Die vorliegende MAS Thesis beschäftigt sich mit der systemisch-lösungsorientierten Beratung und Erhöhung von intrinsischer Motivation unter erschwerten Bedingungen, nämlich im Zwangskontext der Sozialpädagogischen Familienbegleitung (SPF). Diese basiert im Wesentlichen auf einer Unfreiwilligkeit der Klientel und fremdinitiierter Kontaktaufnahme. Wie Beratung trotz unverhandelbarer Ziele und unterschiedlicher Problemdefinitionen hilfreich sein kann und welche Methoden des systemisch-lösungsorientierten Ansatzes dabei förderlich sind, werden in dieser MAS vorgestellt.
Dazu erfolgt in einem ersten Schritt eine Auseinandersetzung mit Zwang, was unter Zwangskontexten im rechtlichen Sinn verstanden wird und welche unterschiedlichen Formen es gibt. Zudem wird die Sozialpädagogische Familienbegleitung als Arbeitsfeld vorgestellt. In einem zweiten Teil werden Widerstandsfaktoren, Umgang mit Reaktanz und deren positiven Funktionen zusammengeführt und anschliessend daraus handlungsorientierte Kriterien für die Methodenwahl definiert. Resultierend darauf werden themenrelevante Aspekte und Grundhaltungen des systemisch-lösungsorientierten Ansatzes und der Motivierenden Gesprächsführung herausgearbeitet und mit Hilfe eines empirischen Praxismodells ergänzt.
Ziel vorliegender Arbeit ist eine Annäherung an das Phänomen des Zwangskontextes in der SPF und eine Antwort darauf, welche theoriegeleiteten Methoden und evidenzbasierten Wirkfaktoren in der Beratung eingesetzt werden sollten. Darüber hinaus werden Ergebnisse dargelegt, wie es Fachkräften gelingen kann, die Klientel trotz Widerstand für eine Zusammenarbeit zu motivieren, wie Ambivalenzen positiv genutzt werden können und welche Chancen und Herausforderungen sich dabei zeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Motivation und Begründung der Themenwahl
1.2 Idee und Anliegen
1.3 Eingrenzung des Themas, zentrale Fragestellung
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Relevanz für die Soziale Arbeit und Praxisfeld
2. Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz SLOA
2.1 Entstehung des SLOA
2.2 Fachlicher Diskurs
2.3 Grundannahmen und Grundhaltung des SLOA
2.4 Elemente des SLOA und Beziehungstypen
2.5 Grundbegriffe im SLOA
2.5.1 Selbstorganisation/Autonomie
2.5.2 Konstruktivismus
2.5.3 Zirkularität
2.6 Zusammenfassung
3. SPF und Zwangskontext
3.1 Entstehung und Geschichte der SPF
3.2 Was ist SPF?
3.3 Definition von Zwang und Zwangskontext
3.4 Zwangskontext in der SPF
3.5 Formen von Zwangskontexten in der SPF
3.6 Doppel- und Trippelmandat in der Sozialen Arbeit
3.7 Macht und ethische Diskussion
3.8 Professionelle Haltung im Zwangskontext
3.9 Erfolgreiche Methoden im Zwangskontext
3.10 Das Beratungsgespräch im Zwangskontext aus lösungsorientierter und systemischer Sicht
3.11 Unterschiede im SLOA
3.12 Was ist Motivation und Motivation im Zwangskontext?
3.13 Motivationsfaktoren und Motivationsprozesse im Zwangskontext
3.14 Zusammenfassung
4. Widerstand
4.1 Definition von Widerstand
4.2 Formen von Widerstand und Abgrenzung zum Widerstandbegriffs
4.3 Umgang und Haltung gegenüber Widerstand in der Motivierenden Gesprächsführung
4.4 Umgang und Haltung gegenüber Widerstand im SLOA
4.5 Umgang und Haltung gegenüber Widerstand in der SPF
4.6 Gemeinsamkeiten der Motivierenden Gesprächsführung und dem SLOA
4.7 Ursachen und Formen von Reaktanz
4.8 Auftreten und Ursachen für Widerstand
4.9 Positive Funktionen von Widerstand
4.10 Zusammenfassung
5. Wirkfaktoren im Zwangskontext der SPF
5.1 Begriffsklärung Wirkfaktoren
5.2 Wirkfaktoren in der Beratung
5.2.1 Beziehungs- und Rollengestaltung
5.2.2 Problemerfassung
5.2.3 Auftragsklärung und Arbeitsbündnis
5.2.4 Ressourcen- und Stärkenorientierung
5.2.5 Gelingende Kooperation
5.2.6 Motivierende Gesprächsführung
5.2.7 Motivorientierte Beziehungsgestaltung
5.3 Aussertherapeutische Faktoren
5.4 Zusammenfassung
6. Schlussbetrachtungen und Fazit
6.1 Beantwortung der Fragestellung
6.2 Schlussfolgerung für die Beratungspraxis der SPF
6.3 Persönliche Reflexion des Erkenntnisprozesses und kritische Würdigung
6.4 Ausblick und Relevanz
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie eine systemisch-lösungsorientierte Beratung im Zwangskontext der Sozialpädagogischen Familienbegleitung (SPF) gelingen kann, wobei der Fokus darauf liegt, trotz unfreiwilliger Kontaktaufnahme ein Arbeitsbündnis zu etablieren und die intrinsische Motivation der Klientel zu fördern.
- Untersuchung des Zwangskontextes in der Sozialpädagogischen Familienbegleitung
- Analyse von Widerstandsphänomenen und der Reaktanz-Theorie
- Integration systemisch-lösungsorientierter Methoden in die Praxis
- Bedeutung der Beziehungsgestaltung und Motivierenden Gesprächsführung
- Ethische Reflexion des professionellen Handelns und des Trippelmandats
Auszug aus dem Buch
3.8 Professionelle Haltung im Zwangskontext
In Zwangskontexten der Sozialen Arbeit kann Motivation von Klienten mit den Fachkräften zu kooperieren nicht vorausgesetzt werden. Es ist vielmehr eine wichtige Kernkomponente der Klientel, die methodisch angesprochen werden muss (vgl. Klug/Zobrist 2016: 10). Professionelle müssen davon ausgehen, dass auch die Arbeit in Zwangskontexten erfolgreich sein kann und Veränderungen nicht nur möglich, sondern auch unvermeidbar sind. Sie müssen die Haltung einnehmen, dass das unkooperative Verhalten der Klientinnen subjektiv betrachtet Sinn ergibt und sie ihre Gründe haben, einer Veränderungsnotwendigkeit nicht zuzustimmen und ihr Ziel ist, die Hilfe rasch möglichst loszuwerden. Eltern, die sich zumindest am Anfang nicht gegen ein von aussen verfügtes Hilfsangebot wehren, sollten eher skeptisch betrachtet werden (vgl. Conen 1999: 288f.). Eine sehr wichtige Grundüberlegung ist, die Arbeit mit einer unfreiwilligen Klientel am Anfang als auf einem Konflikt und nicht auf Kooperation basierend zu betrachten (vgl. Conen/Cecchin 2018: 109).
Professionelle der Sozialen Arbeit stehen Zwang und Machtausübung offensichtlich skeptisch gegenüber. Im Rahmen ihrer empirischen Studie zu Zwangseinweisungen und der Zwangsbehandlung, haben Steinert/Hinüber/Arenz/Röttgers/Biller/Gebhardt (2001) herausgefunden, dass Sozialarbeitende signifikant häufiger gegen Zwangsbehandlungen stimmen als medizinische Berufsgruppen (vgl. Zobrist/Kähler 2017: 42). Für Professionelle der Sozialen Arbeit gilt, sich bewusst zu sein, dass es durchaus Situationen gibt, in denen die Ausübung von Macht, Zwang oder Kontrolle sinnvoll ist und helfen kann. Für Kaminsky (vgl. 2015: 9) ist die Hilfe, die die Soziale Arbeit als Profession anbietet, stets unter bestimmten Bedingungen erhältlich. Eine davon ist die soziale Kontrolle, die ebenso zum Auftrag der Profession gehört, wie die Hilfe selbst. Für Professionelle erscheint es daher bedeutsam, die Einsicht zuzulassen, dass es berufliche Situationen gibt, wo Zwang gesetzlich legitimiert ist und so Zwangskontexte im sozialberuflichen Handeln entstehen, die von der Profession anzuerkennen und zu akzeptieren sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der MAS Thesis sowie Darlegung der Fragestellung und Relevanz für das Praxisfeld.
