Suchmaschinen als moderne Gatekeeper. Die Macht, Wissen zu vermitteln


Bachelorarbeit, 2020

48 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gatekeeping
2.1 Gatekeeping Ursprung
2.2 Gatekeeping Entwicklung
2.2.1 Drei Phasen der Entwicklung
2.3 Gatekeeping Modelle
2.3.1 Nachrichtenwerttheorie
2.3.2 Hierarchy-of-Influences Modell
2.3.3 Vier-Spharen-Modell
2.3.4 Zwiebelmodell
2.3.5 Modell des Massenkommunikationsprozesses
2.3.6 Agenda-Setting-Ansatz

3 Suchmaschinen
3.1 Die Entwicklung von Suchmaschinen
3.1.1 Drei Phasen der Entwicklung
3.2 Interessengruppen
3.3 Geschaftsmodell
3.4 Arten von Suchmaschinen

4 Google
4.1 Marktmacht
4.2 Blackbox
4.3 Google als Gatekeeper
4.4 Google und die traditionellen Gatekeeping Modelle
4.4.1 Google und die Nachrichtenwerttheorie
4.4.2 Google und das Hierarchy-of-Influences Modell
4.4.3 Google und das Vier-Spharen-Modell
4.4.4 Google und das Zwiebelmodell
4.4.5 Google und das Modell des Massenkommunikationsprozesses
4.4.6 Google und der Agenda Setting Ansatz

5 Problematiken
5.1 Zensur
5.2 Manipulation
5.3 Nutzerdatensammlung

6 RegulieriingsinalJnaliinen

7 Fazit

8 Literatirverzeichnis
8.1 Onlinequellen

9 Anhang

1 Einleitung

Wissen ist Macht, doch wer hat die Macht dieses Wissen zu vermitteln? Dies ist eine essentielle Frage, welche als Grundlage dieser Arbeit dient. Bezuglich der Frage wird davon ausgegangen, dass die Offentlichkeit auf fremde Hilfe angewiesen ist, welche als Vermittler von Informationen dient und durch Massenmedien beschrieben werden kann. Diese Massenmedien beinhalten die Fahigkeit die Offentlichkeit mit Wissen zu versorgen. Derartig wurden bereits in der Antike durch Mundpropaganda verschiedenste Informationen ausgetauscht. Mundpropaganda wird von Martin Korenjak sogar als das „wohl wichtigste und effektivste Massenmedium“ (2000, 34) der antiken Zeit charakterisiert. Massenmedien werden jedoch heutzutage anderweitig definiert, Zeitungen gelten beispielswiese als solche. Diese entfalteten sich erstmals Mitte des 15. Jahrhundert (Obermeier 2019, 52) und ubernahmen die Aufgabe der Informationsverbreitung. Weiter entwickelte sich das Internet und die darin enthaltenen Suchmaschinen, wodurch eine Moglichkeit fur die Offentlichkeit entstand, jederzeit und allerlei Arten von Wissen aufzurufen. Werden Suchmaschinen und Zeitungen im Hinblick auf die Informationsbeschaffung miteinander verglichen so fallt auf, dass Zeitungen seitlich begrenzt sind und somit nicht eine ubermaBige Anzahl an Informationen, wie es bei einer Suchmaschine der Fall ist, bieten konnen. Daruber hinaus ist eine Zeitung bezuglich einer Suchmaschine nicht von solch einer Aktualitat und Verfugbarkeit gepragt. Dementsprechend muss eine Zeitung tagtaglich die wichtigsten Ereignisse fur ihre Ausgabe auswahlen. Wird nun ein Ruckschluss auf die einleitende Frage gezogen, kann sich damit befasst werden, wer die Macht besitzt zu entscheiden, welches Wissen in der Zeitung ubernommen wird.

Fur diesen Prozess der Nachrichtenselektion gibt es zustandige Personen, die sich mit exakt der Aufgabe befassen, zu entscheiden an welches Wissen die Offentlichkeit gelangen kann und an welches nicht. Diese Zustandigen werden als “Gatekeeper” bezeichnet. Der Begriff „Gatekeeper“ bedeutet ubersetzt so viel wie „Torhuter“ oder „Torwachter“. DemgemaB sind diejenigen, die die Nachrichten auswahlen, auch diejenigen, die ein Tor behuten, durch welches Nachrichten gelangen mussen. (Engelmann 2016, 12). Dieser Prozess kann mit einem Diskothekenbesuch verglichen werden. Demzufolge befindet sich vor der Tur der Diskothek meist ein Tursteher, welcher beurteilt, wem Zutritt gewahrt wird und wem nicht. Die Aufgaben des Gatekeepers einer Zeitung und dem Tursteher einer Diskothek kommen sich entsprechend nahe.

