Die Konfliktfelder Minnedienst und Gottesdienst bei Friedrich von Hausens „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Kreuzlied und der Zusammenhang zum Minnesang

3 Leben und Werk Friedrich von Hausens

4 „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Zeitalter der Kreuzzüge1 entwickelten sich nicht nur die geistlichen Kreuzzugspredigten und Kreuzzugsaufrufe zu zentralen Kommunikationsformen, sondern es entstand parallel innerhalb der volkssprachlichen Literatur eine Auseinandersetzung mit dem Kreuzzugsgedanken, der sich in der Kreuzzugsdichtung und in ihr der Gattung des Kreuzliedes niederschlug. Nachfolgend sollen anhand von Friedrich von Hausens Kreuzlied „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“ die Konfliktfelder Minnedienst und Gottesdienst dargestellt werden. Hierbei dient Handschrift B der vorliegenden Arbeit als Textgrundlage.

Eingangs wird das Kreuzlied zunächst eine kurze Definition erfahren, wobei auf die differierenden Positionen der mediävistischen Literaturwissenschaftler zum Kreuzzugbegriff eingegangen werden soll. Diese Positionen stellt Peter Hölzle ausführlich in seiner 1980 erschienenen Analyse „Die Kreuzzüge in der okzitanischen und deutschen Lyrik des 12. Jahrhunderts. Das Gattungsproblem ´Kreuzlied` im historischen Kontext“ dar, die hier primär konsultiert wurde. Anschließend wird der Zusammenhang von Kreuzlied und Minnesang beleuchtet und Friedrich Hausens Spezifik der Kreuzlieder erläutert.

Weiterhin soll das Leben und Werk Friedrich von Hausens kurz Bearbeitung finden, wozu besonders Gaby Hercherts „Einführung in den Minnesang“ von 2010 und Günther Schweikles „Friedrich von Hausen. Lieder“ von 1984 herangezogen worden.

Anschließend wird das Kreuzlied „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“ auf metrischer und stilistischer Ebene betrachtet und insbesondere unter dem Gesichtspunkt der mutmaßlichen Konfliktfelder Minnesang und Gottesdienst analysiert. Erneut liefert Schweikle dazu eine ausführliche Grundlage, die durch den Aufsatz „Zur Sprecherkonstellation in Hausens Lied ...“ von A. Fuß, S. Kirst und M. G. Scholz sowie

Veronika Hassels „Das Werk Friedrich Hausens. Edition und Studien“ von 2018 inhaltlich ergänzt wird.

2 Das Kreuzlied und der Zusammenhang zum Minnesang

In mittelhochdeutschen Quellen und Zeugnissen lassen sich häufig lediglich Umschreibungen für Kreuzlied und Kreuzzug finden. Eine Ausnahme ist dabei bei Reinmar dem Videler2 zu bemerken, denn in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift3 benutzt er die Bezeichnung „crúzeliet“.4 Zwar lässt sich in Jans des Enikels5 „Fürstenbuch“ die Bezeichnung „kruize vart“ finden, doch sind deutlich häufiger Bezeichnungen wie „gotes verte“ bei Friedrich von Hausen oder „varn über mer“ bei Albrecht von Johansdorf6 vertreten.7

Innerhalb der literaturwissenschaftlichen Mediävistik sind unterschiedliche Positionen zur Definition des Kreuzliedes vertreten. Wentzlaff-Eggebert und Müller begreifen Kreuzzugsdichtung als weiten Begriff, der die poetische Verarbeitung des Kreuzzugsgedanken betrifft. Müller beschreibt „jede Dichtung, die in irgendeiner Weise das bellum Deo auctore oder die Pilgerfahrt ins Heilige Land zum Thema hat“8 als Kreuzzugsdichtung. Eine konträre Position vertritt Hölzle, dessen Definition nicht nur mittelhochdeutsche, sondern auch okzitanische, französische und lateinische Lieder mit einschließt. Kreuzlieder sind laut Hölzle somit Lieder, die in der Mehrzahl ihrer Strophen oder Verse mit direkten und/oder indirekten Appellen […] oft in Parallele zur Kreuzpredigt zur Kreuzfahrt aufrufen.9

