Die finanzielle und soziale Situation der internationalen Studierenden in Deutschland

Analyse am Beispiel der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg


Bachelorarbeit, 2020

148 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einfuhrende Uberlegungen und Ziele der Arbeit

2. „Migration“
2.1 Definition
2.2 Migration zum Zweck der Ausbildung
2.2.1 Push-Faktoren:
2.2.2 Pull-Faktoren

3. „Internationale Studierende“
3.1 Definition
3.2 Die Geschichte der Bildungs- und Ausbildungswanderung in Deutschland

4. Rechtslage der internationalen Studierenden in Deutschland
4.1 Visum - notig oder nicht notig?
4.2 Voraussetzungen fur den Erhalt eines Visums in Deutschland
4.2.1 Finanzierungsformen
4.2.2 Sprachkenntnisse
4.3 Arten von Visa
4.3.1 Visum zur Studienplatzsuche und Sprachkursvisum
4.3.2 Einreisevisum zum Zweck des Studiums
4.3.3 Schengen-Visum und Nationales Visum
4.4 Erwerbstatigkeit wahrend dem Studium
4.5 Verlangerung der Aufenthaltserlaubnis nach Abschluss des Studiums

5. Der Weg nach Deutschland

6. Die Technischen Hochschule Nurnberg in Bezug auf. internationale Studierende
6.1 Die Internationalisierungsstrategie der Hochschule
6.2 Daten zu internationalen Studierenden an der Hochschule

7. Empirisches Vorgehen

8. Untersuchungsergebnisse
8.1 Entscheidungsprozesse fur die Migration nach Deutschland
8.2 Einreiserfahrungen der Studierenden
8.3 Sprachkompetenzen
8.4 Losungen fur das Finanzierungsproblem
8.5 soziale Integration
8.6 Kontakt mit Behorden
8.7 Die Inanspruchnahme von Hilfen

9. Diskussion
9.1 Die disparate finanzielle Situation der Studierenden
9.2 Die unterschiedliche Dichte des sozialen Netzwerks
9.3 Die Wohnform als Integrationsfaktor
9.4 Die Auslanderbehorde in Nurnberg als Hemmfaktor
9.5 Hilfreiche Rahmenbedingungen und Unterstutzungspolitik an der Technischen Hochschule

10. Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen

11. Ausblick

Literatur

Abbildungen

Abb. 1: Push - Faktoren fur Migration im Jahr 2013 (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, 2013, S. 218)

Abb. 2: Pull - Faktoren fur Migration im Jahr 2013 (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, 2013, S. 219)

Abb. 3: Einkommensnachweis fur die Abgabe einer Verpflichtungserklarung 2020 (Kreisverwaltungsreferat Munchen, 2020)

Abkurzungsverzeichnis

AufenthG Aufenthaltsgesetz

AufenthV Aufenthaltsverordnung

BAMF Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge

BRD Bundesrepublik Deutschland

DAAD Deutscher Akademischer Austauschdienst

DSH Deutsche Sprachprufung fur den Hochschulzugang auslandischer Studienbewerber

DZHW Deutsches Zentrum fur Hochschul- und Wissenschaftsforschung

ECTS European Credit Transfer and Accumulation System

EFTA European Free Trade Association

ERASMUS European Community Action Scheme for the Mobility of University Students

EU Europaische Union

FAU Friedrich-Alexander-Universitat

GER Gemeinsamer Europaischer Referenzrahmen fur Sprachen

IAS Integriertes Auslandsstudium

JSP Joint Study Programme

TELC The European Language Certificates

TestDaF Test Deutsch als Fremdsprache

TH Technische Hochschule

WG Wohngemeinschaft

ZAM Zentrale Anlaufstelle Migration

Hinweis im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes

Aus Grunden der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzie- rung, wie z.B. Student*innen, verzichtet. Sofern nicht ausdrucklich anders bezeichnet gel- ten entsprechende Begriffe im Sinne der Gleichbehandlung fur beide Geschlechter.

1. Einfuhrende Uberlegungen und Ziele der Arbeit

„Alle Weltgeschichte ist im Kern Geschichte von Wanderungen. So- weit wir ruckwarts blicken konnen in den Nebel, der die Anfange der Menschheitsentwicklung auf diesem Planeten verhullt, fuhrt alle Be- wegung der Kultur auf Bewegung von Menschenmassen im eigent- lichen Sinne, auf Wanderung zuruck" (Oppenheimer, 1923)

Begonnen hat die Internationalisierung der deutschen Universitaten nach dem zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1969 wurde durch die Parlamentarische Versamm- lung beschlossen, dass eine „Europaisierung“ (Deutscher Akademischer Aus- tauschdienst, n. d.) der deutschen Universitaten angestrebt werden soll. Die da- malige BRD breitete ihre Hochschulkooperationen somit weiter aus. Vor allem wurden internationale Beziehungen zu hoch entwickelten Industriestaaten ge- pflegt (Kehm, 2004). Durch die Entstehung der internationalen Studiermoglichkeit veranderte sich die deutsche Hochschulkultur in allen Bereichen des universita- ren Lebens. Hochschulstrukturen und die Studienorganisation wurden der Rubrik ,Lehre und Studium' angepasst und neue Kommunikationsstrukturen regeneriert (Schumann, 2012, S. 27).

Die heute als Bildungsauslander bekannten Studierenden weisen eine auslandi- sche Hochschulzugangsberechtigung (meist Abitur) auf und streben ein Studium in Deutschland an. Bildungsinlander besitzen hingegen eine deutsche Hoch- schulzugangsberechtigung (Statistisches Bundesamt, 2019, S. 6). Der Aufent- haltsstatus und die Herkunft werden hinsichtlich der Begrifflichkeiten nicht unter- schieden (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, 2014, S. 59).

Das Statistische Bundesamt erfasst in regelmaftigen Abstanden Daten uber Bil- dungsauslander in Deutschland. Diese Daten werden jahrlich durch den Deut- schen Akademischen Austauschdienst [DAAD] in Kooperation mit dem Deut- schen Zentrum fur Hochschul- und Wissenschaftsforschung [DZHW] in dem Ar- tikel „Wissenschaft Weltoffen“ dargestellt und interpretiert. Die Zahl der Bildungs- auslander in Deutschland ist seit 2014 am Steigen und bis zum Jahr 2019 wurde ein prozentualer Anstieg von 2,1 Prozent an eingeschriebenen Bildungsauslan- dern verzeichnet (Deutscher Akademischer Austauschdienst, 2020, S. 6).

Durch diesen kontinuierlichen Anstieg an internationalen Studierenden in Deutschland, stellt sich eine zentrale Frage:

Wie sieht die finanzielle und soziale Situation von internationalen Stu- dierenden in Deutschland aus?

Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gemacht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Die Betrachtung sowie Interpretation bezieht sich uberwiegend auf die Zielgruppe der Bildungsauslander. In dieser Arbeit werden internationale Studierende als Synonym fur Bildungsauslander verwendet. Um eine fokussierte Untersuchung zu ermoglichen, wurde zur Datenerhebung der Standort der Tech- nischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nurnberg gewahlt.

Im ersten und zweiten Abschnitt folgt eine verallgemeinerte Darstellung der inter- nationalen Studierenden in Deutschland, verknupft mit dem geschichtlichen Wer- degang der Migration zum Zweck der Ausbildung.

Eine Niederschrift der Voraussetzungen fur das Antreten eines Studiums in Deutschland werden ab dem dritten Kapitel genannt. Ein besonderes Augenmerk belauft sich dabei auf die finanziellen Voraussetzungen fur das Studieren in Deutschland.

Eine empirische Datenerhebung anhand von Interviews mit drei Bildungsauslan- derinnen und einem Bildungsauslander an der Technischen Hochschule in Nurn­berg soll an dieser Stelle zur Veranschaulichung dienen. Die aus der Datenerhe- bung gewonnenen Ergebnisse werden nach der Beschreibung der gewahlten Methodik im vierten Abschnitt dargestellt.

Fortlaufend werden Problemstellungen zur finanziellen und sozialen Situation der Studierenden definiert und diskutiert, die sich anhand der erhobenen Daten zu erkennen geben. Die Arbeit schlieftt mit zukunftsorientierten Handlungsempfeh- lungen ab.

2. „Migration

In den folgenden Unterkapiteln wird der Begriff der Migration naher betrachtet. Zunachst folgt eine Definition mit einer kritischen Nuance gegenuber der Bedeu- tung. Weiterhin wird es um die Migration zum Zweck der Ausbildung gehen.

2.1 Definition

Der Begriff Migration bezeichnet eine auf bestimmte Dauer angelegte raumliche Umsiedlung des Lebensmittelpunktes von einzelnen Personen, Gruppen, Fami- lien oder ganzen Bevolkerungen (Meier-Braun & Weber, 2013, S. 31). Das aus dem Lateinischen abgeleitete Wort verbindet in der Bedeutung zum einen die Wanderungsgesellschaft, die seit Jahrzehnten ausgelebt wird und ein zentrales Element der Lebensplanung von Migranten darstellt. Zum anderen bezieht sich Migration auf die zwischenmenschliche Basis, die nicht als zeitverbundenes Pha- nomen dargestellt wird, sondern fortlaufend einen Beitrag zur Kulturgeschichte der Menschen leistet (Aigner, 2017, S. 3).