2. Der systemisch-lösungsorientierte Ansatz SLOA: Darstellung der theoretischen Grundlagen, Entstehungsgeschichte und zentralen Grundannahmen des systemisch-lösungsorientierten Arbeitens.
3. SPF und Zwangskontext: Analyse der Sozialpädagogischen Familienbegleitung im Kontext behördlicher Aufträge und der damit verbundenen Herausforderungen an die professionelle Haltung.
4. Widerstand: Eingehende Untersuchung des Widerstandsbegriffs, seiner positiven Funktionen und des professionellen Umgangs damit in Beratungsprozessen.
5. Wirkfaktoren im Zwangskontext der SPF: Vorstellung evidenzbasierter Faktoren, die eine erfolgreiche Beratung trotz Zwangskontext begünstigen.
6. Schlussbetrachtungen und Fazit: Beantwortung der zentralen Fragestellung, Reflexion des Erkenntnisprozesses sowie Ausblick auf die Bedeutung für das Fachgebiet.
Schlüsselwörter
Sozialpädagogische Familienbegleitung, Zwangskontext, Systemisch-lösungsorientierter Ansatz, Widerstand, Motivation, Motivierende Gesprächsführung, Wirkfaktoren, Arbeitsbündnis, Trippelmandat, Kindesschutz, Beziehungsgestaltung, Reaktanz, Autonomie, Ressourcenorientierung, Soziale Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Sozialpädagogischen Familienbegleitung (SPF) unter den erschwerten Rahmenbedingungen eines Zwangskontextes und der Frage, wie systemisch-lösungsorientierte Beratung in solch unfreiwilligen Settings erfolgreich gelingen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen der Umgang mit Widerstand bei Klienten, die Rolle der Fachkraft im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle (Trippelmandat) sowie die Aktivierung von Veränderungsmotivation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, welche Haltungen und Methoden des systemisch-lösungsorientierten Ansatzes Fachkräfte dabei unterstützen, Klienten trotz Zwangskontext für eine Zusammenarbeit zu motivieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die existierende Forschungsergebnisse, Praxismodelle und psychologische Theorien (wie z. B. die Reaktanz-Theorie) zusammenführt und auf den spezifischen Arbeitsbereich der SPF bezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des SLOA, die Spezifika des Zwangskontexts in der SPF, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Widerstand und Motivation sowie die Vorstellung wirksamer Beratungsfaktoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Zwangskontext, Sozialpädagogische Familienbegleitung, Widerstand, systemisch-lösungsorientierter Ansatz (SLOA), Motivierende Gesprächsführung und Wirkfaktoren.
Wie wird Widerstand im Kontext der SPF bewertet?
Widerstand wird nicht als destruktive Störung, sondern als sinnvolle, systemstabilisierende Reaktion der Klientel auf eine als bedrohlich wahrgenommene Fremdbestimmung gewertet und dient als wertvoller Hinweis für den Beratungsprozess.
Warum ist das Trippelmandat für die Arbeit so wichtig?
Das Trippelmandat verdeutlicht, dass Fachkräfte in der SPF sich nicht nur gegenüber dem Staat (Kontrolle) und der Klientel (Hilfe) rechtfertigen müssen, sondern auch ihrer eigenen Profession sowie ethischen Standards verpflichtet sind, was die Komplexität der Beziehungsarbeit erhöht.
- Citation du texte
- Roland Jäggi (Auteur), 2021, Systemisch-lösungsorientierte Kurzzeitberatung und -therapie. Wie sie bei unerwünschter Hilfe gelingen kann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040127