Diese Arbeit diskutiert den aktuellen Zustand der Demokratie. Die liberale Tradition der individuellen Freiheitsrechte und die demokratische Tradition der Volkssouveränität treten in ihrer liberalen Spielart als Synthese auf. „Unter der derzeitigen Hegemonie des Neoliberalismus allerdings ist die liberale Komponente so dominant geworden, dass die demokratische (Volkssouveränität) fast verschwunden ist." Der liberale Konsens der Mitte betrachtet dieses Prinzip der Volkssouveränität als überholt: "Wer sich gegen die Regeln der Eliten auflehnt und darauf besteht, dem Volk ein Mitspracherecht einzuräumen und seinen Bedürfnissen Raum zu geben, wird als "Populist" abgewiesen."
Darüber hinaus verschleiert diese Konsens der Mitte reale Klassenkonflikte und den der Gesellschaft zugrundeliegende Antagonismus (Teilung des Sozialen). Diese Lücke füllen in geschickter taktischer Manier rechtspopulistische Parteien und Akteur*innen. Deswegen plädiert Chantal Mouffe für einen "linken Populismus", der mittels Äquivalenzketten die pluralen Forderungen der Bürger*innen verbindet und sich gesamtgesellschaftlich (also hegemonial) durchsetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Krise der Demokratie und die radikaldemokratische Antwort – Gedankenfragmente
2. Unterschiede und Gemeinsamkeiten (Radikal + Partizipation)
3. Die Grundprämisse
4. Vergleich
5. Kritik von radikalen Demokratietheorien an partizipatorischer Ansätze
6. Radikaldemokratische Ansätze
7. Politische Egalitarismus
8. Althusser
9. Poulantzas
10. Ranciere
11. Mouffe/Laclau
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Krise liberaler Demokratien auseinander und untersucht radikaldemokratische sowie partizipatorische Lösungsansätze, um das Spannungsfeld zwischen Freiheit, Gleichheit und gesellschaftlicher Partizipation neu zu bewerten.
- Kritik an der Entpolitisierung und dem Legitimationsverlust westlicher Demokratien.
- Gegenüberstellung von radikaldemokratischen und partizipatorischen Demokratietheorien.
- Analyse der Rolle des Staates und der Klassenverhältnisse bei Theoretikern wie Poulantzas und Mouffe.
- Diskussion über das Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und politischem Handeln.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Freiheit und Gleichheit in der liberalen Demokratie.
Auszug aus dem Buch
Die Grundprämisse: Partizipation führt zu mehr Partizipation.
Partizipation ist Ziel und Weg zugleich. Für Barber (1984) ist „starke Demokratie“ eine Demokratie in der zumindest zeitweise sich alle in zumindest einigen öffentlichen Angelegenheiten selbst regieren. Barber kritisiert das repräsentative Demokratiemodell und ist dem Kommunitarismus zuzuordnen. Er greift auf den Genfer Philosophen Rousseau zurück und plädiert für eine demokratische Erziehung (im Gegensatz zur Führung durch Eliten).
Vergleich:
1) Kritik an minimalen liberalen Demokratiemodelle, wo Partizipation nur im Moment der Wahl gelebt wird.
2) Kritik an deliberativen Modellen.
3) Beide Strömungen bemühen sich um eine Maximierung von Demokratie, wenn sie es auch unterschiedlich konturieren. Es geht ihnen hierbei um eine Extensivierung und Intensivierung der Demokratie. Partizipation soll in möglichst vielen Lebensbereiche ermöglicht werden.
4) Demokratie wird stärker an ihrer Output-Seite gemessen: Wohlstandsvermehrung; Bürger*innenbeteiligung; Demokratie hat aber ihren Zweck in sich selbst und nicht in der Output-Dimension.
5) Gemeinsames Ziel: Selbstzweck der Demokratie soll umgesetzt werden, d.h. es geht ihnen um die Demokratisierung der Demokratie.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Krise der Demokratie und die radikaldemokratische Antwort – Gedankenfragmente: Dieses Kapitel skizziert die wahrgenommene Krise der liberalen Demokratie, die durch Elitenkontrolle und Entpolitisierung gekennzeichnet ist.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten (Radikal + Partizipation): Hier werden die theoretischen Schnittmengen zwischen radikaldemokratischen und partizipatorischen Ansätzen sowie deren gemeinsame Kritik an minimalen Demokratiemodellen herausgearbeitet.
Die Grundprämisse: Es wird die zentrale Rolle der Partizipation als Mittel und Zweck demokratischer Erziehung und gesellschaftlicher Selbstverwaltung erläutert.
Vergleich: Dieses Kapitel stellt verschiedene Demokratiemodelle gegenüber und arbeitet die Bedeutung der „Demokratisierung der Demokratie“ heraus.
Kritik von radikalen Demokratietheorien an partizipatorischer Ansätze: Das Kapitel reflektiert über die Gefahren einer rein instrumentellen, neo-liberal beeinflussten Partizipation, die soziale Konflikte ausblendet.
Radikaldemokratische Ansätze: Hier wird der Begriff des „Radikalen“ historisch und philosophisch hergeleitet und seine Bedeutung für die demokratische Tradition beleuchtet.
Politische Egalitarismus: Die Notwendigkeit einer substantiellen statt bloß formalen Rechtsgleichheit wird als Bedingung für eine lebendige Demokratie diskutiert.
Althusser: Kurze Betrachtung der Rolle von Marx und der ideologischen Staatsapparate innerhalb des strukturalen Marxismus.
Poulantzas: Analyse der Staatstheorie und des Verhältnisses von Kapitalfraktionen sowie der strategischen Möglichkeiten für soziale Bewegungen.
Ranciere: Untersuchung des Verhältnisses von Politik und „Polizei“ sowie der Forderung der Anteillosen nach politischer Repräsentation.
Mouffe/Laclau: Darstellung der Theorie von Äquivalenzketten und dem Konzept des Agonismus zur Gestaltung pluraler Demokratien.
Schlüsselwörter
Radikaldemokratie, Partizipation, Liberale Demokratie, Entpolitisierung, Klassenkampf, Staatstheorie, Agonismus, Politische Emanzipation, Volkssouveränität, Machtverhältnisse, Pluralismus, Demokratisierung, Hegemonie, Freiheit, Gleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die aktuelle Krise westlicher liberaler Demokratien und untersucht, wie radikaldemokratische und partizipatorische Konzepte als Antwort darauf dienen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik am Neoliberalismus, die Rolle politischer Partizipation, das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Gleichheit sowie die staatstheoretischen Überlegungen verschiedener linker Denker.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die theoretischen Grundlagen radikaldemokratischer Ansätze zu beleuchten und aufzuzeigen, wie durch eine stärkere demokratische Einbindung gesellschaftlicher Konflikte diese wieder politisiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Literatur- und Theorieanalyse, um die verschiedenen Positionen zu systematisieren und kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Vergleich zwischen partizipatorischen und radikaldemokratischen Modellen sowie spezifischen Positionen von Theoretikern wie Poulantzas, Mouffe, Laclau und Ranciere.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Radikaldemokratie, Partizipation, Entpolitisierung, Agonismus und Hegemonie bestimmt.
Was unterscheidet den „radikaldemokratischen“ Ansatz von der „liberalen“ Demokratie?
Während die liberale Demokratie oft formale Prozesse und Elitenkonkurrenz betont, fordert der radikaldemokratische Ansatz eine substantielle Gleichheit und die aktive, fortwährende Partizipation der Bürger in allen Lebensbereichen.
Wie bewerten die Autoren die Rolle von Partizipation im Neoliberalismus?
Partizipation wird hier kritisch hinterfragt, da sie in neoliberalen Kontexten oft als bloße Managementtechnik oder „Scheindemokratie“ instrumentalisiert wird, um tatsächliche soziale Konflikte zu verschleiern.
Warum spielt der Begriff des „Politischen“ bei Mouffe eine so zentrale Rolle?
Mouffe betont den Konfliktcharakter des Politischen (Agonismus), da eine Demokratie, die den Wettbewerb und die Unterschiedlichkeit der Interessen negiert, ihre demokratische Substanz verliert.
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- Josef Muehlbauer (Author), 2020, Die Krise der Demokratie und die radikaldemokratische Antwort. Gedankenfragmente, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1035087