Diese zwiegespaltene Ansicht des Begriffs lasst Soziologen und Migrationsfor- scher uber die Definition oder Bedeutung streiten. „Migrationstheorien“ wurden seit dem 19. Jahrhundert aufgestellt, die sich auf verschiedene Ansatze stutzen. Dadurch versuchen Experten das Phanomen der Migration auf ihre Art zu erkla- ren. Diese Theorien umfassen zum Teil bevolkerungsgeografische Ansatze (Li- akova, 2013, S. 35).

Der Soziologe Franck Duvell argumentiert, dass „kein geografischer Raum und keine Gesellschaft existiere, in denen es Migration nicht gegeben hatte“ (Aigner, S. 3). Der Ansatz bezieht sich auf die Modernisierung, Industrialisierung und Ur- banisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts, indem es immer haufiger zu Wan- derungsbewegungen kam (Liakova, S. 35).

Als Industrialisierung wird die Transformation von der bauerlichen Agrargesell- schaft hin zur Industriegesellschaft definiert. Die Zeitepoche, in der die Industria- lisierung voranschritt, bezieht sich auf das 18. Und 19. Jahrhundert (Wildmann, 2007, S. 53).

Urbanisierung versteht sich als der Prozess nach der Industrialisierung. Durch die „Verstadterung“ (Bahr, 2011) begann die Ausdehnung der stadtischen Fla- chenzahlen und im Gegenzug die Verkleinerung von landlichen Gebieten (ebd.). Im Gegensatz zu Duvell's Argumentation steht die Annahme von Stephen Cast­les und Mark Miller, die den Begriff der Migration als zeitgenossisches Phanomen betrachten. Sie waren der Uberzeugung, dass Migrationsbewegungen bereits um 1650 aufgrund der Industrialisierung und Modernisierung vorherrschten. Dem- entsprechend sei Migration ein von Menschen erzeugtes Phanomen, das (un)ge- zwungen ausgelebt wird, wenn in bestimmten Regionen unter anderem Krieg, Versklavung, Bildung von Reichen oder auch neue Arbeitsplatze vorherrschen (Castles & Miller, 1998, S. 48).

Auf wissenschaftlicher Ebene begann die Migrationsforschung im 19. Jahrhun- dert und wurde durch empirische Untersuchungen etabliert und weiter ausge- baut. Das Phanomen der Migration wurde als ein fortbestehendes Ereignis be- trachtet und Forschungsansatze mit Hypothesen wurden zur Uberprufung beno- tigt (Aigner, S. 3). Eine Hypothese stellt eine zunachst unbewiesene Annahme uber einen Forschungsgegenstand dar, die zur Erlangung wissenschaftlicher Er- kenntnisse genutzt wird (Duden, n. d.).

Bei der Betrachtung von Migrationsgesellschaften ist zu beachten, dass Migra­tion nicht gleich Migration darstellt. Somit gibt es verschiedene Formen der Wan- derungsgesellschaften, die je nach Zweck oder Absicht der Betroffenen verubt werden. Aufgrund der begrenzten Rahmenbedingungen dieser Arbeit wird im weiteren Verlauf ausschlieftlich die Bildungs- und Ausbildungswanderung (Mig­ration mit dem Zweck, eine schulische, akademische oder berufliche Qualifikation zu erwerben) erlautert (Aigner, S. 3).

2.2 Migration zum Zweck der Ausbildung

Im Hinblick auf die Migration zum Zweck der Ausbildung sind mehrere Faktoren zu berucksichtigen, die eine derartige (Aus-)Wanderung zur Folge haben kon- nen. Somit stellt sich zunachst die Frage, welche Absichten beziehungsweise Grunde Migranten verfolgen, die nach Deutschland auswandern, um hier ein Stu- dium zu absolvieren. Das Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge [BAMF] erfasst diesbezuglich in regelmaftigen Abstanden Daten, die zum einen die aktu- ellen und tatsachlichen Zahlen von internationalen Studierenden darstellen. Zum anderen erfragt die Absolventenstudie Beweggrunde fur das Studieren in Deutschland. Hierzu teilt das BAMF die Erhebungin Push-und Pull-Faktoren ein. Push-Faktoren bezeichnen Grunde fur das Verlassen des eigenen Herkunftslan- des. Pull-Faktoren hingegen machen deutlich, warum die Befragten bewusst Deutschland als ihr Zielland ausgewahlt haben (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, 2013, S. 217 ff.). An der Online-Befragung nahmeninsgesamt 4.542 internationale Studienabsolventen teil, weshalb von aussagekraftigen Ergebnis- sen ausgegangen werden kann. Die zwei folgenden Abbildungen zeigen die Er- gebnisse der Absolventenstudie und werden auf Push- und Pull-Faktoren inter- pretiert.

2.2.1 Push-Faktoren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BAMF-Absolventenstudie 2013,0 = Mittelwert, a = Standardabweichung, n zwischen 4.345 und 4.467, n sonstige private Grunde = 3.206; Frage 1-94.

Abbildung 1: Push - Faktoren fur Migration im Jahr 2013 (Bundesamt fur Migra­tion und Fluchtlinge, S. 218).

Die Statistik der BAMF-Absolventenstudie aus dem Jahr 2013 stellt die Ergeb- nisse der Befragung zu den Push-Faktoren der ehemaligen Studierenden se- quenziell dar. Dabei wurden die Beweggrunde zur Migration der Absolventen er- fasst und von „nicht entscheidend“ bis hin zu „sehr entscheidend“ dargestellt. Die Beweggrunde reichen von „okonomischer Lage im Herkunftsland“ uber „berufli- che Perspektiven“ bis hin zu „Studienmoglichkeiten im Herkunftsland“. Soziale Absicherungen im Herkunftsland oder der Wunsch, internationale Erfahrungen zu sammeln, wurden ebenfalls als Beweggrunde erfragt. Wahrend der Befragung konnten die Absolventen ihre Einschatzungen zu den jeweiligen Faktoren abge- ben und dies, ahnlich wie im deutschen Notensystem, mit den Noten von null (nicht entscheidend) bis sechs (sehr entscheidend) bewerten. Die Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt die Mehrzahl der Befragten als Migrationsbeweg- grund das Sammeln neuer Erfahrungen im internationalen Bereich angegeben haben (im Durchschnitt die Zahl 5,2 erhalten). Gefolgt werden die Angaben von allgemeinen (3,4) und beruflichen (3,3) Perspektiven im Herkunftsland denen die Migranten nicht weiter ausgesetzt bleiben wollten. Zusatzlich berucksichtigt die Statistik die sonstigen privaten Grunde der Absolventen. (Bundesamt fur Migra­tion und Fluchtlinge, S. 218). Die Absolventenstudie beachtet zudem eine Grau- ziffer von etwa 1000 Personen, die keine Einstufung zu den Push-Faktoren vor- nahmen. Fur diese Personengruppen konnte keine nennenswerte Relevanz zur Migration erkannt werden. Eine geringe Rolle fur die Migration stellten klimati- schen Faktoren im Herkunftsland dar. Das BAMF erklarte sich dieses Ergebnis mit der Annahme, dass es in den Herkunftslandern der Befragten keinen Unter- schied zum deutschen Klima gibt.

2.2.2 Pull-Faktoren

Pull-Faktoren, die in der BAMF-Absolventenstudie erfragt wurden, reichen von „okonomische Lage in Deutschland" uber „politische Lage/ Lebensqualitat in Deutschland" bis hin zu „Qualitat der Hochschulausbildung“ oder „Kontakte zu in Deutschland lebenden Personen“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BAMF-Absolveritenstudie 2013,□ = Mittebwert, CT = Standsrdabweichung, n ZwisChen 4.263 und 4.461, n sonstige private Grunde = 3.G4S; Frage 1-95.

Abbildung 2: Pull - Faktoren fur Migration im Jahr 2013 (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, 2013, S. 219)

Die Mehrheit der Absolventen gab die Qualitat der Hochschulausbildung als ent- scheidenden Grund fur die Einwanderung an (ca. 40 Prozent mit 6 bewertet), gefolgt von der okonomischenund politischen Lage in Deutschland. Die beiden Faktoren liegen im ahnlichen Bereich (ca. 20 Prozent mit 6 bewertet), wie die berufsbezogenen Faktoren.Dass die Attraktivitat der wirtschaftlichen Situation in Deutschland fur die Migranten als Pull-Faktor entscheidend ist, wird hierbei er- sichtlich. „Moglichkeiten fur Familienangehorige“ (70 Prozent mit 0 bewertet) stellte fur die Befragten die geringste Rolle zur Migration dar.Das BAMF erklart dieses Ergebnis damit, dass sich unter den Teilnehmern „junge“ (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, S. 68ff) Absolventen im Alter von 18 bis einschlieftlich 50 Jahren befanden. Es wurde davon ausgegangen, dass die befragten Perso- nen noch nicht familiar gebunden sein wollten bzw. waren. Zudem war die Ziel- gruppe zur Erhebungszeit entweder bereits berufstatig oder auf der Suche nach einer Beschaftigung (Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge, S. 217ff), was die These des BAMF zusatzlich stutzt. Aus den Ergebnissen der Studie ist abzulei- ten, dass Bildungsauslander verschiedenste Push- und Pull-Faktoren fur Migra­tion aufweisen konnen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass Deutschland aus oko- logischer und politischer Dimension betrachtet, einen gewissen Anreiz auf die Migranten aufweist und dadurch die Einwanderung begunstigt.

