Der "Zwei Spanien"- Konflikt im Roman "Doña Perfecta" (1876) von Benito Pérez Galdós


Examensarbeit, 2018

61 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe


1. Einleitung

2. Der Autor Benito Pérez Galdós
2.1 Leben und Werk
2.2 Galdós’ literarische Epoche: Realismus, Naturalismus und Krausismus in Spanien
2.3 Der historische Konflikt der ,Dos Españas‘ in Spanien

3. Der Roman Doña Perfecta
3.1 Inhaltsüberblick
3.2 Historischer Kontext und erwähnte Ereignisse
3.3 Gegenüberstellung: das rurale Orbajosa vs. das moderne Madrid

4. Darstellung und Bewusstsein der Figuren durch den Erzähler und die Wirkung auf den Leser in Bezug auf den Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt der ,Zwei Spanien‘
4.1 Die metaphorische und ironische Namensgebung
4.2 Doña Perfecta – die untadelige Dame?
4.3 Pepe Rey – der fortschrittliche König?
4.4 Don Inocencio – oberste Instanz Orbajosas?
4.5 Rosario – Zwischen Glaube und Liebe
4.6 María Remedios – Marionette oder Manipulateurin?
4.7 Die Symbolik der Nebenfiguren Tío Licurgo, Caballuco, Don Cayetano, Jacinto, Pinzón, Juan Tafetán und las Troyas

6. Resümee

1. Einleitung

Benito Pérez Galdós (1843-1920) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern in der spanischsprachigen Literatur. Mit seinen 78 Romanen und 24 Theaterstücken ist er der bekannteste Vertreter des Realismus in Spanien.1 Bereits zu Beginn meines Studiums hat mich sein literarisches Schaffen so beeindruckt, dass ich ein Proseminar zu Benito Pérez Galdós belegte.

Viele Werke Galdós’ behandeln soziale und sozialkritische Themen, die er in geografische, geschichtliche und politische Sphären projiziert; dabei erfasst er die Entwicklungen der spanischen Geschichte und Politik.2 In besonderem Maße bringt er seine Kritik am traditionellen-konservativen und rückständigen Spanien zum Ausdruck und stellt seine liberal-fortschrittliche Position in den Mittelpunkt. Dieser viel diskutierte Konflikt, der in der spanischen Kulturgeschichte als ,Zwei Spanien‘-Konflikt bezeichnet wird, thematisiert Galdós immer wieder in seinen Romanen.

Dieser Dualimus der ,Zwei Spanien‘ zeigt sich sehr deutlich in seinem Roman Doña Perfecta (1876), in welchem das liberal-moderne Bürgertum und das konservativ-theokratische Spanien in den Persönlichkeiten des fortschrittlichen Ingenieurs José Rey und der fanatischen und bornierten Doña Perfecta aufeinandertreffen, weshalb der Roman auch als novela de tesis oder Thesenroman angesehen wird.3

Der ,Zwei Spanien‘-Konflikt erscheint mir sehr interessant und kontrovers zugleich, sodass dieser das Thema meiner wissenschaftlichen Arbeit sein soll. Hierbei gilt mein besonderer Dank meinem Professor Dr. Joan Pere i Tous für seine Betreuung dieser Arbeit.

Ziel dieser Arbeit ist es, die ideologische Opposition der ,Zwei Spanien‘ anhand mehrerer literarischer Ebenen im Roman zu analysieren und herauszuarbeiten. Diese Opposition soll untersucht werden hinsichtlich der Darstellung der Figuren durch den Erzähler und dem Bewusstsein und der Worte der Figuren, der Sympathielenkung des Erzählers sowie der Wirkung der Figuren und des Erzählers auf den Leser. Diese Figuren- und Erzähleranalyse wird der Schwerpunkt meiner Arbeit sein.

Zunächst werde ich kurz chronologisch das Leben und Werk des Autors betrachten. Hierbei möchte ich der Frage auf den Grund gehen, wie sich Benito Pérez Galdós zu diesem bedeutenden Schriftsteller in der spanischen Literatur entwickeln konnte.

Daraufhin gebe ich einen Überblick über die literarische Epoche des Realismus, der Strömung des Naturalismus und der Ideologie des Krausismo in Spanien. Um später in meiner Analyse die Zusammenhänge besser verstehen zu können, möchte ich außerdem auf den historischen Hintergrund der Dichotomie der ,dos Españas‘ in Spanien eingehen.

Zur besseren Orientierung wird in Kapitel drei eine kurze Inhaltsangabe des Romans, die eine geeignete Grundlage für die anschließende Analyse schaffen soll, wiedergegeben. Des Weiteren werde ich den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts auf politischer und geschichtlicher Ebene sowie die in der Lektüre erwähnten Ereignisse behandeln.

Anschließend werde ich den Schwerpunkt meiner Arbeit auf die Gegenüberstellung des liberal-modernen und des konservativ-traditionellen Spanien legen und diese analysieren. Ich möchte dabei der zentralen Frage auf den Grund gehen, auf welche Weise die Thematik der ,Zwei Spanien‘ in besagtem Roman präsent ist und wie der Autor diesen Konflikt auf die spanische Gesellschaft im 19. Jahrhunderts bezieht. Zu diesem Zweck soll untersucht werden, wie Benito Pérez Galdós die Figuren bewusst einsetzt, um beide Seiten des Konflikts zu repräsentieren. Ein weiterer Aspekt meines Schwerpunkts besteht wie bereits erwähnt darin, die literarischen Ebenen im Roman zu untersuchen, und zwar anhand der Darstellung der Figuren durch den Erzähler, der Sympathielenkung des Erzählers und die Wirkung der Figuren und des Erzählers auf den Leser. Dies soll durch die Analyse der Kapellenszene in Kapitel 17 Luz a oscuras untermauert werden.

In einem Resümee sollen abschließend die Ergebnisse meiner Romananalyse zusammengefasst und ein Fazit gezogen werden.

