Die Arbeit setzt sich mit den veränderten Vorstellungen von Liebe und Sexualität auseinander. Im Speziellen geht es um das Modell der Polyamorie, eine Praxis nach der Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen gleichzeitig existieren dürfen- im Kontrast zur gängingen Vorstellung einer monogam geführten Partnerschaft. Beleuchtet wird das Thema empirisch (qualitativ) mittels Interviews, die mit Paarberater*innen geführt worden sind, die in ihrer Praxis polyamor lebende Paare begleitet haben.
Was heißt Liebe und welche Bedeutung hat sie für den Menschen? Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm hat hierzu eine klare Meinung: „Ohne die Liebe könnte die Menschheit nicht einen Tag leben.“ Es scheint also etwas Existentielles für den Menschen zu sein. Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch verschiedene Formen der Liebe finden. So wird von Nächstenliebe gesprochen, von mütterlicher Liebe, von erotischer Liebe oder auch Selbstliebe. Die erotische Liebe stellt die wohl trügerischste Form der Liebe dar, da sie zwar exklusiv, aber nicht universell ist. Was aber, wenn diese Exklusivität in einer Partnerschaft nicht als oberste Kategorie erhoben wird? Was, wenn Beziehungsgestaltung neue Formen annimmt?
Das bindungsfreie Leben wird nicht nur in vielen medialen Darstellungen angepriesen, es ist eindeutiges Merkmal vieler Großstädte. Langfristige Verbindungen scheinen an Attraktivität zu verlieren, das eigene Ich wird in seinen verschiedensten Formen inszeniert und der eigene Genuss in den breiten Möglichkeiten in den Vordergrund gestellt. Dieser Trend wird durch die Statistiken der Einwohnermeldeämter bestätigt. Seit dem Jahr 1991 steigen Einpersonenhaushalte kontinuierlich an und machen in Großstädten, wie etwa München, Berlin oder Köln etwa 50 Prozent der Haushalte insgesamt aus.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Wandel von Partnerschaft und Beziehung
2.1 Historisch-soziologischer Rückblick unter Einbeziehung christlicher Glaubensvorstellungen
2.2 Die Liebe und die Diversität des Begriffs
2.2.1 Liebe im historischen Verständnis
2.2.2 Liebe im religiös-soziologischen Verständnis
2.2.3 Liebe aus dem Blickwinkel der Psychologie
3. Sexualität
3.1 Sexualität in Gesellschaft und Beziehungen
3.2 Sexualität als Ausdruck von Intimität
3.3 Männliche und weibliche Sexualität
3.4 Das katholische Sexualideal
3.5 Die sexuelle Revolution
3.6 Sexualität in Zeiten des Internet
4. Polyamorie
4.1 Ursprung und Definition von Polyamorie
4.2 Aktueller Forschungsstand
4.3 Polyamorie in Abgrenzung zu Monogamie und zu Offener Beziehung
4.4 Grundsätze von Polyamorie
4.5 Formen von Polyamorie
4.6 Grenzen und Hürden in der Polyamorie
4.7 Paar- und Einzelberatung zu Polyamorie
5. Begründung für die qualitative Vorgehensweise
6. Untersuchungsdesign und Forschungsmethode
6.1 Stichprobe
6.2 Methodik und Instrumente
6.3 Durchführung der Interviews
6.4 Regeln der Interviewtranskription
6.5 Auswertung der Daten
6.6 Ergebnisse
7. Diskussion, Ausblick und Implikationen für die Praxis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld, in dem sich die katholische Ehe- und Paarberatung bei der Begleitung von Menschen in nicht-monogamen Beziehungsformen wie der Polyamorie bewegt, und identifiziert dabei charakteristische Merkmale dieser Lebenskonzepte aus der Perspektive professioneller Beraterinnen.
- Historischer und soziologischer Wandel von Liebe und Partnerschaft
- Entwicklung und Bedeutung von Sexualität in der modernen Gesellschaft
- Theoretische Grundlagen und Definitionen von Polyamorie
- Qualitative Analyse von Experteninterviews mit Paarberaterinnen
- Diskussion von Konfliktfeldern und Rahmenbedingungen in polyamoren Beziehungen
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Liebe im historischen Verständnis
„Die progressiv-dynamische Turnschuhgeneration unserer Zeit schmückt sich mit Superelektronik und galaktischen Frisuren, im Herzen aber träumen sie dieselben Märchenträume wie unsere Omas. Schneller sind die Autos geworden und die Wandlungen der Mode, aber nicht das wirkliche Nachdenken über die Fragen der Liebe.“ (Duhm, 1998, S. 36)
Obgleich das Zitat bereits 22 Jahre alt ist, lässt sich der Kern der Aussage auf die Gegenwart übertragen. So beschäftigten sich Ethnologen erst seit etwa 25 Jahren mit der Liebe, indem sie Feldforschungen in verschiedenen Kulturen betreiben, Sprachen analysieren und versuchen zu verstehen, welche Wirkungszusammenhänge bestehen (Antweiler, 2018).