Vorläufer, spätere Vorbilder und Kontrafakturen des Kreuzliedes lassen sich bereits im 11. Jahrhundert erkennen. Sie beschäftigten sich mit Kreuzdeutung, -anbetung und Ausdeutung des Heils. Zentral für das Kreuzlied ist die Verbindung von weltlichen und religiösen Themen: Es werden das Kreuzfahrt-Motiv mit der Motivik der Minne verknüpft und es entsteht die selbstständige Form des Kreuzliedes, das im Kontext der Gattung Minnesang eine Art Variant der Hohen Minne10 darstellt. Die Kreuzlieder, die dem Kontext der Hohen Minne entstammen, entstanden zwischen 1180 und 1200; unter dem Eindruck des Dritten oder Vierten Kreuzzuges.11

Über die Lohnerwartung verbinden sich Kreuzzugsthematik und Minnedienst. Herchert formuliert diese Verbindung wie folgt:

Die Vernichtung […] (der) Feinde Gottes gilt den Rittern als gute Tat, die ihnen als Ablass ihrer Sünden zugerechnet wird. Gerade der Kreuzzugablass ist Motivation, sich an den Kämpfen zu beteiligen, denn auf diese Weise kann für das Seelenheil gesorgt werden, […] (der Kreuzritter) wird den Märtyrern gleich ins himmlische Jerusalem einziehen. Der Lohn Gottes ist ihm gewiss. Über den Gedanken des Lohns wird die Kreuzzugsthematik mit der Minnethematik verbunden. Der Minnediener, der seiner Dame Treue geschworen hat, gerät in einen Konflikt, weil er gehalten ist, mit der Teilnahme am Kreuzzug in den Dienst Gottes zu treten. Der irdische Lohn des Minnedienstes ist ungewiss und zudem gering gegen den garantierten Lohn Gottes.12

In der Kreuzzugsdichtung lassen sich drei Schwerpunktsetzungen feststellen: erstens die geistlichen Propagandalieder, die Predigten ähnelten, zweitens die politische Kreuzzugsdichtung als Lob oder Tadel des Papstes und drittens die Abschieds- oder Absagelieder, bei der sich der Minnediener zu Gunsten des Dienstes an Gott der Dame entsagt. Die Entscheidung zur Kreuzfahrt ist bei diesen Liedern bereits gefallen. Es wird die ritterliche Bewährung im Gottesdienst mit eben selbiger im Minnedienst gegenübergestellt und eine mögliche Lösung des Konfliktes bearbeitet. Die Abschieds- und Absagelieder sollen hier durch Friedrich von Hausens Lieder Bearbeitung finden und sollen als Kreuzlieder im engeren Sinn behandelt werden sowie den Begriff des Kreuzliedes für diese Arbeit liefern.13

Seine Lieder behandeln den nahenden oder bereits geschehenen Abschied und die damit verbundene Entscheidung zwischen Gott und Dame. Sie können aber auch durchaus als „Zeugnisse der Propaganda für ein politisches Unternehmen“14 verstanden werden. Friedrichs Dichtung und in ihr die Besonderheit und Einzigartigkeit beschreibt Schweikle wie folgt:

Voll erklärt werden kann diese eigentlich nur, wenn man diese Lyrik als sprachgewordenen Ausdruck eines spezifischen allgemeinen Bewusstseins aller feudalhöfischen Schichten begreift, als Spiegel einer Erweiterung der Selbsterfahrung des höfischen Menschen der Stauferzeit nach der offenbaren Emanzipation von seinem frühmittelalterlichen Status in einer in sich geschlossenen Welt, die primär unter religiöser Vormundschaft stand. Sie ist Zeichen zugleich für die Verweltlichung der Kultur seit der Mitte des 12. Jh.s, die sich auf allen Lebensgebieten offenbart.15

Dieser Wandel spiegelte sich somit im Rheinischen Minnesang wider und Friedrich von Hausen reproduzierte eben diesen als Spiegel der gesellschaftlichen Prozesse in seinen Liedern.

