Subjektivierungsformen neoliberaler Gouvernementalität

Welche neoliberalen Subjektivierungstechnologien sind im Bereich schulischer Inklusion auszumachen?


Seminararbeit, 2014

21 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Neoliberale Gouvernementalität

3 Subjekt und Macht

4 Schulische Inklusion

5 Neoliberale Subjektivierungstechnologien im Bereich schulischer Inklusion

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literatur

1 Einleitung

In meiner Seminararbeit werde ich mit Rückgriff auf Foucaults Gouvernementalitätskonzept untersuchen, welche neoliberalen Subjektivierungsstrategien im Bereich schulischer Inklusion auszumachen sind. Meine These ist, dass, da die Logik des Marktes in allen Bereichen der Gesellschaft Prinzip ist1, Formen der Subjektivierungsstrategien auch in Inklusionsbestrebungen vorhanden sind, denn es soll in allen Teilbereichen menschlicher Gesellschaft ein Subjekt konstituiert werden (bzw. sich selbst konstituieren), das fähig zur aktiven und passiven Teilnahme am Markt ist und effizient, effektiv und ökonomisch handelt.

Ich werde erklären, was unter neoliberaler Gouvernementalität zu verstehen ist und wie Macht im foucault’schen Sinne „Möglichkeitsfelder“ eröffnet, die bestimmte Verhaltensweisen fördern und andere unwahrscheinlicher machen und so Wirklichkeit herstellen (Bröckling u.a. 2013, 9f). Damit verbunden führe ich aus, wie Macht Subjekte produziert bzw. diese sich selbst herstellen.

Lemkes, Krasmanns und Bröcklings Aufsatz „Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung“ (Bröckling u.a. 2012, 7-40) habe ich herangezogen, um den Blickwinkel meiner Untersuchung zu fixieren; in den Mittelpunkt rücken „Machtbeziehung[en] unter dem Blickwinkel von ‚Führung‘“ 2 (ebd., 8), die das Subjekt formen und auf das Subjekt derart einwirken, dass es sich selbst „richtig anordnet3 “ (Foucault 2006, 4. VL, 148).

Ich werde darstellen, wie sich neoliberale Subjektivierungsstrategien im Rahmen schulischer Inklusion des (behinderten) Subjekts ebenso bemächtigen, wie dies in anderen Gesellschaftsbereichen der Fall ist. Als Ausgangspunkt diente mir dabei Susanne Krasmanns Aufsatz „Gouvernementalität der Oberfläche. Aggressivität (ab)trainieren beispielsweise“ (Bröckling u.a. 2012, 194-226), in dem sie veränderten Weisen der Problematisierung von Kriminalität bzw. veränderten Formen der Subjektivierung im Bereich der Kriminologie nachgeht.

Ich habe in Krasmanns Ausführungen “diskurstragende Kategorien”(Link 1997, 15) herausgearbeitet und auf Inklusionsdiskurse „angewendet“, d.h. mein Anliegen war es herauszustellen, welche Kategorien“ auch im Bereich der Inklusion aufzufinden sind und wie diese in Erscheinung treten bzw. sich entfalten. Aus Platzgründen musste ich mich auf drei Kategorien beschränken. Gewählt habe ich jene des Empowerments, jene der Norm bzw. Normalisierung und jene des Humankapitals.

2 Neoliberale Gouvernementalität

Die Einführung der Ökonomie in die politische Amtsführung ist, glaube ich, der Haupteinsatz, um den es beim Regieren geht.

(Defert 2013, 156)

Das allgemeine Thema Foucaults Forschung ist nicht, wie er selbst in „Warum ich die Macht untersuche: die Frage des Subjekts“ schreibt, die Macht, sondern das Subjekt. Da dieses in komplexen Machtverhältnissen steht, sei die Analyse der Macht allerdings unumgänglich. (Dreyfus, Rabinow 1994, 243) Mit dem Konzept der Gouvernementalität entwirft Foucault in seiner Spätphase die Genealogie der Macht neu. Sie sei das Bindeglied zwischen strategischen Machtbeziehungen und Subjektivierungsformen. Damit kann Foucault untersuchen, wie sich politische Herrschafttechniken mit Selbsttechniken verbinden.4 (Pongratz 2004, 248)

