Max Webers Werturteilsfreiheit und Rationalität in "Wissenschaft als Beruf"


Seminararbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Kontext
2.1 Das Leben
2.2 Das Aufkommen der Diskussion um die Werturteilsfreiheit

3 Exkurs: Werturteilsfreiheit und Rationalität
3.1 Die Werturteilsfreiheit
3.2 Die Rationalität

4 „Wissenschaft als Beruf“
4.1 Inhalt
4.2 Webers Analyse
4.3 Die Rezeption

1 Einleitung

Max Weber war einer der bekanntesten Sozialwissenschaftler die wir kennen. Er gilt als der Begründer der Soziologie als eigenständige Wissenschaft und seine soziolo­gischen Werke werden heute noch gelesen und zitiert. Neben der Soziologie war er auch Nationalökonom, Historiker, Religionswissenschaftler, Jurist und Verleger. Sein ungemein breit gefächertes und tiefgehendes Wissen nutzte er um gesellschaftliche Phänomene in allen Kulturen zu untersuchen. Sein Fokus lag dabei auf der Ökonomie und auf dem Einfluss der Religion darauf, was man an den Titeln seiner Hauptwer­ke erkennen kann: „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, später Teil von „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ sowie „Wirtschaft und Gesellschaft“. Als treibende Kraft hinter der gesellschaftlichen Entwicklung der okzidentalen Kultur identifizierte Weber die „Rationalisierung“, die er in allen Bereichen der Gesellschaft feststellte.

Weiterhin beschäftigte Weber sich intensiv mit der Gestaltung der Wissenschaftsleh­re. Er befasste sich umfassend mit dem Methodenstreit der Nationalökonomie und entwickelte seine eigene Wissenschaftskonzeption der „Wirklichkeitswissenschaft“. Er vertrat die Position, die Wissenschaft könne keine Werturteile abgeben und ver­teidigte diese „Werurteilsfreiheit der Wissenschaften“ - wenig erfolgreich - in den wis­senschaftlichen Gesellschaften seiner Disziplinen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit Webers Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ ausein­ander. Den Vortrag hielt Weber 1917 auf Einladung des „Freistudentischen Bundes“ in München. In ihm skizziert Weber die „äußeren“ und „inneren“ Umstände des wis­senschaftlichen Arbeitens, sowie die Aufgabe (den Beruf) der Wissenschaft selbst. Er nimmt Bezug zu dem im gleichen Jahr veröffentlichten Aufsatz „Der Sinn der .Wertfrei- heit' der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“ und ist ein Plädoyer für die von ihm geforderte „Wertefreiheit“. Im vorliegenden Text wird untersucht, wie We­ber die Konzepte der „Werturteilsfreiheit“ und der „Rationalität“ im Vortrag verarbeitet hat und stellt dabei die Frage: „Wie stehen die Rationalisierung und die Werturteils­frage im Zusammenhang?“. Um den Leser in den Kontext der Fragestellung einzufüh­rend wird dazu im ersten Teil des Textes auf Webers Leben, sowie das Aufkommen der Werturteilsfrage eingegangen. Danach werden die Konzepte der „Wertefreiheit“ und der „Rationalität“ vorgestellt und schließlich im dritten Teil auf die Verarbeitung der beiden Konzepte in „Wissenschaft als Beruf“ eingegangen.

2 Der Kontext

2.1 Das Leben

Max Weber wurde am 21 April 1864 in Erfurt geboren1. Er war der älteste Sohn von Dr. jur. Max Weber sen. und Helene Weber, geb. Fallenstein. Sein Vater war Jurist und arbeitete als Magistrat in Erfurt. 1869 wurde er Stadrat in Berlin und zog mit seiner Familie nach Charlottenburg. Seine Familie war eine Kaufmanns- und Industrieellen­familie, die im Textilgewerbe tätig war. Die Familie von Helene Weber war durch hohe Bildung geprägt, zwei ihrer Schwestern waren mit Straßburger Professoren verheira­tet.