Bei Suchmaschinen und der Frage eines Gatekeeping Prozesses kann ein Entschluss nicht so problemlos wie bei Zeitungen gefasst werden, da Suchmaschinen eine revolutionsahnliche Entwicklung der Massenmedien darstellen und einen technischen Schwerpunkt beinhalten. Suchmaschinen funktionieren demnach erheblich anders als Zeitungen und weisen einen modernen Umgang mit der Informationsbeschaffung auf. Dieser Faktor des Gatekeepings von Suchmaschinen wird in dieser Arbeit konkret beleuchtet. Es soll herausgefunden werden, ob und inwiefern Suchmaschinen, insbesondere die Suchmaschine "Google“, als Gatekeeper des Internetzeitalters in Frage kommt. Daruber hinaus stellt sich die Frage, ob Google ebenso als eine moderne Erganzung des Gatekeeping-Ansatzes gesehen werden kann. Dabei wird ein Augenmerk auf traditionelle Gatekeeper gelegt, also solche, welche in Zeitungen zu finden sind. Diese sollen im Folgenden von Grund auf erlautert werden.

2 Gatekeeping

Unter dem Begriff „Gatekeeping”, welcher im Journalismus auftaucht, wird ein Prozess der Selektion verstanden. Dieser Prozess beschreibt wie Nachrichten fur eine Zeitung ausgewahlt werden. GroBtenteils ubernehmen Journalisten und Medienbetriebe diese Funktion und sind folglich als Gatekeeper zu verstehen. (Engelmann 2016, 12).

Bei dem Prozess des Gatekeepings mussen Informationen verschiedene „Tore“ passieren, um schlussendlich als Nachricht in der Zeitung veroffentlicht zu werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass Informationen nicht in einem Schritt, sondern in einer Serie von Schritten, beziehungsweise Entscheidungen, mit unterschiedlichen Aspekten selektiert werden. Welche Tore die Informationen dabei passieren konnen und welche nicht, liegt in der Verantwortung des Gatekeepers. (Engelmann 2016, 12).

Daruber hinaus kann der Gatekeeping-Ansatz in drei Formen unterteilt werden. Die erste Form nennt sich „Selektives Gatekeeping“. Diese befasst sich damit, welche Informationen fur die Nachrichten einer Zeitung ausgewahlt werden. Die zweite Form „Qualitatives Gatekeeping“ beschreibt, wie die ausgewahlten Informationen prasentiert werden, sprich graphisch und in Bezug auf das Layout. Als dritte Form versteht man „Quantitatives Gatekeeping“. Dieses beschaftigt sich mit der Frage, wie intensiv ein Artikel uber die ausgewahlte Information berichten soll. (Engelmann 2016, 14). In dieser Arbeit soll es um das selektive Gatekeeping gehen.

Unterschieden wird auBerdem zwischen „primaren und sekundaren Gatekeeping- Prozessen“ (Engelmann 2016, 14). Die Selektion von Information oder auch die Aufbereitung dessen wird unter das primare Gatekeeping gefasst. Diese Selektion geschieht meist durch Journalisten oder Massenmedien. Wird die Selektion jedoch von nicht professionellen Gatekeepern ubernommen, entspricht dies dem sekundaren Gatekeeping. Solch ein Gatekeeper kann durch das Publikum gebildet werden, welches durch ihre Resonanz einen eigenen Gatekeeping Prozess entwickelt. (Engelmann 2016, 14f.). Befasst wird sich in dieser Arbeit allerdings mit dem primaren Gatekeeping. Zunachst wird der Ursprung dessen beschrieben.

