Märchenhafte Merkmale im Kontext von Feminismus am Beispiel des Films "Antonias Welt"


Hausarbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Filmanalyse
2.1 Elemente des Märchens
2.2 Einflüsse des Feminismus

3. Das Märchen von der Gleichberechtigung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Some people have called Antonia’s line a fairy tale. Perhaps it is, and that it should win an Oscar is a fairytale come true for all of us involved in its making.“1

Marleen Gorris ist die erste von bis heute insgesamt drei Frauen, die einen Academy Award für den besten fremdsprachigen Film erhielt. Es handelt sich bei dem Film um eine Tragikomödie aus den Niederlanden, die nicht nur von einer Frau Regie geführt wurde, sondern sich explizit feministischen Thematiken widmet. Wie aus dem Hollywood Diversity Report von 2019 hervorgeht, sind nur 1,3 von 10 Filmregisseur*innen von US-Filmen weiblich.2Dass ausgerechnet Antonias Welt (Antonia, NL, BL,GB 1995), der sich für ein Matriarchat einsetzt, von einer männerdominierten3Preisverleihung ausgesucht werden sollte, war für Gorris sicherlich wunderbar, wie sie es in ihrer zuvor zitierten Dankesrede bei den Academy Awards verlauten ließ.

Wunderbare Dinge passieren auch in ihrem Film und unterstreichen Gorris‘ Aussage. Aber welche Elemente lassen diesen zuweilen realistisch anmutenden Film märchenhaft wirken? Und inwiefern trägt der Feminismus als Sujet dazu bei, diesen märchenhaften Eindruck bei den Zuschauer*innen zu erzielen? Die märchenhaften Merkmale im Kontext von Feminismus4sollen in der vorliegenden Hausarbeit untersucht werden. Dabei kann diese Arbeit den Umfang der sehr weitreichenden und der sich teilweise widersprechenden Märchenforschung5nur anreißen und nicht komplett wiedergeben. Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen die märchenhaften Merkmale des Films anhand der aktuellen Zusammenfassung6von Stefan Neuhaus extrahiert werden und für die Betrachtung der Forschungsaspekte ausreichen.

Der Begriff „Märchen“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen „maere“, was so viel wie Kunde, Erzählung oder Nachricht bedeutete.7Die Bedeutung changiert zwischen „Gerücht“, hebt somit die „Fiktionalität des Stoffes“8hervor, Erzählung9und „mündlichem Bericht“10. Eine Definition des Begriffes ist demnach historisch schwer zu fassen und wird heutzutage eher in „einem Merkmalkatalog als in einer Definition“11beschrieben. Für den Film bedeutet das, dass das Märchenhafte ausgehend von den Merkmalen der literarischen Textgattung auf den Film übertragen wird. Je mehr dieser Merkmale zutreffen, desto märchenhafter ist er.

2. Filmanalyse

Die folgende Filmanalyse untersucht die Merkmale von Märchen anhand von Stefan Neuhaus‘ Merkmaltabelle und zeigt Schnittmengen zu anderen Märchenforschern wie Max Lüthi oder Axel Olrik12auf. Demnach sind Merkmale von Volksmärchen13, die angeblich mündlich überliefert wurden, folgende; einfache Sprache, einsträngige Handlung, ortlos, zeitlos, stereotype Handlung und Schauplätze, eindimensionale Charaktere, keine Psychologisierung der Figuren, die Figuren sind gut oder böse, Happy End, einfaches Weltbild, formelhafter Anfang und Schluss.14

Weiterhin können gemeinsame Merkmale mit dem Kunstmärchen15auftauchen, wie zum Beispiel, dass der Held eine Aufgabe lösen muss oder es „magische Requisiten“ wie Zauberstäbe gibt.16Auch die Zahlen- und Natursymbolik können als Merkmal herangezogen werden.17„Tiere können sprechen“ und es gibt Verbindungen zum Mythos oder der Transzendenz.18Weiterhin kann „symbolisches Verhandeln und Bewältigen alltäglicher Probleme“ ein Merkmal sein.19