Nach absolvieren des Abiturs 1882 begann in Heidelberg Jurisprudenz, Nationalöko­nomie, Geschichte, Philosophie und etwas Theologie zu studieren. Während seines einjährigen Wehrdienstes 1883 in Straßburg studierte er an der dortigen Universität, ab 1884 in Berlin. 1886 absolvierte er das erste Juristische Staatsexamen in Celle. 1889 promovierte er über „Die Entwickelung des Solidarhaftprinzips und des Son­dervermögens der offenen Handelsgesellschaft aus den Haushalts- und Gewerbe­gemeinschaften in den italienischen Städten“ 1892 habilitierte er an der Universität Berlin mit seiner Arbeit „Die römische Agrargeschichte und ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht“. Bald darauf heiratete er Marianne Schnitger, eine entfernte Cousine.

Seine Laufbahn als Professor begann er 1983 mit nur 29 Jahren in Freiburg, wo er auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie berufen wurde. In seiner Antrittsvorlesung kritisierte er die nationalökonomischen Schulen, darunter auch die Schmollersche Schule, für ihre Vermengung von Tatsachenaussagen und Werturteilen2. 1896 wurde er an den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaften in Heidelberg gerufen. Er folgte dem Ruf und zog nach Heidelberg um. Als sein Vater im August 1897 starb entwickelte sich ein Nervenleiden, aufgrund dessen er seine Lehrtätigkeit in den nächsten fünf Jahren einschränkte. Dem Tod des Vaters war ein Streit vor­ausgegangen, weil dieser seine Frau misshandelt hatte. Weber hatte ihn des Hauses verwiesen und gab sich deshalb die Mitschuld am Tod seines Vaters. Neben diesem Vorfall spielte jedoch seine Überlastung aufgrund des sehr hohen Arbeitspensums das er sich auferlegte eine Rolle. 1903 legte er sein Lehramt nieder. Erst 1918 nahm er seine Lehrtätigkeit auf dem Lehrstuhl für politische Ökonomie an der Universität Wien wieder auf.

Die juristische Karriere, die er vor seiner Habilitation verfolgte blieb erfolglos. Auch seine politische Karriere verlief trotz zahlreicher Engagements nicht nach seinen Vor­stellungen. 1888 trat er in den Verein für Socialpolitik ein, für den er die ostelbischen Gebiete in der geplanten „Landarbeiter-Enquete“ bearbeitete. Die Arbeit die er 1892 abschloss brachte ihm erste allgemeine wissenschaftliche Anerkennung ein.3 1896 war er als Berichterstatter des Bundesrates beim vorläufigen Börsenausschuss tätig, wurde jedoch 1897 nicht in den endgültigen Ausschuss übernommen. Versuche wäh­rend des Ersten Weltkrieges für die deutsche Militärverwaltung zu arbeiten verliefen erfolglos. 1916 trat er durch Vermittlung von Friedrich Naumann dem „Arbeitsaus­schuss für Mitteleuropa“ bei, der sich mit Fragen der Zoll- und Wirtschaftsgemein­schaft befasste. Weiterhin betätigte er sich als Journalist der Frankfurter Zeitung, die er zur Kritik der Kriegspolitik nutzte. Gegen Kriegsende beschäftigte er sich mit Ver­fassungsentwürfen für Deutschland. 1918 trat er der DDP bei und trat 1919 zu den Wahlen zur Nationalversammlung an, abermals erfolglos. Weitere Ämter blieben ihm ebenfalls versagt.

Nach der vorläufigen Beendigung seiner Universitätskarriere 1904 reiste Weber mit seiner Frau nach Amerika. Die auf dieser Reise gewonnenen Eindrücke beeinfluss­ten seine späteren Werke, unter anderem auch „Wissenschaft als Beruf“, in dem er das amerikanische mit dem deutschen Universitätswesen vergleicht. Nach seiner Rückkehr erschien seine Schrift „Die protestantische Ethik und der,Geist“ des Kapi­talismus“. Ab 1915 schrieb er weitere religionssoziologische Studien über den Bud­dhismus (1916) und das antike Judentum (1917), die später zusammen unter dem Titel „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ veröffentlicht wurden. 1908 begann er mit der Arbeit an „Wirtschaft und Gesellschaft“, das jedoch erst posthum von seiner Frau veröffentlicht wurde. 1909 entstand die „Deutsche Gesellschaft für Soziologie“, als deren Gründungsmitglied er in den Vorstand gewählt wurde. 1912 schied er aus dem Vorstand aus, da er sich in zahlreichen Debatten um die Werturteilsfreiheit nicht durchsetzen konnte. Seine Reden „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ hielt er 1917 bzw. 1919 auf Einladung des „Freistudentischen Bundes“ in München. Weber starb im Juni 1920 an einer Lungenentzündung.

