Resilienzförderung durch Lehrkräfte. Einfluss der Systemischen Denkweise auf die Selbstwirksamkeit bei SchülerInnen der Sekundarstufe I


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1... Die Systemische Denkweise
1.1 Zirkular-kausales Denken
1.2 Systemischer Ansatz
1.3 Konstruktivismus und Positivismus

2.. Forderung der Selbstwirksamkeit mittels der Systemischen Denkweise
2.1 Der Begriff der Selbstwirksamkeit
2.2 Auswirkungen der Selbstwirksamkeit
2.3 Forderung der Selbstwirksamkeit
2.4 Selbstwirksames Lernen im schulischen Kontext
2.5 Forderung der Selbstwirksamkeit mittels der Systemischen Denkweise

3... Fazit

Quellen

Einleitung

Melanchton erklarte die Probleme der Kindererziehung unter anderem folgendermaBen: „Noch bevor ein Junge oder ein Madchen vom Alter her geeignet ist, in die Schule geschickt zu werden, ist er oder sie durch die Nachgiebigkeit im Elternhaus schon verdorben, hat Laster bereits kennengelernt und sie grundlich ausgekostet. Sie bringen von Haus aus nicht nur keine Liebe und Bewunderung fur die Welt des Wissens mit sich, sondern einen geradezu heftigen Hass gegen derlei Sachen, dazu Verachtung der Erwachsenen und schandlichste Erfahrungen durch hausliche Vorbilder“1. Kindern, die unter schwierigen Umstanden oder sogar widrigen Verhaltnissen aufwachsen mussten, wird oft eine ebenso schwierige und widrige Lebensgestaltung und Zukunft zugesprochen. Doch entgegen aller Erwartungen konnten Forscher in der Vergangenheit Kinder beobachten, die zwar in ihrer Kindheit unter ihren Umstanden litten und oft ein dementsprechend nicht konstruktives Verhalten zeigten, doch als Erwachsene eine gesunde Personlichkeit und eine positive Lebensgestaltung aufwiesen. Der Unterschied zwischen diesen Kindern und denen, die in einer negativen Lebensweise verharrten, ist laut vielen Psychologen ihre Resilienz. Der Begriff Resilienz beschreibt die psychische Widerstandskraft einer Person, die es ihr ermoglicht, trotz Krisen ihr Leben konstruktiv zu bewaltigen.2 Welche Kompetenzen fur psychische Widerstandskraft und die Bewaltigungsfahigkeit von Krisen forderlich sind, beschreibt Georg Korman folgendermaBen: „Die Untersuchungsergebnisse aller Resilienzstudien verweisen darauf, dass resiliente Kinder mit dem Erfolg eigener Handlungen rechnen, Problemsituationen aktiv angehen, ihre eigenen Ressourcen effektiv nutzen, an eigene Kontrollmoglichkeiten glauben, aber auch realistisch erkennen konnen, wann etwas fur sie unbeeinflussbar ist. [.] Wie die Untersuchungen zeigen, spielen die personalen Ressourcen wie z. B. positive Temperamentseigenschaften oder auch die Intelligenz des Kindes eine wichtige Rolle. Weitere personale Ressourcen auBern sich in einer hohen Selbstwirksamkeitsuberzeugung, einer realistischen Kontrolluberzeugung, einem hohen Selbstwertgefuhl, einer hohen Sozialkompetenz und in einem aktiven und flexiblen Bewaltigungsverhalten“3.

Diese Arbeit untersucht die Frage, wie sich mittels der Systemischen Denkweise der Resilienzfordernde Faktor Selbstwirksamkeit bei SchulerInnen der Sekundarstufe I fordern lasst.

Dazu wurde zunachst die Systemische Denkweise, vor allem mit Bezug auf die Arbeiten Luhmanns und Watzlawicks, erarbeitet, indem auch das zirkular-kausale Denken sowie die Theorien des Positivismus und des Konstruktivismus erklart werden. AnschlieBend folgt die Erarbeitung der Selbstwirksamkeit. Es wird erlautert, was der Begriff der Selbstwirksamkeit meint, welche Auswirkungen ein hoher Selbstwirksamkeitsglauben hat und wie man diese aus psychologischer Sicht fordern kann. AbschlieBend wird die Systemische Theorie mit der Selbstwirksamkeit in Beziehung gesetzt und es wird untersucht, wie sich die Selbstwirksamkeit durch die Systemische Theorie fordern lasst.