Foucault verbindet im Begriff Gouvernementalität „Regieren“ (gouverner) und „Denkweise“ (mentalité)5 und meint damit einerseits die Lenkung der Menschen im Allgemeinen als auch die wechselseitige Konstitution von Machttechniken und Wissensformen. Gouvernementalität ist demnach die Regierung des Selbst wie die Regierung anderer. (Lehmann-Rommel 2004, 264) Als „Führung der Führungen“ und in der Schaffung von Wahrscheinlichkeiten sieht Foucault Macht als jene Art des „Gouvernement“, die der Begriff in einer sehr weiten Bedeutung im 16. Jahrhundert hatte: als die Weise, in der die Führung von Menschen gelenkt wurde (Dreyfus, Rabinow 1994, 257)6

Lemke (2001, 117ff) identifiziert drei Ebenen der Machtanalyse: Die Ebene der strategischen Beziehungen, die Ebene der Herrschaft und die Ebene der Regierungstechnologien.

Auf der grundlegenden Ebene, der Ebene der strategischen Beziehungen, stellt Macht ein allgegenwärtiges Merkmal menschlicher Interaktion dar. In diesem Sinne kann „[e]ine Gesellschaft >ohne Machtverhältnisse< … nur eine Abstraktion sein“ (Dreyfus, Rabinow 1994, 259). Foucault denkt Macht immer in Aktion (als Handlung), in Relation, historisch und soziokulturell bedingt und sie produziert Wirklichkeit (Lüders 2007, 81). Er definiert sie durch eine Handlungsweise, welche nicht direkt und unmittelbar auf andere einwirkt, sondern auf deren Handeln. Ein Machtverhältnis errichte sich auf zwei Elementen: erstens bleibe der andere als Subjekt des Handelns anerkannt und erhalten und zweitens werde ein Feld von möglichen Reaktionen vor dem Machtverhältnis eröffnet. Machtausübung kann also nur auf „freie“ Subjekte erfolgen, die die Möglichkeit von Möglichkeiten haben. Zusammengefast ist Macht „ein Ensemble von Handlungen in Hinsicht auf mögliche Handlungen.“ (Dreyfus, Rabinow 1994, 257) Die Freiheit, die der neoliberalen Gouvernementalität inhärent ist, inhärent sein muss7, ist allerdings durch die Vorgabe von primär ökonomischen Kriterien eingeschränkt und eine Verletzung der „Spielregeln“ wird rigide sanktioniert (Patzner 2005, 66) sowie die Zurichtungsanstrengungen für einen „rechten Gebrauch der Freiheit“ zunehmen (Bröckling 2013, 80).

In Herrschaftszuständen sind Machtbeziehungen starr, unbeweglich und in Institutionen stabilisiert. Sie sind eine auf Dauer gestellte und mit ökonomischen, politischen oder militärischen Mitteln institutialisierte Form der Macht, ein Sonderfall, bei dem es dem Individuum oder einer Gruppe gelungen ist, eine dauerhafte Asymmetrie der Kräfteverhältnisse zu installieren. (Lemke 2001, 118f)

Die Ebene der Regierungstechnologien, die eine Art Vermittlungsstelle zwischen den strategischen Beziehungen und den Herrschaftszuständen darstellt, ist eng mit den Prinzipien persönlichen Verhaltens und den Techniken der Selbstformierung verbunden. Diese Technologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Selbstführungstechniken mit Techniken zur Führung anderer verbinden. Regierung nennt Foucault dann jene Schnittstelle, an der „die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist.“ (ebd. 119) Der Begriff Regierung fasst den Staat selbst als eine Regierungstechnik, als eine dynamische, historische Fixierung von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen (Bröckling, u.a. 2012, 10, 27).8