2. Der Autor Benito Pérez Galdós

2.1 Leben und Werk

Geboren wird Benito Pérez Galdós im Jahre 1843 in Las Palmas auf Gran Canaria, wo er seine Kindheit verbringt und später sein Abitur ablegt. Er ist der zehnte Sohn des Brigadegenerals Sebastián Pérez und Dolores Galdós, welche baskische Wurzeln hat. Er wächst in einem bürgerlichen Milieu auf, in welchem er bereits früh die englische, lateinische und französische Sprache lernt und deren Literaturen kennenlernt. Des Weiteren bestand seine intellektuelle Ausbildung aus Malerei, Zeichnen, Musik, Geschichte und weiteren Wissenschaften.4

Im Alter von 20 Jahren verlässt er die kanarischen Inseln, um in Madrid ein Jurastudium zu beginnen. In der Hauptstadt verkehrt er hauptsächlich in intellektuellen Gesprächskreisen, den sogenannten tertulias und besucht die Ateneo -Akademie, eine einflussreiche private Bildungseinrichtung, wo er intellektuelle und politische Persönlichkeiten kennenlernt.5 Er vernachlässigt sein Jura-Studium und lässt sich vermehrt durch die Konversationen in den tertulias inspirieren, wie Casalduero beschreibt: „la tertulia era un magnífico puesto de observación de la sociedad que luego cambiaría por el parlamento”.6 1869 beendet Galdós schließlich das Studium der Rechtwissenschaft und verfasst fortan Artikel für verschiedene Zeitungen wie La Nación, Las Cortes oder El Debate.7 Ricardo Gullón sagt über ihn: „En La Nación publicó ciento veintiocho artículos sobre temas diversos, y en el mismo periodo inerto también su tradición de Pickwick Papel, de Dickens“.8

1873 ist Galdós 30 Jahre alt und hat durch mehrere Reisen durch Spanien und Europa bereits viel gesehen und sich noch mehr der Schriftstellerei gewidmet. In diesem Jahr beginnt er seine los episodios zu schreiben.9 Schon bald erlangt Benito Pérez Galdós Bekanntheit und wird 1889 in die Real Academia Española gewählt. Zusätzlich engagiert sich Galdós politisch und wird als Abgeordneter ins Parlament gewählt, zuerst als liberaler Monarchist und später als Anhänger der Sozialisten.10

In der spanischen Literaturgeschichte wird Pérez Galdós zur Generación del 68 gezählt, einer literarischen Aufbruchsbewegung, welche die spanische Monarchie anklagt. Weitere bekannte Autoren dieser Bewegung sind Lepoldo Alas (1852-1901), Pedro Antonio de Alarcón (1833-1891), Emilia Pardo Bazán (1851-1921) und José María de Pereda (1833-1906), welche alle dem literarischen Realismus und Naturalismus angehören und von denen in meiner Arbeit noch die Rede sein wird.11

1912 erhält Galdós fast den Nobelpreis für Literatur. Er hatte viele Anhänger, die ihn dabei unterstützten, jedoch auch viele politische Feinde, welche seinen Erfolg verhindern wollten. Diese Feinde konnten durch mehrere Kampagnen gegen ihn das Komitee des Nobelpreises von einer Auszeichnung umstimmen. Diese Auszeichnung hätte sein Lebenswerk gekrönt.12

Später erblindet er langsam und wird krank. Im Jahre 1920 stirbt Benito Pérez Galdós schließlich in Madrid und wird von zahlreichen Madrilenen bei seiner Besetzung begleitet.13

Alle Werke von Galdós lassen sich klar der Epoche des Realismus zuordnen. Außerdem ist er mit 24 Stücken und ca. 80 Romanen der produktivste Autor des 19. Jahrhunderts. Seine Stücke lassen sich in drei verschiedene Sektionen aufteilen: Novelas españolas de la primera época, Novelas españolas contemporáneas und Episodios Nacionales.14

Zu seinen Novelas españolas de la primera época gehören die Werke La fontana de oro, Gloria, Marianela, La familia de León Roch und eben Doña Perfecta, welche zwischen 1870 und 1878 entstehen. In diesen Werken schafft Galdós vor allem liberale Charaktere, die er als Helden darstellt. Diese Helden handeln meist in einem Konflikt zwischen Tradition bzw. Religion und einer modernen liberalen Welt.15

Zwischen 1881 und 1915 verfasst er seine Novelas españolas contemporáneas in Madrid, zu denen Fortunata y Jacinta, Lo prohibido, Tormento, La de Bringas, El doctor Centeno, El amigo Manso, La desheredada, Miau, La razón de la sinrazón, El caballero encantado, Casandra, Misericordia, El abuelo, Halma, Nazarín, Torquemada y San Pedro, Torquemada en el purgatorio, Torquemada en la cruz, Tristana, La loca de la casa, Ángel Guerra, Torquemada en la hoguera, Realidad y Incógnita gehören. In diesen Werken zeigt der Autor die spanische Gesellschaft in dieser Epoche auf. Seine Charaktere erscheinen hierbei realer als zuvor und vertreten die Werte und Normen ihrer zugehörigen sozialen Klassen.16

Seine Episodios Nacionales, der größte Teil seines Werkes, schreibt Galdós in zwei Lebensabschnitten: 1873-1879 und 1898-1912. Insgesamt umfasst diese Sammlung 46 Romane, die sich aus 5 Reihen mit je 10 Büchern (die letzte Reihe hat nur 6 Bände) zusammensetzen. In diesen Erzählungen schildert er die wichtigsten historischen Ereignisse anhand eines oder mehrerer Protagonisten des 19. Jahrhunderts.17

Die 1. Reihe entsteht zwischen 1873 und 1875: La corte de Carlos IV, T rafalgar, El 19 de marzo y el 2 de mayo, Napoleón en Chamartín, Bailén, Juan Martín el Empecinado, Zaragoza, La batalla de los Arapiles, Gerona und Cádiz. In dieser Reihe behandelt er vor allem die Unabhängigkeitskämpfe gegen Napoleon.18

Die 2. Reihe (1875-1879) besteht aus folgenden Romanen: „ El equipaje del rey Jo sé, Memorias de un cortesano de 1815, La segunda casaca, El Grande Oriente, El 7 de julio, Los cien mil hijos de San Luis, El terror, Un voluntario realista, Los apostólicos, Un faccioso más y algunos frailes menos. “.19 Galdós schildert dabei die innerpolitischen Unruhen und Gräueltaten unter Ferdinand VII. (1814-1833) und die Konfrontation des traditionellen und progressiven Spanien.20

Zwischen 1898 und 1900 entsteht die dritte Reihe der Episodios Nacionales. Zu dieser Sammlung gehören die Werke Mendizábal, La campañadelmaestrazgo, Zumalacárregui, De Oñate a la Granja, Vergara, Luchana, La estafeta romántica, Montes de Oca, Bodas reales und Los Ayacuchos. Diese Reihe behandelt die Zeitspanne zwischen dem 1. Karlistenkrieg (1834-1840) und der Hochzeit von Isabella II. mit dem Bourbonen Francisco de Asís im Jahre 1846.21