2.2 Das Aufkommen der Diskussion um die Werturteilsfreiheit

Der Vortrag von„Wissenschaft als Beruf“ in München war nicht die erste Gelegenheit, bei der Weber für die Werturteilsfreiheit plädierte und er war auch nicht der einzige Wissenschaftler der sich damit befasst. Die Frage nach dem Sinn und Zweck der Wis­senschaften wurde damals oft gestellt und diskutiert. Doch warum war dieses Thema für die Gesellschaft um die Jahrhundertwende so zentral? Die geschichtliche Entwick­lung der Wissenschaften, sowie gesellschaftliche und technologische Entwicklungen erlauben eine überzeugende Antwort.

Für die wissenschaftsgeschichtliche Erklärung ist der Übergang von einer theozen- tristischen zu einer anthropozentristischen Wissenschaft zentral. Im 17. und 18. Jahr­hundert versuchten die westlichen Wissenschaftler noch durch systematische Erfor­schung der Welt die Existenz eines übernatürlichen Wesens nachzuweisen.4 Theolo­gie und christliches Weltbild dominierten die Gesellschaft und Wissenschaft. Im 19. Jahrhundert wandelte sich dieser Zustand und obwohl religiöse Erklärungen zuneh­mend verworfen wurde, hielt sich der Glaube an eine „Bestimmung“ der Geschich­te. Die historischen Disziplinen waren damals in den Wissenschaften am stärksten vertreten.5 Mit dem Versuch, eine Methodik für die Nationalökonomie einzuführen, die zwischen „theoretischer“,„historischer“und „praktischer“ Schule unterschied, löste Carl Menger 1883 einen Methodenstreit aus, dem Schmoller mit seiner historischen Schule gegenüber stand. Weber beschäftigte sich intensiv mit diesem Streit und nahm dazu eine vermittelnde Stellung ein

Die „Krise des Historismus“6 beschäftigte die Gesellschaft um die Jahrhundertwende ebenfalls. Die Kritik am Positivismus schlug in Kulturkritik und Kulturpessimismus um und stellte in Frage ob eine Geschichtswissenschaft ob der menschlichen Subjekti­vität möglich sei. Diesem „Relativismus“ stellten sich einige Wissenschaftler mit er­kenntnistheoretischen und methodischen Ansätzen entgegen. Weber wurde von die­ser Position wesentlich beeinflusst.

Einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Gesellschaft hatte auch der tech­nologische Wandel. Die Industrialisierung erreichte Deutschland vergleichsweise spät und wurde daher unter Druck vorangetrieben. Insbesondere die Spitzen der Wirt­schaft verbanden sich mit der Politik. Eine starke unabhängige Klasse als Gegenge­wicht konnte sich nicht entwickeln. Diese durch die Eliten ausgeführt Politik ermöglich- te die rasche Industrialisierung, die Demokratisierung blieb jedoch auf der Strecke.7 Die Gesellschaft in der Zeit um die Jahrhundertwende war demnach von tiefgreifen­den Paradigmenwechseln gezeichnet. Die Abkehr von der Religion und das Aufkom­men der Industrie veränderte das Wertefundament der Gesellschaft. Wissenschaftler wie Rickert, Dilthey, Schmoller, Roscher und Knies vertraten die Ansicht, die Wis­senschaft müsse Werte und Ideale begründen, da die säkulare, kapitalistische Indus­triegesellschaft keine Werte mehr generieren könne.8 Weber vertrat die gegenteilige Ansicht und führte die Debatte intensiv im „Verein für Sozialpolitik“ sowie der „Deut­schen Gesellschaft für Soziologie“.