1. Die Systemische Denkweise

1.1 Zirkuliir-kaiisales Denken

Als Grundlage fur die weiteren Erklarungen der systemischen Denkweise wird zunachst das zirkular-kausale Denken im Gegensatz zum linearen entfaltet. Das lineare Denken bezeichnet jene Denkweise, die eine Ursache einer Wirkung zuordnet und diese unabhangig vom Kontext betrachtet. Das zirkular-kausale Denken hingegen beinhaltet die Annahme, dass eine Ursache auch gleichzeitig eine Wirkung ist und dass viele verschiedene Ursachen und Wirkungen unterschiedlich miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. Aus der Perspektive des systemischen Ansatzes eignet sich somit das lineare Denken nicht, um zwischenmenschliche Wechselwirkungen zu beschreiben, sondern um materielle Sachverhalte zu erklaren und zu beheben, wie beispielsweise eine durchgebrannte Sicherung als Ursache fur einen technischen Defekt. Stattdessen ware das zirkular-kausale Denken besser geeignet, um zwischenmenschliche Beziehungen zu verstehen, weil viele verschiedene Faktoren auf eine Person einwirken und deshalb auch nicht nur nach einer Ursache fur z. B. ein Fehlverhalten gesucht werden kann.4 Wird fur ein Problem nur eine Person als Ursache gedeutet, so ist dies laut Oliver Martin „aus der Tradition des linear-kausalen Denkens und dem in der westlichen Welt stark vertretenen Individualismus heraus zwar verstandlich, aber es ist zu kurz gegriffen und definitiv nicht systemisch“5. In einer Situation nicht linear, sondern zirkular-kausal zu denken bedeutet somit, nicht nach einer Ursache fur eine Wirkung zu forschen, sondern die Zusammenhange und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Faktoren zu ergrunden. Als Ergebnis des zirkular-kausalen Denkens anstatt des linearen Denkens schreibt Oliver Martin: „Dadurch [durch zirkular-kausales Denken] werden wir der Komplexitat von Systemen und ihren Elementen wesentlich besser gerecht. So wird ein einseitiger Individualismus [...] relativiert und der Blick eher auf die Zusammenhange und die Kontexte gelenkt, in denen sich die Individuen befinden“6.

1.2 Systemischer Ansatz

Den einen systemischen Ansatz gibt es nicht, sondern es gibt viele verschiedene systemische Schulen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen, allerdings sind einige Gemeinsamkeiten der meisten systemischen Richtungen festzustellen7, die im Folgenden beschrieben werden.

Zunachst ist alien systemischen Denkrichtungen die zirkular-kausale Denkweise gemein. Wie bereits in 1.1 beschrieben versucht die Systemische Theorie das lineare Denken zu vermeiden, um die vielen verschiedenen Ursachen und Wirkungen, denen ein Individuum ausgesetzt ist, besser zu berucksichtigen und eine angemessene Reaktion zu ermoglichen.

Dem systemischen Ansatz liegt die Annahme zu Grunde, dass sich jede Person in vielen verschiedenen Systemen befindet und unterschiedlichen Wirkkraften ausgesetzt ist. Eine mogliche Definition fur Systeme in diesem Zusammenhang lautet folgendermaBen: „Ein System lasst sich beschreiben als ein Gefuge von Elementen und von Beziehungen zwischen diesen Elementen (Relationen), die die Systemstruktur bilden. Das System grenzt sich gegen seine Umwelt ab. Die innerhalb der System-Umwelt-Grenze stattfindenden Prozesse sind durch die Struktur des Systems bestimmt und unterscheiden sich von den Prozessen in der Umwelt.“8. Nimmt man beispielsweise einen Schuler bzw. eine Schulerin, so befindet er/sie sich in folgenden moglichen Systemen: Familie, Klasse, Schule, Freundeskreis, Nachbarschaft, Sportverein u.v.m.. Jedes dieser Systeme hat einen Einfluss auf den Schuler, sodass die Ursache des einen Systems zu einer Wirkung in einem anderen System fuhrt, welche durch lineare Betrachtung nicht richtig zugeordnet werden kann. Daraus resultiert, dass jede Handlung eines Individuums in engem Zusammenhang und in hoher Wechselwirkung zu anderen Individuen steht. Die systemische Theorie stellt einen Gegensatz zur traditionellen Psychologie dar, die sich in ihrer Therapie nur auf das Individuum bezieht, und kritisiert, dass diese Begriffe und Konstruktionen verwenden wurde, die einen groBen interpersonellen Faktor haben, ohne sich ausreichend mit den entsprechenden zwischenmenschlichen Beziehungen zu beschaftigen.9