3. „Internationale Studierende“

3.1 Definition

Unter dem Begriff der internationalen Studierenden wird zunachst zwischen zwei Gruppen unterschieden. Bei den Credit mobility students handelt es sich um Stu- dierende mit einem Aufenthalt in Deutschland, der sich auf eine begrenzte Zeit erschlieftt und z. B. beim Erasmus-Studierendenaustausch oder bei Summer­schools zu finden ist. Der Austausch breitet sich auf ein bis zwei Semester an einer Partnerhochschule im Ausland aus. Hauptziel des Austauschs ist ein inter- nationaler Erwerb von Leistungen, die an der Hochschule im Herkunftsland zu erweiterten ECTS-Punkten fuhren.

Degree seeking students stellen hingegen internationale Studierende dar, die als Bildungsauslander ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben und in einem neuen Zielland das Studium aufnehmen. Die Studierenden sind in Bachelor- oder Masterstudiengangen eingeschrieben oder streben ein Promotionsstudium an (Barthelt, Meschter, Meyer zu Schwabedissen & Pott, 2015). Im Rahmen dieser Arbeit werden im Wesentlichen Degree seeking stu­dents betrachtet und deren Lebenssituationen auf finanzieller und sozialer Ebene interpretiert.

3.2 Die Geschichte der Bildungs- und Ausbildungswanderung in Deutschland

Die Anfange der deutschen Migrationsgeschichte von internationalen Studieren- den lassen sich im Jahr 1969 verzeichnen (s. Kapitel 1).

Im Jahr 1971 wurde beschlossen, in Florenz das erste europaische Hochschu- linstitut zu grunden. Dies verzeichnete sich als groften Schritt in eine internatio­nale Hochschulentwicklung. In den darauffolgenden Jahren wurde das EU-Akti- onsprogramm im Bildungsbereich verabschiedet (Rat der europaischen Gemein- schaften, 1976, S.1). Das Schlusspladoyer des Programms lautete:

Bessere Moglichkeiten der Bildung und Ausbildung der Staatsange- horigen von anderen Mitgliedstaaten der Gemeinschaften und von Nichtmitgliedslandern sowie ihrer Kinder (ebd.).

Einen ersten Anlauf der internationalen Studiermoglichkeit in Deutschland star- tete die DAAD 1979/80 mit der Maftnahme „ integriertes Auslandsstudium “ [IAS]. Mit dem Programm wurden die ersten Auslandsaufenthalte fur deutsche Studie- rende ermoglicht und von der DAAD gefordert (Schwarz & Schotte-Kmoch, 2001).

1985 wollte der Europaische Rat die Moglichkeit schaffen, interuniversitare euro- paische Austausch- und Studienprogramme zu uberprufen und gab hierfur den Auftrag frei, Maftnahmen zu ergreifen. Zudem fehlte es an einheitlichen Rege- lungen zur Anrechnung von Studienleistungen in den verschiedenen Landern. Fur diese Angelegenheit wurde ebenfalls ein Auftrag freigegeben. Das „Euro- pean Academic Credit Transfer System“, kurz ECTS, wurde in die Hochschulsys- teme der Mitgliedsstaaten integriert und verschaffte damit ein globales und ein- heitliches System der Leistungsanrechnung (Deutscher Akademischer Aus- tauschdienst, 2017).

Mit der Einfuhrung des Joint Study Programmes [JSP] im Jahr 1986 an uber 500 Hochschulen der Mitgliedslander kam es zu erstmaligem integrierten Studenten- austausch, Dozentenaustausch bzw. gemeinsamer Lehrplanentwicklung welt- weit (ebd.).

Im selben Jahr wurde ein Entwurf fur das ERASMUS-Programm [EuRopean Community Action Scheme for the Mobility of University Students] erstellt und genehmigt. Am 1.07.1987 trat ERASMUS in Kraft (ebd.). Dieses Programm gilt heute noch als eines der bekanntesten Mobilitatsprogramme im Hinblick auf Hochschulkooperationen und den Studentenaustausch (Kehm, 2004).

Heute sind internationale Studierende auf der ganzen Welt vertreten. Diese Randgruppe ist im deutschen Hochschulalltag fest integriert und prasent. Des- wegen ist es von Bedeutung, einen genaueren Blick auf die Lebenssituation der Studierenden zu werfen. Um eine empirische Datenerhebung zu ermoglichen, mussen zunachst einheitliche Informationen zur Zielgruppe naher beleuchtet werden. Hierzu wird im nachsten Kapitel die Rechtslage der internationalen Stu- dierenden in Deutschland betrachtet, gefolgt von den Studiervoraussetzungen in Deutschland.

4. Rechtslage der internationalen Studierenden in Deutschland

Rechtliche Rahmenbedingungen sind entscheidende Aspekte, die das Antreten eines Studiums ermoglichen. Ohne einen legalen Aufenthalt ist kein Studium moglich. Genauso ist das Absolvieren eines Studiums ohne eine Zulassung an einer anerkannten Hochschule nicht realisierbar. Diese Rahmenbedingungen konnen entscheidend dafur sein, welches Land sich Studierende fur die Migration aussuchen.

4.1 Visum - notig oder nicht notig?

Es hangt vom jeweiligen Herkunftsland ab, ob zur Einreise ein Visum benotigt wird. Fur jedes Land herrschen unterschiedliche Einreisebestimmungen (vgl. die Bundesregierung, 2020).

Freizugigkeitsberechtigte EU-Burger haben einen uneingeschrankten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Sie konnen ohne ein Visum oder eine Aufenthalts- erlaubnis hierzulande leben und arbeiten. Bezogen auf das Angehen eines Stu- diums gelten dieselben Regelegungen. Diese Berechtigung gilt ebenfalls fur Staatsangehorige der EFTA-Staaten, die vier Lander umschlieRen: Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island (ebd.). EFTA steht fur die Europaische Freihandelsassoziation und stellt eine Organisation dar. Im zwischenstaatlichen Bereich dient sie fur einen freien Handel und Forderung der wirtschaftlichen In­tegration (Eurostat, 2013).

Fur Staatsburger aus Australien, Israel, Japan, Kanada, Neuseeland, den USA oder der Republik Korea gilt die Regelung, dass sie ohne Visum nach Deutsch­land einreisen durfen. Zur Aufnahme einer Beschaftigung oder eines Studiums mussen sie eine Aufenthaltserlaubnis bei der zustandigen Auslanderbehorde be- antragen. Die zustandige Auslanderbehorde lokalisiert sich in der Stadt, in der die Person ihren dauerhaften Wohnsitz hat. Stammen die Studienbewerber je- doch aus einem anderen Land, so mussen sie vor Anreise nach Deutschland ein Visum beantragen. Dies konnen sie entweder bei der deutschen Botschaft oder dem zustandigen Konsulat im Herkunftsland erledigen (ebd.).

4.2 Voraussetzungen fur den Erhalt eines Visums in Deutschland

Zu den Voraussetzungen fur den Erhalt eines Visums gehort zunachst ein Nach- weis daruber, dass eine Hochschulzugangsberechtigung oder ein anerkannter Hochschulabschluss vorherrscht. Zudem ist es notwendig eine Zulassung an ei- ner staatlich anerkannten Hochschule in Deutschland nachzuweisen. Die Bewer- bung um einen Studienplatz an einer Hochschule haben Studieninteressenten bereits im Herkunftsland einzureichen (Die Bundesregierung, n. d.).

Weiterhin ist ein Nachweis zur Sicherung des Lebensunterhalts notwendig. Dies kann in Form eines Sperrkontos, eines Stipendiums oder einer Verpflichtungser- klarung geschehen (ebd.). Die Definition der aufgefuhrten Nachweisformen er- folgt im Kapitel 4.2.1.

Eine letzte Voraussetzung fur den Erhalt eines Visums, ist der Nachweis uber entsprechende Sprachkenntnisse. In der Regel wird das Sprachniveau B2 des Gemeinsamen Europaischen Referenzrahmens fur Sprachen [GER] gefordert. Der GER setzt sich mit den Fortschritten und Herausforderungen der Lernerfolge von Fremdsprachen auseinander und dient dazu, einen Maftstab zu schaffen, durch den das Erlernen einer Fremdsprache definiert werden kann. Folglich wer- den durch den gesetzten Maftstab europaische Sprachzertifikate untereinander vergleichbarer (Gemeinsame Europaische Referenzrahmen fur Sprachen, n. d.).