Defert (2013, 156) sieht in der Einführung der Ökonomie9 in die Politik das Hauptmerkmal bei dem es beim Regieren gehe. Dieser Bereich des Ökonomischen habe sich von einem spezifischen Bereich menschlichen Handelns ausgeweitet zu einer allumfassenden prinzipiellen Form menschlichen Handelns. (Lemke 2001, 116) Im klassischen Liberalismus war die Regierung angehalten worden, die Form des Marktes zu respektieren, in der neoliberalen Variante10 steigt der Markt zum alleinigen Prinzip auf und kehrt sich gegen die Regierung, um über diese ein ununterbrochenes ökonomisches Tribunal - im Sinne des oben genannten „Führens der Führungen“ und in der Schaffung von Wahrscheinlichkeit (Foucault 1987, zit. n. Liesner 2005, 52) – zu halten. Mit Führung ist hier einerseits ein bestimmtes Verhältnis zwischen regierenden und regierten Subjekten als auch eine Form der Führung, die bei den Subjekten selbst ansetzt – im Sinne einer Selbstführung - gemeint. (ebd. 51f)

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts findet eine Verschiebung weg von disziplinaren, direkten Regierungsformen der Disziplinarmacht hin zu eher indirekten neoliberalen Machtpraktiken statt11, die sich anstatt auf Fremdführung auf Selbstführung u.a. mittels Selbstbestimmung und Kommunikation etablieren (Ricken u.a., 2004, 265), wobei der Kapitalismus durch die Intensivierung der Verwertung überlebt (Ribolits 2011, 91), der ganze Mensch vereinnahmt wird und das Ziel ein Ausrichten auf ein Handeln im Sinne des Marktes ist. Das Subjekt wird „verökonomisiert“, oder wie Foucault es ausdrückt:

„Mit anderen Worten, es geht darum die Unternehmensformen, die gerade nicht in Form entweder von Großunternehmen im nationalen oder internationalen Maßstab oder von Großunternehmen vom Typ des Staats konzentriert sein sollen, zu verallgemeinern, in dem man sie so weit wie möglich verbreitet oder vervielfacht.“ (Foucault, Vorl. 6 v. 14.2.1979, 210)

Der Neoliberalismus ist u.a. gekennzeichnet durch indirekte Interventionen. Er betreibt prophylaktisch eine Sicherung der Marktprozesse, was eine aktive Gouvernementalität zur Folge hat, die die Rahmenbedingungen für das Funktionieren des Marktes permanent herstellen muss. (Gertenbach 2007, 81) Das Subjekt als homo oeconomicus wird zum zentralen „Angriffspunkt“ zwischen der Regierung und dem Individuum, da es ein Modell darstellt, „ über das effektiv regiert werden kann.“ (Gertenbach 2007, 121) Der homo oeconomicus ist „Unternehmer seiner selbst“, der „nicht ist, sondern sein wird “ (ebd.) und dadurch Produzent seiner selbst ist als auch auf die durch ihn hergestellte Realität angewiesen ist.12 Der Arbeiter der Disziplinargesellschaft wird zum aktiven Wirtschaftssubjekt13 (gemacht) (Foucault, Vorl. 9. v. 14.3.1979, 311) und bringt sich gleichzeitig selbst hervor.

3 Subjekt und Macht

„Der Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist, kann nach meiner Auffassung Regierung genannt werden. (Foucault 1993, 230f, zit. n. Bröckling, u.a. 2012, 29)

Macht ist produktiv. Macht formt Subjekte. Subjekte sind bei Foucault Wirkungen der Macht, sie sind nicht gegenüber der Macht zu denken, sondern formieren sich durch die Macht. Foucaults Subjekte werden in Diskursen, durch Machtpraktiken und durch Selbstpraktiken „produziert“ bzw. „produzieren“ sich selbst, wobei die unterschiedlichen Diskursarten ineinander verwoben zu denken sind. Diskurse lassen Subjekte erst zu, produzieren und legitimieren sie. Subjekte sind in der foucault’schen Sichtweise eher Diskursträger als autonom handelnde Subjekte. (vgl. Lüders (2007, 17f)

