Der Begriff der Gerechtigkeit und seine Rolle in der aristotelischen Ethik


Hausarbeit, 2021

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erläuterung der Grundzüge der klassischen Tugendethik

3 Grundlagen der aristotelischen Tugendethik
3.1 Strebensziel und drei Lebensweisen
3.2 Dianoetische und ethische Tugenden
3.3 Tugendhaftes Leben nach Aristoteles

4 Gerechtigkeit
4.1 Gerechtigkeit im personalen Verhältnis
4.2 Gerechtigkeit im institutionellen Verständnis
4.2.1 Komponenten der institutionellen Gerechtigkeit
4.2.2 Partikuläre Gerechtigkeit
4.2.3 Billigkeit

5 Schluss

Literaturverzeichnis (alphabetisch geordnet nach Namen und chronologisch nach Jahr)

1 Einleitung

Der Begriff der Gerechtigkeit ist in allen Kulturen zu finden und reicht ge­schichtlich weit zurück. Bereits in frühen Epochen der menschlichen Geschichte wurde Gerechtigkeit sowohl als eine ausgleichende Ordnung in einer Gesell­schaft als auch als personale Eigenschaft eines Menschen innerhalb einer Gemeinschaft verstanden. Zudem herrschte kulturübergreifend die Auffassung, dass die Gerechtigkeit göttlichen Ursprungs sei. Diese Sicht findet sich beispielsweise in den alten Kulturen Ägyptens, Mesopotamiens, Alt-Israels und im archaischen Griechenland. Man kann also mit Fug und Recht die Idee der Gerechtigkeit als gemeinsames Erbe der Menschheit bezeichnen (vgl. Höffe 2015, 12ff). In der abendländischen Geistesgeschichte führten die Lehren Sokrates‘ zu einer neuen Ebene des Nachdenkens über Gerechtigkeit. Das den Göttern vorbehaltene Wissen um „das Gute“ – und damit auch das Wissen um Gerechtigkeit – wurde zu einer menschlichen Wissenschaft. Damit verbunden wurde den Menschen allerdings die Aufgabe auferlegt, losgelöst von einer göttlichen Weisung selbst zu erkennen, was Gerechtigkeit ist und wie Gerechtigkeit in einer Gesellschaft verwirklicht werden kann. Systematische Betrachtungen über die Gerechtigkeit in der abendländischen Philosophie finden sich insbesondere bei Platon und Aristoteles. Außergewöhnlich wirkmächtig bis in unsere Gegenwart sind insbesondere die Gedanken über Gerechtigkeit von Aristoteles, die er schwerpunktmäßig im V. Buch der Nikomachischen Ethik entfaltet hat. Hauptziel der Arbeit ist, die wesentlichen Gedankengänge Aristoteles‘ zur Gerechtigkeit darzustellen und zu erläutern. Dazu ist es erforderlich, zunächst auf den Leitgedanken der Tugendethik, zu deren wich­tigsten Vertretern Platon und Aristoteles zählen, einzugehen. Daran an­knüpfend können die von Aristoteles in der Nikomachischen Ethik entwickelten Gedanken dargelegt werden. Darauf aufbauend werden dann die in der Nikomachischen Ethik (im Folgenden mit EN abgekürzt) insbesondere im V. Buch dargelegten Gedanken zur Gerechtigkeit erläutert. Die Gerechtigkeit muss als ideelles Gut von jeder Generation im Hinblick auf die jeweils aktuellen Rahmen­bedingen des Zusammenlebens der Menschen und Nationen neu bedacht werden. Daher sollen abschließend die Einsichten und Aussagen Aristoteles‘ angeführt werden, die nach meiner Überzeugung weiterhin bedeutungsvoll sind. Ergänzend dazu möchte ich zum Abschluss auch Erweiterungen und Modifikationen des von Aristoteles entwickelten Begriffs der Gerechtigkeit benennen, die mei­ner Auffassung nach aus der gegenwärtigen Sicht erforderlich sind.