Das vorausgesetzte Sprachniveau kann bspw. durch einen erfolgreich absolvier- ten Deutschkurs an einem Goethe-Institut im Herkunftsland erlangt werden (Die Bundesregierung, n. d.).

4.2.1 Finanzierungsformen

Mit einem Sperrkonto konnen Studieninteressenten aus dem Ausland ihr Visums- antragsverfahren bekraftigen, indem sie finanzielle Mittel zur Sicherung des Le- bensunterhalts nachweisen. Das Sperrkonto wird an einem in Deutschland an- sassigen Kreditinstitut eroffnet. Der angenommene jahrliche Regelbedarf wird anhand der Satze fur deutsche Studierende berechnet und liegt im Jahr 2020 bei 10.236 Euro. Diese Summe muss auf einem Sperrkonto fur ein Jahr nachweisbar sein, damit der Visumantrag bewilligt wird (Deutsche Botschaft Sofia, 2020).

Den Studierenden steht von der eingezahlten Summe monatlich 835 Euro zur Verfugung. Des Weiteren kann das Konto nicht ohne die Zustimmung der zustan- digen Auslanderbehorde aufgelost werden. Diese gilt als Sperrbegunstigte und hat den Auftrag, die finanziellen Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts zu uberwachen. Worauf die Auslanderbehorde bzw. in dem Fall der Sperrbeguns- tigte keinen Zugang hat, ist die Verwaltung des Kontos. Somit kann die Auslan- derbehorde keine Betrage abheben oder das vorhandene Geld einziehen (Aus- wartiges Amt, 2018).

Bei kritischer Betrachtung der Rechtslage wird davon ausgegangen, dass freie Entscheidungen uber das Vermogen mit dieser Finanzierungsform nur bedingt moglich sind. Die Studierenden mussen strikte Auflagen beachten und am Ende eines Jahres die Finanzierung in gleicher Hohe erbringen, um das Studium fort- zusetzen (ebd.).

Um den gesicherten Lebensunterhalt nachzuweisen und damit ein Visum zu er- halten, konnen internationale Studierende des Weiteren die Moglichkeit eines Stipendiums nutzen. Verschiedene Institutionen vergeben Stipendien und sind auf die Zielgruppe spezialisiert. Dazu zahlt unter anderem der DAAD in Deutsch­land. Zudem sind parteinahe Stiftungen, konfessionelle Einrichtungen oder wirt- schaftsnahe Organisationen auf die Vergebung von Stipendien eingestellt. Eben- falls besteht die Moglichkeit, im eigenen Herkunftsland ein Stipendium zu beantragen. Dennoch gilt: es besteht kein genereller Anspruch auf ein Stipen- dium und nicht die Moglichkeit, durch ein Stipendienprogramm das gesamte Stu- dium zu finanzieren. Zusatzlich gibt es verschiedene Regelungen ab welchem Semester ein Stipendium erstmalig beantragt werden kann. Fur Studierende aus der EU sowie Island, Liechtenstein, Norwegen, der Turkei und Mazedonien wer- den besondere Austauschprogramme angeboten, wie das Programm Erasmus+. Das Programm fordert Auslandsaufenthalte bis zu zwolf Monate. Dabei kann es sich um einen Studentenaustausch oder ein Praktikum handeln (Deutscher Aka- demischer Austauschdienst, n. d.).

Die Verpflichtungserklarung dient laut § 68 Aufenthaltsgesetz als Finanzierungs- nachweis zum Erhalt eines Visums. Hierbei handelt es sich um eine Burgschaft einer in Deutschland ansassigen Person. Eine Verpflichtungserklarung wird fur Drittstaatangehorige ausgehandigt. Mit der Erklarung willigt der/die Beantra- gende, die durch eine Einreise und einen Aufenthalt fur die/den internationale*n Studierende*n entstehenden Kosten zu decken (§ 68 Abs. 1 AufenthG). Sie wird bei der Auslanderbehorde am Wohnort des Erklarenden abgegeben. Dazu sind bestimmte Voraussetzungen zu erfullen. Hierzu zahlen festes Einkommen sowie ein dauerhafter Wohnsitz in Deutschland. Die Bonitat wird von der Auslanderbe- horde gepruft und durch eine Unterschrift wird die Verpflichtungserklarung rechtswirkend (Auswartiges Amt, n. d.).

Laut § 68 Aufenthaltsgesetz verpflichtet sich die antragstellende Person „fur einen Zeitraum von funf Jahren samtliche offentlichen Mittel zu erstatten, die fur den Lebensunterhalt des Auslanders einschlieft- lich der Versorgung mit Wohnraum sowie der Versorgung im Krank- heitsfalle und bei Pflegebedurftigkeit aufgewendet werden, auch soweit die Aufwendungen auf einem gesetzlichen Anspruch des Auslanders beruhen.“ (§68 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG)

Die folgende Tabelle stellt das erwartete Nettoeinkommen fur verschie- dene Personengruppen dar, die eine Verpflichtungserklarung aufgeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3, Einkommensnachweis fur die Abgabe einer Verpflichtungser- klarung 2020 (Kreisverwaltungsreferat Munchen, 2020)

Der Tabelle ist zu entnehmen, dass eine alleinstehende Person ein Nettoeinkom- men von 1.330 Euro aufweisen muss, wenn sie fur eine/einen Studierenden die Verpflichtungserklarung abgeben mochte. Das aufzubringende Nettoeinkommen erhoht sich mit Anzahl der sich verpflichtenden Personen sowie der Anzahl an Personen, die es zu verpflichten gilt. Die erwartete Nettoeinkommenshohe liegt in einem Bereich, der bspw. kaum von Auszubildenen oder Studierenden er- bracht werden konnte. Das angegebene Nettoeinkommen ist fur diese Zielgruppe als Bruttoeinkommen zu betrachten. Somit richten sich die Werte der Tabelle e- her an Arbeitnehmer mit Berufserfahrung und langerfristiger Beschaftigung (Kreisverwaltungsreferat Munchen, 2020).

4.2.2 Sprachkenntnisse

Um eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu erhalten, mussen sprachliche Kenntnisse auf dem Niveau B2 vorliegen. Das Antreten des Studiums hingegen, verlangt ein C1-Sprachniveau. Fur den Erwerb der Sprachkenntnisse sind vier Moglichkeiten gegeben. Zum einen besteht die Option, die „Deutsche Sprachpru- fung fur den Hochschulzugang auslandischer Studienbewerber“ [DSH] drei Wo- chen vor Antritt des ersten Fachsemesters an einer deutschen Hochschule ab- zulegen. Als Voraussetzung gilt die Hochschulzulassung (Eggers, 2001, S. 5)

Eine weitere Moglichkeit stellt die Teilnahme am „Test Deutsch als Fremdspra- che“ [TestDaF] dar. Der TestDaF ist ein standardisierter Test fur auslandische Studienbewerber, der an Prufungszentren in Deutschland oder im Ausland ange- boten wird. Ein erfolgreicher Abschluss berechtigt das Antreten eines Studiums in Deutschland (TestDaF Institut, n. d.).

Die dritte Variante ist die erfolgreiche Teilnahme an dem Goethe-Zertifikat C2 des Goethe-Instituts. Das Zertifikat qualifiziert zur Bewerbung an deutschen Hochschulen. Die Prufung kann an jedem Goethe-Institut im In- und Ausland ab- gelegt werden (Goethe-Institut, n. d.).

Als vierte Moglichkeit gilt der Test „telc Deutsch C1 Hochschule“, um Deutsch- kenntnisse auf C1 Niveau nachzuweisen. Uber 2000 Prufungszentren sind welt- weit vertreten und die Bewerber sind nicht gebunden die Prufung in Deutschland abzulegen (The European Language Certificates, n. d.).

Sind die aufgefuhrten Voraussetzungen zum Erhalt eines Visums gegeben, so konnen Studienbewerber einen Antrag bei der deutschen Botschaft im Herkunfts- land stellen.

4.3 Arten von Visa

4.3.1 Visum zur Studienplatzsuche und Sprachkursvisum

Ist vor Anreise in Deutschland keine Zulassung an einer deutschen Hochschule vorhanden, beantragen die Bewerber ein Visum zum Zweck der Suche eines Studienplatzes nach §17 Abs. 2 AufenthG. Das Visum berechtigt zur Einreise fur bis zu neun Monate und dient dazu, sich vor Ort an deutschen Hochschulen zu bewerben oder studienvorbereitende Maftnahmen vorzunehmen. Hierzu zahlt der Besuch eines Sprachkurses oder eines Studienkollegs (ebd.). In den Studienkollegs erweitern die Interessenten ihre im Herkunftsland erworbenen akademischen Kultur- und Sprachkenntnisse (Studienkollegs, 2018).

Nach Einreise in der Bundesrepublik wird das Visum in eine Aufenthaltserlaubnis umgewandelt. Mit Erhalt der Aufenthaltserlaubnis ist die Aufnahme einer Arbeits- beschaftigung ausgeschlossen. Eine Verlangerung des Aufenthalts zum gleichen Zweck ist nicht moglich (die Bundesregierung, n. d.).