2.1 Gatekeeping Ursprung

Der Ursprung des Gatekeepings wird dem Sozialpsychologen Kurt Lewin zugesprochen. Dieser arbeitete 1947 an einem Aufsatz, welcher jedoch durch seinen Tod nicht beendet werden konnte. In diesem Aufsatz entwickelte er eine Studie, die bis heute als Grundgedanke des Gatekeepings anerkannt wird. Allerdings beschaftigt sich Lewin nicht mit dem Journalismus, sondern mit einem anderweitigen Bereich. Dementsprechend geht es in seinem Aufsatz um die Essgewohnheiten der US-Amerikaner. Lewin versucht dabei den Einfluss von medialen Kampagnen auf die Essgewohnheiten wiederzugeben. Er beschreibt anhand einer Familie, dass nicht jede einzelne Person gleichermaBen daran beteiligt ist, was als Essen auf den Tisch kommt. Lewin erlautert, dass es verschiedene Kanale (Channels) gibt durch welche die Nahrungsmittel laufen mussen, um auf den Esstisch zu gelangen. Er beschreibt, dass der Supermarkt dabei den wichtigsten Kanal darstellt. In seiner Abhandlung ist die Frau der Familie die Verantwortliche fur den Einkauf im Supermarkt, dadurch kommt ihr die bedeutendste Rolle im Falle der Essensbesorgung zu. Trotz dessen stellt Lewin klar, dass der Einkauf im Supermarkt durch anderweitige Merkmale beeinflusst wird, als nur durch die alleinige Entscheidung der Frau. Insofern beeinflussen beispielsweise die Preise der jeweiligen Nahrungsmittel und der Essenswunsch der Familienmitglieder den schlussendlichen Einkauf der Lebensmittel. Doch auch andere Kanale haben eine wichtige Bedeutung fur die Essensbesorgung. Dazu zahlt der Garten, in welchem Nahrungsmittel angebaut werden konnen. Nach Lewin befasst sich der Familienvater mit diesem. Dem Mann wird dementsprechend auch eine bestimmte Position zugeschrieben, da er durch seine Entscheidungen einen Einfluss darauf nimmt, was es zu essen gibt. Aber auch hier sind verschiedene Aspekte zu beachten. So beispielsweise die Reife des Gemuses und die Auswahl an Samensorten, dadurch entsteht eine unterschiedliche Auswahl an Nahrungsmitteln. Daraufhin werden die beiden Kanale der Frau und des Mannes miteinander kombiniert, indem die jeweils ausgesuchten Lebensmittel in der Kuche zu einem Gericht angefertigt werden. Uberdies existieren noch zusatzliche Kanale, wie der Kuhlschrank oder die Vorratskammer. Es mussen dementsprechend viele weitere Entscheidungen getroffen und Einflusse beachtet werden. (Engelmann 2016, 23f.).

Zudem beschreibt Kurt Lewin nicht nur, dass die jeweiligen Nahrungsmittel durch die „Channels“ wandern, sondern auch in jedem bestimmten Abschnitt (Section) einen Eingang, welchen er als Tor (Gate) beschreibt, passieren mussen. Dieses Tor wird von einer Person bewacht, welche fur den bestimmten Abschnitt zustandig ist und entscheidet folglich ob das Nahrungsmittel das Tor durchschreiten darf oder nicht. Definiert wird diese Person als Gatekeeper. (Engelmann 2016, 23). Lewins Studie weist viele Zusammenhange mit der Kommunikationswissenschaft auf, wodurch er den Grundstein fur den Gatekeeping Begriff setzt. Seine Annahmen blieben nicht lange unbeachtet und wurde drei Jahre spater von David Manning White in Hinblick auf den Journalismus bearbeitet.