2 Erläuterung der Grundzüge der klassischen Tugendethik

Wie bereits in der Einleitung hingewiesen, begann in der abendländischen Philosophie durch Sokrates eine neue Qualität des Nachdenkens über „das Gute“ und damit verbunden auch ein Nachdenken über Gerechtigkeit. Nach Cicero hat Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde gebracht. Dadurch wurde das bis dahin den Göttern vorbehaltene Wissen um „das Gute“ den Menschen durch die Philosophie zugänglich und verstehbar. Das klingt gewaltig. Sagen doch die poetischen Worte nichts weniger als den Beginn einer neuen Epoche in der Geistesgeschichte des Menschen an! Wie ist Sokrates dies gelungen? Sokrates vollzog in seinen philosophischen Fragen einen entscheidenden Perspektivwechsel. Er stellte nicht mehr – wie bis dahin in der abendländischen Philosophie üblich – die Frage nach dem dinglichen Grund von allem in den Mittelpunkt, sondern fragte zuvörderst nach dem „Worumwillen“ von allem. Die Frage nach dem „Worumwillen“ ruft die Frage nach der „Zweckperspektive“ hervor und führt damit zur Suche nach dem „Guten“. Das Nachdenken über „das Gute“ wäre aber unvollständig, wenn es nicht die Frage einschlösse, wie „das Gute“ im menschlichen Leben in der Weise „des Gutseins“ verwirklicht werden kann. Das „Gutsein“ heißt nach Sokrates, Platon, Aristoteles und anderen „Tugend“. Tugend qua Arete meint entsprechend „Bestheit“ bzw. „In-Best-Form“ sein. Tugendethiken haben also den Zweck, den Menschen zu seiner „Bestform“ hinzuentwickeln. Anders ausgedrückt verwirklicht der Mensch nur durch ein tugend­haftes Leben, also durch die Ver­wirklichung des in Wahrheit Guten im Handeln, seine „Bestform“ (vgl. Hoffmann, 33f).

3 Grundlagen der aristotelischen Tugendethik

3.1 Strebensziel und drei Lebensweisen

„Jede Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder Entschluss, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt“ (EN I 1, 1094a). So lautet der erste Satz der EN Aristoteles'. Obwohl man leicht über ihn hinweglesen kann, sagt er Gewichtiges. Deshalb müssen wir ihn genauer bedenken. Er erinnert uns an etwas, das so selbstverständlich ist, dass es uns meist nicht bewusst ist. Er ruft uns zu: „All unser Tun und Lassen, ob bewusst oder unbewusst, ist darauf ausgerichtet, ein Gut zu erreichen.“ Hierbei verwendet Aristoteles den Begriff „Gut“ sehr allgemein. Für den Schreiner kann es ein Tisch sein, für den Spieler Gewinn beim Glückspiel, für den Hungrigen ein sättigendes Mal, für den Gelangweilten Zerstreuung. Die Anzahl der Güter (Strebensziele) sind schier endlos. Daraus ergibt sich die Frage: Sind alle Güter gleichwertig, ist es belanglos, nach welchen Gütern man strebt? Aristoteles‘ Antwort lautet zunächst, man bezeichne „das Gute“ gemeinhin treffend als dasjenige, wonach alles strebt. Er greift dabei also auf eine bereits vorhandene Einsicht zurück, holt seine Leser bei einem gemeinsamen Grund­verständnis ab. Im weiteren Diskurs stellt Aristoteles fest, dass das höchste Gut dadurch ge­kennzeichnet ist, dass es niemals eines anderen Gutes wegen gewollt wird und somit Endziel alles Strebens schlechthin ist. Diese Forderung er­­­füllt nach Aris­toteles allein die Eudämonie (vgl. EN I 5, 1097a und 1097b), die allgemein mit Glückseligkeit übersetzt wird. Das Gute, nach dem alles strebt, das höchste Strebensziel, ist nun also gefunden. Nun gilt es einen oder mehrere geeignete Wege zu finden, auf denen die Eu­dämonie erreicht werden kann. Aristoteles beschreibt im ersten Buch der EN zu Beginn des dritten Kapitels drei Lebensweisen, die Menschen wählen, um Eudämonie zu erreichen: a) eine auf das Genussleben ausgerichtete Lebens­weise, b) eine dem politischen Leben gewidmete Lebensweise, und schließlich c) eine auf das philosophische Leben ausgerichtete Lebensweise (vgl. EN I 3, 1095b). Um beurteilen zu können, welche der drei Lebensweisen zur Erreichung von Eudämonie geeignet sind, muss zunächst die Frage beantwortet werden, was dem Menschen eigentümlich ist. Denn jedes Lebewesen ist nur dann glücklich, wenn es in seinem Leben das ihm eigene ausdrücken kann. Die Beantwortung der Frage erfordert also her­auszufinden, was den Menschen von allen uns bekannten Lebewesen unterscheidet, also nur ihm „eigen“ ist. Aristoteles kommt zu dem Ergebnis: „ So bleibt also nur ein nach dem vernunftbegabten Seelenteil tätiges Leben übrig, und hier gibt es einen Teil, der der Vernunft gehorcht, und einen anderen, der sie hat und denkt“ (EN I 6, 1098a). Zudem beschreibt Aristoteles zu Beginn des dreizehnten Kapitels des I Buches der EN „ Eudämonie als eine der vollendeten Tugend gemäße Tätigkeit der Seele“ (vgl. EN I 13,1102a). Durch ein tugendhaftes, von der Vernunft geleitetes Leben ver­wirklicht der Mensch also sein „Eigentliches“ und erreicht somit seine „Bestform“. In der wissenschaftlichen Diskussion besteht keine Einigkeit darüber, ob nach Aristoteles ein tugend­haftes Leben nur ein unerlässliches Mittel zur Erreichung von Eudämonie ist oder ob ein tugendhaftes Leben den äußeren Aspekt der Eudämonie darstellt (vgl. Ackrill 1974, 29 – 47). Klarheit besteht aber darüber, dass eine auf das Genuss­leben ausgerichtete Lebensweise zur Erreichung von Eudämonie völlig unge­eignet ist. Nach meiner Ansicht kann die Eudämonie nicht von einem tugendhaften Leben abgelöst werden. Eudämonie – entsprechend der Übersetzung als Glückseligkeit, also als seelische Gestimmtheit verstanden – kann m. E. als der affektive Nachhall eines von der Vernunft geleiteten Lebens betrachtet werden.