3 Leben und Werk Friedrich von Hausens

Friedrich von Hausen „ist in außerliterarischen Quellen so gut nachzuweisen wie kaum ein anderer Minnesänger, (denn) er findet in 18 Dokumenten Erwähnung“16. In der Manessischen Liederhandschrift – auch Codex Manesse oder nur C, der umfangreichsten deutschen Liederhandschrift des Mittelalters – sind 53 Strophen, in der Weingartner Liederhandschrift – auch Stuttgarter Handschrift oder nur B – sind 36 Strophen17 unter dem Namen Her Friederich von Husen überliefert. Er ist einer der Hauptvertreter des Rheinischen Minnesangs, der ersten Hochphase der Minnelyrik von 1170 bis 1190/1200. In der Forschung wurde ihm lange eine große Wirkkraft zugeschrieben, es etablierte sich sogar der Begriff der „Hausen-Schule“. Jedoch ist wahrscheinlicher, dass sich seine Zeitgenossen und Minnesänger – allesamt der „Hausen-Schule“ zugerechnet – Bligger von Steinach, Bernger von Hornheim, Ulrich von Gutenburg und Rudolf von Fenis, wie schon Friedrich von Hausen selbst, auf romanische Dichtung, nicht auf ihn explizit bezogen. Einflüsse anderer Minnesänger auf sein Werk, neben den Einflüssen der romanischen Dichtung sind wahrscheinlich, da sich durch die Förderung des Minnesangs durch Heinrich VI., der als Mäzen auftrat, mehrere Sänger parallel am Stauferhof aufgehalten haben könnten. So ist es möglich, dass Friedrich von Hausen in Verbindung mit dem parallel am Stauferhof tätigen Ulrich von Gutenburg stand.18

Friedrich von Hausens Werk fasst Herchert wie folgt zusammen:

er greift formale und motivliche Eigenheiten der altfranzösischen und der provenzalischen Liebesdichtung auf und verarbeitet sie zu einem eigenen Stil. Seine Lieder sind ohne Melodien überliefert, aber es wird angenommen, dass einige von ihnen Kontrafakturen zu französischen und provenzalischen Liedern sind.19

Seine Zugehörigkeit zum Adelsgeschlecht bei Rheinhausen, nahe Mannheim sei belegt konstatiert Herchert20, Brackert hingegen schreibt von einer „rechtlich unfreien Familie“21. Friedrich von Hausen wurde etwa 1150 geboren, zur Regierungszeit Kaiser Friedrich I. Barbarossas und des Zweiten Kreuzzugs (1147-1149). Die erste urkundliche Erwähnung Friedrich von Hausens findet sich am 9. August 1171 im Zusammenhang mit seinem Vater Walther von Hausen, der als „homo liber“ – freier Mensch im Sinne eines staufischen Freiherrn – in einer Urkunde des Erzbischofs Christian von Mainz als Zeuge bei Rechtsgeschäften zwischen Geistlichen aufgeführt war. 1175 ist Friedrich von Hausens Anwesenheit am Kaiserhof von Pavia überliefert. Weitere Erwähnung lässt sich in Urkunden des Königs Heinrich VI., Sohn des Barbarossa am 30. April 1186 in Borgo San Donnino, am 6. Oktober 1186 in Bologna und am 28. Januar 1187 in Foligno bei Perugia nachweisen.22

Nach 1187 war er am Stauferhof im Gefolge Kaiser Friedrichs I. für Rechtsgeschäfte zuständig, worauf Überlieferungen schließen lassen, in denen er als Ministerialer bezeichnet wird. Es ist anzunehmen, dass er zudem Reichsministerialer war, da er Boten- und Botschaftertätigkeiten ausführte und sich im inneren Kreis des Stauferhofes aufhielt. In der „Chronicon Hanoniense“, einer Reichschronik der Jahre 1086 bis 1195 des Chronisten Gislebert von Mons, wird Friedrich von Hausen zu den Vertrauten des Kaisers, den „familiares et secretarii“ gezählt. Auch finden sich in Quellen von 1187, die Schweikle nicht weiter ausführt, die Titel „homines domini imperatoris iudicatores“, einer der Richter des Kaisers und „probissimus miles“, der höchst bewährte Ritter wieder.23

[...]