Foucault verfeinert mit der Konzeption der Pastoralmacht14 seinen Analyseraster bezüglich staatlicher Machttechniken in Bezug auf die „Versubjektivierung“ weiter. Er geht dabei von der These aus, dass der moderne Staat das Ergebnis einer Verbindung „politischer“ und „pastoraler“ Machttechniken ist. (Bröckling u.a. 2012, 10f) Durch die Beziehung zwischen Hirte und Herde durch die christlichen Reflexions- und Führungstechniken (z.B. die Beichte), durch die Einsetzung des Gehorsams zur Tugend etc. gelingt es die „Seelen“ zu regieren. Im 16. und 17. Jahrhundert erfahren diese Techniken lt. Foucault eine Säkularisierung und Ausweitung. Der moderne Staat sowie der Kapitalismus würden auf diesen Subjektivierungsformen aufbauen. (ebd.) Die Regierung der Menschen (im Unterschied zur Regierung der „Seelen“) bestehe, wie Kleiner (2001, 111) erläutert ‚ “in der Notwendigkeit einer Reflexion auf die Voraussetzungen, den Gegenstand und die Ziele der Regierung.“ Die politische Vernunft wird fortan autonom gedacht. Die ehemals religiös bestimmten Ziele werden im Rahmen politischer Zweckbestimmungen neu definiert. Das Pastorat wird in den Staat „verpflanzt“ (Balke 2006, 285), um Menschen regierbar zu machen bzw. dahingehend zu beeinflussen, sich selbst in einer gewissen Art und Weise zu regieren.

4 Schulische Inklusion

Inklusion als allgemeiner Zielbegriff bezieht sich auf jegliche Probleme behinderter Kommunikation und sozialer Teilhabe, z.B. also auf Menschen mit Migrationshintergrund, in Armut lebende Menschen und auch auf Menschen mit Behinderung. Im öffentlichen Sprachgebrauch hat sich der Terminus Inklusion für den Bereich der Behinderung durchgesetzt und dieser wird im schulischen Bereich gleichbedeutend mit schulischer Inklusion oder „ Schule für alle “ verwendet. (Speck 2011, 70)

Anken (2010, 126) nennt als wichtigste historischen Bezugspunkt für die Inklusionsbewegung in Europa die Salamanca-Erklärung (1994)15. Mit der Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung 2006, die Österreich im Jahr 2008 ratifizierte (BMASK 2012, 1), ist die Diskussion über die „Inklusion als Menschenrecht“ belebt worden. In Art. 24 („Education“) verpflichten sich die Vertragspartner ein Schulsystem zu schaffen, das u.a. Kinder wegen ihrer Behinderung nicht vom allgemeinen und öffentlichen Schulsystem ausschließt (Speck 2011, 86).

Von einigen Fachleuten (siehe z.B. Anken, 137ff) wird der Begriff Integration als problematisch angesehen, da er qua der fünf historischen Phasen – Exklusion, Separation und Segregation, Integration, Inklusion und Vielfalt als Normalfall16 – jene Phase definiere, die zwei Gruppen konstruiere (jene die integriere und jene die integriert wird) und dadurch auf der Seite der zu integrierenden Gruppe im Falle eines Nichtgelingens, ein Defizit herstelle. Andere Experten setzen den Begriff Inklusion und Integration weitgehend gleich. Speck (2011, 87) verweist z.B. auf Alfred Sander, der von Inklusion „als einer ‚optimierten Integration‘“ spreche und gestehe, dass der Begriff Inklusion vor allem ein Trendbegriff sei.17

Als Kernaspekte der Inklusion definieren Boban und Hinz 2006 (zit. n. Anken 2010, 147) die Vielfalt, das Lernen und die Teilhabe, die Demokratie, die Schule als Ganzes und die Gesellschaft als Gesamtes. Der „Index für Inklusion“ stellt eine Leitlinie dar, um inklusive Schulentwicklung zu fördern. Dieser wurde in Großbritannien von einem Team erarbeitet, evaluiert und an Schulen und Schulämter in England verteilt. (Boban, Hinz 2003, 8) Ines Boban und Andreas Hinz haben den Index übersetzt, für deutschsprachige Verhältnisse bearbeitet und herausgegeben.

5 Neoliberale Subjektivierungstechnologien im Bereich schulischer Inklusion

Das Ziel neoliberaler Gouvernementalität ist es, Technologien bereitzustellen und Möglichkeitsräume vorzubereiten, um das Individuum im Sinne der Marktlogik zu subjektvieren, bzw. es dahingehend zu beeinflussen, dass es sich selbst in Richtung marktadäquates Subjekt subjektiviert. Welche dieser Strategien können in Bezug auf Inklusion ausgemacht werden? Wie werden Menschen, und im Rahmen der schulischen Inklusion behinderte Menschen, im Sinne des Marktes subjektiviert bzw. wie subjektivieren sich diese durch Selbsttechniken? Oder anders gefragt, wie wird auch hier „das Soziale ökonomisiert“?18

Der Rückzug des Staates ist in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sichtbar und spürbar. Meist wird von Seiten des Staates dieser Rückzug mit dem Angebot/Ziel vergrößerter Autonomie begründet. Das indirekte Verhältnis lautet also: „Je weniger Staat, desto mehr Eigenverantwortlichkeit!“ Lemke setzt dem Rückzug des Staates den „ Appell an Eigenverantwortung und Selbstsorge und [den] Aufbau selbstregulatorischer Kompetenzen bei individuellen wie kollektiven Subjekten “ entgegen. (Lemke 2012, 239) Das Subjekt habe sich selbst zu bestimmen und gleichzeitig zu regulieren. Diese Regulation ist allerdings an bestimmte Normen und materielle Zielbestimmungen gekoppelt, d.h. Freiheit muss in einer bestimmen Form genutzt werden. (ebd., 253) Schlagwörter wie Selbstbestimmung, Autonomie und Mündigkeit werden mit der ökonomischen Marktfreiheit verknüpft. Es gelten nur jene als autonom und mündig, die sich marktkonform verhalten und ihre Freiheit in einer ganz bestimmten Art und Weise nutzen.

[...]


1 So schreiben z.B. Lemke, Krasmann und Bröckling in ihrem Vorwort zu der „Gouvernementalität der Gegenwart“ (2012, 16), dass „[d]ie Ökonomie … nicht mehr als ein gesellschaftlicher Bereich mit spezifischer Rationalität, Gesetzen und Instrumenten [gelte], sie besteh[e] vielmehr aus der Gesamtheit menschlichen Handelns“. Gertenbach (2007, 82) begreift die neoliberale Wirtschaftspolitik nicht mehr als Wirtschaftspolitik, sondern als Ordnungs- und Gesellschaftspolitik, da alles prinzipiell ökonomisierbar sei. Ribolits (2011, 86) sieht einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch seit den 1970er Jahren, der sich „in einem forcierten Durchdringen aller Lebensbereiche durch die Marktlogik äußert.“

2 Foucaults Machtanalyse grenzt sich vom Modell des Rechts und des Krieges ab (Bröckling u.a. 2012, 8).

3 Foucault meint mit „der richtigen Anordnung von Dingen“, den Komplex von Dingen und Menschen. Damit verbunden sei das Ziel, diese „Dinge“ zu einem „angemessenen Ziel“ zu führen. (Foucault 2006, 4. VL, 148f)

4 Lemke (2002, 50) spricht in diesem Zusammenhang vom „missing link“: „because Foucault uses it (the link =governmentality, Anm. A.B.) exactly to analyze the connections between what he called technologies of the self and technologies of domination, the constitution of the subject and the formation of the state. It is missing because … the material (about the notion, Anm. A.B.) is almost entirely unpublished.”

5 Gertenbach (2007, 11) weist hingegen darauf hin, dass der Begriff Gouvernementalität aus dem Französischen „gouvernemental“ abgeleitet sei und „die Regierung betreffend“ bedeute und auf eine bestimmte Form der Praxis der Ausübung der Regierungsgewalt und nicht auf eine Form des Denkens (eine „Mentalität“) bezogen sei.

6 Gut definieren lässt sich Foucault Machtbegriff durch die Abgrenzung dessen, was nicht damit gemeint ist, nämlich juridische oder normative Machtkonzeptionen, sowie Konzeptionen die von einem essentiellen Subjektbegriffs ausgehen. Es kommt zu einer Verschiebung des Blickwickels weg vom Bereich der Macht hin zur Ebene des Subjekts. (Gertenbach 2007, 21)

7 Balke (2006, 275) konstatiert: „[d]er Liberalismus akzeptiert nicht einfach die Freiheit. Der Liberalismus nimmt sich vor, sie in jedem Augenblick herzustellen“, er „vollzieht“ sie sozusagen. Freiheit ist die Bedingung der Möglichkeit (neo)liberaler Gouvernementalität: „Macht wird nur auf ‚freie‘ Subjekte ausgeübt und nur sofern diese ‚frei‘ sind“ (Foucault in Dreyfus, Rabinow 1994, 257).