Die vierte Reihe rollt die spanische Geschichte zwischen der Revolution 1848 und der Verbannung Isabellas II. auf. Die Werke entstehen zwischen 1902 und 1907 und bestehen aus L os duendes de la

camarilla, Las tormentas del 48, Narváez, Prima, La vuelta al mundo en la Numancia, La revolución de juli o, Aita-Tettauen, Carlos VI en la Rápita, La de los tristes Destinos und O´Donnell.22

Die 5. und zugleich letzte Reihe besteht aus den Lektüren España trágica, España sin rey, La primera República, Amadeo I, Cánovas und De Cartago a Sagunto, welche zwischen 1907 und 1912 verfasst wurden. Hierbei schreibt Galdós über die Zeit nach der Verbannung von Isabella, „das Scheitern der Republik (1873-1874) sowie die Restauration unter Alfons XII. (1875-1885)“.23

2.2 Galdós’ literarische Epoche: Realismus, Naturalismus und Krausismus in Spanien

Die literarische Epoche des Realismus lässt sich in zwei historische Abschnitte ansiedeln. Der Prärealismus wird in die Epoche Isabel II. (1843-1868) und die Hauptphase des Realismus wird in die Restaurationsepoche von 1875-1898 eingeordnet, wobei der Realismus ab ca. 1885 allmählich in den Naturalismus übergeht. Die klare Trennung dieser beiden Strömungen ist in Spanien jedoch schwierig.24

Der Begriff Realismus kommt ursprünglich aus Frankreich, wo er seit 1850 mit dem Roman in Verbindung gebracht wird. Der Roman im Realismus charakterisiert eine Annährung der erzählten Welt an die reale Welt der zeitgenössischen Leser.25

In dieser Epoche entwickelt sich der Roman zur wichtigsten literarischen Gattung, was sich auch auf den sozialen und kulturellen Wandel zurückführen lässt. Die Gründung großer Zeitungen und die neuen Techniken des Buchdrucks treiben den Aufschwung voran. Zu den Charakteristiken des Realismus gehören: Die Reflektion der realen Welt durch eine objektive Meinung; meist sind die Erzähler in den Werken allwissend. Des Weiteren werden Themen wie Verteidigung der Ideale, Moral, soziale und politische Konflikte oder Werte wie Untreue behandelt. Dabei ist die Sprache eher einfach und lebensnah gehalten, um die Persönlichkeiten so real wie möglich darzustellen. Insgesamt klagen die Autoren die spanische Gesellschaft an und verteidigen ihre eigenen Meinungen.26

Der Realismus bei Galdós besteht aus seinem spezifischen Umgang mit Geschichtlichkeit: Er versteht Geschichte als Motiv zum kritischen Nachdenken über das spanische Volk. Als Gründe für den trostlosen Verlauf Spaniens im 19. Jahrhundert nennt er Intoleranz, Fanatismus und die passive Überheblichkeit. Galdós versteht den Realismus als „kritisch erzählende Darstellung geschichtlicher Erzählung“27, in die er alle Schichten der Gesellschaft mit einbezieht. Des Weiteren entdeckt man in seinen Romanen eine besondere Liebe zu seinem Heimatland und die damit verbundene Trauer über die Missstände seines Volkes. Galdós „erstaunliche strukturell stilistische Unkompliziertheit und Einfachheit“28 seiner Literaturen zeigt die Kunst, die Wirklichkeit konsequent darzustellen und diese dem Menschen nahezubringen.

Der Begriff Naturalismus kommt ursprünglich vom französischen Autor Émile Zola. Die Blütezeit des Naturalismus in Frankreich liegt zwischen 1870 und 1884, während sie in Spanien erst ab 1880 beginnt. Es handelt sich hierbei um eine spezielle Variante des Realsimus. Zola möchte die Literatur ,verwissenschaftlichen‘. Die Autoren des Naturalismus erklären gesellschaftliche und individuelle Phänomene anhand wissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten wie Vererbung, gesellschaftlicher Schichten, historischer Umstände, Naturgesetze, Ökonomie oder Alkoholismus. Die spanischen Autoren sahen im Naturalismus die Möglichkeit, ihre politischen Aktivitäten zu erneuern und zu europäisieren. Obwohl der spanische Naturalismo nicht so ausgeprägt war, dauert er bis ins 20. Jahrhundert an. Bekannte Autoren neben Galdós sind Clarín, Pardo Bazán und Vicente Blasco Ibañez. Galdós Werk La desheredada aus dem Jahre 1881 ist das erste Beispiel eines naturalistischen Werkes.29

Der Begriff Krausismus geht auf den Philosophen Karl Christian Friedrich Krause (1781-1831) zurück, einem Vertreter des Deutschen Idealismus, welchem es zu Lebzeiten nicht gelang, aus dem Schatten anderer Philosophen wie Schelling oder Hegel zu treten. Jedoch beeinflusste er in Lateinamerika und Spanien die geistige und politische Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich.30

1841 schickt der liberale Bildungsminister Pedro Gómez dem spanischen Philosophen Julián Sanz del Río nach Deutschland, um eine politische Philosophie für Spanien zu finden. In Heidelberg studiert er eineinhalb Jahre die Werke von Krause und kehrt anschließend in seine Heimat zurück, wo er das Hauptwerk Krauses Urbild der Menschheit ins Spanische übersetzt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1867 lehrt er an der Madrider Zentraluniversität die krausistische Philosophie, die sich in Spanien als Krausismo verbreitet. Sein Werk, die Übersetzung Ideal de la humidad para la vida, vertreibt sich schlagartig, obwohl es bereits 1865 von der Katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt wird.31

Sanz del Río gelang es, dem „spanischen Liberalismus eine wissenschaftliche Legitimierung und Grundlegung zu verschaffen.“ Dabei bot sich zum ersten Mal die Möglichkeit, die wissenschaftliche Rationalität mit der Religion zu vereinen, sodass Politiker und Autoren zwischen 1854 und 1875, sogar bis zur Zweiten Republik, maßgeblich durch den krausismo beeinflusst werden.32