2.2 Gatekeeping Entwicklung

Inspiriert von der Theorie von „Channels“, „Sections“ und „Gates“, macht David Manning White 1950 den Versuch diese auf die Selektion von Nachrichtenangeboten zu ubertragen. Er war somit der Erste, welcher den Gatekeeping Begriff in den Journalismus brachte. Whites Studie handelt von einer Nachrichtenredaktion. Dort erforscht er, wie die jeweiligen Nachrichten in eine Zeitung gelangen und welche Aspekte eine Information als geeignet beziehungsweise als ungeeignet qualifizieren. In seiner Abhandlung begleitet White einen Nachrichtenredakteur bei seiner Arbeit. Dem Redakteur gibt er den Namen „Mr. Gates“. Die Aufgabe dessen sind es aus drei Nachrichtenagenturen die Meldungen passend fur die Zeitung, fur welche er arbeitet, auszuwahlen. „Mr. Gates“ arbeitete damals fur eine Tageszeitung mit ca. 30.000 Auflagen in einer amerikanischen Stadt mit einer ungefahren Einwohnerzahl von 100.000. White beobachtet wahrend der Zeit mit dem Redakteur wie dieser die verschiedenen Informationen sortiert. Dabei nehmen laut Whites Ergebnissen die eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Einstellungen dessen starken Einfluss auf die Selektion. White charakterisiert daraufhin „Mr. Gates“ als einen Gatekeeper, da dieser ein „Gate“ zu einem bestimmten „Channel“ bewacht, welches die jeweiligen Nachrichten passieren mussen. Er alleine ist der Entscheidungstrager daruber, welche Nachrichten schlussendlich in der Tageszeitung zu lesen sind. (Engelmann 2016, 26f.).

16 Jahre spater wird Whites Studie von Paul B. Snider wiederholt. Dieser befragt denselben „Mr. Gates“, welcher zu der Zeit nach wie vor als Nachrichtenredakteur arbeitet. Snider kommt dabei zum selben Ergebnis wie White. Dadurch bestatigt sich die Annahme, dass „Mr. Gates“ die Nachrichten aufgrund der eigenen Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen selektiert. (Engelmann 2016, 28).

Im Jahre 1956 fuhrt Walter Gieber eine weitreichendere Studie durch, indem er sich mit den „Wire Editors“ beschaftigt, welche aus 16 Tageszeitungen bestehen. Dabei erlangt Gieber andere Schlussfolgerungen als White und Snider. Insofern entscheiden hierbei nicht die eigenen Vorlieben uber die Selektion von Nachrichtenangeboten, sondern eher die vorgegebenen Zwange der Agentur. Gieber beschreibt folglich die Redakteure als passiv, welche die Aufgabe haben unter Zeitdruck Nachrichten auszuwahlen. Nach Gieber ist die Nachrichtenagentur aktiv und somit der tatsachliche Gatekeeper, da die Agentur den Redakteuren bestimmte Nachrichten empfiehlt, womit diese den wichtigsten Einfluss auf die Nachrichtenselektion ubernimmt. (Engelmann 2016, 28).

Auch Breed erreicht 1955 ein ahnliches Ergebnis wie Gieber. Dieser bezieht sich allerdings nicht auf einen bestimmten Redakteur oder eine bestimmte Nachrichtenagentur, sondern befragt in seiner Studie um die 120 unabhangige Redakteure, welche fur mittelgroBe Tageszeitungen in den USA arbeiten. Diese Befragung zeigt, dass beinahe alle der 120 Redakteure durch die Agentur beeinflusst werden. So mussen diese beispielsweise den politischen Rahmen ihres Chefredakteurs folgen. Zudem stellt Breed fest, dass sich die Redakteure an konkurrierenden und uberregionalen Tageszeitungen orientieren. (Maier et al. 2018, 128f.).

Eine Neuinterpretation der Abhandlung von White wurde von Paul M. Hirsch im Jahre 1977 durchgefuhrt. Dieser erlautert, dass die Auswahl der Medieninhalte von Mr. Gates die Anordnung des Nachrichtenangebots der entsprechenden Nachrichtenagentur sehr akkurat ausdruckt. Zudem beschreibt Hirsch, dass die Ablehnung von Nachrichten nicht auf subjektive Vorlieben beruht, sondern vielmehr auf die beruflichen Formen und redaktionellen Einschrankungen. (Engelmann 2016, 29).

Bei Gieber, Breed und Hirsch wird die Nachrichtenauswahl als passiver Prozess beschrieben, welcher die subjektive Meinung von einzelnen Journalisten in den Hintergrund ruckt und den Schwerpunkt auf die redaktionellen Zwange einer Nachrichtenagentur legt. Somit hat die Nachrichtenauswahl externe Grunde. Dahingegen beschreiben die Studien von White und Snider die Redakteure als die aktiven Gatekeeper, welche interne Grunde fur die Nachrichtenauswahl haben. Diese Grunde sind subjektive Einstellungen, Interessen und Erwartungen eines einzelnen Redakteurs. (Maier et al. 2018, 129f.).