Das Sprachkursvisum gilt fur Studieninteressenten, die in Deutschland zunachst die Sprache erlernen wollen und einen dafur ausgelegten Kurs besuchen. Der Sprachkurs wird in drei bis zwolf Monaten absolviert. Hierbei ist eine Mindestzahl von 18 Wochenstunden nachzuweisen. Ein rechtlicher Anspruch auf Verlange- rung des Visums ist gegeben. Ausgeschlossen ist dabei der Antritt eines Vollzeit- studiums. Das Visum dient dazu, die Zielsprache zu erlernen und wieder auszu- reisen. Erst nachdem sich die Person wieder im Herkunftsland befindet und in Deutschland studieren mochte, kann ein Visum zum Zweck des Studiums bean- tragt werden (Auswartiges Amt, 2017).

4.3.2 Einreisevisum zum Zweck des Studiums

Nach dem Aufenthaltsgesetz gelten Auslander als Studierende, wenn sie die Zu- lassung an einer staatlich anerkannten Hochschule, Berufsakademie oder Studi- enkolleg aufweisen. Die Hochschulzulassung berechtigt, ein Visum zu Studien- zwecken zu erhalten (§16b Abs. 1 S. 1 AufenthG).

Zur Aufnahme eines Studiums benotigen Hochschulen den Nachweis uber einen deutschen Krankenversicherungsschutz. Bildungsauslander mussen uber eine gesetzliche oder private Krankenversicherung verfugen. Deutsche Krankenkas- sen bieten hierzu vergunstigte Tarife fur Studenten an (Krankenkassen Deutsch­land, 2020).

Minderjahrige Studieninteressenten sind zudem verpflichtet, eine Erlaubnis der sorgeberechtigten Person nachzuweisen. Sofern bereits ein Studium angetreten oder abgeschlossen wurde, konnen vorher erbrachte Leistungen an das aktuelle Studium angerechnet werden. Dafur wird ein Nachweis benotigt (Deutscher Aka- demischer Austauschdienst, 2017, S. 9 f.).

Ist die Gesamtzahl der aufgefuhrten Voraussetzungen erfullt, konnen Studienbe- werber einen Antrag auf ein Visum stellen. Sofern kein Grund dagegenspricht, haben sie einen Anspruch auf die Erteilung des Visums und erhalten es zunachst fur ein Jahr. Wenn das Studium mit einem Stipendium finanziert wird, richtet sich die Gultigkeitsdauer nach der Dauer des Stipendiums. Nach Ablauf der befriste- ten Gultigkeitsdauer, kann eine Verlangerung beantragt werden (ebd.).

4.3.3 Schengen-Visum und Nationales Visum

Das Schengen-Visum wird fur kurzere Aufenthaltszwecke bis zu 90 Tage verge- ben. Das Visum kann nicht verlangert werden (Heinhold, 2015, S. 399). Es wird meist fur den Besuch eines Sprachkurses oder zu Zwecken der Studienbewer- bung vergeben (ebd.).

Fur Drittstaatangehorige und Personen aus dem Schengen-Gebiet, wird bei ei- nem Aufenthaltszweck uber 90 Tage hinaus ein nationales Visum vergeben. Es wird fur Personengruppen genutzt, die einer Beschaftigung im Bundesgebiet nachgehen oder ein Studium beginnen. Im Regelfall wird das Visum im Her- kunftsland beantragt und erst nach Erhalt kann eingereist werden. Von der Re- gelung sind Staatsangehorige der Lander Australien, Israel, Japan, Kanada, Neuseeland, der Republik Korea und den Vereinigten Staaten von Amerika aus- genommen. Sie benotigen zur Einreise kein Visum. Den Antrag auf die Erteilung eines Aufenthaltstitels stellen sie im Inland (Auswartiges Amt, 2020). Die Zustim- mung der Auslanderbehorde in Deutschland ist vom Erhalt des Visums unab- dingbar.

4.4 Erwerbstatigkeit wahrend dem Studium

Internationale Studierende haben das Recht im Jahr entweder 120 volle oder 240 halbe Tage zu arbeiten. Die Arbeit konnen sie im Block verrichten oder das ganze Jahr uber auf Minijob-Basis arbeiten. Zudem ist es den Studierenden gestattet das Jahr uber studentische Nebentatigkeiten auszuuben (Hailbronner, 2017, S. 157f).

Bei der Bezeichnung halbe Arbeitstage ist eine tagliche Beschaftigungszeit von maximal vier Stunden gemeint. Geht die tagliche Arbeitszeit daruber hinaus, so zahlt sie als ein voller Arbeitstag. Die abgearbeiteten Tage der Studenten werden jahrlich zusammengerechnet. Das Aufenthaltsgesetz bietet internationalen Stu- dierenden die Moglichkeit, studentische Nebentatigkeiten an der Hochschule o­der an einer anderen wissenschaftlichen Einrichtung auszuuben. Die Tatigkeiten sind nicht zeitlich begrenzt (ebd.).

4.5 Verlangerung der Aufenthaltserlaubnis nach Abschluss des Stu- diums

Sofern ein erfolgreicher Abschluss an einer staatlich anerkannten Hochschule erreicht wurde, kann eine Verlangerung der Aufenthaltserlaubnis bis zu 18 Mo­nate beantragt werden. Der Zeitraum wird fur die Suche und Aufnahme einer abschlussgerechten Arbeitsbeschaftigung genutzt. Bereits wahrend der Suche nach einer Arbeitsstelle ist eine Nebenbeschaftigung laut dem AufenthG gestat- tet. Nach Antreten eines Arbeitsplatzes, wird ein dauerhafter Aufenthaltstitel zum Zweck der Erwerbstatigkeit beantragt (Hofmann, 2016, S. 378 f.).

Diese Form der Aufenthaltserlaubnis ermoglicht einen legalen Aufenthalt in Deutschland fur bis zu vier Jahre. Wenn der Arbeitgeber einen befristeten Ar- beitsvertrag zur Verfugung stellt, so wird die Aufenthaltserlaubnis an die angege- bene Zeitspanne angepasst.

Sofern der Arbeitnehmer langer als vier Jahre im Besitz der entsprechenden Auf- enthaltserlaubnis ist, kann die Person einen Antrag auf Niederlassungserlaubnis stellen. Dabei handelt es sich um einen unbefristeten Aufenthaltstitel und ein An­trag auf Verlangerung der Aufenthaltserlaubnis im Bundesgebiet muss nicht mehr gestellt werden (Die Bundesregierung, 2020).

5. Der Weg nach Deutschland

Zu Beginn ist es fur Bildungsauslander von Bedeutung, sich uber das ge- wunschte Studienfach zu informieren. Im nachsten Schritt wird entschieden, an welcher Hochschule und in welcher Stadt das Studium angetreten wird. Diese beiden Schritte werden im Herkunftsland erledigt. Die Person befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Regel nicht in Deutschland. Im nachsten Schritt werden die Voraussetzungen zur Erlangung eines Visums beschafft. Dies setzt das Er- lernen der Sprache und die Deckung des Lebensunterhalts voraus. Weiterhin wird die Bewerbung an die ausgewahlte Hochschule abgeschickt. Gleichzeitig wird das entsprechende Visum beantragt. Die Antragstellung eines Visums kos- tet in der Wahrung des Herkunftslandes 75 Euro (die Bundesregierung, 2020).

Die Wohnungssuche wird in einigen Fallen von der deutschen Botschaft uber- nommen. Ist die Voraussetzung nicht gegeben, suchen Studieninteressierte selb- standig nach einer Unterkunft. Hierzu gibt es die Moglichkeit, Hilfe bei dem DAAD in Anspruch zu nehmen. Die direkte Bewerbung bei Studentenwohnheimen wird von dem DAAD empfohlen, da sie darauf spezialisiert sind, Zimmer fur auslandi- sche Studienbewerber freizuhalten (Deutscher Akademischer Austauschdienst, n. d.).

Mit Erhalt des Visums ist die Einreise nach Deutschland gestattet.

6. Die Technischen Hochschule Nurnberg in Bezug auf internationale Studierende

Um ein ausreichendes Verstandnis uber die internationalen Studierenden an der Technischen Hochschule in Nurnberg zu erlangen gilt es, zunachst die vorhan- denen Strukturen und Systeme der Hochschule vergroRert darzustellen. In den folgenden Unterkapiteln wird diesbezuglich eine detaillierte Wiedergabe der Ar- beitsweisen der Hochschule hinsichtlich der internationalen Studierenden erfol- gen.

6.1 Die Internationalisierungsstrategie der Hochschule

Die Technische Hochschule Georg Simon Ohm [TH] in Nurnberg nahm 2013 am landesweiten Wettbewerb teil, um den Titel „Technische Hochschule“ zu erwer- ben. Dabei formulierte der Prasident der Hochschule folgendes Statement:

Das OHM bietet seinen Studierenden ein durch Forschung, Inter- nationalitat und Praxisnahe gepragtes Studien- und Arbeitsumfeld und bereitet sie dadurch auf eine Tatigkeit im internationalen Kon- text vor.