Aus der Zirkularitat heraus entsteht der Anspruch, dass ein Individuum nicht fur sich allein betrachtet werden kann, sondern im Kontext all seiner beeinflussenden Systeme verstanden werden muss. Jegliche Situation erhalt ihre Bedeutung erst mit ihrem Kontext, ohne eine solche Betrachtung der Zusammenhange lasst sich keine zutreffende Aussage uber Ursache und Wirkung treffen. J. Willemse und F. von Ameln formulieren es folgendermaBen: „Menschliches Erleben und Handeln sind nie von ihrem sozialen Kontext abzulosen. Anders als die [...] psychologischen Ansatze, die das Individuum in den Mittelpunkt der Betrachtung rucken und die soziale Umwelt des Menschen weitestgehend ausblenden, blickt der systemische Ansatz daher immer auf die sozialen Bindungsfaktoren individuellen Handelns. Systemisches Denken ist dem Anspruch nach immer Denken in Zusammenhangen.“10.

Die Systemtheorie hat zwei Blickwinkel. Der erste ist der Blick auf die Zusammenhange innerhalb eines Systems. Der zweite ist der Blick auf das Verhaltnis zwischen System und Umwelt. Beide Systemtheorien haben jedoch ebenfalls das Ziel, die Zusammenhange zu erfassen.11

Durch ihre Losungs- und Ressourcenfokussierung konnten durch die Anwendung der Systemischen Therapie haufig schnellere Erfolge nachgewiesen und Angehorige nachhaltig mit einbezogen werden. Diese entscheidenden Vorteile fuhrten zu einer hoheren Zufriedenheit der Betroffenen und zu einer geringeren Abbruchquote der Therapie.12

1.3 Konstruktivismus und Positivismus

Dem Konstruktivismus liegt die Annahme zu Grunde, dass der Mensch der „Schopfer seiner eigenen Wirklichkeit“13 sei. Laut Moreno sind Individuen somit „Autor, Regisseur und Spieler ihres eigenen Dramas“14 Dieses hohe MaB an Selbstverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit wird in der Systemischen Theorie allerdings nicht nur den Individuen, sondern auch ganzen Systemen zugeschrieben. Das bedeutet, dass die Wirklichkeit nicht als etwas fest Vorgeschriebenes und Unveranderliches vorliegt, sondern auch vollig anderes moglich ware. Deshalb empfiehlt der systemische Ansatz, sich nicht schwerpunktartig mit den Problemen zu beschaftigen, da sich durch einen zu starken Fokus auf die Probleme ein uberhohtes Problemempfinden entwickeln wurde. Stattdessen sei es hilfreich, sich mit den verschiedenen Losungswegen zu beschaftigen, da der Fokuswechsel einer Verfestigung der Probleme entgegenwirke und der Erschaffung einer neuen positiveren Wirklichkeit behilflich sei.15 Deshalb solle „der Berater [...] nach Losungen und Ressourcen fragen“16, wenn sein Patient diese finden und dadurch eine neue Wirklichkeit aufbauen soll. Die erkenntnistheoretische Theorie besagt, dass negative Gedanken eine negative Realitat und positive eine positive hervorrufen wurden. Es kame in der Therapie also nicht auf eine Veranderung der negativen Umweltfaktoren an, sondern auf eine Veranderung der Gedanken des Patienten (wobei die Umweltfaktoren nicht ignoriert, sondern lediglich nicht in den Fokus der Therapie gestellt werden).17 Das umgangssprachliche „Phanomen der selbsterfullenden Prophezeiung“18 19 findet seine Ausfuhrung im Konstruktivismus. Es gilt also, „das negative Selbstbild der Patienten umzudeuten und ihnen eine positivere Sicht auf die eigene Person zu ermoglichen. Der Konstruktivismus [.] verschafft uns auch die Moglichkeit, unsere eigenen subjektive Wirklichkeiten zu verandern und andere Menschen zu einer Veranderung ihrer subjektiven Wirklichkeiten anzuregen.“19. Denn: „Wenn jemand ein positives Selbstbild hat, ist seine Chance auf Erfolg groBer“20.