Die Grundzüge der krauseschen Philosophie bestehen aus mehreren Aspekten. Ein zentrales Merkmal ist der ,harmonische Rationalismus‘, welcher Körper und Geister vereinen soll. Das Streben nach Harmonie soll ein ethisches Grundprinzip sein, das die ,Zwei Spanien‘ wieder vereinen soll. Ein weiteres Kennzeichen ist die Religiosität. Die ,Krausisten‘ plädieren für die Suche nach Gott, die jedoch unabhängig von der Katholischen Kirche geschehen soll. Diese Form der Religion wird religiosidad racional genannt. Der politische Liberalismus ist eine weiterer Charakterzug. Neben Religions- und Gewissensfreiheit geht es dem Krausismus auch um ökonomische, politische, soziale und intellektuelle Freiheit. Außerdem solle der Individualismus überwunden werden und die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu einem sozialen Organismus zusammenfinden. Zuletzt ist der pädagogische Auftrag wichtig, welcher die spanische Gesellschaft zu ethischem und moralischem Handeln erziehen soll.33

Anstatt sich den Rechtswissenschaften zu widmen, studiert Galdós die Lehren der Krausisten in der Philosophischen Fakultät von Madrid. Zudem lernt er viele intellektuelle Anhänger des Krausismus an der Ateneo -Akademie kennen, welche ihm die Grundzüge dieser Strömung vermitteln, dessen Liberalismus ihn schnell begeistern. Diese politischen Grundzüge treten in vielen seiner Romane auf.34

2.3 Der historische Konflikt der ,Dos Españas‘ in Spanien

Die Thematik der ,Dos Españas‘, ,Zwei Spanien‘ oder auch ,das Spanienproblem‘ beschreibt die Spaltung der spanischen Gesellschaft aufgrund verschiedener politischer Ideologien. Diese zwei politischen Lager bildeten sich vor allem im 19. Jahrhundert heraus: Auf der einen Seite stand ein konservatives, traditionelles, katholisches und autoritäres Spanien und auf der anderen Seite ein liberales, republikanisches, demokratisches, antiklerikales und progressives Spanien.35

So schreibt Hauck über die politische Teilung der ,Dos Españas‘:

Die katholische Kirche steht im Konflikt mit den modernen Naturwissenschaften, die Disziplinen der Scholastik stehen gegen positivistische und materialistische Wissenschaftstendenzen, traditionsgebundene Religiosität gegen aufklärerische Bemühungen, karlistisch-reaktionärer Separatismus gegen liberalistische Staatspolitik, Konservativismus gegen Fortschrittsgläubigkeit. 36

Franz Niedermayer beschreibt dieses Phänomen aus historischer Sicht wie folgt:

Seit drei Jahrhunderten stehen sich innerhalb der spanischen Oberschicht die beiden Thesen scharf gegenüber: ‚Man muss von vorne anfangen‘, so sagten die ‚progresistas‘ durch ihren maßgeblichen Sprecher, den Minister Aranda, ‚Spaniens stärkste politische Persönlichkeit im 18. Jahrhundert‘ (Konetzke); dem begegnen die ‚tradicionalistas‘ mit einem ‚Wir müssen umkehren!‘, indem sie auf Philip II., Karl V., Cid und Alfons den Weisen zurückweisen. Sammelten sich hinter dem Namen des bourbonischen Ministers die Dichter und Gelehrten, die im 20. Jahrhundert als ‚modernistas‘ auftreten, was vorher im 19. ‚liberales‘ und bei den Aufklärern des 18. Jahrhunderts ‚ilustrados‘ heißen konnte, so war für die ‚conservadores‘ oder ‚tradicionalistas‘ Calderón das große Symbol, dem sein kritischer Wiederentdecker Menéndez y Pelayo in einer unvergänglichen Gedenkrede allgemeineren, volks- und geistesgeschichtlich einmalig repräsentativen Charakter zugesprochen hat. Aber die im vergangenen Jahrhundert in Spanien leidenschaftlicher als je vorher um die Verwirklichung ihrer Ideale gegeneinander kämpften, verkannten in gleicher Weise die Zeichen der Zeit, waren Utopisten, mochten sie ein laizistisch-säkularisiertes Gottesreich mit Hegel, Marx Comte und Spencer als Taufpaten oder die anderen ein ‚Imperium Catholicum‘ im Sinne des Hochmittelalters und der Gegenreformation sich als Ziel setzen.37

Des Weiteren sieht Franz Niedermayer mit der Verfassung von Cádiz (1812) den Beginn der Etablierung des liberalen, modernen Europas in Spanien, welches sich mit der Monarchie zusammenschließt und somit dem konservativen Spanien Widerstand leistet. Nach unzähligen kämpferischen Auseinandersetzungen setzt sich der Liberalismus in der Restaurationsepoche ab 1875 fort, was sich durch wirtschaftliches Wachstum in Industrie, Infrastruktur und Landwirtschaft bemerkbar macht.38

Der anerkannte Spanienexperte und Historiker Walther L. Bernecker nennt als Gründe vier verschiedene Problemfelder für den Konflikt der ,Zwei Spanien‘. Als ersten Grund sieht er die Agrarfrage: Nach der Reconquista haben sich die Besitztümer von Grund und Land vor allem in den Händen der Kirche und dem Adel aufgehalten. Diese Ländereien waren hauptsächlich in Besitz von Großgrundbesitzern, was ein großes, armes Landproletariat von landwirtschaftlichen Arbeitern schuf, welches vor allem für Revolte und Aufstände sorgte. Trotz der Umverteilung von Landbesitztümern, der „Säkularisierung sowie des öffentlichen Verkaufs der kirchlichen Güter (desamortización) durch die liberalen Regierungen von Königin Isabel II.“, konnte die Agrarstruktur in der Gesellschaft nicht verändert werden.39

Der zweite Grund war der Konflikt zwischen der spanischen Zentralregierung und dem historischen Regionalismus: Nachdem die Reyes Católicos die nationale spanische Einheit geschaffen hatten, gab es Konflikte mit dem Baskenland und Katalonien, die auf ihre Privilegien (,fueros‘) beharrten. Die Zentren dieser peripheren Regionen waren kulturell, soziopolitisch und industriell weiterentwickelt als das zentralere Kastilien und fühlten sich auch deshalb unzureichend beachtet und wenig respektiert.40