(Der Prasident der TH Nurnberg, 2017, S. 3).

Um dieses Statement in die Hochschulpolitik zu integrieren, entwickelte die TH Nurnberg im Jahr 2014 eine Internationalisierungsstrategie, um allen Studieren- den und Hochschulangehorigen die Moglichkeit fur das Sammeln von internatio- nalen Erfahrungen zu bieten. Das schlieftt den internationalen Austausch sowie In- und Auslandsreisen zur Internationalisierung mit ein. Vereinbart wurde diese Strategie mit dem Bayerischen Staatsministerium fur Bildung und Kultur, Wissen- schaft und Kunst (ebd.).

Im Grunde teilt sich die Internationalisierungsstrategie in funf Handlungsfelder auf. Sie dienen zur Zielerreichung des Konzepts und werden in diesem Kapitel vorgestellt. Die Folgenden Informationen beziehen sich auf die Quelle „Internati- onalisierungsstrategie der Technischen Hochschule Nurnberg" (Der President der TH Nurnberg, 2017).

Mit dem Handlungsfeld ,Studium und Lehre‘ beabsichtigt die TH Nurnberg, die Anzahl der studentischen Auslandsaufenthalte zu steigern. Internationale und fremdsprachige Lehrinhalte wurden als generelle etabliert, um die Fremdspra- chenkenntnisse der Studierenden an der Hochschule zu verbessern. Es fuhrt zu der Steigerung der internationalen Handlungskompetenzen der Hochschulange- horigen (ebd.). Erreicht werden diese Handlungsziele durch verschiedene aus- gearbeitete Maftnahmen. Unter anderem wurden neue Masterstudiengange mit mindestens einer internationalen Komponente erweitert. Zusatzlich wurden Be- ratungsangebote und Informationsstande im internationalen Kontext ausgebaut. Sie informieren rund um das Thema Internationalisierung, Erasmus etc. Ebenfalls wurde ein Online-Beratungsportal eingerichtet, das sich an Studierende wendet, die im Ausland ein Praktikum absolvieren oder am Erasmus-Programm teilneh- men mochten. Die TH Nurnberg ladt Gastdozenten ein, um Vortrage ebenfalls zu internationalisieren.

Das Handlungsfeld ,Internationaler Campus' stellt die externe Kooperationspart- nerschaft der TH mit anderen Hochschulen weltweit dar. Die Hochschule mochte im Allgemeinen mehr internationale Studierende (sowohl Credit mobility students als auch Degree seeking students) anwerben. Um langfristige Aufenthalte fur in­ternationale Studierende zu schaffen, will die TH Nurnberg ein Konzept entwi- ckeln, wodurch die Studienabbruchquote der auslandischen Studierenden zu- kunftig gesenkt wird. Um die genannten Ziele zu erreichen, finden an der Hoch- schule regelmaftig International Days statt, die das Zusammenkommen und den Austausch an Informationen zwischen Studenten aus der ganzen Welt ermogli- chen sollen. Aufterdem wurde 2016 das „Welcome-Projekt“ eingefuhrt, womit die Integration von internationalen Studierenden erleichtert werden soll.

Das Projekt wurde vom DAAD gefordert und im Fokus stehen Studieninteres- sierte und Studierende mit Fluchthintergrund. Sie werden anhand von „Buddys“ in Form von Peer-to-Peer-Helfern (von Studenten-fur Studenten) unterstutzt. Das Konzept dahinter, ist eine informelle Unterstutzungsquelle zu schaffen, die den Studierenden Hilfestellungen in jeglichen Alltagssituationen rund um die Themen Studium, Finanzierung, Wohnung etc. geben (Technische Hochschule [TH] Nurn­berg, 2019).

Des Weiteren hat die TH Nurnberg Orientierungswochen zur Eingewohnung an das studentische Alltagsleben eingefuhrt. Wahrend der ersten zwei Wochen des beginnenden Semesters wird ein Uberblick uber das Hochschulsystem gegeben. Dabei werden die Studierenden in fakultatsrelevante Kleingruppen aufgeteilt und bekommen von angeleiteten Tutoren tagliche Informationen. Die TH machte es sich ebenfalls zum Ziel, mehrsprachige Angebote auf ihrer Website, bei Beratun- gen oder Lehrinhalten anzubieten (TH Nurnberg, 2017, S. 7).

Die Internationalisierungsstrategie zielt auf verstarkte Forschungskooperationen mit auslandischen Partnerhochschulen ab. Diesbezuglich soll sich die Sichtbar- keit der wissenschaftlichen Community der TH Nurnberg erhohen und die Aus- landsmobilitat von Lehrenden und Forschenden zunehmen. Maftnahmen zur Er- reichung dieser Zielsetzungen beziehen sich uberwiegend auf finanzielle Forde- rungen in Bezug auf EU-Projekte. Summer-Schools sollen in hoherem Mafte im In- und Ausland stattfinden, die abwechslungsreiche Workshops auf Deutsch und Englisch anbieten. Summer-Schools dienen inhaltlich dazu, Schlusselkompeten- zen weiter auszubauen sowie die Sprachkompetenzen der Studierenden und Do- zenten zu erweitern (TH Nurnberg, 2020). Die TH Nurnberg strebt an, vermehrte internationale Konferenzen in Nurnberg zu veranstalten und im Ausland zusatz- lich an solchen Konferenzen teilzunehmen. Unter anderem sollen Stipendien- und Forderprogramme angeworben werden, um fur internationale Studieninte- ressierte attraktiver zu werden.

Eine intensivere Partnerschaftskooperation mit Hochschulen auf der ganzen Welt wird angestrebt, um „den regelma&igen Austausch mit Leben zu fullen" (TH Nurn­berg, 2017, S. 11). Bezogen auf diese Zielsetzung versucht die TH Nurnberg, laut der Internationalisierungsstrategie, bilaterale Beziehungen in Lehre und For- schung zu vertiefen sowie ausgewahlte und hochwertige Partnerschaften auf Hochschulleitungsebene weiter auszubauen. Durch die Entwicklung eines Krite- rienkatalogs sollen die Partnerschaften zu anderen Hochschulen evaluiert wer- den, um qualitativ hochwertige Kooperationsbeziehungen herauszufiltern und diese zu intensivieren. Mitarbeiter aus dem Bereich Administration und Service sollen seit Inkrafttreten der Internationalisierungsstrategie ebenfalls an internati- onalen Austauschprogrammen teilnehmen.

Das Hochschulmanagement plant, interkulturelle Kompetenzen der Hochschul- angehorigen weiter auszubauen. Realisiert werden die Ziele anhand interner Schulungen zu den Bereichen Sprache, interkulturelles Training sowie die Teil- nahme am Erasmus „Staff Mobility Program“. Letzteres stellt ein Programm dar, bei dem Lehrende aus unterschiedlichen Landern Schulungen anbieten, die von den Hochschulangehorigen besucht werden konnen. Das sollte zu erweiterten interkulturellen Kompetenzen im Umgang mit auslandischen Studierenden fuh- ren (TH Nurnberg, 2020).

6.2 Daten zu internationalen Studierenden an der Hochschule

Die Technische Hochschule erhebt in jedem Semester Daten zu verschiedenen Teilbereichen ihrer Studenten und halt diese in offentlich zuganglichen Statistiken fest. Die Recherche hat ergeben, dass im Wintersemester 2019/20 insgesamt 12.746 Studierende an der Technischen Hochschule in Nurnberg eingeschrieben waren. Davon machten 1.491 Studenten Bildungsauslander aus. Von den Bil- dungsauslandern waren 1.151 Studenten in Bachelor- oder Diplomstudiengan- gen eingeschrieben. Die Anzahl der eingeschriebenen Studierenden in Master- oder Zertifikatsstudiengangen, betrug 340 Studenten (vgl. TH Nurnberg, 2019, S. 1).

An der Hochschule in Nurnberg waren prozentual gesehen mehr Bildungsaus- lander eingeschrieben, als auf ganz Deutschland ubertragen. 2019 machten laut dem Statistischen Bundesamt in ganz Deutschland insgesamt 10,5 Prozent der Studierenden Bildungsauslander aus. Somit liegt die Anzahl der internationalen Studierenden in Nurnberg mit 12 Prozent uber dem deutschen Durchschnitt (Deutscher Akademischer Austauschdienst & Deutsche Zentrum fur Hoch-schul- und Wissenschaftsforschung, S. 3).

Die Studierenden an der TH Nurnberg kamen aus den Landern Kamerun (125 Studierende), China (85 Studierende) sowie Vietnam (80 Studierende), gefolgt von 97 weiteren Herkunftslandern (TH Nurnberg, 2020, S. 4). Auf der Meta- Ebene weichen die Zahlen an eingeschriebenen Bildungsauslandern an der Technischen Hochschule in Nurnberg von den Zahlen der in ganz Deutschland zu verzeichnenden Studierenden ab. Exemplarisch ausgedruckt, kamen auf das gesamte Bundesgebiet ubertragen, die meisten Studierenden aus China (13,2 Prozent) (Deutscher Akademischer Austauschdienst & Deutsche Zentrum fur Hochschul- und Wissenschaftsforschung, S.4). An der Hochschule in Nurnberg stammen die meisten Studierenden jedoch aus Kamerun (8,3 Prozent) (TH Nurn­berg, 2020, S. 4).