„Das Modell der romantischen Liebe ist eine Erfindung der Neuzeit, die wahrscheinlich auf die zunehmende Ausdifferenzierung und Individualisierung der modernen Gesellschaft reagiert und auch mit gewissen sozioökonomischen Bedingungen des Bürgertums einhergeht.“ (Hofmann, 2012, S. 13) Diese Aussage fügt sich in die Haltung von Beck und Beck-Gernsheimer (Kap. 2.1) und führt die Veränderungen auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zurück.
Was also hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte verändert und welche Zusammenhänge lassen sich herstellen? Die Entstehung der individuellen Geschlechtsliebe sieht Volkmar Sigusch als eine der Ausprägungen des Kapitalismus an. Die Wurzeln sieht er in der Entstehung des bürgerlichen Individuums, als die Bourgeoisie zur herrschenden Klasse aufgestiegen war. In der Sklavengesellschaft oder der patriarchalen Ausbeutergesellschaft habe es ein Liebesverständnis im autonomen und individuellen Sinne nicht gegeben (Sigusch, 2005, S. 14).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel von Liebeskonzepten und führt in das Forschungsinteresse der Polyamorie im Kontext der katholischen Ehe- und Paarberatung ein.
2. Der Wandel von Partnerschaft und Beziehung: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung von Partnerschaften unter dem Einfluss soziologischer und christlicher Faktoren sowie deren Individualisierung in der Moderne.
3. Sexualität: Hier werden die gesellschaftlichen Normen, geschlechtsspezifische Unterschiede und der Einfluss des Internets auf die menschliche Sexualität analysiert.
4. Polyamorie: Das Kapitel definiert den Begriff Polyamorie, beleuchtet den Forschungsstand und grenzt die Beziehungsform von Monogamie und offenen Beziehungen ab.
5. Begründung für die qualitative Vorgehensweise: Dieses Kapitel erläutert die methodische Entscheidung für einen qualitativen Forschungsansatz zur Erfassung von subjektiven Erfahrungen und neuen sozialen Phänomenen.
6. Untersuchungsdesign und Forschungsmethode: Hier wird der empirische Teil beschrieben, einschließlich der Stichprobenwahl, der Experteninterviews und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz.
7. Diskussion, Ausblick und Implikationen für die Praxis: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Interviews und leitet Implikationen für die professionelle Arbeit in der Ehe- und Familienberatung ab.
Schlüsselwörter
Polyamorie, Sexualität, Eheberatung, Monogamie, qualitative Forschung, Paartherapie, Vielliebe, Liebeskonzepte, Beziehungsgestaltung, Intimität, Soziologie, gesellschaftlicher Wandel, katholische Eheberatung, Eifersucht, Beziehungsmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Polyamorie im Kontext der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung und analysiert, wie diese Beziehungsform von Fachkräften wahrgenommen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind der Wandel von Partnerschaftsvorstellungen, die Rolle der Sexualität in der modernen Gesellschaft, die Definition von Polyamorie und deren praktische Handhabung in der Paarberatung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für nicht-monogame Beziehungsformen zu entwickeln und zu eruieren, in welchem Spannungsfeld sich Beraterinnen bewegen, wenn sie mit Klientinnen arbeiten, die polyamor leben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen Forschungsansatz. Es wurden Experteninterviews mit acht Paarberaterinnen geführt und die Daten mithilfe einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Abschnitt über Liebe, Sexualität und Polyamorie sowie einen empirischen Abschnitt, in dem die Ergebnisse der Experteninterviews detailliert dargestellt und analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Polyamorie, Paarberatung, Sexualität, Beziehungsmodelle, Monogamie und qualitativen Forschungsansatz charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst der christliche Kontext die Beratung?
Die Interviews zeigen, dass Beraterinnen, die im katholischen Rahmen tätig sind, teilweise den Konflikt zwischen traditionell christlichen Werten und der gelebten Lebensrealität ihrer Klientinnen thematisieren und dabei oft den eigenen normativen Rahmen reflektieren.
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Polyamorie?
Die qualitative Auswertung deutet darauf hin, dass die Initiative zu einer nicht-monogamen Beziehungsform in der Mehrzahl der untersuchten Beratungsfälle von Frauen ausging, was im Widerspruch zu manchen älteren Annahmen der Paar- und Sexualforschung steht.
Welche Bedeutung spielt die Eifersucht in diesen Beziehungen?
Eifersucht wird in nahezu allen untersuchten Beratungsfällen als zentrales Konfliktthema benannt, wobei der Umgang damit – ob als rationaler Aushandlungsprozess oder als existenzielle Angst vor Verlust – das Beratungserleben maßgeblich beeinflusst.
Wie blicken die Beraterinnen in die Zukunft der Beziehungsmodelle?
Die Einschätzungen sind ambivalent; während einige Beraterinnen von einem weiteren Zuwachs polyamorer Lebensweisen ausgehen, sehen andere eine Gegenbewegung und halten an der Bedeutung der exklusiven Paarbeziehung als Ideal fest.
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- Xenia Lehr (Author), 2020, Liebe und Sexualität im Wandel der Gesellschaft. Polyamorie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1043552