Bernecker listet als dritten Grund das Verhältnis zwischen Kirche und Staat auf: Die Reyes Católicos trieben die enge Verbindung zwischen Staat und Kirche voran und konnten zu ihrer Zeit auch eine Einigung erzielen. In der Epoche der Aufklärung sprach sich die liberale-progressive Seite für einen Antiklerikalismus aus und stand so den traditionellen Anhängern des Klerikalismus gegenüber. Dieser Antagonismus äußerte sich in Gewalttaten gegen Geistliche, Terrorakte und Kirchenstörungen der Republikaner, weshalb sich die Katholische Kirche gegen die Republik aussprach. Durch die Verfassung 1931 wurde die Katholische Kirche als Staatsreligion abgelöst. Infolgedessen gab es, aufgrund der neuen Verfassung, für die Katholische Kirche keine wirtschaftliche Unterstützung, Vergünstigungen und Unterhalt durch den Staat mehr.41

Der vierte Grund für die Teilung in die beiden Lager ist der Einfluss des Militärs: Nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon zwischen 1808 bis 1814 erlangte das Militär immer mehr Einfluss und Macht im Staat. Das Interesse des Militärs war es, die Traditionen, die nationale Einheit und die historischen Werte zu erhalten. Dabei wuchs ein ständiger Konflikt, der im 19. Jahrhundert auch in kämpferische Auseinandersetzungen ausartete. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts spaltete sich das Militär in nationale Aufständische, welche 1936 unter General Francisco Franco einen Militärputsch gegen die staatstreuen Republikaner durchführten. Daraufhin begann der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939).42

Für jeden Grund des Phänomens listet Bernecker eine konträre Gruppierung auf: „Großgrundbesitzer gegen besitzlose Landarbeiter, Zentralisten gegen Regionalisten, Militärs gegen politische Zivilisten und Liberale Laizisten gegen konservative Katholiken“ (Bernecker 1997, S. 45).

Die Folgen dieser ,Dos Españas‘ war ein unterentwickeltes Spanien, das ständigen innerpolitischen, gewalttätigen Konflikten ausgesetzt war, die zum Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) führten und bis in die Neuzeit ungelöst bleiben. „Zwischen 1833 und 1936 erlebte Spanien 130 Regierungen, neun Verfassungen, drei Absetzungen von Monarchen, fünf Bürgerkriege und etwa 2000 Putschs, sog. ,pronunciamientos‘“.43

3. Der Roman Doña Perfecta

3.1 Inhaltsüberblick

Der Roman Doña Perfecta von Benito Pérez Galdós erscheint 1876 in Madrid und gehört zu seinen Novelas españolas de la primera época. Die Lektüre teilt sich in 33 Kapitel auf, welche bis auf das letzte Kapitel benannt sind.

Die Geschichte beginnt mit der Ankunft des 34-jährigen, gebildeten Bauingenieurs Pepe Rey in der Provinzstadt Orbajosa. Der junge Pepe Rey ist mit dem Zug aus Madrid angereist, um seine Cousine Rosario, Tochter seiner alten reichen Tante Doña Perfecta, kennenzulernen und zu heiraten. Pepe Reys Vater Juan Rey hatte diese Heirat mit seiner Schwester Doña Perfecta vereinbart. Ein weiterer Hintergrund seiner Reise ist die Untersuchung der Ausbeutungsmöglichkeiten des Beckens des Río Nahara im Tal von Orbajosa. Nach dem Tod des Mannes von Doña Perfecta hatte ihr Bruder ihr bei der Beseitigung ihrer Schulden geholfen, weshalb sie ihrem Bruder Juan Rey sehr dankbar war. Als Juan Rey Rosario als zukünftige Frau seines Sohnes vorschlägt, willigt Doña Perfecta ein. Als Pepe Rey an der Zugstation Villahorrenda ankommt, wartet dort bereits Tío Licurgo, welcher Pepe Rey nach Orbajosa bringt. Als Pepe Rey dann schließlich in Orbajosa eintrifft, wird er von seiner Tante und Rosario herzlich empfangen. Hingegen wird er vom Geistlichen Don Inocencio, der spirituelle Berater von Doña Perfecta, weniger höflich in Empfang genommen. Dieses Unbehagen und diese Antipathie lässt sich auf seine Nichte María Remedios zurückführen, welche die Mutter des Rechtsanwalts Jacinto ist, der auch mit Rosario verheiratet werden soll. Infolgedessen geraten der liberale fortschrittliche Pepe Rey und der konservative traditionelle Don Inocencio immer wieder aneinander. Pepe Rey ist nur von Rosario begeistert, jedoch weniger von der zerfallenen Stadt, deren rückständigen Bewohnern und der traditionellen Religion. Die anfängliche Freundlichkeit der Bewohner schlägt schnell in Ablehnung um, als Pepe Rey mit Provokationen und dem Willen nach Erneuerung auf sich aufmerksam macht. Schließlich überzeugt Don Inocencio Doña Perfecta von der Feindschaft zu Pepe Rey, sodass sie die Liebe zwischen ihrer Tochter Rosario und Pepe Rey unter allen Umständen verhindern will. Doña Perfecta und ihr Gefolge verbünden sich gegen Pepe Rey und möchten eine Intrige gegen ihn einfädeln. Eines Tages kommen Soldaten der liberalen Zentralregierung nach Orbajosa um Aufständen vorzuwirken. Unter ihnen ist ein alter Freund Pepe Reys namens Pinzón, welcher ihn vor Doña Perfecta beschützt und den Kontakt zwischen Pepe und der bereits in ihrem Zimmer eingesperrten Rosario aufrechterhält. Währenddessen versucht die Hausdame María Remedios alles, um ihren Sohn mit Rosario zusammenzubringen. Diese liebt jedoch Pepe Rey und versucht sich nachts heimlich mit ihm zu treffen. Als ihre Mutter Doña Perfecta sie beim Verlassen ihres Zimmers erwischt, um Pepe Rey zu treffen, sagt ihr Rosario, dass sie ihn liebt und mit ihm fortgehen möchte. Daraufhin sieht Doña Perfecta keinen Ausweg mehr und informiert ihre Anhänger, unter anderem den brüsken Caballuco. Anschließend findet man Pepe Rey erschossen im Garten, er soll allem Anschein nach Suizid begangen haben. Sein Tod stellt sich jedoch gegen später als Mord heraus. Infolgedessen wird Rosario wahnsinnig und landet in einer Heilanstalt.