Ableiten lasst sich aus den Erkenntnissen, dass die Hochschule in Nurnberg eine differente internationale Studierendenkombination aufweist und fur die Bildungs- auslander in Deutschland attraktiv wirkt.

7. Empirisches Vorgehen

Forschungsmethode

Fur diese Bachelorarbeit wurde eine empirische Methode zur Datenerhebung ausgewahlt. Mit der Qualitativen Sozialforschung wurden detaillierte Einblicke in Lebensweisen von vier internationalen Studierenden der Technischen Hoch- schule ermoglicht. Dabei lag der Fokus auf qualitativen Ergebnissen.

Der Unterschied zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden liegt in der Denkweise der beiden Ansatze (Wichmann, 2017, S. 38). Quantitative Datenerhebung macht es sich zum Ziel, auf die Allgemeinheit ubertragbare Er- gebnisse zu erzielen. Die Ergebnisse sind an exakten Definitionen und Messun- gen interessiert. Eine sog. Ursache-Wirkungs-Relation steht im Vordergrund und soll die soziale Wirklichkeit darstellen. Im vereinfachten Verstandnis werden Da- ten, Messungen und Fakten uber den Forschungsgegenstand erhoben und die Ergebnisse verallgemeinert dargestellt (Doring & Bortz, 2016, S. 63).

Ein auffallender Nachteil uber quantitative Methoden, ist die fehlende Flexibilitat bei der Datenerhebung. Sie macht es begrenzt moglich, individuelle Erfahrungs- geschichten von Betroffenen einzuholen. Das hangt jedoch von dem gewahlten Forschungsdesign ab und trifft nicht auf alle Methoden zu. Meist wird bei der quantitativen Methodik mit standardisierten Fragebogen gearbeitet, die diesen Nachteil aufweisen (ebd.).

Qualitative Sozialforschung macht es sich zum Ziel, Ausdrucksformen sozialer Prozesse sinnhaft darzustellen. Im Vordergrund steht das Verstandnis uber Situ- ationen, die bei Menschen zu wiederkehrenden Handlungsweisen fuhren. Zudem soll erforscht werden, wie sich diese Handlungsweisen auf die soziale Umgebung der Personen auswirken. Qualitative Analysen beziehen sich stets an Handlun- gen von Individuen, die sich auf soziale Ereignisse auswirken und sich dynamisch weiterentwickeln (Froschauer & Lueger, 2020, S. 15).

Die Datenerhebung dient bei qualitativen Forschungsgegenstanden dazu, das Material zu beschaffen, womit die sozialen Prozesse von Individuen differenziert dargestellt werden konnen. Dabei ist zu beachten, welche Vorgehensweise fur die Erhaltung des Materials ausgesucht wird (ebd.).

Fur die Datenerhebung in dieser Bachelorarbeit wurde induktiv vorgegangen. Eine induktive Vorgehensweise dient dazu, die Fragestellung anhand von ge- wonnenen Erkenntnissen aus Erfahrungen zu beantworten. Induktion in dem Sinne zieht Schlussfolgerungen von Einzelfallen auf die allgemeingultige Norm (Wichmann, 2017, S. 30).

Als Erhebungsmethode eignet sich die Durchfuhrung von narrativen Expertenin- terviews. Das narrative Interview wird fur die Erforschung von autobiografischen Erlebnissen genutzt, um anhand von Einzelbefragungen personliche Informatio- nen zu expliziten Themen zu erhalten. Dabei steht die Interviewperson im Vor- dergrund der Erzahlung und dient als „Experte des eigenen Lebens“ (Kusters, 2014, S. 576).

Untersuchungsdesign

Zur Durchfuhrung der Interviews wurde zunachst die Zielgruppe auf internatio­nale Studierende der Technischen Hochschule festgelegt. Um Teilnehmende zu kontaktieren, wurde die Zusammenarbeit mit dem International Office der Hoch- schule genutzt. Zu der Zielgruppe wurde im Vorfeld Recherche betrieben, um fur die Durchfuhrung der Interviews relevante Aspekte und Inhalte herauszufiltern (Doring & Bortz, 2016, S 369).

Das International Office befasst sich mit zwischenstaatlichen Angelegenheiten an der Hochschule und gilt fur Studierende, Lehrende und Beschaftigte der TH Nurnberg als zentrale Anlaufstelle im internationalen Kontext (TH Nurnberg, n. d.).

Die Eingrenzung der Forschungsfrage auf die finanzielle und soziale Situation der Studierenden wurde durch den Austausch mit den Experten des International Office ermoglicht. Der Kontakt wurde einmal im Buro wahrgenommen. Weitere telefonische Gesprache und Unterhaltungen per E-Mail-Kontakt folgten. Durch die Hilfe der Experten konnten Interviewpartner ausfindig gemacht werden, da das International Office eine Anlaufstelle fur die internationalen Studierenden der Technischen Hochschule darstellt. Durch Beratungsangebote zu inner- und au- Rerstudentischen Angelegenheiten, konnten die Experten bereits aus vorherigen Beratungsgesprachen bekannte Studierende per E-Mail kontaktieren und anfra- gen, ob sie an einem Interview interessiert sind. Vier Interviewpartner aus ver- schiedenen Fakultaten nahmen per E-Mail den Kontakt auf. Uber die darauffol- gende E-Mail und WhatsApp Kommunikation wurde die Interviewzeit und der digitale Ort vereinbart. Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie mussten die In­terviews im virtuellen Raum „Zoom“ stattfinden.

Die funf Phasen des narrativen Interviews

Der Soziologe Fritz Schutze ist bekannt als Entwickler des narrativen Interviews, das gleichzeitig Erzahltheorie genannt wird. Die Erzahltheorie bezieht sich auf autobiografische Erlebnisse in Form von Erzahlungen, die wahrend dem Verlauf eines Gesprachs reproduziert werden. Kennzeichnend fur das Interview ist das unvorbereitete Storytelling und dient zur Betrachtung der Wirklichkeit aus der Er- zahlerperspektive. (Kusters, 2014, S. 576).

Das freie Storytelling wird mit Impulsen zur weiteren Erzahlung begleitet und schlieftt mit einer geleiteten Nachfragephase ab. Zu Beginn, der sog. Erklarungs- phase, wird die Zielsetzung und der Ablauf des Interviews geklart. Gefolgt wird der Teilbereich von der Einleitungsphase, die der erzahlenden Person einen Denkanstoft verleitet. Das Hauptthema fur die Befragungspersonen sollte cha- rakteristisch genug sein, damit sie sich als Alltagsexperten ansehen und uber ihre Erfahrungen erzahlen mochten.

In der dritten Phase werden die personlichen Erzahlungen mit moglichst wenigen Unterbrechungen oder Kommentaren angehort. Eine angenehme Atmosphare verschafft dabei Wohlgefuhl und Vertrauen bei den Beteiligten. Schweigepausen sind erlaubt (ebd.).

Die Nachfrage-Phase bietet Raum fur offenstehende Themen und wird als Gele- genheit genutzt, Details oder Widerspruche zu klaren. Als Voraussetzung gilt der ausgearbeitete Interviewleitaden. In der letzten Phase beschreibt Schutze die Moglichkeit der Bilanzierung. Sie wird genutzt, um personliche Bewertungen der Geschichte einzuholen. Zum einen konnen die Gesprachsteilnehmer die Gele- genheit nutzen, ihre Geschichte zu uberdenken und zu reflektieren. Zum anderen kann dadurch ein Resumee uber die eigene Lebenserfahrung gezogen werden (Doring & Bortz, 2016, S. 370).

Erstellen des Interviewleitfadens

Fur die Expertengesprache musste ein Leitfaden erstellt werden, um die Struktur des Interviewablaufs zu bestimmen. Als Folge wurde ein autobiografischer Er- zahlfluss mit Fakten und offenen Fragen erreicht.

Festgelegt wurde, dass der Interviewleitfaden zur reinen Stutze dienen soll und zur Beibehaltung eines roten Fadens genutzt wird. Die gestellten Fragen sollten nicht zu Verunsicherungen fuhren. Dadurch blieb das Gesprach aufrecht und den Erzahlungen wurde Akzeptanz erwiesen.

Bei einem Leitfaden handelt es sich um „ eine vorab vereinbarte und systematisch angewandte Vorgabe zur Gestaltung des Interviewablaufs “ (Helfferich, 2014, S. 560). Zu erfragende Rahmenbedingungen, die „Sie“ oder „Du“ Form der gestell- ten Fragen, Erzahlaufforderungen oder explizit formulierte Fragen wurden im Leitfaden angepasst. Bei einer Vielzahl an Interviews dient der Leitfaden zusatz- lich dazu, einen wiederkehrenden Ablauf zu gestalten, so dass die Vergleichbar- keit der einzelnen Interviews moglich wird (ebd.).