1 Unter dem Zeitalter der Kreuzzüge soll in dieser Arbeit der Zeitraum von 1095-1291 verstanden werden, wie ihn Hans Eberhard Mayer im Traditionalistischen Ansatz zur Kreuzzugsfrage formulierte., Vgl. Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge, Stuttgart u. a.10 2005.

2 Reinmar der Videler: Sangspruchdichter, dessen Lieder in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift A und der Großen Heidelberger Liederhandschrift C um 1270/1300 zu finden sind. „Fiedler“ verweist eventuell auf Zugehörigkeit zur sozialen Klasse der fahrenden Sänger., Vgl. aus: Schubert, Martin J.: „Reinmar der Fiedler“ in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S.379, https://www.deutsche-biographie.de/pnd10124505X.html#ndbcontent, 23.05.2020, 12:40.

3 Kleine Heidelberger Liederhandschrift: Auch Handschrift A. Sammlung mittelhochdeutscher Minnelyrik, dessen Auftraggeber unbekannt ist., Vgl. aus: Unbekannt http://www.handschriftencensus.de/4927, 23.05.2020, 12:45.

4 Vgl. Hölzle, Peter: Die Kreuzzüge in der okzitanischen und deutschen Lyrik des 12. Jahrhunderts. Das Gattungsproblem ´Kreuzlied` im historischen Kontext, Göppingen 1980, S. 41.

5 Jans der Enikel: Einer der am besten belegten Dichter und Chronisten des späten 13. Jahrhunderts und Verfasser der „Weltchronik“., Vgl. aus: Unbekannt: „Jans der Enikel“ in: http://www.geschichtsquellen.de/autor/3441, 23.05.2020, 12:52.

6 Albrecht von Johansdorf: Minnesänger und insbesondere durch Kreuzlieder bekannter Dichter, der höchstwahrscheinlich mit dem Ministerialen des Bischofs von Passau gleichzusetzen ist., Vgl. aus: Brackert, Helmut (Hg.): Minnesang. Mittelhochdeutsche Texte mit Übertragungen und Anmerkungen, Frankfurt/M. 1983, S.293-294.

7 Vgl. Hölzle 1980, S. 32.

8 Müller, Ulrich (Hg.): Kreuzzugsdichtung, Tübingen41998, S. V.

9 Hölzle 1980, S. 101-103.

10 Hohe Minne: Als neue Art der Minnelyrik um 1170, die die erfolglose Werbung um eine unerreichbare Dame thematisiert und eine Dienstmetaphorik aufweist., Vgl. aus: Schweikle, Günther: Friedrich von Hausen. Lieder, Stuttgart 1984, S. 25-26.

11 Vgl. Hartl, Ingrid: Das Feindbild der Kreuzzugslyrik. Das Aufeinandertreffen von Christen und Muslimen, in: Birkhan, Helmut (Hg.): Wiener Arbeiten zur Germanistischen Altertumskunde und Philologie (Bd. 40), Bern u.a. 2009, S. 50.

12 Herchert, Gaby: Einführung in den Minnesang, in: Bogdal, Klaus-Michael/Grimm, Gunter E. (Hgg.): Einführungen Germanistik, Darmstadt 2010, S. 92.

13 Vgl. Ebd.

14 Schweikle 1984, S. 32.

15 Ebd. S. 25.

16 Herchert 2010, S. 89.

17 Schweikle schreibt von 48 Strophen., Vgl. Schweikle 1984, S. 48.

18 Vgl. Herchert 2010, S. 89-90.

19 Herchert 2010 S. 90.

20 Vgl. Ebd. S. 89.

21 Brackert, Helmut (Hg.): Minnesang. Mittelhochdeutsche Texte mit Übertragungen und Anmerkungen, Frankfurt/M. 1983, S. 288.

22 Vgl. Schweikle 1984, S. 11-16.

23 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Konfliktfelder Minnedienst und Gottesdienst bei Friedrich von Hausens „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1039635
ISBN (eBook)
9783346456380
ISBN (Buch)
9783346456397
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konfliktfelder, minnedienst, gottesdienst, friedrich, hausens
Arbeit zitieren
Felix Naundorf (Autor:in), 2020, Die Konfliktfelder Minnedienst und Gottesdienst bei Friedrich von Hausens „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039635

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