3.2 Historischer Kontext und erwähnte Ereignisse

Der spanische König Ferdinand VII. stirbt 1833, sodass die Thronfolge nicht eindeutig geklärt war. Ferdinands einzige Tochter Isabel ist zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt und die rechtmäßige Erbin auf den Thron. Jedoch möchte sich Ferdinands Bruder Carlos María Isidro des Thrones bemächtigen. Schließlich wird die minderjährige Isabel als Königin ausgerufen und durch ihre Mutter María Cristina bis zu ihrer Volljährigkeit vertreten. Es beginnt ein Erbstreit zwischen Ferdinands Bruder Karl, dessen Gefolgsleute als Karlisten bezeichnet werden, und der Regentin María Cristina mit ihren Anhängern, den Cristinos. Die Karlisten vertreten in diesem Konflikt die traditionelle, monarchische und absolutistische Seite, möchten die Kirche und den Staat nicht trennen und sprechen sich gegen Steuerreformen aus. Auf der anderen Seite stehen die liberalen und republikanischen Anhänger von Isabel und deren Mutter María Cristina, welche sich für eine modernere Gesellschaft, die Industrialisierung und die Förderung der sozialen Schicht des Bürgertums aussprechen. 44

Es beginnt ein Bürgerkrieg, der sogenannte erste Karlistenkrieg (1833-1839), bei dem die Karlisten vor allem Gebiete im Norden Spaniens erobern können. Isabels Truppen werden durch Portugal, Frankreich und England unterstützt, während die Karlisten militärische Hilfe von Russland, Preußen und Österreich bekommen. 1839 endet der erste Karlistenkrieg mit einem Kompromiss und der sogenannten ,Umarmung von Vergara‘. Dabei durften die karlistischen Offiziere in das reguläre Heer eintreten und die spanische Regierung durfte im Gegenzug an ihren Reformen festhalten.45

1846 bricht dann der zweite Karlistenkrieg aus, der sich vor allem in Katalonien und in den Pyrenäen abspielt. Grund für diesen zweiten Bürgerkrieg war der Wille Isabels, sich mit Bourbonen Carlos Luiz zu verheiraten. Dieser Bürgerkrieg dauert bis 1849 an.46

Die Periode zwischen 1868 und 1874 wird als Sexenio Revolucionario bezeichnet. Durch die Unzufriedenheit mit der Königin kommt es im September 1868 zur sogenannten Gloriosa, einer Revolution, bei der Isabel ins Exil nach Frankreich flieht. Gründe für diese Revolution waren eine Wirtschaftskrise mit schlechten Ernten, eine politische Krise, da keine Verfassung existierte, schlechte Lebensbedingungen und eine Finanzkrise. Die Aufstände werden von General Serrano durchgeführt, der, nach dem Abgang Isabels eine provisorische Regierung bildet. Von 1871 bis 1873 herrscht Amadeo I., Sohn des italienischen Königs Victor Emanuel, welcher auch den dritten Karlistenkrieg (1872-1876) nicht verhindern kann. Am 11. Februar 1873 wird schließlich die Erste Spanische Republik ausgerufen. In den 10 Monaten der Ersten Spanischen Republik gibt es vier verschiedene Präsidenten, die es nicht schaffen, ihre Macht zu etablieren. 1874 putscht General Martínez die spanische Regierung und holt den Sohn Isabels, Alfonso XII., nach Spanien zurück. 1875 beginnt dann die Phase der Restauration und die Rekonstruktion der bourbonischen Königsherrschaft.47

Bis zu seinem Tod im Jahre 1888 regiert Alfonso XII. in Spanien. Seine Frau María Cristina vertritt den Thron bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Alfonso, dem späteren Alfonso XIII., im Jahre 1902. Alfonso XII. herrscht dann in Spanien bis 1931, als die Zweite Spanische Republik beginnt. 1876 wird in Spanien eine neue Verfassung mit liberalen Rechten verabschiedet, die Spanien zu einer konstitutionellen Erbmonarchie macht. Es wird ein Zweikammernsystem geschaffen, bei welchem es einen Kongress mit Abgeordneten gibt, wobei dem König ein Vetorecht bleibt. In der Restaurationszeit stabilisiert sich unter anderem die katalanische Textilindustrie sowie die baskische Bergbauindustrie, was vor allem auch an den Exporten nach England liegt. Trotzdem bleibt Spanien im 19. Jahrhundert überwiegend ein Agrarstaat. Im Jahre 1898 kommt es zum desastre, bei welchem die spanische Monarchie im Vertrag von Paris ihre letzten Überseekolonien Puerto Rico, Kuba und die Philippinen verlieren.48

Der Roman Doña Perfecta (1876) lässt sich laut Aparici Lllanas im Jahr 1875 situieren. Zunächst möchte der Autor das Datum der Handlungen im Roman nicht genauer beschreiben, wie in Kapitel 18 tropa deutlich wird, als die Truppen in Orbajosa eintreffen: „[…] lo que aquí se va contando ocurrió en un año que no está muy cerca del presente, ni tan poco muy lejos […]“ (S. 194).49 Da jedoch die Hochzeit von Juan Rey auf das Jahr 1841 fällt

Cuando el brigadier Rey murió en 1841, sus dos hijos Juan y Perfecta acababan de casarse ésta con el más rico propietario de Orbajosa, aquel con una joven de la misma ciudad. […] En 1845 era ya viudo y tenía un hijo que empezaba a hacer diabluras (S.85)

und Pepe Rey im Roman 34 Jahre alt ist („Frisaba la edad de este excelente joven en los treinta y cuatro años . “, S. 89), schließt Aparici Lllanas auf die Handlungszeit um 1875, also während der Restaurationszeit und dem dritten Karlistenkrieg, der 1876 endet.50

Im Roman Doña Perfecta (1876) von Benito Pérez Galdós wird zudem immer wieder Bezug auf die spanische Geschichte genommen. Im Kapitel 18 Tropa erwähnt der Erzähler mehrere historische Ereignisse wie die Aufstände der Apostolischen im Jahre 1827, den Siebenjährigen Krieg, bei welchem es sich um den ersten Karlistenkrieg (1833-1839) handelt, und die Revolte von 1848 gegen den General Narváez. Bei all diese historischen Auseinandersetzungen ist Orbajosa nie Schauplatz der Konflikte, jedoch stellt diese Provinzstadt Freischaren für die Rebellionen. All diese Aufstände haben ihre Ursprünge im Unabhängigkeitskrieg (1808-1814) gegen Napoleon, welche durch die Guerrillas vorangetrieben werden. Der Erzähler bewertet diesen Unabhängigkeitskrieg als gute Tat, während die anderen Rebellionen als abscheulich dargestellt werden.