Allerdings wird ein Problem der Generalisierbarkeit bei den Fallstudien von White und Snider deutlich. Dabei kann ein Einzelfall nicht eindeutig auf die Allgemeinheit angewandt werden. Somit ist unklar, ob „Mr. Gates“ als beispielhaftes Exemplar fur den GroBteil der Redakteure, beziehungsweise der Gatekeeper, stehen kann. (Maier et al. 2018, 128f.). Die verschiedenen Studien, welche bis hierhin beschrieben worden sind, werden zu der ersten von drei Phasen der Gatekeeping Entwicklung gezahlt. Diese drei Phasen sollen im Folgenden genauer erlautert werden.

2.2.1 Drei Phasen der Entwicklung

Die Entwicklung des Gatekeeping-Ansatzes wird in drei Phasen unterteilt. Die “Etablierung” stellt die erste Phase dar und reicht bis hin zum Ende der 1970er Jahre. Die “Systematisierung” bezeichnet die zweite Phase, welche bis heute anhalt. Als dritte Phase wird die “Neuorientierung” verstanden, welche als Erganzung der zweiten Phase verstanden wird. (Engelmann 2016, 32).

Die Phase der Etablierung beschreibt, wie verschiedene Ansatze und somit die unterschiedlichsten Schlussfolgerungen und Methoden entworfen worden sind. Dadurch wurden viele verschiedene Ansatze entwickelt, welche einander jedoch nicht ausschlieBen, sondern dafur sorgen, dass die Theorie des Selektionsprozesses weiter erganzt und verscharft werden kann. Zu den verschiedenen Ansatzen zahlen der individualistische Ansatz, der institutionelle Ansatz und der kybernetische Ansatz. Der individualistische Ansatz befasst sich mit den Anfangen des Gatekeepings, so wie dieser auch bei White und Snider beschrieben wird. Insofern nehmen die subjektiven Vorlieben eines Journalisten eine essentielle Position im Selektionsprozess ein. Der institutionelle Ansatz beschreibt den Gatekeeping-Ansatz, wie er in den Werken von Gieber, Breed und Hirsch behandelt wird. Hierbei sind die auBeren Einflusse die Entscheidenden. Der kyberneti sche Ansatz verknupft diese beiden Positionen miteinander. Demnach konnen interne und externe Einflusse miteinander kombiniert werden. Demzufolge werden die redaktionellen Zwange, aber auch die subjektive Selektion von Redakteuren beachtet. Allerdings liegt auch hier der Schwerpunkt bei den auBeren Einflussen und weniger bei den Journalisten und ihren subjektiven Vorlieben. (Engelmann 2016, 32-35).

Bei der Phase der Systematisierung sind die Resultate der Phase der Etablierung von Bedeutung. SchlieBlich sollen hierbei Modelle entwickelt werden, welche die Befunde der Nachrichtenauswahl beschreiben sollen. Die Modelle haben das Ziel die verschiedenen Einflussfaktoren, welche journalistisches Handeln beeinflussen, zu strukturieren. (Engelmann 2016, 35).

Die Phase der Neuorientierung beschreibt die letzte Phase der Entwicklung des Gatekeeping-Ansatzes. In dieser Phase geht es grundsatzlich, um das Aufkommen des Internets und dessen Bedeutung. Durch das Aufkommen des Internets entfachte sich eine Debatte uber den Gatekeeping-Ansatz. So wird diskutiert inwiefern sich dieser Ansatz verandert hat, beziehungsweise ob Gatekeeping in Zeiten des Internets uberhaupt existent sein kann. (Engelmann 2016, 36f.). Diese Debatte ist nicht unbegrundet und soll entsprechend im Laufe der Arbeit behandelt werden. Zunachst werden jedoch die verschiedenen Modelle, welche in der Phase der Systematisierung entworfen worden sind, vorgestellt werden.

