Inwiefern lässt sich Stachs Kafka-Biographie als Literatur begreifen? Um dieser Frage nachzugehen, wird zunächst untersucht, was die gattungsspezifischen Merkmale der Biographie in der Theorie auszeichnet und inwiefern diese Begriffe dazu in der Lage sind, die Gattung der Biographie von einer literarischen Gattung zu unterscheiden.
Im Jahr 2016 erhält der Literaturwissenschaftler und Essayist Rainer Stach einen Literaturpreis, den Joseph-Breitbach-Preis, für sein „herausragendes Werk auf dem Feld der literarischen Biographie". Es ist die Rede von Stachs dreibändiger Kafka-Biographie. Die Laudatio auf Stach von Paul Ingendaay gibt Aufschluss darüber, dass sich die Gattung der Biographie durch eben jenes Werk von Stach in einem Umbruch befindet. So werden „die Befugnisse der Biographie" gestärkt, ihr Handlungsspielraum also erweitert, gleichzeitig geschieht diese Erweiterung widersprüchlicherweise dadurch, dass das Genre der Biographie hinterfragt wird.
Es stellt sich bei der Betrachtung der Formulierung „literarische Biographie" nun die Frage, inwiefern es sich bei dieser Biographie tatsächlich noch um eine faktuale Gattung der Literatur handelt, die an ihrem Wahrheitsanspruch festhält, oder ob sie durch ebenjene „berührenden" oder auch „überraschenden" Momente den Schritt hin zur Fiktionalität bereits überschritten hat?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Grenzen einer Gattung
2.1 Gattungsdefinition
2.2 Der schmale Grat zwischen Wissenschaft und Literatur
2.2.1 Referentialität als Ausgangspunkt für die Wissenschaftlichkeit einer Biographie
2.2.2 Narrativität als Verknüpfungsstrategie
2.2.3 Fiktionalität und Poetizität als Garanten für einen literarischen Diskurs?
3. Reiner Stachs Kafka-Biographie
3.1 Referentialität
3.2 Narrativität
3.3 Fiktionalität
3.4 Poetizität
4. Diskussion
5. Fazit
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarischen Züge innerhalb der dreibändigen Kafka-Biographie von Reiner Stach und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern sich ein Werk, das den Anspruch einer wissenschaftlichen Biographie erhebt, zugleich als Literatur begreifen lässt. Hierbei werden die Spannungsfelder zwischen faktualem Wahrheitsanspruch und fiktionalen sowie poetischen Gestaltungsmitteln analysiert.
- Gattungstheoretische Einordnung der literarischen Biographie
- Analyse von Referentialität und Narrativität als biographische Strategien
- Untersuchung von Fiktionalität als Mittel der topologischen Verknüpfung
- Poetizität und rhetorische Gestaltungsmittel in Stachs Werk
- Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Begründbarkeit und literarischer Qualität
Auszug aus dem Buch
3.1 Referentialität
Betrachtet man das erste Kapitel des ersten Buches, so wird deutlich, dass Stach der Referentialität seiner Kafka-Biographie bereits zu Beginn dieser einen hohen Stellenwert einräumt. Es werden allein in diesem Kapitel über 20 Referenzen direkt aufgeführt, diese lassen sich in mehrere Gruppen einteilen. So gibt es Referenzen, wie beispielsweise bestimmte Zitate anderer Autoren oder bestimmte Aspekte aus anderen Werken, z.B. von Max Brod (S. X, XII, XXVI), aus Italo Svevos Angestelltenroman (S. X), Robert Musils Geniebegriff (S. XIV), Nabokovs Das wahre Leben des Sebastian Knight (S. XXI) oder Valérys Randnotiz zu den Leonardo-Essays (S. XXII), die dazu dienen, die Argumentation des Autors zu unterstützen oder Begriffe näher zu definieren.
