In der Literaturwissenschaft kam der Analyse des Raumes schon immer eine wichtige Rolle zu. Vor allem seit dem spatial turn gelten Räume, ihre Konstellationen und die Verhältnisse von Räumen und Figuren in der allgemeinen Literaturwissenschaft und Erzähltheorie als bedeutsames Forschungsinstrument. Einige Theorien wie die der Topographie und Topologie prägen seither die Begriffserklärung. Vor allem am beliebten Motiv des Gebirges lassen sich diese Merkmale zum Raum darstellen. In dieser Arbeit werden die prägendsten Begriffe des Forschungsgegenstandes Raum anhand des Gebirgsraumes in Ludwig Tiecks Romans Der Runenberg untersucht. Außerdem wird das Stück aus naturphilosophischer Sicht genauer durchleuchtet und interpretiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Raum in der Literaturtheorie
2.1 Diegetischer Raum
2.2 Semantisierung des Raumes
2.3 Raumdarstellung in der Gebirgsliteratur
3. Ludwig Tiecks Runenberg
3.1 Naturverständnis in der Frühromantik
3.2 Diegetischer Raum im Runenberg
3.3 Semantisierung des Raums im Runenberg
3.4 Personen des Gebirges im Runenberg
3.5 Die Bedeutung des Gebirges im Runenberg aus naturphilosophischer Sicht
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Raumdarstellung des Gebirges in Ludwig Tiecks Märchen-Novelle "Der Runenberg". Dabei liegt der Fokus auf der Analyse des diegetischen Raums und der Semantisierung des Raumes im Kontext der frühromantischen Naturauffassung und Naturphilosophie.
- Raumtheoretische Grundlagen im Kontext des "spatial turn"
- Analyse des diegetischen Raums und der fiktiven Topographie bei Tieck
- Semantisierung und bipolare Raumstrukturierung im "Runenberg"
- Naturphilosophische Deutung von Bergmotiven und Personifikationen
Auszug aus dem Buch
3.2 Diegetischer Raum im Runenberg
Nachdem die allgemeinen Bedingungen zur Entstehung des Runenbergs nun alle geklärt wurden, sollen hier erarbeitete Kriterien des diegetischen Raums anhand Tiecks Werk herausgestellt werden. Wie in Kapitel 2.1 erklärt, ordnet der Leser dem gelesenen Text automatisch ein bestimmtes Bild des beschriebenen Ortes zu. Bereits im einleitenden Satz wird der Leser über den Raum der fiktiven Handlung informiert:
Ein junger Jäger saß im innersten Gebürge nachdenkend bei einem Vogelherde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art der Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem Tale, in dieser Beschäftigung wiederfand. (Tieck, 2019: 27)
Durch die Erwähnung seines Dorfes, welches er hinter sich gelassen hatte, um nun im Gebirge Jäger zu werden, wird dem Leser von Anfang an eine fiktive Karte dargelegt. Zwar fehlen hier jegliche Ortsangaben – weder Christians Heimatdorf, noch das Gebirge - werden namentlich benannt, sodass man den Raum sofort und sicher zuordnen könnte. Auch sind die Schauplätze „mithilfe dichterischer Phantasie soweit verfremdet“ (Geist, 2018: 97), dass eine genaue Identifikation des Gebirges als Alpen nur eine vage These darstellen kann. So lässt sich der Schauplatz nur als einen „nicht näher verortbaren Gebirgsraum“ (Ebd., 2018: 97) erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einführende Darlegung der literaturwissenschaftlichen Relevanz von Raumkategorien und Vorstellung des Untersuchungsgegenstands Ludwig Tiecks "Der Runenberg".
2. Raum in der Literaturtheorie: Theoretische Erläuterung der Begriffe diegetischer Raum, Semantisierung des Raumes und deren Bedeutung in der Gebirgsliteratur unter Berücksichtigung des "spatial turn".
3. Ludwig Tiecks Runenberg: Anwendung der erarbeiteten Theorie auf Tiecks Werk, wobei die frühromantische Naturauffassung, Raumstrukturen, Personifikationen und naturphilosophische Deutungen im Zentrum stehen.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zur Raumbedeutung, welche die Transformation des Protagonisten durch die räumliche Erfahrung im Gebirge unterstreicht.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der Runenberg, diegetischer Raum, Raumtheorie, Semantisierung, Frühromantik, Naturphilosophie, Gebirgsmotiv, Literaturwissenschaft, Raumdarstellung, Alpenraum, Mythologisierung, Naturauffassung, Topographie, Christian
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Gestaltung und Bedeutung von Räumen, speziell von Gebirgen, in Ludwig Tiecks Novelle "Der Runenberg".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Erzähltheorie (diegetischer Raum), der Semantisierung von Schauplätzen, frühromantischen Naturvorstellungen und naturphilosophischen Ansätzen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, die Verbindung zwischen der physischen Raumdarstellung und der psychischen Entwicklung des Protagonisten Christian anhand von literaturtheoretischen Kategorien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die Konzepte wie das Sujetmodell von Jurij M. Lotman und fachspezifische Begriffe zur Raumdarstellung integriert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil analysiert, wie Tieck durch topographische und topologische Mittel einen Gegensatz zwischen dörflicher Idylle und wildem Gebirge konstruiert und mit naturphilosophischer Bedeutung auflädt.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raumsemantisierung, Frühromantik, Naturmythos, Topologie, Transzendentalpoesie und die literarische Inszenierung des Gebirges.
Warum spielt die Personifikation des Gebirges eine wichtige Rolle?
Die Personifikationen (wie der sprechende Bach oder die Alrunenwurzel) transformieren das Gebirge von einer bloßen Landschaft in eine lebendige, fordernde Entität, die den Protagonisten in seinen Bann zieht.
Welche Rolle spielt die "Bergfrau" für die Deutung?
Die Bergfrau fungiert als zentrale Allegorie, die laut der Arbeit die Dimensionen von Religion, Sexualität und Geschichte vereint und den Übergang von der Zivilisation zur naturphilosophischen Selbsterkenntnis markiert.
- Arbeit zitieren
- Melinda Neumaier (Autor:in), 2021, Die literarische Raumdarstellung des Gebirges am Beispiel von Ludwig Tiecks "Runenberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1035309