2.3 Gatekeeping Modelle

Durch die Entstehung von verschiedenen Modellen konnte der Gatekeeping-Ansatz spezifiziert werden. Die Gatekeeping Modelle dienen dazu den Gatekeeping Prozess und die dazu gehorigen Einflussfaktoren zu benennen und dessen Wirkung zu skizzieren. Ebenso betont Ines Engelmann in Gatekeeping (2016) die Wichtigkeit dieser Modelle, da dadurch die Handlungen einzelner Journalisten wie „Auswahl, Gewichtung und Presentation von Informationen“ (15) veranschaulicht werden konnen. Im Folgenden werden die „Nachrichtenwerttheorie“, welche zum ersten Mal von Walter Lippmann 1922 aufgegriffen wurde, das 2014 entwickelte „Hierarchy-of-Influences“ Modell von Shoemaker und Reeses, das von Wolfgang Donsbach 1987 erarbeitete „Vier-Spharen- Modell“ und das „Zwiebelmodell“ von Siegfried Weischenberg (1992) dargestellt.

2.3.1 Nachrichtenwerttheorie

1922 taucht der Begriff des Nachrichtenwertes erstmals bei dem Journalisten Walter Lippman in seinem Werk Public Opinion (1997) auf. Dies bezeichnet den Anfang der Nachrichtenwerttheorie. Bei dieser Theorie geht es darum, dass eine Information durch ihre eigenen Merkmale selektiert wird, sie selektiert sich demzufolge selbst. (Engelmann 2016, 15). Journalisten handeln bei der Nachrichtenselektion demnach mit „standardisierten Entscheidungsprozessen“ (Maier et al. 2018, 30). AuBerdem wird betont, dass in jeder Information ein Nachrichtenwert innewohnt, welcher von verschiedenen Faktoren abhangt. Dieser Wert ist hoher, geht es in einer Nachricht beispielsweise um Prominenz oder einen Konflikt. Dies allein bestimmt, ob die jeweilige Information ausgewahlt wird oder nicht. Sprich die Selektion ist vom eigenen Nachrichtenwert abhangig. (Engelmann 2016, 15).

2.3.2 Hierarchy-of-Influences Modell

Das von Pamela Shoemaker und Stephen Reeses 2014 entwickelte Modell „Hierarchy- of-Influences”1 besteht aus funf verschiedenen Einflussebenen. Diese konnen die Medieninhalte, beziehungsweise journalistisches Handeln, begrunden (Engelmann 2016, 16). Bei diesem Modell stehen weder die Journalisten noch das System im Vordergrund, sondern werden diese beiden Bereiche miteinander verknupft (19f.).

Die innerste Ebene des Modells beschreibt die „Individuals“, welche das individuelle Denken von Redakteuren beschreibt. So wahlt der Redakteur aufgrund von subjektivem Empfinden Informationen aus. Diese Art von Selektion nutzt auch „Mr. Gates“ in David Manning Whites Studie. Die nachste Ebene „Routine Practices“ stellt die Routinen der Redakteure dar. DemgemaB gibt es bestimmte Auswahlroutinen, welchen ein Redakteur folgt, darunter zahlen beispielsweise Darstellungsformen und Nachrichtenfaktoren. AuBerdem sind ebenso Prozesse, welche die Routinen einschranken, zu verstehen. Diese sind beispielsweise Zeitdruck oder auch finanzielle, technische und personelle Ressourcen. Die nachste Ebene beschreibt die „Media Organizations“. Hier wird der Einfluss der Redaktion und deren Ablaufe, Ziele und Strukturen beschrieben. Daruber hinaus beinhaltet diese Ebene auch die „wechselseitige Abhangigkeit zwischen journalistischen Redaktionen und Medienorganisationen“ (Engelmann 2016, 16). Die Ebene der „Social Institutions“ druckt die gesellschaftlichen Institutionen, welche die Macht haben Medieninhalte zu beeinflussen, aus. Dazu zahlen beispielsweise die Regierung, Interessengruppen und der Werbemarkt. Die auBerste Ebene „Social Systems“ ist die Ideologische. Diese befasst sich mit den Einflussen von Ideologien und Kulturen auf journalistische Inhalte. (Engelmann 2016, 16).

2.3.3 Vier-Spharen-Modell

Das Vier-Spharen-Modell2 von Wolfgang Donsbach (1987) untersucht die Einflussfaktoren, durch welche Medieninhalte gestaltet und selektiert werden. Bei diesem Modell liegt der Schwerpunkt bei den Redakteuren und ihren subjektiven Auswahlkriterien, damit ruckt das Vier-Spharen-Modell die Freiheit der Redakteure bei der Nachrichtenselektion in den Vordergrund. (Engelmann 2016, 19).

Dieses Modell ist in vier Einflussbereiche unterteilt, durch welche Medieninhalte bestimmt werden. Die „Professionssphare“ beschreibt eines dieser Bereiche. Darunter werden Faktoren gefasst, welche sich beispielsweise an den Berufsnormen, den Kollegen und Nachrichten orientieren. Diese Sphare weist groBe Gemeinsamkeiten mit der Nachrichtenwerttheorie auf, sodass sich diese mit der Beeinflussung der Medieninhalte durch den Nachrichtenwert befasst. (Bonfadelli 2002, 49). Die nachste Sphare ist die „Institutionssphare“. Dabei handelt es sich um groBtenteils organi satori sche Faktoren, welche das journalistische Handeln beeinflussen. Diese Ebene beinhaltet unter anderem den Arbeitsmarkt, technische Strukturen und die institutionellen Zwecke. Die „Gesellschaftssphare“ befasst sich mit den gesellschaftlichen Einflussen. Hier spielen beispielsweise die Pressefreiheit, die politische Kultur und die lokale Integration eine essentielle Rolle bei der Beeinflussung von Medieninhalten. Die letzte Ebene ist die „Subjektsphare“, diese kann mit der Ebene der „Individuals“ beim Hierarchy-of- Influences Modell verglichen werden. So stehen auch hier subjektive Werte, politische Einstellungen und Berufsmotive im Vordergrund. Bei der Betrachtung des Vier-Spharen- Modells fallt auf, dass die Spharen unabhangig voneinander dargestellt werden. Diese wirken jedoch nicht unabhangig voneinander, sondern konnen wechselseitigen Einfluss aufeinander nehmen. (Engelmann 2016, 17f.).

2.3.4 Zwiebelmodell

Siegfried Weischenberg entwickelte 1992 das Zwiebelmodell3. Bei diesem Modell ist der Redakteur in „ubergeordnete redaktionelle, organisatorische und gesellschaftliche Strukturen eingebettet“ (Engelmann 2016, 18) und somit in seiner personlichen Selektion von Medieninhalten beeintrachtigt. Beim Zwiebelmodell steht dementsprechend die Medienagentur bei der Nachrichtenselektion im Vordergrund, der einzelne Redakteur muss sich nach den Vorgaben und Normen dieser Agentur richten (19).

Auch bei diesem Modell werden vier Ebenen, beziehungsweise Schalen, welche Einfluss auf Medieninhalte nehmen, unterschieden. Die innerste Schale beschreibt die „Medienakteure (Rollenkontext)“, darunter fallen beispielsweise die demographischen Merkmale und die soziologischen- und politischen Einstellungen. Diese Ebene beschreibt die personliche Einflussnahme eines Redakteurs, wie bereits in den vorherigen Modellen beschrieben. Die darauffolgende Schale steht fur die „Medienaussagen (Funktionskontext)“. Bei dieser Schale spielt der Nachrichtenwert eine Rolle. Demnach beinhaltet die Schale unter anderem die Konstruktion von Wirklichkeit und die Berichterstattungsmuster. Die Ebene der „Medieninstitutionen (Strukturkontext)“ besteht aus okonomischen-, politischen-, organisatorischen- und technischen Imperativen.

Hierbei handelt es sich, um Einflusse durch Institutionen und ihre Zwange und Normen. Die auBerste Schale steht fur die „Mediensysteme (Normenkontext)“, worunter beispielsweise die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Kommunikationspolitik fallen. Das Zwiebelmodell ahnelt zwar dem Hierarchy-of- Influences Modell, weist aber auch signifikante Unterschiede auf. So beispielsweise konnen, anders als beim Hierarchy-of-Influences Modell, innere Schalen nicht auf die auBeren Schalen wirken. (Engelmann 2016, 18f.).

