Die leitende Forschungsfrage dieser Studie lautet: Wie nehmen Sportlehrkräfte der Sekundarstufe 1 die kultusministeriellen Ansprüche an eine Benotung im Sportunterricht wahr und wie deuten sie diese mit Blick auf eventuelle Modifikationen ihrer eigenen Benotungspraxis und -prinzipien? Es geht demnach darum, die Wahrnehmung und Deutung der kultusministeriellen Ansprüche an eine Benotung im Sportunterricht seitens der verantwortlichen Sportlehrkräfte zu rekonstruieren. Hierzu werden leitfadengestützte Interviews geführt.
Bei der Erstellung des Leitfadeninterwies wird nach dem „SPSS-Prinzip“ der Leitfadenerstellung nach Helfferich vorgegangen, wobei themenbezogene Fragen zunächst gesammelt, geprüft, sortiert und abschließend subsumiert werden. Die Stichprobe dieser qualitativ ausgelegten Studie umfasst fünf Sportlehrkräfte (n=5), die in Baden-Württemberg in der Sekundarstufe 1 das Fach Sport unterrichten. Die potenziellen Differenzen, die sich aus den Ansprüchen und der rekonstruierten Wirklichkeit ergeben, sollen im Forschungsprozess abschließend bestimmt und verstanden werden, um einen angemessenen Umgang diesbezüglich zu empfehlen. Dabei geht es ebenfalls darum, herauszustellen, welche Gründe die Lehrkräfte nennen, weshalb sie eventuell nicht den Benotungsansprüchen gerecht werden können oder wollen.
Des Weiteren ist es wichtig bei der Erläuterung der Differenzen Anschluss an die sportpädagogische Diskussion zu suchen, Stellung zu beziehen und Empfehlungen auszusprechen. Nachdem in Kapitel 2 die Begrifflichkeiten Anspruch, Wirklichkeit, Differenz und Leistung definiert und voneinander abgegrenzt werden, wird in Kapitel 3 mit dem dargestellten Forschungs- und Diskussionsstand zur Benotung im Sportunterricht der Grundstein für eine substanzielle Diskussion der Ergebnisse gelegt. Hierbei wird auf die Zusammensetzung der Sportnote eingegangen, praktische Umsetzungsmöglichkeiten verschiedener Beurteilungsbereiche kritisch dargelegt, Bezugsnormen einer Leistungsbewertung unterschieden sowie Funktionen der Sportnote hinterfragt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärungen
2.1 Anspruch
2.2 Wirklichkeit
2.3 Differenz
2.4 Leistung im Schulsport
2.5 Fazit
3. Forschungs- und Diskussionsstand zur Benotung im Sportunterricht
3.1 Die Zusammensetzung der Sportnote
3.2 Die praktische Umsetzung möglicher Beurteilungsbereiche
3.2.1 Die Bewertung des sozialen Handelns
3.2.2 Die Bewertung der Leistungsbereitschaft
3.2.3 Die Bewertung motorischer Leistung
3.2.4 Die Bewertung kognitiver Leistung
3.3 Bezugsnormen einer Leistungsbewertung
3.4 Funktionen der Sportnote
3.5 Probleme bei der Benotung im Sportunterricht
3.5.1 Professionalisierungsdefizite der Sportlehrrolle
3.6 Fazit
4. Methodologische Vorüberlegungen zum differenzanalytischen Forschungsansatz
4.1 Die sportpädagogische Differenzanalyse
4.2 Präzisierung und Begründung der Forschungsfrage
4.3 Präzisierung und Begründung des Forschungsdesigns
4.4 Begründung des Leitfadeninterviews als Forschungsmethode
4.4.1 Hinweise zur Transkription des Interviews
4.4.2 Beschreibung der Stichprobe
4.5 Fazit
5. Datenerhebung
5.1 Kategorisierung der Ansprüche
5.2 Das Leitfadeninterview
5.3 Fazit
6. Datenauswertung
6.1 Die Wahrnehmung der Sportlehrkräfte
6.1.1 Kategorie I: Verständnis der Begrifflichkeiten
6.1.2 Kategorie II: Wertung der Ansprüche
6.1.3 Kategorie III: Wertung der Handreichung
6.1.4 Kategorie IV: Wünsche und Forderungen
6.2 Die Deutungen und Modifizierungen der Ansprüche
6.2.1 Kategorie V: Zusammensetzung der Sportnote
6.2.2 Kategorie VI: Benotete Kompetenzen
6.2.3 Kategorie VII: Verwendung der individuellen Bezugsnorm
6.3 Interpretation der Ergebnisse
6.4 Fazit
7. Diskussion und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Sportlehrkräfte der Sekundarstufe 1 die offiziellen Vorgaben zur Notengebung im Schulsport wahrnehmen und in ihrer Unterrichtspraxis deuten, um eventuelle Diskrepanzen zwischen administrativen Ansprüchen und der pädagogischen Realität aufzudecken.
- Ansprüche an die Benotung im Sportunterricht laut offizieller Handreichung
- Die subjektive Wahrnehmung und Deutung dieser Ansprüche durch Sportlehrkräfte
- Mögliche Modifikationen der Benotungspraxis durch Lehrkräfte
- Professionalisierungsdefizite und moralische Dilemmata bei der Notengebung
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Zusammensetzung der Sportnote
Bei der Zusammensetzung der Sportnote ist die Eigenart des Fachs Sport zu berücksichtigen, denn „die Besonderheit des Faches Sport machen u. a. die Vielfalt der pädagogischen Möglichkeiten, Ziele und Perspektiven sowie die praktische Unbegrenztheit der Gegenstände aus“ (Kloos et al., 2016, S. 50). Daraus resultiert, dass auch die Bewertung der schulsportlichen Leistung anhand unterschiedlichster Dimensionen gefordert und beurteilt werden sollte. Hierbei ist es als Sportlehrkraft wichtig, nicht nur eine Dimension, wie beispielsweise die sportmotorische Leistung, zu bewerten, denn dies würde „eine Beschneidung der pädagogischen Chancen und eine Verarmung des Fachs bedeuten“ (Kloos et al., 2016, S. 50).
Vor 1937 setzte sich die Sportnote einzig aus der sportlichen Leistungsbewertung zusammen. Dies änderte sich 1937, indem in den Richtlinien für die Leibeserziehung in Jungenschulen erstmals auch eine Persönlichkeitsbeurteilung gefordert wurde. In dieser Zeit war das Ziel der Bewertungserweiterung durch Persönlichkeitsbeurteilungen, die Jugend daraufhin zu prüfen, inwieweit ihre persönliche Haltung, ihre Disziplin oder ihr Kampfgeist ausgebildet waren. Diese Auswahl an Eigenschaften lässt unschwer das „rassistische, militaristische und antidemokratische Erziehungsprogramm der Nationalsozialisten“ (Peiffer, 1998, S. 118) erkennen. Trotz dieser negativen Gesinnung wurde mit dieser Hinzugabe einer Persönlichkeitsbeurteilung der Grundstein für eine pädagogisch ausgerichtete Note gelegt. Dies verfestigte sich mit dem Beschluss des Kultusministeriums von 1952, in dem erstmals gefordert wurde, die Sportnote in drei unterschiedliche Bereiche zu teilen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Spannungsfeld zwischen pädagogischen Zielen und normativer Notengebung im Sportunterricht und stellt die Forschungsfrage nach der Wahrnehmung kultusministerieller Ansprüche durch Lehrkräfte.
2. Begriffsklärungen: Dieses Kapitel definiert und grenzt die zentralen Begriffe Anspruch, Wirklichkeit, Differenz und Leistung im sportpädagogischen Kontext voneinander ab.
3. Forschungs- und Diskussionsstand zur Benotung im Sportunterricht: Der Forschungsstand gibt einen Überblick über die Zusammensetzung der Sportnote, verschiedene Beurteilungsbereiche und Bezugsnormen sowie die damit verbundenen Professionalisierungsdefizite der Lehrkräfte.
4. Methodologische Vorüberlegungen zum differenzanalytischen Forschungsansatz: Hier wird das Forschungsdesign der sportpädagogischen Differenzanalyse erläutert und die Entscheidung für ein qualitatives Vorgehen mittels Leitfadeninterviews methodisch begründet.
5. Datenerhebung: Dieses Kapitel beschreibt die Kategorisierung der Ansprüche aus der Handreichung und die konkrete Vorbereitung sowie Durchführung der Interviews mit den fünf Sportlehrkräften.
6. Datenauswertung: Die Auswertung präsentiert die Ergebnisse der Interviews, unterteilt in die Wahrnehmungen der Ansprüche sowie die individuellen Deutungen und praktischen Modifikationen der Lehrkräfte.
7. Diskussion und Ausblick: Das abschließende Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung im Hinblick auf ihre Limitationen und gibt Anregungen für eine zukünftige, praxisorientiertere Gestaltung von Handreichungen.
Schlüsselwörter
Sportunterricht, Notengebung, Leistungsbeurteilung, Handreichung, Anspruchsanalyse, sportpädagogische Differenzanalyse, Benotungspraxis, individuelle Bezugsnorm, motorische Kompetenz, Lehrerrolle, pädagogische Freiheit, Bildungsplan, Qualitatives Interview, Leistungsbewertung, Schulsport
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der Differenz zwischen den offiziellen, vom Kultusministerium Baden-Württemberg vorgegebenen Ansprüchen an die Benotung im Schulsport und der tatsächlichen, von Sportlehrkräften gelebten Notengebungspraxis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Zusammensetzung der Sportnote (Fach-, Verhaltens- und Mitarbeitsnote), die Anwendung verschiedener Bezugsnormen, die Bedeutung sportmotorischer gegenüber weiteren Kompetenzen (wie Fairplay) sowie die Rolle der Sportlehrkraft als Helfer und Richter.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist die Rekonstruktion der Wahrnehmungen und Deutungen von Sportlehrkräften. Es soll geklärt werden, wie diese die ministeriellen Vorgaben interpretieren und inwieweit sie ihre Benotungspraxis modifizieren, um den Ansprüchen gerecht zu werden oder ihre eigene pädagogische Freiheit zu wahren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsansatz. Es wurde eine sportpädagogische Differenzanalyse nach Balz und Neumann durchgeführt, für deren Datenerhebung fünf leitfadengestützte Interviews mit Sportlehrkräften der Sekundarstufe 1 geführt wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung des Forschungs- und Diskussionsstands sowie in den methodischen Teil, gefolgt von einer detaillierten Auswertung und Interpretation der geführten Interviews.
Welche Schlagworte charakterisieren die Untersuchung am besten?
Schulsportwirklichkeit, pädagogische Notengebung, Leistungsbewertung, Differenzanalyse, Lehrerinterview und die Diskrepanz zwischen Norm und Schulpraxis.
Warum wird die individuelle Bezugsnorm in der Handreichung verboten?
Die Handreichung argumentiert rechtlich, dass eine absolute Bezugsnorm (orientiert an den Bildungsplan-Vorgaben) gelten muss. Sportlehrkräfte erleben dieses Verbot jedoch als pädagogisch problematisch, da es die Motivation schwächerer Schüler erschwert.
Gibt es einen Konsens unter den interviewten Sportlehrkräften bezüglich der Notengebung?
Ja, ein Großteil der befragten Lehrkräfte bemängelt die mangelnde Trennschärfe zwischen Verhaltens- und Mitarbeitsnote. Zudem gibt es einen breiten Konsens darüber, dass die offizielle Forderung, das soziale Handeln und Fairplay in die Note einfließen zu lassen, in der Praxis meist intuitiv als "Gesamteindruck" erfolgt.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2021, Schulsport zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eine Differenzanalyse zur Benotung im Sportunterricht der Sekundarstufe 1, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1043043