Siempre que hubo facciones en España, aquel pueblo dio a entender que no existía en vano sobre la faz de la tierra, si bien nunca sirvió de teatro a una verdadera guerra. Su genio, su situación, su historia la reducían al papel secundario de levantar partidas. Obsequió al país con esta fruta nacional en tiempo de los Apostólicos (1827); durante la guerra de los siete años, en 1848, y en otras épocas de menos eco en la historia patria. Las partidas y los partidarios fueron siempre populares, circunstancia funesta que procedía de la guerra de la Independencia, una de esas cosas buenas que han sido origen de infinitas cosas detestables. Corruptio optimi pessima. (S.193f)

Des Weiteren erzählt der Offizier Pizón Pepe, der mit seinen Truppen nach Orbajosa geschickt wird, dass sein Vater, ein ehemaliger Brigadier, von Aufständischen bei den Revolten von 1848 ermordet wurde, als er von Madrid an Villahorrenda vorbeikam. Außerdem berichtet er von Freischarendynastien, wie zum Beispiel den Caballucos:

– Pero los motivos de mi aborrecimiento a este poblachón son diversos. Has de saber que aquí asesinaron a mi padre el 48 unos desalmados partidarios. Era brigadier y estaba fuera de servicio. Llamóle el gobierno y pasaba por Villahorrenda para ir a Madrid cuando fue cogido por media docena de tunantes... Aquí hay varias dinastías de guerrilleros. Los Aceros, los Caballucos, los Pelomalos... un presidio suelto, como dijo quien sabía muy bien lo que decía. (S. 197)

In Kapitel zwölf Aquí fue Troya nimmt Galdós Bezug auf den Aufstand im Jahre 1854 in Madrid, bei welchem der Vater, ein Oberst, der drei Töchter von Troya umkommt. “Son las Troyas, las niñas de Troya. Pues no conoce usted nada bueno... Tres chicas preciosísimas, hijas de un coronel de Estado Mayor de Plazas que murió en las calles de Madrid el 54.“ (S. 155f.)

Bei einem Gespräch zwischen Pepe Rey und der Frau des Bürgermeisters, erzählt die Frau von ihren Erfahrungen während des Afrikakrieges zwischen Spanien und Marokko zwischen 1859 und 1860. Dabei sagt sie, dass sie Mulei-Abbas, den Bruder des marokkanischen Kaisers, kurz nach dem Krieg bei einem Besuch ihrer Freundin Gräfin M. getroffen hätte:

La señora del alcalde era una dama bonachona, sin otra flaqueza que suponerse muy relacionada en la corte. Dirigió a Pepe Rey diversas preguntas sobre modas, citando establecimientos industriales donde le habían hecho una manteleta o una falda en su último viaje, coetáneo de la guerra de África, y también nombró a una docena de duquesas y marquesas, tratándolas con tanta familiaridad como a sus amiguitas de escuela. Dijo también que la condesa de M. (por sus tertulias famosa) era amiga suya y que el 60 estuvo a visitarla, y la condesa la convidó a su palco en el Real, donde vio a Muley-Abbas en traje de moro acompañado de toda su morería. La alcaldesa hablaba por los codos, como suele decirse, y no carecía de chiste. (S.138)

Des Weiteren berichtet Tío Licurgo während des Rittes von Villahorrenda nach Orbajosa von antiklerikalen, aufständischen Gruppen, welche die katholische Carmenkirche ausrauben und den Bürgermeister von Villahorrenda umbringen, was ein Anzeichen auf den innerpolitischen Konflikt ist:

Usted no sabe bien qué gente es ésa. Ellos fueron los que el mes pasado robaron de la iglesia del Carmen el copón, la corona de la Virgen y dos candeleros; ellos fueron los que hace dos años saquearon el tren que iba para Madrid. […] – Sí señor. Bajan al camino real, cuando la guardia civil se descuida, y roban lo que pueden. ¿No ve usted más allá de la vuelta del camino, una cruz, que se puso en memoria de la muerte que dieron al alcalde de Villahorrenda cuando las elecciones? (S. 77)

3.3 Gegenüberstellung: das rurale Orbajosa vs. das moderne Madrid

„¡Viva Orbajosa, muera Madrid!“ (S. 235) heißt es in Kapitel 22 Desperta. Die beiden Städte Orbajosa und Madrid repräsentieren im Roman Doña Perfecta stellvertretend den ,Zwei Spanien‘-Konflikt in der spanischen Gesellschaft, welcher bereits in Kapitel 2.3 genauer erläutert wurde. Orbajosa, der Handlungsort des Romans, vertritt dabei das karlistische traditionelle Spanien, während Madrid für das moderne fortschrittliche Spanien steht. Der innere Konflikt wird dabei zwischen den Figuren Pepe Rey, Doña Perfecta und den Bewohnern Orbajosas ausgetragen. Bevor ich mit der Analyse der Charaktere und des Erzählers des Romans beginne, sollen im Folgenden die äußeren Gegebenheiten und sozialen Umstände der Kleinstadt Orbajosa gegenüber der Hauptstadt Madrid geschildert werden.

Orbajosa ist ein fiktiver Ort, den Galdós erfindet, um das Leben einer charakteristischen spanischen Kleinstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darzustellen. Das Leben in der Provinz ist einfach und kaum intellektuell. Die Bewohner sind sehr religiös und leben nach den Gesetzen der Katholischen Kirche. Die Wirtschaftsleistung ist schwach und die Arbeitslosenquote hoch, was auch an den vielen Bettlern zu sehen ist. Das soziale Leben dreht sich vor allem um Konversationen, die von Nichtigkeiten handeln. An diesem Ort geschehen keine wichtigen Ereignisse und dennoch sind die Bewohner mit ihrem ,stagnierenden‘ Leben zufrieden. Die Bewohner Orbajosas leben isoliert von der Außenwelt und sind nicht daran interessiert zu erfahren, was außerhalb ihrer ,kleinen Welt‘ geschieht. Sie leiden an einem Superioritätskomplex und glauben, dass ihre Form des Lebens die einzige möglich ist. Im Grunde genommen glauben sie, dass sie ,die Wahrheit‘ des Lebens besitzen und kritisieren die Meinungen des Pepe Rey („¿No sabe ese estúpido que en años buenos Orbajosa da pan para toda España y aun para toda Europa ? “, S. 144). Diese verfallene Stadt, die auch als Mumie beschrieben wird, kann als Sinnbild für den Verfall der ansässigen Gesellschaft angesehen werden.51 Neben Mumie wählt Galdós auch andere Wörter, die mit dem Tod in Verbindung gebracht werden können wie enterramiento, alma und sepulcro. Äußerlich wird Orbajosa als „apiñado y viejo caserío asentado en una loma“ (S. 82) beschrieben, wo nur „algunas negras torres y la ruinosa fábrica de un despedazado castillo en lo más alto“ (S. 82) hervorragen. Zu Beginn des Romans wird der fiktive Ort Orbajosa vom Erzähler ausführlich beschrieben:

Un amasijo de paredes deformes, de casuchas de tierra pardas y polvorosas como el suelo, formaba la base, con algunos fragmentos de almenadas murallas, a cuyo amparo mil chozas humildes alzaban sus miserables frontispicios de adobes, semejantes a caras anémicas y hambrientas que pedían una limosna al pasajero. Pobrísimo río ceñía, como un cinturón de hojalata, el pueblo, refrescando al pasar algunas huertas, única frondosidad que alegraba la vista. Entraba y salía la gente en caballerías o a pie, y el movimiento humano, aunque pequeño, daba cierta apariencia vital a aquella gran morada, cuyo aspecto arquitectónico era más bien de ruina y muerte que de prosperidad y vida. Los repugnantes mendigos que se arrastraban a un lado y otro del camino, pidiendo el óbolo del pasajero, ofrecían lastimoso espectáculo. No podían verse existencias que mejor cuadraran en las grietas de aquel sepulcro, donde una ciudad estaba no sólo enterrada sino también podrida. Cuando nuestros viajeros se acercaban, algunas campanas tocando desacordemente, indicaban con su expresivo son que aquella momia tenía todavía un alma. (S. 82f.)

Und weiter:

Llamábase Orbajosa, ciudad que no en Geografía caldea o cophta sino en la de España figura con 7.324 habitantes, ayuntamiento, sede episcopal, partido judicial, seminario, depósito de caballos sementales, instituto de segunda enseñanza y otras prerrogativas oficiales. (S. 83)

Wie die Namen der vorkommenden Figuren hat auch der Name der Provinzstadt Orbajosa eine ironische Bezeichnung. Obwohl der Name Orbajosa vom Lateinischen Urbs augusta, ,erhabene Stadt‘, kommt, gleicht sie eher einer Mülldeponie: „no puede ser más desagradable. La histórica ciudad de Orbajosa, cuyo nombre es sin duda corrupción de Urbs augusta, parece un gran muladar.“ (S. 83) Des Weiteren kann Orbajosa von ajo, also Knoblauch, abgeleitet werden, da die Stadt durch ihre Knoblauchernte sehr berühmt ist, wie Doña Perfecta und Don Inocencio bestätigen. (Orbs ajosa -ciudad de ajos)

Por lo demás, Orbajosa no es un pueblo miserable. Ya sabe usted que aquí se producen los primeros ajos de toda España. Pasan de veinte las familias ricas que viven entre nosotros. –Verdad es – indicó doña Perfecta – que los últimos años han sido detestables a causa de la seca; pero aun así las paneras no están vacías, y se han llevado últimamente al mercado muchos miles de ristras de ajos.“ (S. 98)

[...]


1 Vgl. Gröne/v. Kulessa/Reiser 2012, S. 154.

2 Vgl. Wittschier 1993, S. 207.

3 Vgl. Strosetzki 1991, S. 314.

4 Vgl. Casalduero 1961, S. 10-11.

5 Vgl. Gröne/v. Kulessa/Reiser 2012, S. 154.

6 Vgl. Casalduero 1961, S. 16.

7 Vgl. Casalduero 1961, S. 17.

8 Vgl. Gullón 1973, S. 28.

9 Vgl. Casalduero 1961, S. 20.

10 Vgl. Gröne/v. Kulessa/Reiser 2012, S. 154.

11 Vgl. Gröne/v. Kulessa/Reiser 2012, S. 154.

12 Vgl. Casalduero 1961, S. 34.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Wittschier 1993, S. 207.

15 Vgl. Wittschier 1993, S. 207.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Wittschier 1993, S. 207.

18 Vgl. Wittschier 1993, S. 208.

19 Wittschier 1993, S. 208.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. Wittschier 1993, S. 208.

23 Vgl. Wittschier 1993, S. 209.

24 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 243-244.

25 Vgl. Stenzel 2005, S. 184.

26 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 278-279.

27 Wittschier 1993, S. 209.

28 Wittschier 1993, S. 209.

29 Vgl. Strosetzki 1991, S. 309-311.

30 Vgl. Schmitz 2000, S. 13.

31 Vgl. Schmitz 2000, S. 16-19.

32 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 312.

33 Vgl. Schmitz 2000, S. 21-26.

34 Vgl. Schmitz 2000, S. 130-131.

35 Vgl. Maier 2004, S.46. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1997 auf.

36 Vgl. Hauck, S. 93.

37 Vgl. Maier 2004, S.26. Maier greift hierbei eine Überlegung von Niedermayer 1952 auf.

38 Vgl. Maier 2004, S.27. Maier greift hierbei eine Überlegung von Niedermayer 1952 auf.

39 Vgl. Maier 2004, S.43. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1988 auf.

40 Vgl. Maier 2004, S. 43f. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1988 auf.

41 Vgl. Maier 2004, S. 44f. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1988 auf.

42 Vgl. Maier 2004, S. 45. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1988 auf.

43 Vgl. Maier 2004, S. 45. Maier greift hierbei eine Überlegung von Bernecker 1997 auf.

44 Vgl. Bernecker 2006, S. 63.

45 Vgl. Bernecker 2006, S. 63.

46 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 240.

47 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 240-241.

48 Vgl. Neuschäfer 2011, S. 241-243.

49 Bei Zitation aus Benito Pérez Galdós,1984 wird im Folgenden lediglich die Seitenzahl in Klammern hinter das Zitat gestellt.

50 Vgl. Llanas 1982, S. 45f.

51 Vgl. Galdós 1984, S. 23.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Der "Zwei Spanien"- Konflikt im Roman "Doña Perfecta" (1876) von Benito Pérez Galdós
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
61
Katalognummer
V1037477
ISBN (eBook)
9783346455451
ISBN (Buch)
9783346455468
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zulassungsarbeit, Zwei Spanien‘- Konflikt, Doña Perfecta (1876) Benito Pérez Galdós
Arbeit zitieren
Yannick Schettler (Autor:in), 2018, Der "Zwei Spanien"- Konflikt im Roman "Doña Perfecta" (1876) von Benito Pérez Galdós, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1037477

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