2.3.5 Modell des Massenkommunikationsprozesses

Ein weiteres Modell wurde 1957 von Westley und MacLean entwickelt. Die beiden versuchten „die individuell-psychologischen und die organisatorischen Bedingungen zu integrieren“ (Engelmann 2016, 29). Dabei entstand das Modell des Massenkommunikationsprozesses4. Diesbezuglich wandert Information X vom Sender A zu einem Empfanger B, vermittelt uber den Medienkanal C. Angenommen der Sender A steht fur eine Partei, der Empfanger B fur das Publikum und der Medienkanal C fur die Medienorganisation oder die Redaktion. Dabei gilt der Medienkanal als Gatekeeper. Unter „f“ wird das Feedback vom Publikum oder auch von der Redaktion verstanden. Im Modell wird verdeutlicht, dass manches Feedback vom Publikum zur Redaktion gelangt, anderes wiederum zum Urheber der Information zuruckgeht. Das Modell des Massenkommunikationsprozesses versteht die Medienorganisation als eine Einheit. Somit agieren die Redakteure, welche nach einheitlichen Normen und Routinen handeln, als Gatekeeper. Dieses Modell gilt als eine Erweiterung der White Studie, da verdeutlicht wird, dass nicht nur die subjektiven Interessen der Journalisten die Nachrichtenauswahl bestimmen, sondern auch die redaktionellen Normen und Routinen. (Engelmann 2016, 29).

2.3.6 Agenda-Setting-Ansatz

Der Agenda-Setting-Ansatz ist eine eigene Theorie, welche jedoch mit dem Gatekeeping- Ansatz erganzt werden kann. Das Agenda-Setting beschreibt die Setzung eines bestimmten Themenschwerpunktes, dabei geht es grundsatzlich darum, wie die Themenagenda einer Nachrichtenagentur Einfluss auf die Themenagenda des Publikums nehmen kann. Diese Idee, dass die Weltauffassung der Bevolkerung durch die Massenmedien beeinflusst werden kann, wurde bereits 1922 von Walter Lippman in seinem Werk Standardwerk zur offentlichen Meinung aufgegriffen. Er beschreibt, dass die Menschen eine Orientierung fur das Verstehen der Welt benotigen. Die Massenmedien stellen diese benotigte Orientierung dar. So kann sich die Bevolkerung, an der, von den Medien erstellten, Realitat ausrichten. (Maurer 2017, 18). Dieser Ansatz wurde spater vor allem von der Politikwissenschaft gepragt, folglich untersuchten Maxwell McCombs und Donald Shaw im Jahre 1972 inwiefern Massenmedien das Publikum beeinflussen konnen, sodass sich die Ansicht der Wahler gegenuber den Kandidaten andert. Dass dies der Fall ist verneinten McCombs und Shaw jedoch, sie gingen eher davon aus, dass sich die Meinung der Wahler uber die Kandidaten in den Wahlkampfen entscheidet. (Maurer 2017, 10).

Die Entwicklung des Agenda Settings stellt dar, dass hauptsachlich drei Themenagenden existieren, welche in einer wechselseitigen Beziehung zueinanderstehen. Diese drei Themenagenden sind: Medien, Politik und Publikum. Das Agenda-Setting beschreibt wie diese drei Bereiche miteinander zusammenhangen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Der Gatekeeping-Ansatz kann dies nun erganzen, indem dieser die Einflussfaktoren liefert. Damit kann erlautert werden, warum den einen Themen mehr und den anderen Themen weniger Aufmerksamkeit zukommt (Engelmann 2016, 100).

Das Aufkommen des Internets stellt ein einschneidendes Ereignis fur den Gatekeeping-Ansatz dar, wodurch sich dieser gezwungenermaBen weiterentwickeln musste (Engelmann 2016, 78). Nachdem nun die wichtigsten Modelle beschrieben worden sind, sollen die Suchmaschinen, welche in dieser Arbeit eine wichtige Rolle einnehmen, naher erlautert werden.

[...]

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Details

Titel
Suchmaschinen als moderne Gatekeeper. Die Macht, Wissen zu vermitteln
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
48
Katalognummer
V1041917
ISBN (eBook)
9783346468390
ISBN (Buch)
9783346468406
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gatekeeper, Google, Suchmaschinen, Suchmaschine, Gatekeeping, moderne Gatekeeper, Nachrichtenwerttheorie, Agenda Setting, Blackbox
Arbeit zitieren
Jelena Vujicic (Autor:in), 2020, Suchmaschinen als moderne Gatekeeper. Die Macht, Wissen zu vermitteln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041917

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