden Sozialstaat und in der Gesundheitspolitik
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Empowerment-Konzept im Spannungsfeld zwischen einem aktivierenden Wohlfahrtsstaat und einem minimalen Sozialstaat mit Fokus auf die Implikationen für die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen. Ziel ist es, einen Überblick über die aktuelle gesundheitspolitische Debatte zu geben und die Rolle der Sozialen Arbeit kritisch zu reflektieren.
- Grundlagen des Empowerment-Konzepts
- Dynamiken des aktivierenden Wohlfahrtsstaates
- Empowerment in der Gesundheitspolitik und Prävention
- Sozialstaatliche Transformation und neoliberales Denken
- Handlungsspielräume der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
Das Empowerment-Konzept
Empowerment ist ein Begriff, der seine Ursprünge in der Gemeinwesenarbeit längst überschritten hat, sowie heute fast inflationär außerhalb der Sozialen Arbeit benutzt wird und zum Mode-Konzept geworden ist (vgl. Enggruber o. J., S. 1). Abgeleitet von der Semantik des englischen Wortes ‚empower‘ bedeutet das Wort, einen Menschen zu befähigen, ihn zu ermächtigen und seine Autonomie und Selbstständigkeit zu steigern, sodass dieser Mensch souverän und emanzipiert ein selbstbestimmtes Leben führen kann (vgl. Herriger 2014, S. 13). Diese rein terminologische Verortung wird allerdings in der Fachliteratur kontrovers diskutiert und führt zu widersprüchlichen Auslegungen in die Theoriebildung, der Methodik und der Praxis der Sozialen Arbeit (vgl. Galuske 2013, S. 8). An diesem Punkt starten die theoretischen Unstimmigkeiten über Empowerment, da es über keine klare, allgemein akzeptierte Definition verfügt, ihm eine systematische Einordnung fehlt und der Begriff somit viel Raum für „wiederstreitende Interpretationen und ideologische Rahmungen“ (Herriger 2014, S. 13) erlaubt.
Ausschließlich aus dem Blickwinkel der Sozialen Arbeit betrachtet, beinhalten die theoretischen Auseinandersetzungen mit Empowerment und die Definitionsversuche grundsätzlich folgende Positionierungen: Zum einen gibt es die Autor_innen (vgl. Pankofer 2000, S. 13), die Empowerment sowohl als Haltung als auch als Handlungsweise für die Praxis verstehen und es somit für die Soziale Arbeit als von großer Relevanz sehen. Auf eine ähnliche Position situiert sich Stimmer (vgl. 2012, S. 154 ff.). Er sieht das Konzept sowohl als Arbeitsprinzip als auch als ein handlungsleitendes Konzept der Sozialen Arbeit, das aus den theoretischen Abwägungen abgeleitet und in der Praxis erprobt zu einem bedeutsamen Anbieter für die fallbezogenen Rahmenbedingungen geworden ist. Herringer (vgl. 2014, S. 13) auf der anderen Seite definiert Empowerment als „eine offene normative Form“, „ein Begriffsregal, das mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen, Werthaltungen und moralischen Positionen aufgefüllt werden kann“ (ebd.). Galuske (vgl. 2013, S. 8) stuft Empowerment eher als eine stark konzeptionelle und normative Orientierung ein. Es könne aber weder als Methode noch als professionelles Werkzeug der Sozialen Arbeit betrachtet werden und habe deshalb zu vielen Kontroversen und Missverständnissen zwischen Fachleuten geführt. Folglich verzichtet Galuske auf eine Ausführung des Konzeptes in seinem jüngsten Buch über die Methoden der Sozialen Arbeit (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Arbeit führt in das Empowerment-Konzept ein und beleuchtet die Spannungsfelder zwischen dem aktivierenden Wohlfahrtsstaat und der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen.
2 Begriffserklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe, insbesondere das Empowerment-Konzept und den aktivierenden Wohlfahrtsstaat, und beleuchtet deren theoretische Kontroversen.
3 Das Empowerment-Konzept im Rahmen der aktivierenden Gesundheitspolitik: Hier wird der konzeptuelle Rahmen der Gesundheitsförderung (Ottawa-Charta) untersucht und die Verbindung zur aktivierenden Gesundheitspolitik sowie Prävention analysiert.
4 Der minimale Sozialstaat: Das Kapitel thematisiert die neoliberale Umdeutung von Empowerment-Prinzipien zu Strategien der Effizienzsteigerung und Privatisierung von Gesundheitsrisiken.
5 Die Rolle der Sozialen Arbeit in einem aktivierenden Sozialstaat und in der Gesundheitspolitik: Die Autorin reflektiert die Position der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle sowie die Notwendigkeit kritischer Machtreflexion.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung von Empowerment zusammen und mahnt, dass eine einseitige ökonomische Ausrichtung die soziale Wirksamkeit der Gesundheitsförderung gefährdet.
Schlüsselwörter
Empowerment, Soziale Arbeit, Gesundheitspolitik, Aktivierender Wohlfahrtsstaat, Prävention, Gesundheitsförderung, Sozialstaat, Partizipation, Eigenverantwortung, Neoliberalismus, Machtverhältnisse, Gesundheitswesen, Ottawa-Charta, Ressourcenorientierung, Soziale Ungleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die Rolle und Bedeutung des Empowerment-Konzepts im aktuellen gesundheitspolitischen Kontext und dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Entwicklungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theoriebildung zu Empowerment, die Konzepte der Gesundheitsförderung und Prävention sowie die politische Transformation des Sozialstaates.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, einen Überblick über die gesundheitspolitische Debatte zu geben und die Implikationen dieser Entwicklungen für die Praxis der Sozialen Arbeit kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung und kritische Analyse der bestehenden Fachliteratur sowie sozialpolitischer Debatten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die begrifflichen Unschärfen von Empowerment, die neoliberale Reinterpretation im Kontext eines "minimalen Sozialstaats" und die spezifischen Anforderungen an die Soziale Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Empowerment, aktivierender Wohlfahrtsstaat, Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung und soziale Ungleichheit.
Inwieweit beeinflusst der "minimale Sozialstaat" das Empowerment-Konzept?
Die Arbeit zeigt auf, dass Empowerment in neoliberalen Kontexten oft umgedeutet wird, um Eigenverantwortung zu fordern und staatliche Leistungen zu kürzen, was Empowerment von seinem ursprünglichen emanzipatorischen Kern entfernt.
Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen laut der Autorin?
Die Soziale Arbeit soll als Anwältin der Klienten agieren, Machtverhältnisse kritisch reflektieren und sich gegen die Reduktion von Menschen auf bloße "Konsumenten" oder "Risikogruppen" stellen.
- Quote paper
- Alexandra Brunet (Author), 2020, Das Empowerment-Konzept in der Gesundheitspolitik im Spannungsfeld zwischen aktivierendem Wohlfahrtsstaat und minimalem Sozialstaat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033807