[...]


1 Korman, Georg (2007): Resilienz - Was Kinder starkt und in ihrer Entwicklung unterstutzt. In: Plieninger M. u. Schumacher E. (Hrsg.), Auf den Anfang kommt es an - Bildung und Erziehung im Kindergarten und im Ubergang zur Grundschule. Gmunder Hochschulreihe Nr. 27, S. 37-56, S. 37.

2 Vgl. Korman, Georg (2007): Resilienz - Was Kinder starkt und in ihrer Entwicklung unterstutzt. In: Plieninger M. u. Schumacher E. (Hrsg.), Auf den Anfang kommt es an - Bildung und Erziehung im Kindergarten und im Ubergang zur Grundschule. Gmunder Hochschulreihe Nr. 27, S. 37-56, S. 37-38.

3 Korman, Georg (2007): Resilienz - Was Kinder starkt und in ihrer Entwicklung unterstutzt. In: Plieninger M. u. Schumacher E. (Hrsg.), Auf den Anfang kommt es an - Bildung und Erziehung im Kindergarten und im Ubergang zur Grundschule. Gmunder Hochschulreihe Nr. 27, S. 37 - 56, S. 48.

4 Vgl. Martin, Oliver (2019): Es sind die Wechselwirkungen, auf die es ankommt! Zugriff am 27.02.20. Verfugbar unter: https://www.transformieren.art/transfomagazin/2018/11/6/es-sind-die-wechselwirkungen- auf-die-es-ankommt.

5 Martin, Oliver (2019): Es sind die Wechselwirkungen, auf die es ankommt! Zugriff am 27.02.20. Verfugbar unter: https://www.transformieren.art/transfomagazin/2018/11/6/es-sind-die-wechselwirkungen- auf-die-es-ankommt.

6 Martin, Oliver (2019): Es sind die Wechselwirkungen, auf die es ankommt! Zugriff am 27.02.20. Verfugbar unter: https://www.transformieren.art/transfomagazin/2018/11/6/es-sind-die-wechselwirkungen- auf-die-es-ankommt.

7 Vgl. Martin, Oliver (2019): Es sind die Wechselwirkungen, auf die es ankommt! Zugriff am 27.02.20. Verfugbar unter: https://www.transformieren.art/transfomagazin/2018/11/6/es-sind-die-wechselwirkungen- auf-die-es-ankommt.

8 Willemse, Joop/ von Ameln, Falko (2018): Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verstandlich erklart. Berlin: Springer, S.25.

9 Vgl. Willemse, Joop/ von Ameln, Falko (2018): Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verstandlich erklart. Berlin: Springer, S.12.

10 Willemse, Joop/ von Ameln, Falko (2018): Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verstandlich erklart. Berlin: Springer, S.8.

11 Vgl. Willemse, Joop/ von Ameln, Falko (2018): Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verstandlich erklart. Berlin: Springer, S.11.

12 Vgl. Retzlaff, Rudiger u.a. (2009): Systemische Therapie als evidenzbasiertes Verfahren - Aktuelle Fakten, Fragen und Aussichten. In: Psychotherapeutenjournal, 1/2009, S.4-16, S.12.

13 Willemse, Joop/ von Ameln, Falko (2018): Theorie und Praxis des systemischen Ansatzes. Die Systemtheorie Watzlawicks und Luhmanns verstandlich erklart. Berlin: Springer, S.7.

14 Ebd.

15 Vgl. Ebd. S. 7-8.

16 Ebd. S. 11.

17 Vgl. Ebd. S. 10-11.

18 Ebd. S. 10.

19 Ebd. S. 10-11.

20 Ebd. S. 10.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Resilienzförderung durch Lehrkräfte. Einfluss der Systemischen Denkweise auf die Selbstwirksamkeit bei SchülerInnen der Sekundarstufe I
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1039513
ISBN (eBook)
9783346453891
ISBN (Buch)
9783346453907
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Resilienzförderung, Selbstwirksamkeit, Lehrkräfte, Systemtheorie, Systemische Denkweise, Systemisches Denken
Arbeit zitieren
Sophia Reiswich (Autor:in), 2020, Resilienzförderung durch Lehrkräfte. Einfluss der Systemischen Denkweise auf die Selbstwirksamkeit bei SchülerInnen der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039513

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