3 Exkurs: Werturteilsfreiheit und Rationalität

3.1 Die Werturteilsfreiheit

Im vorangehenden Abschnitt wurde erläutert weswegen die Werturteilsfrage aufkam und es wurde auch darauf eingegangen in welchen (wissenschaftlichen) Kreisen sie diskutiert wurde. In diesem Abschnitt wird untersucht was die Werturteilsfreiheit, wie Weber sie vertrat, ausmacht. In der Schrift „Der Sinn der ,Wertfreiheit‘ der soziologi­schen und ökonomischen Wissenschaften“ hat Weber 1917 seine Ausführungen zur Werturteilsfrage veröffentlicht. Die Ausführungen im Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ - den er im gleichen Jahr hielt - basieren weitgehend darauf. Im Folgenden wird die „Wertfreiheit“, wie Weber sie forderte, anhand beider Texte erarbeitet.

Webers Anliegen besteht im Grunde aus zwei voneinander abzuhebenden Argumen­ten: erstens der Forderung nach „Werturteilsfreiheit“ im engeren Sinn und zweitens das Problem der „Wertbeziehung“.9

Die Forderung nach „Werturteilsfreiheit“ im engeren Sinn verlangt eine Trennung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und subjektiven Werturteilen. Weber fordert dies insbesondere von Dozenten. Zu seiner Zeit nutzten viele Professoren, wie Treitschke, Mommsen und Schmoller ihre Vorlesungen zur Propagierung „praktisch-politischer ideale“10, was er in Hinblick auf die Schweigepflicht der Zuhörer bedenklich fand. Von einem guten Lehrer forderte Weber „intellektuelle Rechtschaffenheit“11, und dass er den Studenten beibringe, unbequeme Tatsachen anzuerkennen und von deren Wer­tung zu trennen, sowie seine eigene Person hinter der Sache zurückzustellen12. Ein Forscher muss die festgestellten Tatsachen von seinen Wertungen derselben tren­nen, auch wenn dies nicht seinen Vorstellungen entspricht. Denn jede Forschung unterliegt den Einfluss von Wertungen bereits durch die Themenwahl, die oft auf sub­jektivem Interesse beruht.

Dies führt uns zum zweiten Anliegen Webers, dem Problem der Wertbeziehung, das die Beziehung zwischen Forschungsergebnissen und den Werten des Forschers be­trifft. Welche Mittel eine Person für die Lösung eines Problems für geeignet hält, un­terliegt der Wertung die sie dem verfolgten Zweck bemisst. Wenn man sich in einer Diskussion auf einen gemeinsamen Zweck einigt kann es daher sein, „daß der genau gleiche Zweck aus sehr verschiedenen letzten Gründen gewollt wird und daß dies auf die Diskussion der Mittel von Einfluß ist“.13 Die „wissenschaftliche“ Vertretung dieser „letzten Gründe“ sieht Weber als unmöglich, weil „die verschiedenen Wertordnungen der Welt in unlöslichem Kampf untereinander stehen“.14

[...]


1 Die bibliografischen Angaben wurden sofern nicht anders gekennzeichent aus Käsler 2003, ent­nommen.

2 vgl. ebd., S.21 f.

3 vgl. Käsler 2003, S.20.

4 vgl. Kaiberg 2006, S.17 f.

5 vgl. Käsler 2003, S.243.

6 vgl. hierzu und zum Folgenden ebd., S.236 f.

7 vgl. Kaiberg 2006, S.83 f.

8 vgl. ebd., S.19.

9 vgl. Käsler 2003, S.245.

10 vgl. ebd., S.245.

11 Weber 1995, S.30.

12 vgl. Weber 1985a, S.493.

13 vgl. ebd., S.500.

14 vgl. Weber 1995, S.32.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Max Webers Werturteilsfreiheit und Rationalität in "Wissenschaft als Beruf"
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Veranstaltung
History of Economic Theory
Note
1.3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V1043530
ISBN (eBook)
9783346474841
ISBN (Buch)
9783346474858
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Weber, Economic Theory, Wissenschaft als Beruf, Werturteilsfreiheit
Arbeit zitieren
Martin Georg Haas (Autor), 2016, Max Webers Werturteilsfreiheit und Rationalität in "Wissenschaft als Beruf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1043530

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