2.1 Elemente des Märchens

Schon zu Beginn des Films, wenn Antonia (Willeke van Ammelrooy) in einer Dodge-Angle in der Eingangsszene etabliert wird, hört man in einem Voiceover die für Märchen typische Erzählstimme. Die scheinbar allwissende Erzählerin, wie sich später herausstellt Antonias Urenkelin Sarah (Thyrza Ravesteijn), erzählt rückblickend von Antonias letztem Tag. “Noch bevor die Sonne aufging, wusste Antonia, dass ihre Tage gezählt waren“. Hier liegt eine Nullfokalisierung20vor, in der die eingeführte Erzählerin analog dem beziehungsweise der allwissenden Märchenerzähler*in eine mündliche Überlieferung simuliert.21Daraus resultiert eine Erzähl-Atmosphäre des Märchenhaften. Die Eingangs- und Schlussformel, die auch nach Olrik dem Eingangs- und Abschlussgesetz entsprechen, sind ein stilistisches Merkmal der Märchenerzählung.22Sie führen sanft in die Geschichte ein und müssen nach den aufregenden Höhepunkten der Geschichte die Zuhörer*innen wieder beruhigen.23Durch die Einleitungs- und Schlussformeln wird eine gewollte Fiktionalität aufgebaut.24Die Zuschauer*innen werden so auf die raumzeitliche Entrücktheit der Märchenwelt, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Wunder hat, eingestimmt, bevor sie am Ende wieder aus dieser Welt durch die Schlussformel zurückgeführt werden. Die Schlussformel hat auch die Aufgabe, die Zuhörenden vom bestmöglichen Ende zu überzeugen.25So folgt auf Antonias friedliches und selbstbestimmtes Ableben, ihr Happy End, am Ende des Films folgender Zusatz: „Und nachdem diese lange Chronik zu Ende geht, ist nichts zu Ende gegangen“. Dies ist eine eindeutige Analogie zu: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“.

Ebenso wird die fiktive Welt durch fehlende Orts- und Zeitangaben untermauert.26Auch wenn die Zuschauer*innen wissen, dass Antonia nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Ort ihrer Geburt zurückkehrt, so wird nicht präzisiert, um welchen Ort es sich handelt und wann genau die Rückkehr stattfindet. Auch wird dem Krieg und dessen Folgen keine große Bedeutung beigemessen. Man erfährt im Laufe des Films nur, dass „Kromme Vinger“ seit dem Krieg das Haus nicht mehr verlassen hat, weil er traumatisiert ist. Details werden aber nicht erwähnt. Das hat zur Folge, dass dem Film eine gewisse Allgemeingültigkeit verliehen wird. Die Menschen der Geschichte stehen außerhalb der Zeit und spiegeln „seelische und gesellschaftliche, innermenschliche und zwischenmenschliche Vorgänge wider, die jeden von uns angehen.“27Märchen zeigen also ein „Bild des Menschen und seiner Beziehung zur Welt“28. Gleichzeitig findet man hier eine durch Mangel gekennzeichnete Ausgangssituation, wie sie viele Volksmärchen und Kunstmärchen aufweisen. Die Nachkriegszeit war eine Phase des Mangels in mehrfacher Hinsicht. Und obwohl es im Film die Markierung der Nachkriegszeit gibt, entzieht er sich jeglichen anderen historischen Ereignissen. Die märchenhafte Vergangenheit à la „Es war einmal“ wird in Antonias Welt durch die vom Krieg zerstörten Häuser illustriert. Die Außenaufnahmen in der Natur tragen ebenso dazu bei, der „konkreten historischen Verortung des Märchens zu entgehen“29. Nichtsdestotrotz zeigen die Panoramaeinstellungen von idyllischen Landschaften und grünen Feldern das suburbane Land in pittoresker und poetischer Schönheit und erinnern an Kunstwerke von niederländischen Künstlern wie Jan Vermeer, Peter Paul Rubens und vielen anderen. Auch die „Klompen“30begegnen uns an Antonias Füßen und sind ein Indiz für die stereotypische Darstellung der Niederländer im Film.31Folglich entsteht eine Assoziation zum niederländischen Gebiet, was aber den märchenhaften Eindruck nicht schmälert.

Naturszenarien wirken deshalb märchenhaft, weil sie auf einen ursprünglichen Zustand, eine alte Welt, verweisen.32Wilhelm Grimm rechnet auch Berufe wie Fischer, Müller und Hirten zu den naturnahen Märchenberufen.33Im Falle von Antonia, die die elterliche Agrarwirtschaft wiederaufnimmt, kann man diese Tätigkeit sicherlich dazu rechnen. Sie melkt die Kühe, sät aus und lebt im Einklang mit dem Wandel der Jahreszeiten. Die Feldarbeiten werden ebenfalls romantisierend dargestellt. Die Natur ist also ein zentraler Topos des Films, das Natürliche als eine sentimentale Rückbesinnung zum Vergangenen34zu verstehen.