8

9 Zur Genealogie des Ökonomischen im Liberalismus bzw. Neoliberalismus siehe u.a. Bröckling, G. (2013): 3.1. Die Wahrheit des Marktes S. 76- 107. In: „Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungs-form“.

10 Gertenbach (2007, 58) sieht die Eigenständigkeit des Neoliberalismus (in Abgrenzung zum Liberalismus) „in der Verschränkung von Ökonomie und Recht auf der Basis eines liberalen Programms“. Entscheidende Momente der neoliberalen Konzeption lieferte die Freiburger Schule des Ordoliberalismus und die Chicago School of Economics. Siehe dazu u.a. Gertenbach2007, 51ff.

11 Gilles Deleuze (1993, 258) beschreibt in „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ den Übergang von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft und nennt u.a. als Zeichen der Transformierung die Verschiebung der pastoralen Macht, die vermassend und individuierend wirkte, zu einer pastoralen Macht, die auf „dividuelle“ Individuen einwirke und die aus Massen Stichproben, Daten, Märkte oder „Banken“ mache. Diese Transformierung bedeutet allerdings nicht, dass die Disziplinarmacht verschwindet, sondern dass fortan beide Formen auf das Individuum einwirken.

12 Der homo oeconomicus wird in Analogie zum Markt „als eine Art vermittelnde Natürlichkeit gedacht“, der sowohl in eine juridisch-institutionelle Struktur eingebunden als auch konstitutiv auf diese angewiesen ist (Gertenbach 2007, 117f).

13 Das Paradigma des Tausches wird durch das Paradigma des Wettbewerbs ersetzt: „Keine Gesellschaft von Supermärkten, sondern eine Unternehmensgesellschaft“ (Foucault Vorl. 6, vom 14.2.1979, 208) ist das Ziel. Auch der Konsum gilt als unternehmerische Aktivität (Bröckling 2013, 84 und 88).

14 Lüders (2007, 82) identifiziert neben der Pastoralmacht die Souveräne Macht und die Disziplinarmacht.

15 Die Salamanca Erklärung ist das Schlussdokument der UNESCO-Weltkonferenz „Pädagogik für besondere Bedürfnisse“ aus dem Jahr 1994 auf der der Begriff der Inklusion eingeführt worden sei. Allerdings lehnt z.B. Specht (2011, 59) diese Annahme ab.

16 Zur Kritik dieses Stufenplans siehe Speck (2011, 60).

17 Zur Gegenüberstellung der beiden Begriffe auf Basis verschiedener Paradigmen siehe z.B. Anken, L. (2010, 141,144f) oder Hinz, A. (2002). Allerdings gewinnt man bei der Durchsicht der Literatur zunehmend den Eindruck, dass sich die Experten weder einig über die Bedeutung noch über die Verwendung der Begriffe sind. So ist z.B. in der Übersetzung der UN-Behindertenrechtsrechtkonvention in der deutschen Übersetzung von einem integrativen, in der Schattenübersetzung von einem inklusiven und in der englischen Übersetzung von „inclusive education“ die Rede. (UN Behindertenrechtskommission, 36)

18 Vgl. den Untertitel der „Gouvernementalität der Gegenwart: Studien zur Ökonomisierung des Sozialen “ (Bröckling u.a. 2012), der auf die allgegenwärtigen Ökonomisierungstendenzen in sozialen Bereichen aufmerksam macht.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Subjektivierungsformen neoliberaler Gouvernementalität
Untertitel
Welche neoliberalen Subjektivierungstechnologien sind im Bereich schulischer Inklusion auszumachen?
Hochschule
Universität Wien  (Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
M4.3 Menschenbilder und Bildungstheorien
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V1039860
ISBN (eBook)
9783346456915
ISBN (Buch)
9783346456922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subjekt, Neoliberalismus, Foucault, Inklusion
Arbeit zitieren
BA MA Andrea Böck (Autor:in), 2014, Subjektivierungsformen neoliberaler Gouvernementalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039860

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