Die erste Fragephase baute die Vertrauensbasis zwischen den Interviewpartnern auf. Der Interviewleitfaden ist im Anhang Nummer 1 vorzufinden. Mit den gestell- ten Fragen wurden die Entscheidungsprozesse der Studierenden analysiert. Dadurch sollten die Migrationsmotive der einzelnen Personen verstandlicher wer- den. Die Schwerpunktlegung basierte auf der Identifikation der personlichen Wert- und Normeinstellungen. Die kulturellen Hintergrunde gaben zuzuglich ei- nen Aufschluss uber die situationsbedingten Handlungsmotive.

Interviewdurchfuhrung

Es wurden vor allem die finanziellen und sozialen Herausforderungen internatio- naler Studierender an der Hochschule in Nurnberg herauskristallisiert. Es wird zu erkennen geben, ob die Studierenden den Herausforderungen weiterhin ausge- setzt sind. Die gewonnen Daten werden mit dem vorangebrachten Fachwissen in Bezug gesetzt.

Zunachst werden die gefuhrten Interviews separat erlautert und die Inter­viewpartner schlussig dargestellt. Dabei werden die aus der ersten Phase der Interviews hervorgegangenen Informationen genannt. Im anschlieftenden Teil folgt eine detaillierte Auswertung der Fragen und Antworten. Zur Gewahrleistung des Datenschutzes der Studierenden wurden personliche Informationen abgean- dert. Zudem werden die Namen anonymisiert dargestellt.

Zu Beginn des ersten Interviews wurden Fragen der Studentin, die sie zum Ab- lauf und dem Thema hatte, geklart. Daraufhin wurden die Ziele der Bachelorar- beit besprochen. Mit der Einverstandnis zur Aufnahme sowie Verarbeitung des Gesprachs, wurde der Sprachrekorder gestartet. Die zu Beginn erfragten Daten belaufen sich auf folgende Informationen:

Die 25-jahrige Studentin X stammt aus der Ukraine und hat an der Technischen Hochschule in Nurnberg erfolgreich Informatik studiert. Im Anschluss hat sie ei- nen Masterstudiengang an der Friedrich-Alexander-Universitat [FAU] Erlangen- Nurnberg begonnen. In Deutschland befindet sie sich seit funf Jahren und ist mit einem Fluchtlingshintergrund eingereist. Diesen hat sie bis zum Jahr 2018 bei- behalten. Das Studieren in Deutschland setzt ein gultiges Visum oder eine Auf- enthaltserlaubnis voraus. Aus diesem Grund war es ihr nicht gestattet, mit einem geduldeten Fluchtlingsstatus zu studieren. Die Studentin ist in ihr Herkunftsland zuruckgereist, hat ein Visum zu Studienzwecken beantragt und kam als aner- kannte internationale Studierende erneut nach Deutschland (s. Interview 1, 2020, S.1).

Das zweite Interview wurde mit Studentin Y aus Russland gefuhrt. Sie studiert Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule und befindet sich aktuell im siebten Semester. Die Einverstandnis zur Aufnahme sowie Verarbeitung per- sonenbezogener Daten wurde eingeholt und der Sprachrekorder gestartet. Uber die anfanglich erlangten Informationen lasst sich naheres Schlussfolgern: Stu­dentin Y befindet sich in der letzten Phase ihres Studiums und wird es voraus- sichtlich im Sommersemester 2021 beenden. In Deutschland befindet sie sich seit zehn Jahren und ist 33 Jahre alt. Eingereist ist sie mit einem Studentenvisum unter der Bedingung, zunachst einen Sprachkurs an der Universitat zu besuchen und erfolgreich abzuschlieften (Interview 2, 2020, S. 2).

Der Kontakt mit Studentin K verlief uber das Kommunikationsmedium WhatsApp, da sie sich wahrend der Kontaktaufnahme in Kolumbien befand. Nach Einnahme des Einverstandnisses uber die Aufnahme sowie Verarbeitung der personenbe- zogenen Daten wurde der Sprachrekorder gestartet.

Aus der ersten Informationsphase ergaben sich folgende Informationen: Studen­tin K studiert Soziale Arbeit an der Technischen Hochschule und befindet sich im zweiten Semester. Nach Deutschland ist sie vor vier Jahren eingereist und hat kein Visum benotigt, da sie zwei Staatsburgerschaften besitzt und eine davon die deutsche darstellt. Im Zeitraum des Interviews ist die Studentin 24 Jahre alt.

Das letzte Interview wurde mit Student Z gefuhrt. Die Aufnahme startete nach Einholung der Einverstandnis. Informationen aus der Anfangsphase belaufen sich wie folgt auf:

Student Z kommt ursprunglich aus Marokko und ist vor vier Jahren nach Deutsch­land als internationaler Student migriert. Im Zeitraum des Interviews ist er 23 Jahre alt und studiert Medizintechnik im sechsten Semester. Er ist ein Student an der Technischen Hochschule in Nurnberg. Im folgenden Semester hat er vor, die Bachelorarbeit zu schreiben und sein Studium zu beenden. Zur Einreise be- notigte Student Z ein Visum und musste in Deutschland vor Beginn des Studiums das Studienkolleg (Definition siehe 4.3.1) absolvieren, um das Sprachniveau C1 und eine in Deutschland anerkannte Hochschulzugangsberechtigung zu erlan­gen. Nach erfolgreichem Abschluss des Studienkollegs konnte er sich als inter- nationaler Student an der Technischen Hochschule in Nurnberg immatrikulieren.

8. Untersuchungsergebnisse

Die erhobenen Daten der Interviews wahrend im nachsten Schritt beschreibend dargestellt, um die Ergebnisse so wahrheitsgetreu wie moglich wiederzugeben und eine anschlieftende Diskussion zu ermoglichen.

Das entgegengebrachte Vertrauen der Studierenden konnte dazu beitragen ei- nen detaillierten Ausschnitt aus dem Leben der vier Personen zu erhalten und Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen. Um die Kerninformationen sequenziell darzustellen, wurden die erhobenen Daten in inhaltliche Kategorien unterteilt, die im Folgenden aufgefuhrt werden.

8.1 Entscheidungsprozesse fur die Migration nach Deutschland

Die Entscheidung, nach Deutschland zu migrieren, trafen die Interviewpartner aus unterschiedlichen Beweggrunden. Studentin X aus der Ukraine ist ihrem da- maligen Lebenspartner gefolgt, der aus politischen Grunden im Herkunftsland nach Deutschland geflohen ist (Anhang 2.1, S. 5).

Studentin Y aus Russland hingegen wollte die Chance nutzen, als junge Akade- mikerin internationale Erfahrungen in einem neuen Land zu sammeln und wurde von ihren damaligen Arbeitskollegen uberredet, nach Deutschland zu migrieren (Anhang 2.2, S. 25).

Studentin K aus Kolumbien weist bereits eine deutsche Staatsburgerschaft auf, die ihr von ihrem UrurgroRvater vererbt wurde und wollte die Chance nutzen, neue Erfahrungen zu sammeln. Die Entscheidung fiel auf ein Studium in Deutsch­land. Das Studium hierzulande ist gunstiger als in Kolumbien. Diese Tatsache war fur sie ein nennenswerter Entscheidungsfaktor (Anhang 2.3, S. 44). Ein oko- logischer Aspekt wurde an dieser Stelle ersichtlich.

Student Z hatte zunachst ein Studium im Herkunftsland begonnen. Er verlor wah- rend seines ersten Studiums die „Orientierung“ (Anhang 2.4, S. 60) und be- schloss, mit seinem Bruder nach Deutschland auszuwandern.

Werden die genannten Beweggrunde betrachtet, weisen sie Uberschneidungen mit den Push-Faktoren aus der BAMF-Absolventenstudie aus dem Jahr 2013 auf, die bereits im Abschnitt 2.2.1 betrachtet wurden. Zwei der Interviewpartner haben ihre Entscheidung auf Grundlage von internationalen Erfahrungen getroffen, die sie in Deutschland erfahren wollten. Eine Studentin hingegen entschied sich nach Deutschland zu migrieren, da die „Studienmoglichkeiten im Herkunftsland" (s. 2.2.1) aus finanzieller Sicht gesehen, nicht realisierbar waren. Zudem wurden sonstige private Grunde genannt (Student Z).

[...]

Ende der Leseprobe aus 148 Seiten

Details

Titel
Die finanzielle und soziale Situation der internationalen Studierenden in Deutschland
Untertitel
Analyse am Beispiel der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
148
Katalognummer
V1036130
ISBN (eBook)
9783346454003
ISBN (Buch)
9783346454010
Sprache
Deutsch
Schlagworte
situation, studierenden, deutschland, analyse, beispiel, technischen, hochschule, georg, simon, nürnberg
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Die finanzielle und soziale Situation der internationalen Studierenden in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036130

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