Des Weiteren basieren Märchen immer auf einer Abstraktheit, die Inhalte in Kürze und Prägnanz benennt, ohne diese stark auszuschmücken.35Der Medialität des Filmes ist es geschuldet, dass die Abstraktheit, die Worte mit sich bringen können, im Film nicht gleichwohl gewährleistet werden kann, weil die Rollen zum Beispiel nach vorgegebenen Schemata besetzt werden müssen und damit immer eine ausgewählte Physiognomie der Figuren einhergeht.36Eine gewisse Abstraktheit im Film lässt sich aber unter anderem in der Einfachheit der Figurenzeichnung der Charaktere erkennen. Jede Figur nimmt eine spezielle Rolle an, die teilweise aufgesetzt, künstlich37und invariabel ist. Zum Beispiel die „Malle Madonna“ (Catherine ten Bruggencate), die den Mond wie ein Wolf anheult, oder Thérèse (Veerle van Overloop), die in jeder freien Minute ein Buch in der Hand hält und fast immer analytisch und unterkühlt dargestellt wird. Lippen Willem (Jan Steen), der schlaksige retardierte Mann mit den Segelohren, der später mit der ebenfalls zurückgebliebenen Deedee (Marina de Graaf) eine Beziehung eingeht. Ihre Verhaltensweisen wirken meistens überspitzt oder lustig. Pittes Figur lässt sich eindeutig als Bösewicht einordnen, der stellvertretend für die schlechte Männerwelt eingesetzt wird. Ein weiterer Charakter ist „Kromme Vinger“, dessen Finger „krumm“ ist, weil er seine unzähligen Bücher mit dem Zeigefinger studiert. Sein Erscheinungsbild ist trist, wie die Figur, die er darstellt. Eine großartige Entwicklung oder Veränderung der stilistisch gezeichneten Figuren kommt in dem Film nicht vor. Weiterhin werden ihre Charaktere nicht psychologisiert.38Die Charaktere sind entweder gut oder böse, was Max Lüthi39auch mit dem Merkmal derFlächenhaftigkeit“40umschreibt.

Dass das Fantastische neben dem Alltäglichen koexistiert, ist ein weiteres Merkmal des Märchens nach Lüthi; nämlich das der „Eindimensionalität“41. Neuhaus schreibt dieses Merkmal sowohl dem Volksmärchen als auch dem Kunstmärchen zu.42Die schweigsame und introvertierte Danielle (Els Dottermans) scheint Dinge zu sehen, die kein anderer wahrnimmt. Sie beweist ihren Humor und ihre Vorstellungskraft vor allem in einer Szene, in der die Trauerfeier für ihre kürzlich verstorbene Großmutter (Dora van der Groen) stattfindet. Dort verbindet sich das Diesseits mit dem Jenseits, denn Danielles verstorbene Großmutter setzt sich im Sarg auf und singt „My blue heaven“. Und auch die Christusstatue am Kreuz öffnet ihre steinernen Augen. Später sieht sie auf dem Friedhof des Dorfes, wie die Engelsstatue den Priester mit einem Flügel ohrfeigt, und auch die Marienstatue zwinkert ihr zu, nachdem der Priester durch Antonia geläutert wurde. Ein Moment voller Poesie, der sich auch in ihrer Imagination niederschlägt, ist der Augenblick, in dem sie das erste Mal Lara (Elsie de Brauw), die Lehrerin ihrer Tochter Thérèse, erblickt. Danielle stellt sie sich als Venus von Boticelli vor, was eine Einsicht in ihr Innenleben ermöglicht. Ihre Fantasie trägt auch dazu bei, dass sie durch ihre Kunst selbst neue Welten auf Leinwänden erschafft und so ihr Wesen ausdrückt. Die Fähigkeit des Sehens von Fantastischem scheint auch Antonias Urenkelin Sarah zu haben. Am letzten Tag von Antonias Leben sieht sie die Verstorbenen, die sich allesamt in Antonias Hof versammelt haben und kann mit ihnen sogar kommunizieren. Auch Antonia und ihr Partner Bauer Sebastian schlüpfen scheinbar in ihr jüngeres Ich und tanzen ausgelassen. Diese Tatsache scheint im Film nichts Übernatürliches darzustellen. Das Diesseits steht wie selbstverständlich neben dem Jenseits, somit ist das Fantastische der filmischen Welt immanent.[43]Unterstützt wird diese Selbstverständlichkeit des Wundervollen auch durch die schlichte und einfache Realisierung von Wundern im Film. Als sich Antonias Mutter beispielsweise im Sarg aufsetzt, bedarf es keiner gesonderten Special Effects, um den Zuschauer*innen zu vermitteln, dass gerade etwas Fantastisches passiert. Es braucht nur die subjektive Kamera und das Brechen mit Erwartungen der Zuschauer*innen (in diesem Fall, dass Antonias Mutter tot im Sarg liegen bleibt). Das Übernatürliche wird einfach realisiert, naturalistisch dargestellt und fügt sich wie selbstverständlich in die erzählte Realität ein.