Weitergehend zeigt der Autor in diesem Kapitel die aktuelle Forschungslage mithilfe der nächsten Gruppe von Referenzen auf, die der Kafka-Forscher mit ihren jeweiligen Themenschwerpunkten, wie beispielsweise Northey und Wagnerová über Kafkas Familie, Unseld über seine Verlagsbeziehungen sowie Baioni und Robertson über seine jüdische Identität (S. XVII). Die wohl prägnanteste Gruppierung von Referenzen umschließt dabei jedoch jene, die nicht also solche kenntlich gemacht wurden und die den direkten Kontakt zu Kafka herstellen. So wurden bereits im ersten Kapitel eine Vielzahl von Referenzen integriert, die aus Kafkas Tagebüchern und Briefen stammen – der Leser findet die Grundlage dieser Referenzen jedoch im Literaturverzeichnis unter dem ersten Punkt Kafka, dabei verzichtet der Autor, wie er am Ende des Kapitels deutlich macht, bei diesen Referenzen jedoch auf ihre Kenntlichmachung im Text, da dieses Vorgehen den Lesefluss stören würde (S. XXV). Es sind eben diese Referenzen, die der Autor abschließend auch als Grund für die Wahl der Zeitspanne, die den Beginn der Biographie markieren sollte, angibt: denn dadurch, dass die überlieferten Tagebücher Kafkas erst im Jahr 1910 beginnen, soll auch die Biographie in diesem Jahr ansetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Reiner Stachs Kafka-Biographie vor und formuliert die Forschungsfrage, ob das Werk angesichts seiner literarischen Züge noch als faktuale Biographie gelten kann.
2. Die Grenzen einer Gattung: Dieses Kapitel definiert die Biographie wissenschaftstheoretisch und diskutiert die schwierige Abgrenzung gegenüber fiktionaler Literatur sowie die Problematik der biographischen Aporie.
3. Reiner Stachs Kafka-Biographie: Die Analyse untersucht exemplarisch an ausgewählten Kapiteln der drei Bände, wie Stach Referentialität, Narrativität, Fiktionalität und Poetizität einsetzt.
4. Diskussion: Die Diskussion fasst zusammen, dass Stach trotz literarischer Gestaltungsmethoden stets den wissenschaftlichen Anspruch durch fundierte Referenzgrundlagen aufrechterhält.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Stachs Werk erfolgreich zwischen wissenschaftlicher Biographie und literarischem Anspruch vermittelt und das eine das andere nicht ausschließt.
6. Ausblick: Der Ausblick reflektiert Stachs eigenes Verständnis seiner Arbeit als Erweiterung der gattungsspezifischen Grenzen der Biographie.
Schlüsselwörter
Kafka, Reiner Stach, literarische Biographie, Referentialität, Narrativität, Fiktionalität, Poetizität, Gattungstheorie, Wissenschaftlichkeit, Literaturwissenschaft, Biographik, Kafka-Biographie, Wahrheitsanspruch, Erzählverfahren, Faktizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die dreibändige Kafka-Biographie von Reiner Stach und untersucht, inwiefern das Werk durch seine literarischen Erzählformen die Gattungsgrenzen einer klassischen, faktualen Biographie überschreitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und literarischer Gestaltung, die Rolle der Narrativität sowie die Bedeutung von Fiktionalität bei der biographischen Rekonstruktion eines Lebens.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Reiner Stach den hohen wissenschaftlichen Anspruch an eine Biographie mit literarischen Mitteln wie Metaphorik und erzählerischer Inszenierung verbindet, ohne die faktuale Korrektheit zu untergraben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Untersuchung erfolgt durch eine gattungstheoretische Analyse der Begriffe Referentialität, Narrativität, Fiktionalität und Poetizität, die exemplarisch auf ausgewählte Kapitel der drei Bände von Stach angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Gattung Biographie und eine detaillierte, textnahe Analyse von Stachs Vorgehensweise hinsichtlich der Referenzierung, der erzählerischen Strategien und der Verwendung rhetorischer Stilmittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Literatur, Biographie, Faktizität, Narrativität und Fiktionalität charakterisiert.
Wie geht Stach laut der Autorin mit der Frage der Wahrheit in seiner Biographie um?
Stach stützt sich konsequent auf eine breite Quellenbasis und belegt seine Aussagen, wobei er dort, wo Quellen unsicher sind oder er interpretatorische Brücken schlägt, diese gezielt als notwendige, vom Autor inszenierte topologische Verknüpfungen kennzeichnet.
Welche Bedeutung kommt der "topologischen Übersicht" in der Arbeit zu?
Diese von Stach genutzte Methode wird als das zentrale "fiktionale" Element gewertet, das es ermöglicht, die Vielzahl der Lebens- und Werkdaten Kafkas in einen sinnstiftenden, narrativen Zusammenhang zu bringen.
- Quote paper
- Leonie Au (Author), 2020, Über die literarischen Züge von Reiner Stachs Kafka-Biographie. Zwischen Wissenschaft und Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040752