3.2 Dianoetische und ethische Tugenden

Es wurde deutlich, welche überragende Bedeutung den Tugenden, die durch die Vernunft erkannt werden können, in der EN zukommt. Zur weiteren Vertiefung des aristotelischen Verständnisses der Tugenden wenden wir zunächst unseren Blick auf die von Aristoteles vorgenommene Einteilung der Tugenden in dianoetische und ethische Tugenden. Nach Aristoteles ist das vernünftige Vermögen des Menschen zweifach: der eine Teil hat in sich selbst Vernunft, der andere Teil hat sie wie ein Kind, das auf den Vater hört (vgl. EN I 13, 1103a). Die Tugenden, die durch die Vernunft erkannt werden, bezeichnet er als dianoetische Tugenden bzw. als Verstandestugenden. Tugenden, die sich aus den durch die Verstandestugenden erkannten Einsichten ergeben, werden als ethische oder sittliche Tugenden be­zeichnet. Zu den dianoetischen Tugenden zählt Aristoteles Weisheit, Verstand, und Klugheit, zu den sittlichen Tugenden Freigebigkeit und Mäßigkeit (vgl. EN I 13, 1103a).

3.3 Tugendhaftes Leben nach Aristoteles

Aus den bereits dargestellten Gedanken Aristoteles zur Tugend wird deutlich, dass unter dem abstrakten Begriff Tugend ein vernunftgeleitetes, wesenhaftes Tätigsein der Seele verstanden wird.

Bei diesem abstrakten Verständnis bleibt Aristoteles aber nicht stehen, sondern entfaltet den Begriff Tugend durch die Beschreibung zahlreicher Aspekte eines tugendhaften Lebens.

Tugendhaftes Leben realisiert sich im tätigen Leben

Tugendhaftes Leben zeigt sich in einem, vom vernunftbegabten Seelenteil geleiteten, tätigen Leben. So schreibt Aristoteles: „Wie aber in Olympia nicht die Schönsten und Stärksten den Kranz erlangen, sondern die, die kämpfen ….], so werden auch nur die, die recht handeln, dessen, was im Leben schön und gut ist, teilhaftig“ (EN I 9, 1099a) . Nur wer also konstant auf ein ihm wesentliches Ziel hinarbeitet, führt ein tugendhaftes Leben. Ein nur passives tugendhaftes Sein, das sich nicht in konkreten Handlungen ausdrückt, verfehlt also das Ziel. So gehören Tätig­sein und ein tugendhaftes Leben untrennbar zusammen.

Ein tugendhaftes Leben wird nur durch Übung erreicht

Ein tugendhaftes Leben wird nur durch Übung erreicht. Der spezifische Cha­rakter jedes Menschen ist ihm nicht von Geburt an mitgegeben, sondern bildet sich durch sein Handeln in der Welt aus. Der Charakter eines Menschen ist also Ergebnis seiner freien Entscheidungen. Er kann deshalb wegen seines Charakters gelobt oder getadelt werden. Entscheidet sich ein Mensch in seinen konkreten Lebenssituationen immer wieder von neuem tugendhaft zu handeln, bildet sich allmählich eine Gewohnheit. Dadurch muss sich der Tugend­hafte nicht mehr in jeder Einzelsituation neu gegen andere innere Neigungen für ein tugendhaftes Handeln entscheiden oder überlegen, was tugendhaft ist. Das tugendhafte Handeln hat sich zu einem stabilen Habitus ver­dichtet. Eine tugendhafte Grundhaltung muss also erworben werden und fällt den Menschen nicht einfach „zufällig“ zu. (vgl. Hoffmann, 39f.). Sie ist Frucht eines Übens ohne Unterlass. Aristoteles macht diesen wichtigen Sachverhalt durch einen schönen Vergleich anschaulich: „Dazu muss aber noch kommen, dass dies ein volles Leben hin durch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich“ (EN I 6, 1098a).

Ein tugendhaftes Leben trifft die rechte Mitte

Für Aristoteles ist eine Tugend dadurch gekennzeichnet, dass sie die rechte Mitte zwischen zwei Extremen, z. B. Übermaß und Mangel, trifft. So liegt beispiels­weise die Tugend der Tapferkeit zwischen den Extremen der Tollkühnheit und der Feigheit, die Tugend der Freigebigkeit in der Mitte zwischen Ver­schwendung und Geiz. Wichtig ist zu erkennen, dass die konkrete Tugend qualitativ etwas anderes ist als eine gleichgewichtige Mischung aus den Extremen. Tugend führt also nicht zur Mittelmäßigkeit. Sie ist zwar durch die rechte Mitte gekennzeichnet, aber ihrem Wert nach das Beste. So liegt die Tugend hori­zontal betrachtet auf der Grenze zwischen zwei Lastern, ist jedoch qualitativ unter­schieden von den Lastern (vgl. Hoffmann, 41f.).

Ein tugendhaftes Leben zeichnet sich durch die rechte Zielwahl aus

Nach Aristoteles ist ein wesentlicher Bestandteil eines tugendhaften Lebens die rechte Zielwahl (vgl. EN I 3, 1111b – 1112b). Entscheidend bei der Zielwahl ist zu erkennen, was wir beeinflussen können und was außerhalb unseres Ein­flussbereichs liegt. In unserer Macht liegt nicht, unsere Begabungen frei zu bestimmen, sehr wohl liegt aber in unserer Macht, ob unser Leben durch Tugend oder Laster geprägt wird. Durch unsere Taten prägen wir unseren Charakter und schaffen uns dadurch selbst (vgl. Hoffmann, 42f.). Die führende Frage für die Ausrichtung unseres Wollens und der daraus sich ergebenden Handlungen könnte sein: Welches Handeln ist in Bezug auf ein wesentliches Ziel (auf das das Wollen ausgerichtet wird) in der gegebenen Situation, aufgrund meines Möglich­keitsraums (Fähigkeiten, Alter, Gesundheit, Ver­pflichtungen, finanzielle Möglichkeiten, …) dasjenige, das ich als mein Bestmögliches erkenne? Werden immer mehr Lebens­situationen in dieser Weise befragt und die erkannten Antworten umgesetzt, dann entwickelt sich allmählich ein Üben ohne Unterlass. Aus Erfahrung erwächst die Tugend der Klugheit, die die kluge Mittelwahl ermöglicht.

Diese kurze Einführung in die Tugendethik Aristoteles zeigt bereits ihr großes Potential. Sie motiviert auch heute noch zu einem tugendhaften und damit auch erfüllten Leben und erläutert zugleich die dafür erforderlichen Mittel. Dabei lehrt sie keine starre Kasuistik. Jeder einzelne kann, ja muss sogar, als ver­nunft­begabtes Wesen sein eigenes tugendhaftes Leben selbst führen!

4 Gerechtigkeit

Nachdem wir jetzt hinreichend vertraut mit der von Aristoteles entwickelten Tugend­­ethik sind, ist die Grundlage gelegt, um seine Gedanken zur Ge­rechtigkeit zu verstehen. Aristoteles erfasst die Gerechtigkeit janusköpfig. Sie blickt auf das in­dividuelle Handeln, zugleich schaut sie aber auch auf das Zusammenleben der Menschen in der Gemeinschaft (vgl. Hoffmann, 43). Aufgabe der Individualethik ist es, Kriterien für gute Handlungsentscheidungen des Einzelnen in Bezug auf seinen Um­gang mit den Mitmenschen zu geben. Die Sozialethik formuliert Gesetze für das Zusammen­leben der Menschen in einer Gemeinschaft, deren Festlegung zu den Aufgaben des Staates gehört. Im personalen Verständnis behandelt die Ge­rechtigkeit also die Einstellungen von Personen bezüglich des mitmenschlichen Umgangs. Im institutionellen Verständnis ist die Gerechtigkeit der entscheidende Maß­stab, an dem sich Regeln für das Zusammenleben, Rechtsregeln, Insti­tutionen und sogar die Grundordnung einer politischen Gemeinschaft orientieren müssen (vgl. Höffe 2014, 229). Aristoteles beleuchtet insbesondere im V. Buch der EN beide Bereiche der Gerechtigkeit. Dabei ist zu beachten, dass die beiden Seiten aufeinander bezogen sind, quasi die beiden Gesichter desselben Hauptes darstellen.

4.1 Gerechtigkeit im personalen Verhältnis

Betrachten wir zunächst näher, wie Aristoteles die Gerechtigkeit im personalen Verhältnis entfaltet. Zu Beginn des dritten Kapitels des V. Buches schreibt Aristoteles: „Da uns der Gesetzesübertreter als ungerecht und der Beobachter des Gesetzes als gerecht galt, ist offenbar alles Gesetzliche in einem bestimmten Sinne gerecht und Recht, dass der Beobachter des Gesetzes als gerecht gilt. Was nämlich von der gesetzgebenden Gewalt vorgeschrieben ist, ist gesetzlich und jede gesetzliche Vorschrift bezeichnen wir als gerecht oder Recht“ (EN V 3, 1129b). Hieraus folgt zunächst, dass der Beobachter des Gesetzes, also der Mensch, der sich rechtskonform verhält, als gerecht gilt. Allerdings schränkt Aristoteles diese Aussage durch den Zusatz – in einem bestimmten Sinne – ein. Aristoteles führt weiter aus: „Die Gesetze handeln von allem, indem sie entweder den allgemeinen Nutzen verfolgen, oder den Nutzen der Aristokraten oder den der Herrscher, mögen sie es dank ihrer Tugend oder sonst einer ausgezeichneten Eigenschaft sein. Und so nennen wir in einem Sinne gerecht, was in der staatlichen Gemeinschaft die Glückseligkeit und ihre Bestandteile hervorbringt und erhält“ (EN V 3, 1129b). Aristoteles hat also im Blick, dass die Gesetze und Rechtsvorschriften davon abhängen, wer in einem Staat die politische Macht hat und damit über die juristische und ethische Definitionsmacht verfügt, Gesetze zu erlassen, die alle Lebensbereiche regeln. Die Gesetze können schwer­punktmäßig entweder auf den Nutzen aller Bürger, oder auf den Nutzen der Aristokraten, oder auf den Nutzen der Herrscher abzielen. Daraus ergibt sich eine Pluralität möglicher Verfassungen. Nach Aristoteles (vgl. EN V 5, 1130b) schreibt das Gesetz vor, jede Tugend zu üben und jedes Laster zu meiden, also die ganze Tugend zu üben. Die gesetzlichen Bestimmungen regeln also die Erziehung des Gemeinwesens. Daraus folgt, dass die Tugend des Bürgers von der Form und der Verfassung des Staates abhängt. Die Pluralität der Staatsverfassungen hat eine Vielzahl von Bestimmungen eines guten Bürgers zur Folge (vgl. Bien, 109f.). Aus diesem Grunde zieht Aristoteles den wichtigen Schluss: “Denn vielleicht ist es nicht dasselbe, ein guter Mensch und ein guter Bürger eines beliebigen Staates zu sein“ (EN V 5, 1130b) . Gesetzeskonformes Verhalten ist demnach nur Kennzeichen eines guten Menschen, wenn auch der Inhalt der Gesetze selbst gerecht ist. Für die Be­trachtung der Gerechtigkeit im personalen Verständnis sehe ich diese Bedingung als erfüllt an. Für Aristoteles ist allerdings allein die Beachtung der Gesetze nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass ein Mensch gerecht ist. Er beschreibt nämlich bereits im ersten Kapitel des V. Buches der EN die Gerechtigkeit (also auch einen Gerechten) als einen Habitus (also eine Charakter­eigenschaft), vermöge dessen man fähig und geneigt ist, gerecht zu handeln, und vermöge dessen man gerecht handelt und das Gerechte will (vgl. EN V 1, 1129a). So macht also ein aus einem paternalistischen Habitus erwachsendes blindes, rechtskonformes Verhalten, oder ein Befolgen der Gesetze aus Angst vor Strafe, einen Menschen nicht zum Gerechten. Zudem führt Aristoteles z. B. im V. Buch im Kapitel 10 der EN aus, dass eine gerechte oder ungerechte Handlung dann vorliegt, wenn die Handlung freiwillig und mit Absicht erfolgt (vgl. EN V 10, 1135a). Zu einem Gerechten gehört also ganz wesentlich, dass das Handeln aus Einsicht erfolgt und das Ge­rechte gewollt wird. Wie bereits oben aufgezeigt, entwickelt sich ein Habitus nur durch lang­anhaltende, kontinuierliche Übung. Wichtig ist nun zu klären, durch was sich ein gerechter Mensch auszeichnet bzw. auf was seine Handlung zielt. Die Antwort Aristoteles’ dazu ist von erstaunlicher Klarheit und Einfachheit: Ein gerechter Mensch ist ein Mensch, der nicht allein nach Tugend strebt, um sie gegenüber sich selbst auszuüben. Er strebt genauso intensiv danach, die Tugend auch gegenüber anderen auszuüben (vgl. EN V 3, 1129a). Das ist also das Kriterium, nach dem wir entscheiden können, ob ein Mensch bzw. seine Handlung gerecht ist. Aristoteles räumt ein, dass dieses Kriterium schwierig zu erfüllen ist. Er schreibt: „Denn viele können die Tugend in ihren eigenen Angelegenheiten ausüben, aber in dem, was auf andere Bezug hat, können sie es nicht“ (EN V 3, 1129b). Wie man eine Tugend in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf einen anderen ausüben kann, lässt sich gut anhand der Tugenden der Mäßigkeit und der Tapferkeit verdeutlichen. Die Tugend der Mäßigkeit kann ein Mensch auf sich selbst anwenden, um z. B. die richtige Mitte zwischen Genusssucht und Selbstkasteiung zu treffen. Dadurch erreicht er für sich Gesundheit und Zu­friedenheit. Darüber hinaus kann die Tugend der Mäßigkeit auch in Bezug auf eine andere Person angewandt werden. Fordert ein Mensch aufgrund der Tugend der Mäßigkeit von einem anderen Menschen nicht weniger, aber auch nicht mehr, als ihm nach dem Gesetz her zusteht, so trifft er die Mitte zwischen Unrechttun und Unrechterleiden und erweist sich dadurch als gerecht. Ein Mensch, der über die Tugend der Tapferkeit verfügt, ist in der Lage, sich selbst aus gefahrvollen Situationen zu befreien. Das macht ihn allerdings noch nicht zum Gerechten. Als Gerechter erweist er sich aber, wenn er im Rahmen seiner Möglichkeiten auch anderen Menschen, die sich in gefahrvollen Situationen befinden, freiwillig hilft. Analog zu den Tugenden der Mäßigkeit und Tapferkeit kann grundsätzlich jede Tugend bloß für sich selbst oder auch gegenüber anderen ausgeübt werden. Tugend und Gerechtigkeit unterscheidet Aristoteles daher nur begrifflich. Bezieht sich die Tugend auf andere, dann verwendet er den Begriff Gerechtigkeit (EN V. 3, 1130a). Somit ist die Gerechtigkeit nicht eine Tugend neben anderen Tugenden. Aus diesem Grunde ist für Aristoteles ein Habitus, der sich in den Akten der Gerechtigkeit auswirkt, Tugend schlechthin (vgl. EN V 3, 1130a).

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Gerechtigkeit und seine Rolle in der aristotelischen Ethik
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1040556
ISBN (eBook)
9783346460714
ISBN (Buch)
9783346460721
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerechtigkeit, Nikomachische Ethik Aristoteles'
Arbeit zitieren
Hans-Jörg Rewitzer (Autor:in), 2021, Der Begriff der Gerechtigkeit und seine Rolle in der aristotelischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040556

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