[...]


1 Vgl. Oscars (2014) (Internetquelle).

2 Vgl. Hunt (2019) (Internetquelle) S. 29.

3 Vgl. Gasteiger (2020) (Internetquelle).

4 Der Begriff Feminismus unterliegt historischen Veränderungen und kann nicht genau gefasst werden. Für alle feministischen Strömungen ist das Grundanliegen eine soziale, kulturelle, politische und persönliche Selbstbestimmung sowie die Gleichheit und Freiheit aller Menschen. (Vgl. Lenz (2018) (Internetquelle)).

5 Vgl. Neuhaus (2017), S. IV-VI.

6 Vgl. Neuhaus (2017), S. 12.

7 Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 27.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd., S. 28.

11 Ebd., S. 31.

12 Axel Olrik war Ende des 19. Jhd. Schriftsteller und ein Pionier der methodischen Untersuchung von mündlichen Überlieferungen.

13 Das Volksmärchen ist angeblich eine mündliche Überlieferung. Neueste Erkenntnisse haben aber gezeigt, dass alle Volksmärchen auch einen Autor haben müssen, auch wenn man diesen nicht mehr ausfindig machen kann. (Vgl. Neuhaus (2017), S. 5)

14 Vgl. Neuhaus (2017), S. 12.

15 Dem Kunstmärchen wird zugesagt, dass es ein Werk eines bestimmten Autors ist und sich in den inhaltlichen Merkmalen vom Volksmärchen unterscheidet. (Vgl. Neuhaus (2017), S. 10)

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Vgl. Keutzer (2014), S. 233.

21 Vgl. Liptay (2004), S. 64.

22 Vgl. Olrik (1909), S. 2.

23 Ebd.

24 Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 32.

25 Vgl. Liptay (2004), S. 64.

26 Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 32.

27 Vgl. Lüthi (1976), S. 5.

28 Ebd.

29 Ebd., S. 90.

30 Deutsch: Holzschuhe.

31 Vgl. Dellmann (2018), S. 328.

32 Vgl. Liptay (2004), S. 90.

33 Ebd.

34 Vgl. Liptay (2004), S. 91.

35 Ebd., S. 75.

36 Ebd.

37 Ebd., S. 86.

38 Vgl. Neuhaus (2017), S. 12.

39 Max Lüthi, der als Literaturwissenschaftler arbeitete, beeinflusste die formalkritische Diskussion zu den Märchen der Gebrüder Grimm und entwickelte märchentypische Begriffe, die als Allgemeingut der Beschreibung von Märchen dienen. (Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 224)

40 Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 227.

41 Ebd.

42 Vgl. Neuhaus (2017), S. 12.

43 Vgl. Pöge-Alder (2016), S. 227.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Märchenhafte Merkmale im Kontext von Feminismus am Beispiel des Films "Antonias Welt"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Filmgeschichte im medialen Kontext: Niederländisches Kino - Niederlande im Kino
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1041978
ISBN (eBook)
9783346513816
ISBN (Buch)
9783346513823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonias Line, Antonias Welt, Märchenanalyse, Märchen, Film, Feminismus, female gaze, male gaze
Arbeit zitieren
Maria Hansen (Autor:in), 2021, Märchenhafte Merkmale im Kontext von Feminismus am Beispiel des Films "Antonias Welt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041978

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Märchenhafte Merkmale im Kontext von Feminismus am Beispiel des Films "Antonias Welt"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden