Liebe und Sexualität im Wandel der Gesellschaft. Polyamorie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung


Masterarbeit, 2020

71 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

IV Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

I THEORETISCHER TEIL
2. Der Wandel von Partnerschaft und Beziehung
2.1 Historisch-soziologischer Rückblick unter Einbeziehung christlicher Glaubensvorstellungen
2.2 Die Liebe und die Diversität des Begriffs
2.2.1 Liebe im historischen Verständnis
2.2.2 Liebe im religiös-soziologischen Verständnis
2.2.3 Liebe aus dem Blickwinkel der Psychologie
3. Sexualität
3.1 Sexualität in Gesellschaft und Beziehungen
3.2 Sexualität als Ausdruck von Intimität
3.3 Männliche und weibliche Sexualität
3.4 Das katholische Sexualideal
3.5 Die sexuelle Revolution
3.6 Sexualität in Zeiten des Internet
4. Polyamorie
4.1 Ursprung und Definition von Polyamorie
4.2 Aktueller Forschungsstand
4.3 Polyamorie in Abgrenzung zu Monogamie und zu Offener Beziehung
4.4 Grundsätze von Polyamorie
4.5 Formen von Polyamorie
4.6 Grenzen und Hürden in der Polyamorie
4.7 Paar- und Einzelberatung zu Polyamorie

II EMPIRISCHER TEIL
5. Begründung für die qualitative Vorgehensweise
6. Untersuchungsdesign und Forschungsmethode
6.1 Stichprobe
6.2 Methodik und Instrumente
6.3 Durchführung der Interviews
6.4 Regeln der Interviewtranskription
6.5 Auswertung der Daten
6.6 Ergebnisse
7. Diskussion, Ausblick und Implikationen für die Praxis

V Literaturverzeichnis

VI Anhang
1. Anschreiben
2. Interviewleitfaden
3. Transkriptionen (nicht enthalten)

II Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Pornografiekonsum nach Matthiesen et al. (2018)

Abb. 2 Generelles Ablaufsystem nach Kuckartz (2018)

Abb. 3 Ablaufschema inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018)

Abb. 4 Sechs Formen der einfachen und komplexen Auswertung der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018)

III Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Kodierleitfaden: eigene Erstellung

Tab. 2 Subjektives Verständnis von Vielliebe: eigene Erstellung

Tab. 3 Verbreitung der Beziehungsform: eigene Erstellung

IV Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Love' has nothing to do with what you are expecting to get - only with what you are expecting to give - which is everything.“ (Katharine Hepburn, 1992, S. 92)

Mit dem vorausgegangenen Zitat beschreibt die US-amerikanische Schauspielerin Katharine Hepburn in wenigen Worten das, was sie unter Liebe versteht. Sie meint, Liebe sei weniger das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben (Hodge, 1992, S. 72).

Was heißt also Liebe und welche Bedeutung hat sie für den Menschen? Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm hat hierzu eine klare Meinung: „Ohne die Liebe könnte die Menschheit nicht einen Tag leben.“ (Fromm, 2007, S. 29). Es scheint also etwas Existentielles für den Menschen zu sein. Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch verschiedene Formen der Liebe finden. So wird von Nächstenliebe gesprochen, von mütterlicher Liebe, von erotischer Liebe oder auch Selbstliebe.

Die erotische Liebe stellt die wohl trügerischste Form der Liebe dar, da sie zwar exklusiv, aber nicht universell ist (ebd. S. 59 ff.). Was aber, wenn diese Exklusivität in einer Partnerschaft nicht als oberste Kategorie erhoben wird? Was, wenn Beziehungsgestaltung neue Formen annimmt? Das bindungsfreie Leben wird nicht nur in vielen medialen Darstellungen angepriesen, es ist eindeutiges Merkmal vieler Großstädte. Langfristige Verbindungen scheinen an Attraktivität zu verlieren, das eigene Ich wird in seinen verschiedensten Formen inszeniert und der eigene Genuss in den breiten Möglichkeiten in den Vordergrund gestellt (Seidel, 2006, S. 45). Dieser Trend wird durch die Statistiken der Einwohnermeldeämter bestätigt. Seit dem Jahr 1991 steigen Einpersonenhaushalte kontinuierlich an und machen in Großstädten, wie etwa München, Berlin oder Köln etwa 50 Prozent der Haushalte insgesamt aus (Tagesspiegel, 2018).

Der Ableger der Zeit „Zeitmagazin“ wirft die Frage auf, wie frei die neue Liebe sein darf und interviewt hierzu den renommierten Paarforscher Ulrich Clement. Clement beschreibt den Einfluss der 1968er Jahre, erläutert die emotionale Tragweite von Polyamorie und stellt gesellschaftliche Zusammenhänge her. Er verbindet Polyamorie mit sexueller Selbstbestimmung und glaubt, dass es die neue weibliche Liebe verkörpert (Zeitmagazin, 2017). Wer in dem Interview jedoch eindeutige Antworten sucht, wird enttäuscht.

Die Psychologie Heute widmet in ihrer Oktoberausgabe 2019 einen Artikel dem Thema Polyamorie. Unter dem Titel „Vielfachlieben“ wird eine gedankliche Analyse zu bisherigen Erkenntnissen durchgeführt und die Frage aufgeworfen, inwiefern es sich bei dieser Beziehungsform um ein zukunftsträchtiges Modell handelt. Fokussiert wird auf die dritte Person als Korrektiv sowie die Eifersucht als konstruierte und nicht-natürliche Emotion (Himpsl, 2019).

Der Austausch mit Paarberaterinnen und intensive Recherchen haben ergeben, dass das Thema Polyamorie in den vergangenen Jahren eine zunehmende Aufmerksamkeit bekommen hat. In diversen Medienportalen finden sich mehr als ein Dutzend Dokumentationen und Filmbeiträge, so zum Beispiel aus der Reihe „Menschen hautnah“ mit dem Titel „Ich liebe beide Männer“ (WDR 2013). Der TV-Sender Arte widmete bereits im Jahr 2008 einen ganzen Abend dem Thema Dreifachbeziehung mit dem Titel „Drei Herzen“ (Arte, 2008).

Die Beiträge zeigen, dass das Thema in den aktuellen Lebenswelten von Menschen angekommen ist. Belastbare Zahlen sind zuweilen nicht zu finden und ein wissenschaftlicher Diskurs ist im deutschsprachigen Raum bislang ausgeblieben. Eine größere, breit angelegte deutschsprachige Studie zu Polyamorie wurde zwischen Winter 2016 und Sommer 2019 an der Universität Wien durchgeführt. Der Sozialwissenschaftler Stefan Ossmann hat Polyamorie aus medialer und sozialer Perspektive betrachtet. Ziel war die Erforschung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Eigenwahrnehmung und in medial vermittelter Fremddarstellung polyamorös lebender Personen im deutschsprachigen Raum. Die Veröffentlichung der Untersuchung ist zum Sommer 2020 zu erwarten (Ossmann, 2019).

Zur Frage was Liebe eigentlich ist, meint Imre Hofmann: „Es ist irgendwie dasselbe, nämlich insofern es Liebe ist, aber auch anders, insofern es eine ganz individuelle Liebe ist.“ (Hofmann, 2012, S. 10)

Ausgehend von der Annahme, dass DIE LIEBE in einer Paarbeziehung einzigartig ist und damit auch unterschiedliche Erwartungen an eine Partnerschaft gerichtet werden, steht die Paarberatung permanent vor der Herausforderung zu ergründen, mit welchen Idealen und Vorstellungen Paare sich begegnen. Die heute dominant vorherrschende Vorstellung vom romantischen Liebesideal mit einer Exklusivität zu zweit (Lenz, 2007, S. 12) gerät mit Blick auf eine immer stärker werdende Diversität ins Wanken.

Das Berufsbild des Bundesverbands katholischer Ehe-, Familien - und Lebensberaterinnen und -berater e.V. erkennt die Existenz von Familien in ihrer diversen Ausgestaltung heute an: „Die Familie in ihren vielfältigen Formen ist für die meisten Menschen der Raum, in dem sie aufwachsen, soziale Erfahrungen sammeln und ihre Prägung erfahren.“ (BVA, 2017). Gleichzeitig ist die Vorstellung vorherrschend, dass eine Ehe, Partnerschaft oder Familie durch Mann und Frau begründet werden (ebd. S. 2). Gibt es also ein Spannungsfeld, in dem sich katholische Ehe- und Paarberatung bewegt? Wie wird in der Paarberatung mit nicht-monogamen Beziehungsformen umgegangen und welche Merkmale zeigt diese vermeintlich neue Beziehungsform? Diesen Fragen soll in der schwerpunktmäßig empirisch ausgerichteten Arbeit nachgegangen werden.

Der erste Teil der vorliegenden Arbeit skizziert den Wandel von Liebes- und Sexualbeziehungen und setzt damit einen historischen Kontext für das Regelwerk von Paarbeziehungen.

Der zweite Teil beinhaltet eine qualitative Inhaltsanalyse. Per Interviews wurden Beraterinnen der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung zu ihren Erfahrungen mit dem Thema Polyamorie befragt. Ziel war es, die Frage nach einem möglichen Spannungsfeld in der katholischen Ehe- und Paarberatung bei nicht-monogamen Beziehungsformen zu beantworten sowie Merkmale dieser Beziehungsform zu identifizieren.

Der letzte Abschnitt endet mit einem Fazit und einem Ausblick, der die entsprechenden Ergebnisse der Interviews diskutiert und in einen aktuellen Sachverhalt fügt.

I THEORETISCHER TEIL

2. Der Wandel von Partnerschaft und Beziehung

Der Schweizer Psychoanalytiker Jürg Willi vertritt die These, dass eine Paarbeziehung zwei wichtige Merkmale beinhalten muss: zum einen muss sich die Dyade der Paarbeziehung nach außen hin klar abgrenzen lassen. Es muss also ein eigenes Paarleben existieren. Zum anderen muss es eine klare Unterscheidung zwischen den Personen innerhalb der Partnerschaft geben. Willi ist davon überzeugt, dass es dabei nicht entscheidend ist, wie intim ein außerehelicher Kontakt ist, sofern klar ist, dass die Beziehung in der Ehe eine grundsätzlich andere ist als jede andere Partnerbeziehung (Willi, 2016, S. 26 ff.). Diese gegenwärtige Betrachtung einer Partnerschaft bewegt sich im Zeitalter der Moderne und ist in eine individualisierte Gesellschaftsstruktur eingebettet. Die Partnerschaft wird sowohl nach innen als auch nach außen differenziert betrachtet. Jedoch hat es eine außerordentliche Entwicklung in den vergangenen Jahren gegeben, die zur dieser Auffassung geführt hat. Wie es dazu gekommen ist und welche Bedingungen eine Rolle gespielt haben, soll auf den folgenden Seiten dargestellt werden. Im Fokus stehen dabei gesellschaftliche Einflussfaktoren und Bedingungen.

2.1 Historisch-soziologischer Rückblick unter Einbeziehung christlicher Glaubensvorstellungen

Dass die Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts auch Einfluss auf Familie, Ehe und Partnerschaft hatte, ist unumstritten und vielfach zitiert (Hill / Kopp, 2006, S. 42 ff.). Diese gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse haben dazu geführt, dass sich traditionelle Bindungen verändert haben und sich die Systematik einer Partnerschaft ebenfalls verändert hat. In der Vormoderne war das Leben von Menschen durch zahlreiche traditionelle Bindungen geprägt. Heimat, Religion, Stand und Geschlechtszugehörigkeit unterlagen nicht einer individuellen Wahlfreiheit, sondern waren in ein bestimmtes Wirtschafts- und Wertesystem eingebunden. So bot das Eingebundensein in eine christliche Glaubensvorstellung zwar Schutz und Geborgenheit, ließ andererseits jedoch keine Wahlmöglichkeit sich außerhalb des Wertesystems zu bewegen (Beck-Gernsheimer, 1990, S.66).

Noch bis zum Jahr 1968 war die Ehe eine Beziehungsform, die nicht in Frage gestellt wurde und ein konkretes Ziel hatte: die Familiengründung. Die Rollen von Männern und Frauen waren klar definiert (zumindest in der BRD) und aufeinander abgestimmt. Den Rahmen definierten die Kirche und gesetzliche Bestimmungen. Nach der 1968er- Bewegung wurde die Ehe als patriarchale Institution verteufelt und man propagierte die freie und ehrliche Liebe. Diese Befreiungsbewegung mündete in einen deutlichen Rückgang der Eheschließungen und erlaubte es, Beziehungen ohne Verpflichtungen einzugehen. Frauen kämpften für ebenbürtige Chancen im Beruf. Haushaltspflichten sowie Kindererziehung sollten zwischen den Geschlechtern fair verteilt werden (Willi, 2016, S. 12 f.). „Während Jahrzehnten wurde in der westlichen Industriegesellschaft dem romantischen Ideal „Liebe als exklusive Zweisamkeit“ nachgestrebt. Die damit verbundene Überlastung der Ehe führte zur Enttäuschung. Die heutige Kritik an der Ehe kann zum Teil als Folge des Scheiterns dieser idealistischen Eheperiode angesehen werden.“ (ebd., S. 27).

Die Soziologen Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck fanden bereits in den 1990er Jahren große Veränderungen im Rollenverständnis von Frauen und Männer. Sie beobachten Unsicherheiten und gestiegene Scheidungsraten und das Ringen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dabei fokussierten sie zudem auf Veränderungsprozesse innerhalb der Elternschaft und pointieren die Aushandlungsprozesse, denen Paare heute ausgesetzt sind. Sie bezeichnen dies als „Klassenkonflikt, der nach dem Klassenkonflikt kommt.“ (Beck / Beck-Gernsheimer, 1990). Sie führen diese Veränderungen auf einen gestiegenen Wohlstand und eine gestiegene soziale Sicherheit zurück. Frieden, Gleichheit und Familie stünden nicht mehr im Schatten von sozialer Not und Unterdrückung und würden somit sichtbarer werden (ebd., S. 9). Teile dieser Perspektive sind gewiss auch noch heute spürbar und haben nicht an Gültigkeit verloren.

Die soziologische Betrachtung des Menschen bewegt sich immanent zwischen der Frage, ob der Mensch als autonomes und freies Subjekt aktiv gestaltend das eigene Leben steuert oder ob es die gesellschaftlichen Strukturen sind, die das menschliche Handeln und Denken bestimmen. Beck-Gernsheimer und Beck betonen in ihrer Annahme den enormen Einfluss der Gesellschaft. Generell muss jedoch davon ausgegangen werden, dass sich die individuelle Biografie in der Verknüpfung von gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen entwickelt (Matthiesen, 2007, S. 25 ff.). Drei Eigenschaften kennzeichnen die Bedingungen von Biografien: der individuelle Lebensverlauf eines Menschen ist ein selbstreferenzieller, ein multidimensionaler Prozess und ist in einen gesellschaftlichen Mehrebenenprozess eingebettet. Dies bedeutet, dass ein Mensch stets auf Basis seiner gesammelten materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen und Lebenserfahrungen handelt und entscheidet. Der Lebensverlauf eines Menschen ist multidimensional, da hier diverse Dimensionen wirken, wie beispielsweise Berufs-, Partnerschafts- und Familienbiografie. Das Zusammentreffen dieser Ebenen führt beim Menschen zu dem Versuch einer Verzahnung der Verläufe. Der gesellschaftliche Mehrebenenprozess meint die Strukturierung des individuellen Lebensverlaufes durch äußere Einflüsse, wie beispielsweise persönliche Beziehungen, Institutionen oder soziale Organisationen (ebd.). Was ist also wesentliches Merkmal der Spätmoderne? Der bekannte britische Soziologe Anthony Giddens betont, es sei eine selbstreflexiv organisierte Biografie, die einem anhaltenden Veränderungsprozess unterlegen ist. Eine lineare Biografie existiert nicht mehr; der Mensch gestaltet seine eigene Biografie permanent um (Giddens, 1991, S. 75 ff.).

Das Individuum ist nicht mehr in dem verlässlichen Rahmen von Traditionen eingebettet und die Lebensabschnitte sind nicht mehr verbindlich vorgegeben. Das eigene Leben muss vielmehr stetig individuell angepasst werden und dies in Verknüpfung von persönlichem und globalem Wandel unter Einbeziehung der eigenen biografischen Vergangenheit und der vorweggenommenen Bestrebungen der Zukunft (Matthiesen, 2007, S. 31 f.).

2.2 Die Liebe und die Diversität des Begriffs

Die Liebe macht die kleine Seele groß.“ (Sigusch, 2005, S. 7)

Mit der Frage, was Liebe eigentlich ist und wie sie sich beschreiben lässt, beschäftigen sich die verschiedensten Fachdisziplinen seit Jahrtausenden. Liebe wird in all ihren Facetten betrachtet, diskutiert und analysiert. Sie wird beschrieben als ein Gefühl, das warm und weich ist (Sigusch, 2005, S. 7.) oder als ein Kulturmuster, das allgemein in Beziehungen zum Ausdruck kommt. Oftmals wird die Liebe jedoch mit einer Zweierbeziehung in Verbindung gebracht. Liebe als Gefühl ist hauptsächlich in der Sozialpsychologie verortet. Primär wird dabei das subjektive Erleben einer Person betrachtet. In der Soziologie wird Liebe vorwiegend als Kulturmuster betrachtet. Es stehen demnach mehr die Vorgänge im Vordergrund, die das individuelle Vorgehen leiten. Niklas Luhmann, der Begründer der Systemtheorie, betrachtete Liebe als Kommunikationscode (Lenz, 2007, S. 398).

Die amerikanische Mathematikerin Clio Cresswell hat sich mit den Zusammenhängen von Zahlen und Partnerschaft beschäftigt und kommt zu dem überraschenden Ergebnis: es gibt mehr Gemeinsamkeit, als man es annehmen würde. Liebe sei logisch und auf Systeme übertragbar. Bei der Frage, warum der Mensch lieben würde, antwortet Cresswell auf die mehrheitlich entwicklungspsychologisch geprägte Auffassung vieler Wissenschaftlerinnen: „Sie glauben, dass Liebe aus dem Zusammenwirken von Anziehung, Fürsorge und Sexualverhalten entsteht, drei Faktoren, die auf verschiedene Entwicklungsstufen einer Beziehung ins Spiel kommen. Dabei stellt die Anziehung eine Erweiterung jener frühen Gefühlsbindung dar, die wir als Kind gegenüber den ersten Personen empfinden, die uns versorgen.“ (Cresswell, 2005, S). Sie skizziert in ihrem Buch „Mathematics and Sex“ die enge - auf Logik basierende - Verknüpfung von Sexualität und Mathematik und nennt eine Reihe von Beispielen sowie übertragbaren Algorithmen (Cresswell, 2003 S. 2 ff.).

Letztlich ist Liebe, wie andere Emotionen auch, in einem gesellschaftlichen Kontext eingebettet und meint in der Regel ein subjektives Erleben (Schroedter / Vetter, 2010, S. 21). Das Gefühl lässt sich nicht vereinheitlichen oder auf alle Menschen gleichermaßen übertragen. Es gibt also nicht die „richtige Liebe“ oder die „falsche Liebe“ (ebd. S. 25). Neueste Forschungen machen jedoch trotz subjektivem Erleben und unterschiedlicher fachspezifischer Zugänge deutlich, dass die Liebe in nahezu allen Ländern der Welt ähnlich empfunden wird. Der Ethnologe Christoph Antweiler bestätigt dies durch die Feststellung, dass nahezu alle Verliebte so etwas wie Schmetterlinge im Bauch spüren, die Körpertemperatur in der akuten Verliebtheitsphase ansteigt und sie sich als füreinander bestimmt fühlen. Gleichzeitig herrscht in der westlichen Welt vorwiegend die Vorstellung einer romantischen Liebe, wohingegen in anderen Kulturen durchaus Ehen arrangiert werden und hierdurch eine völlig andere Auffassung von Liebe existiert, um nur ein Beispiel zu nennen (Antweiler, 2018).

Dass die Untersuchung der Liebe auch im 21. Jahrhundert noch eine gewisse Relevanz besitzt, zeigt das folgende Zitat: „Die Untersuchung der Liebe ist kein nebensächlicher, sondern ein zentraler Beitrag zur Untersuchung des Kerns und der Grundlagen der Moderne.“ (Illouz, 2019, S. 29) Diese Annahme soll auf den folgenden Seiten unter der Betrachtung verschiedener Perspektiven bestätigt werden, insbesondere, wenn es um die Frage der Interpretation und die Auffassung von Liebe geht.

2.2.1 Liebe im historischen Verständnis

„Die progressiv-dynamische Turnschuhgeneration unserer Zeit schmückt sich mit Superelektronik und galaktischen Frisuren, im Herzen aber träumen sie dieselben Märchenträume wie unsere Omas. Schneller sind die Autos geworden und die Wandlungen der Mode, aber nicht das wirkliche Nachdenken über die Fragen der Liebe.“ (Duhm, 1998, S.36)

Obgleich das Zitat bereits 22 Jahre alt ist, lässt sich der Kern der Aussage auf die Gegenwart übertragen. So beschäftigten sich Ethnologen erst seit etwa 25 Jahren mit der Liebe, indem sie Feldforschungen in verschiedenen Kulturen betreiben, Sprachen analysieren und versuchen zu verstehen, welche Wirkungszusammenhänge bestehen (Antweiler, 2018).

„Das Modell der romantischen Liebe ist eine Erfindung der Neuzeit, die wahrscheinlich auf die zunehmende Ausdifferenzierung und Individualisierung der modernen Gesellschaft reagiert und auch mit gewissen sozioökonomischen Bedingungen des Bürgertums einhergeht.“ (Hofmann, 2012, S. 13) Diese Aussage fügt sich in die Haltung von Beck und Beck-Gernsheimer (Kap. 2.1) und führt die Veränderungen auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zurück.

Was also hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte verändert und welche Zusammenhänge lassen sich herstellen? Die Entstehung der individuellen Geschlechtsliebe sieht Volkmar Sigusch als eine der Ausprägungen des Kapitalismus an. Die Wurzeln sieht er in der Entstehung des bürgerlichen Individuums, als die Bourgeoisie zur herrschenden Klasse aufgestiegen war. In der Sklavengesellschaft oder der patriarchalen Ausbeutergesellschaft habe es ein Liebesverständnis im autonomen und individuellen Sinne nicht gegeben (Sigusch, 2005, S. 14).

Die historische Betrachtung geht jedoch weiter zurück. Bereits um 1800 v. Chr. hat es eine rechtliche Regelung, zumindest für die Eheschließung, gegeben. Auch wenn dies nicht mit der heute gemeinten Liebe gleichzusetzen ist, hatte die Ehe folgende Funktionen: die wirtschaftliche Absicherung durch Arbeitsteilung unter den Familienmitgliedern, die Zeugung möglichst vieler männlicher Nachkommen und die religiöse Aufgabe der Fortführung des Ahnenkultes durch die Nachkommen. Neben einer sogenannten Hauptfrau bestand die Familie aus Nebenfrauen, Sklaven und Kindern. Frauen wurde Ehebruch verboten und ihr Verhalten in weiten Teilen reglementiert. Die Ehe war primär eine wirtschaftliche Einrichtung. Die Liebe stand eher mit den Göttern in Verbindung, die beispielsweise vor der Heirat zum Treueverhalten der Frau befragt wurden (Seybold, 1990, S. 33 ff.).

Die Liebe in der griechischen Antike hatte ein vielfältiges Erscheinungsbild. Nicht zuletzt hat der Krieg zwischen Sparta und Athen, auch bekannt als Peloponnesischer Krieg, dazu beigetragen, dass sich zwei Pole entwickelt haben. Die Geschichte Spartas ebnete den Weg in Richtung einer staatlich kontrollierten Lebensform. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Zeit bildete drei Klassen und die Beziehungen zwischen Männern und Frauen dienten dem spartanischen Staat vorwiegend zur Reproduktion. Polygame Beziehungen waren üblich und wurden unabhängig vom Geschlecht und mit Wissen und Einverständnis der Partnerinnen gelebt. Es herrschte eine patriarchal-hierarchische Gesellschaftsform mit einer klaren Geschlechtertrennung auf den verschiedensten Ebenen, und gleichzeitig hatten Frauen mehr Rechte als in den monogamen Ehen der anderen Staaten der Antike. Beispielsweise durften Frauen unabhängig von ihren Männern besitzen und vererben, was den Frauen in Athen verwehrt blieb. Auch die sog. „Knabenliebe“ konnte in verschiedenen Schriften in der Geschichte Spartas vielfach belegt werden. Dagegen gibt es zur lesbischen Liebe wenig Quellen. Etymologisch jedoch weist die Insel Lesbos auf die Existenz der weiblichen homosexuellen Liebe hin und auch die von dieser Insel stammende berühmte Dichterin Sappho sang um 600 v. Chr. von der Liebe zu Frauen. Das Private in der europäischen Ehe wurde weitestgehend durch die Entwicklungen des klassischen Athens von den solonischen Reformen bis zur Einnahme des hellenischen Griechenlands um etwa 146 v. Chr. durch die Römer vorangetrieben. Die Ehe hatte im antiken Athen nur als Wirtschaftsgemeinschaft eine Bedeutung. Eherechtliche Bestimmungen gab es noch keine und die Ehe wurde durch den Einzug der Frau in den Hausstand des Mannes (Oikos) oder in seltenen Fällen durch den Einzug des Mannes in den Hausstand der Frau geschlossen. Ab 593 v. Chr. wurde die Ehe und die damit einhergehenden familien- und erbrechtlichen Fragen erstmalig von der Polis geregelt. Auch in dieser Zeit war die Idee einer romantischen Liebe als Grundlage für ein Zusammenleben nicht denkbar. Heftige und sehr emotionale Verbindungen wurden zum Teil sogar sehr kritisch betrachtet, wie beispielsweise die Sagen von Hero und Leander deutlich machen. Die Ehe wurde monogam geführt, so dass sie dem Mann die Sicherheit bot, die eigenen Söhne als Erben anzunehmen und der Ehebruch galt als schweres Verbrechen für Frauen. Männern hingegen war es gestattet, außerehelich zu verkehren- mit Ausnahme von verheirateten Frauen. Bei der Gestaltung von nebenehelichen Konkubinaten spielte sexuelle Attraktivität und persönliche Zuneigung eine weit größere Rolle als bei der Eheschließung. Das Individuum und die Liebe werden schriftlich erstmals in Platons Symposium deutlich. Die Liebe wird als „göttlicher Wahnsinn“ beschrieben, als Aufwallung der Seele und als totales Begehren. Auf dem Symposium kommt auch Sokrates zu Wort und dieser stützt sich in seinen Aussagen auf die Priesterin Diotima, nach welcher die Liebe, die von Eros ausgeht, auf die Erzeugung und Geburt im Schönen zurückgeht. Diese Erzeugung bringt Ewigkeit mit sich und lässt somit die Liebe transzendent werden (Schroedter / Vetter, 2010, S. 81 ff.).

Um die Liebe und die heute über sie bestehenden Vorstellungen verstehen zu können, ist es notwendig, einen Blick auf die Kennzeichen der Moderne zu werfen. Zu nennen wäre hier die Wahl als Bestandteil der modernen Individualität. Sich für oder gegen eine Person oder Beziehung zu entscheiden, unterliegt dabei nicht nur kulturellen Bedingungen, es impliziert die Fähigkeit, sich effizient entscheiden zu können. Es besteht eine Hierarchie zwischen rationalem Denken und Gefühlen. Der Wahlvorgang ist somit geprägt durch die Umwelt, beziehungsweise die Gesellschaft und durch eigene Gedanken sowie Überzeugungen der wählenden Person über die Wahl an sich. Die Liebe in der Moderne bedeutet, dass sich Wahlentscheidungen auf Basis romantischer Vorstellungen ereignen (Illouz, 2019, S. 50 ff.).

2.2.2 Liebe im religiös-soziologischen Verständnis

„Viele reden von Liebe und Familie wie frühere Jahrhunderte von Gott. Die Sehnsucht nach Erlösung und Zärtlichkeit, das Hickhack darum, die unwirkliche Schlagertext­Wirklichkeit in den versteckten Kammern des Begehrens - alles das hat einen Hauch von alltäglicher Religiosität, von Hoffnung auf Jenseits im Diesseits. Der irdische Glaube der religionslosen, scheinbar rationalen Gegenwartsmenschen ist das Du, die Suche nach der Liebe im anderen (...).“ (Beck, 1990, S. 21). Mit diesen Ausführungen zeichnet Ulrich Beck das Bild einer romantischen Liebesvorstellung, die sicher auch nach 30 Jahren eine gewisse Wirkkraft besitzt. Doch was haben Liebe und Glaube gemeinsam, heute und früher? Welche Zusammenhänge und Überschneidungen gibt es? Diese Fragen können aufgrund der Komplexität in dem folgenden Abschnitt nur angerissen werden. Der Fokus liegt somit auf ausgewählten und markanten Perspektiven.

Das Hohelied der Liebe des Apostels Paulus ist die wohl bekannteste Auseinandersetzung mit der Liebe. Liebe ist demnach gütig und langmütig. Sie ist nicht schamlos oder prahlerisch. Sie erträgt alles und hofft alles. Paulus betont in seinem Text, dass in der Welt nichts einen Wert hat, wenn es keine Liebe gibt und nennt hierzu eine Vielzahl von Einstellungen und Verhaltensweisen. Eine eindeutige Definition der Liebe vollzieht er jedoch nicht (Söding, 2004). Der Begriff der Liebe wird in biblischen Texten vielfach aufgegriffen und spielt eine zentrale Rolle. Dabei wird die Liebe oftmals mit der göttlichen Liebe in Verbindung gebracht, welche sich im Umkehrschluss positiv auf den Menschen auswirkt.

Nach dieser Auffassung antwortet Gott wiederum auf die Liebe des Menschen mit Verzeihung und Weghebung von Schuld (Oberhänsli / Welker, 2015, 210 ff.).

Wie stellt sich nun aber die Verbindung zwischen Liebe, Ehe und Kirche dar? Welche Wirkungszusammenhänge gibt es? Einen historischen Einschnitt bei der Entwicklung der monogamen und lebenslangen Ehe hat es nicht zuletzt durch die Erteilung des Ehesakraments durch die katholische Kirche während des Mittelalters gegeben. Formal wurden Frauen und Männer gleichgestellt, Scheidung wurde erschwert und die Trauung wurde aus dem Familienkreis in die Kirche verlegt. Konkubinate galten ab dem 13. Jahrhundert als unzüchtig und wurden im Jahr 1563 endgültig verboten. Gemeint waren zum damaligen Zeitpunkt alle nicht kirchlich geschlossene Ehen (Schroedter/Vetter, 2010, S.91 f.).

Dass die Liebe eine enge Verknüpfung zu Gott aufweist, zeigen ferner viele Textstellen in der Bibel. So heißt es im Alten Testament bei Apostel Johannes „Gott ist Liebe“ (1Jo, 4, 8.16) oder auch im neuen Testament „Denn sohat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh. 3,16) (McArthur, 2018, S. 8).

In der Zeit zwischen Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde aus der soziologischen Perspektive stets die große Frage diskutiert, ob es eine reale Gefährdung der Gesellschaftsordnung gäbe, wenn Religion und Gemeinschaft an Bedeutung verlieren würd. Besonders Max Weber beschäftigte sich mit der Frage, was uns moralisch macht, wenn wir uns nicht mehr vor Gott fürchten. Worin sollte der Sinn des Lebens liegen, wenn die Religion nicht mehr den zentralen Rahmen bietet. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die Moderne eine Vielzahl von aufregenden Möglichkeiten bieten würde. Dieser Weg aus der Unwissenheit heraus barg jedoch auch Risiken. Denn wie sollte das neue Leben ohne religiöse Verpflichtungen nun aussehen? Das Feld der Liebe war ein Ort, in dem die Ernüchterung zu beobachten war. „Zu lieben hieß folglich, die kulturellen Definitionen und Attribute von Weiblichkeit und Männlichkeit zu verherrlichen und mit Leben zu erfüllen. Das kulturelle System der Liebe, das sich auf den religiösen Sinn und später auf die romantische Ideologie stützte, verklärte die Frauen und stellte sie auf ein Podest, während es gleichzeitig den Männern Gelegenheit bot, ihren Heldenmut, ihre Ehre und eine vergrößerte Version ihres Selbst zur Schau zu stellen.“ (Illouz, 2019). Die Liebe erlaubte also den Frauen den Besitz eines moralischen Status und die Achtung, die ihnen sonst in der Gesellschaft versagt geblieben wäre (Illouz, 2019, S. 25 ff.). Es stellt sich die Frage, inwiefern auch im Jahr 2020 Wirkmechanismen wie die oben beschriebenen noch greifen und welche unbewussten Kräfte von ihnen ausgehen.

2.2.3 Die Liebe aus dem Blickwinkel der Psychologie

Die Psychologie hat sich der Untersuchung sozialer Beziehungen erst gegen Ende der 1970er Jahre gewidmet; somit stellt sie ein recht junges Forschungsfeld dar. Heute jedoch wird kaum eine Fachzeitschrift oder ein Lehrbuch auf ein entsprechendes Kapitel verzichten (Heidbrink et al., 2009, S. 7). Mit Blick auf diesen doch eher kurzen Forschungszeitraum lässt das Zitat von Guy Bodenmann einen entsprechenden Interpretationsspielraum für die Auffassung von Liebe: „Liebe ist ein hochkomplexes Phänomen, mysteriös wie das Leben selber, dessen Entstehung wir bis heute nicht erklären können. Wir sind in der Lage, die Liebe zu beschreiben und zu erfassen, aber wie man sie erzeugen kann oder wie der Schritt von Sympathie zu Liebe geschieht, bleibt ungeklärt.“ (Bodenmann, 2010)

Trotz der bisher jungen Forschungsansätze soll an dieser Stelle ein Blick aus der Perspektive der Psychologie gewagt werden. Zunächst kann festgestellt werden, dass zwar eine unerwiderte Liebe auch eine Form der Liebe ist, jedoch scheint hier jenes Moment zu fehlen, worauf Liebe abzielt, nämlich die Realisierung einer zwischenmenschlichen Beziehung (Hofmann, 2012, S. 76). Somit meint Liebe im weiteren Verständnis stets eine Verbindung zwischen mindestens zwei Personen.

„Nichts ist wonniger, nichts ist ängstigender, als der Mutter nah, als ihr fern zu sein. Wir sehnen uns nach kindlichen Paradiesen, die unsere Begriffe nicht zu erreichen vermögen. Diese Gefühle begleiten uns von der Windel bis zum Leichentuch.“ (Sigusch, 2015, S.15). Der Blick durch diese psychoanalytische Brille pointiert eindrücklich die immerwährende „Nähe - Distanz - Thematik“, die sich in der Liebe und in Partnerschaften beobachten lässt. Doch wie wird Liebe innerhalb der Psychologie verstanden und welche Theorien lassen sich darstellen?

Der amerikanische Psychologe Robert J. Steinberg hat 1984 das wohl bekannteste Modell zur Entstehung von Liebe konzipiert, die sogenannte „Dreieckstheorie der Liebe“. Das Modell geht davon aus, dass die drei Komponenten Intimität, Leidenschaft und Bindung eine besonders hohe Relevanz in einer Liebesbeziehung haben, dabei gleichzeitig auftreten können und sich gegenseitig auch beeinflussen. Die Komponenten sind dabei je nach Dauer der Beziehung und Form der Liebe unterschiedlich stark ausgeprägt und können in acht Arten der Liebe unterteilt werden. Wenn keines der drei Komponenten in Erscheinung tritt, handelt es sich um die Nicht-Liebe. Diese Art tritt auf, wenn es zu oberflächlichen Interaktionen zwischen Menschen kommt. Sympathie, das sog. „Liking“ tritt nach Steinberg auf, wenn die Komponente Vertrautheit erscheint, wie beispielsweise in Freundschaften (Sternberg, 1984, S. 269 ff.).

Doch was ist der Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe? In der Regel wird bei einer Freundschaft davon ausgegangen, dass es sich um eine zweiseitige Beziehung handelt. Mit dem Begriff der Liebe wird eine emotionale Bindung beschrieben, die sich auf eine andere Person richtet, welche jedoch nicht erwidert werden muss. Die Unsicherheit über die Erwiderung ist nahezu charakteristisch für eine beginnende Liebesbeziehung und basiert dabei auf ihrem Exklusivitätsanspruch, denn lieben „soll“ man nach der gängigen Vorstellung nur eine Person. Wissenschaftlich ist dabei schwer zu unterscheiden, ob es sich bei dem Exklusivitätsanspruch um eine rein gesellschaftliche Konvention handelt oder Menschen aus anderen Gründen gar nicht in der Lage sind, mehrere Personen gleichzeitig zu lieben. Zu der eingangs beschriebenen Ähnlichkeit zu Freundschaften kommt bei Liebesbeziehungen eine weitere wichtige Komponente hinzu: die körperliche Intimität. Diese wird in der gängigen Vorstellung als wichtiges Kennzeichen von Liebesbeziehungen gesehen (Heidbrink et al., 2009, S. 38).

Der kanadische Sozialwissenschaftler John Alan Lee hat in seinem Buch „Colors of Love“ mit Hilfe von sechs verschiedenen Stilen versucht, die Liebe zu kategorisieren. Diese wird im folgenden skizziert: Eros ist von Schönheitsidealen geprägt und begibt sich auf die Suche nach einer perfekten Geliebten. Mit Ludus meint die Liebe ein Schauspiel. Storge beschreibt den Stil einer natürlichen Zuneigung, wie sie beispielsweise unter Geschwistern und engen Freunden vorherrscht. Unter Manie versteht er eine Art Wahn unter Liebenden, die sich sehr albern verhalten . Mit Agape beschreibt er den Stil einer uneigennützigen Liebe ohne Hintergedanken. Und zuletzt Pragma, der als ein Liebesstil zu verstehen ist, der von Übereinstimmung und Pragmatismus geprägt ist (Lee, 1976, S. 9 ff.).

Es bleiben trotz der differenzierten Darstellung von Lee Fragen unbeantwortet. Insbesondere führen die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher Veränderung und dem aktuell gültigen Liebesideal zu einer ständigen Erneuerung von Vorstellungen und somit zu einer veränderten Vorstellung von Liebe.

Die romantische Liebe stellt neben der Sexualität und dem Bindungsverhalten nach Helen Fisher (2006) das dritte universelle emotional-motivationale System dar und wird primär durch drei Komponente bestimmt: Balzverhalten beziehungsweise Paarung, Vermehrung und Elternschaft. Dies trifft sowohl für Menschen als auch für Säugetiere und Vögel zu. Alle drei Systeme werden durch spezifische hormonale und neuronale Anordnungen bestimmt, die entsprechend auch Wechselwirkungen entstehen lassen. So wird die Sexualität bestimmt durch Geschlechtshormone wie Testosteron und das Bindungsverhalten vorwiegend durch Oxytozin sowie Vasopressin. Die romantische Liebe steht dabei in enger Verbindung zum neuronalen Belohnungssystem und der Ausschüttung von Dopamin und Norepinephrin. Dass das partnerschaftliche Verhalten stark durch Hormone bestimmt wird, belegen zahlreiche Tierversuche. Liebe ist demnach keine bestimmte Emotion, sondern kann unterschiedliche Gefühle hervorrufen. So kann eine nicht erwiderte Liebe auch „negative“ Gefühle wie Zorn oder Wut auslösen.

Aron et al. (2005) haben per bildgebender Verfahren festgestellt, dass im Gehirn frisch Verliebter unterschiedliche Aktivitäten sichtbar waren, wenn sie Fotos des Partners und Fotos eines Fremden betrachteten. Bei den geliebten Personen waren insbesondere Regionen im mesolimbischen System aktiv, dem zentralen Belohnungssystem und in der Region im Endhirn, das für Verstärkungsprozesse zuständig ist (Heidbrink et al., 2009, S. 47 ff.).

Diese neurophysiologischen Bedingungen prägen somit auch den psychologischen Blick auf die Liebe und das Verliebtsein.

3. Sexualität

3.1 Sexualität in Gesellschaft und Beziehungen

„Die Sexualität beherrscht Literatur und Film, Tourismus und Glücksindustrien, Werbung und Autodesign. Nehmen wir ihre unterbewussten Kräfte, Wirkungen, Fangarme und Verführungen hinzu, so durchzieht sie den gesamten Körper einer Gesellschaft wie ein allerfeinstes Nervensystem. Jeder reagiert darauf, ob er es will oder nicht. Sexualität ist die Weltmacht Nummer eins, weit vor USA, NATO oder anderen Machtsystemen des Menschen.“ (Duhm, 1998, S. 20). Was genau meint Dieter Duhm mit dieser extremen Formulierung und auf welche Punkte möchte er hinaus? Ist die These wirklich vertretbar und stellt sich die Gegenwart nach 22 Jahren vielleicht doch anders dar?

Elisabeth Beck-Gernsheimer vertritt eine ähnlich radikale Haltung zur Sexualität. Sie meint: „Die Sexualität unterbricht gewaltsam die gewöhnlichen Routinen des Lebens, indem sie mit einem Griff Männern und Frauen die Masken ihrer sozialen Rollen von den Gesichtern reißt und eine furchterregende Animalität unter dem zivilisierten Dekorum zum Vorschein bringt.“ (Beck-Gernsheimer, 1990, S. 53).

Was steckt hinter diesen tiefgreifenden Formulierungen? Hat sich die Auffassung zur Sexualität in den vergangenen Jahren in der Bevölkerung verändert, und wie lassen sich die Veränderungen in das Gesellschaftsgefüge heute einordnen? Diese und weitere Fragen sollen im kommenden Abschnitt näher beleuchtet werden.

Der Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle sieht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der sich das Individuum bewegt und die soziale Gruppe als größte Einflussfaktoren für die Veränderung der Erwartungshaltungen und Ideale: „Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, und seine Gewohnheiten, Wünsche, Hoffnungen und Ängste sind immer von der Gruppe mitgeprägt, in die er hineingeboren ist. Das gilt auch für seine sexuellen Einstellungen und Verhaltensweisen (Haeberle, 1985, S. 146). Er

führt weiter aus, dass die Normen unserer derzeitigen Gesellschaft nach wie vor vom jüdisch-christlichen Rahmen geprägt sind. Sexuelle Handlungen dienten in der Vergangenheit der Fortpflanzung und waren nur akzeptiert, wenn sie innerhalb der Ehe geschahen und das Ziel einer Schwangerschaft hatten. Der nordafrikanische Bischof Augustinus beispielsweise bezeichnete einst weibliche und männliche Geschlechtsorgane als „obscoenae parte“, also als obszöne Teile und lehnte jede Art der Lustgewinnung bei sexuellen Handlungen ab. Gleichzeitig herrscht außerhalb Europas bei vielen Völkern eine andere Vorstellung über die Ausübung von Sexualität. Der Seefahrer James Cook entdeckte bei einem seiner Reisen auf Tahiti, dass sich die Menschen völlig frei in aller Öffentlichkeit dem Geschlechtsverkehr hingaben und dies mit zum Teil elf bis zwölf Jahre alten Mädchen. Was also heute als sexueller Missbrauch von Kindern gewertet werden würde, galt damals als praktische Sexualerziehung. Dieses Beispiel zeigt, wie sich die Moralauffassung im Laufe der Zeit verändert. Sexuelle Normvorstellungen sind stets eingebettet in ein komplexes Netz von gesetzlichen oder traditionellen Normen, die sich über einen langen Zeitraum entwickeln und vielfältige Funktionen innehaben. Eine Änderung der sexuellen Normen hat somit auch stets Einfluss auf weite Teile der Funktion von Gesellschaft; daher müssen gesellschaftliche Funktionsprinzipien immer aus historischer und kultureller Perspektive betrachtet werden. Mit der Industrialisierung entschärfte sich die strenge moralische Auffassung über das Sexualverhalten und es entwickelte sich mehr und mehr eine offene Einstellung gegenüber der Sexualität (ebd. S. 304 ff.).

Volkmar Sigusch, einer der bekanntesten Sexualwissenschaftler, vertritt folgende These: „Heterosexuelle können heute sehr unterschiedliche Beziehungsformen wählen, ohne aus dem Rahmen zu fallen, wobei Männer etwas „weiblicher“ und Frauen etwas „männlicher“ geworden sind, sodass eine Annäherung der beiden großen Geschlechter erfolgt.“ (Sigusch, 2005, S. 7). Es kann demnach angenommen werden, dass sich die Rollen von Männern und Frauen nicht nur im öffentlichen Raum verändert haben. Auch hinsichtlich der Sexualität ist es zu einer Verschiebung der Rollen gekommen ist.

Sex und Sexualität unterliegen heute keinen moralischen Normen mehr und beides ist in individualisierte Lebensstile eingegangen. In die heterosexuellen romantischen Liebesbeziehungen ist jedoch die Logik des Kapitalismus mit seiner Macht eingedrungen (Illouz, 2019, S. 30).

Aber was bedeutet dies für das Individuum? Warum hat es in Bezug auf Sexualität so weitreichende Veränderungen in den letzten Jahrzehnten gegeben? Und welche Zusammenhänge gibt es zwischen den Geschlechtern und der Sexualität?

3.2 Sexualität als Ausdruck von Intimität

Zwar findet Sexualität heute im Gegensatz zu den 1940er und 1950er Jahren nicht mehr vorwiegend innerhalb einer Ehe statt, sie hat sich aber nicht grundsätzlich von Partnerschaft abgelöst. Einst war es die Ehe als Institution, die Sexualität überhaupt legitimierte. Sexualität findet auch heute vorwiegend in einer festen Partnerschaft statt (Matthiesen, 2007, S. 240).

Je nach Entwicklungsphase einer Partnerschaftsbeziehung können nach Michel Bozon drei Phasen unterschieden werden: das junge Paar, das stabile Paar und das alternde Paar. Diese Phasen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie hinsichtlich der Relevanz von Sexualität unterschiedlich bewertet werden. In der ersten Phase gelten sexuelle Aktivitäten als entscheidende Bausteine für die Errichtung der Partnerschaft. Die Exklusivität der Sexualität gilt hier als besonders bedeutsam, sodass durch die gemeinsam verbrachte Zeit eine neue Einheit gebildet wird. In der zweiten Phase dient die Sexualität eher der Erhaltung und Pflege der Beziehung. Es kommen neben der Sexualität stabilisierende Faktoren wie Ehe, Familiengründung oder auch gemeinsamer Besitz hinzu. Die Bestätigung einer gemeinsamen Partnerschaft erfahre das Paar über den wiederkehrenden Geschlechtsverkehr. In der letzten Phase nimmt die Bedeutung von Sexualität nochmals deutlich ab. In dieser Zeit seien es primär Geborgenheit und Dankbarkeit, die an die Stelle von Sexualität treten (Bozon, 2001, S. 16 ff.).

Nach einer Befragung1, die im Rahmen der Dissertation von Silja Matthiesen durchgeführt wurde, antworteten aus der Gruppe der 45jährigen auf die Frage, was ihre Beziehung zusammenhält: Liebe (36 Prozent), Austausch (39 Prozent) und Intimität (45 Prozent). Bei der Gruppe der 30jährigen waren es in gleicher Reihenfolge der Nennungen 63 Prozent, 49 Prozent und 42 Prozent. Bei der Gruppe der 60jährigen waren es bei der Liebe 37 Prozent, beim Austausch 34 Prozent und bei der Intimität ebenfalls 37 Prozent (Matthiesen, 2007, S. 245). Auch wenn die Ergebnisse zeigen, dass die Bedeutung von Liebe, Austausch und Intimität im Laufe der Jahre einer Partnerschaft abzunehmen scheinen, bleiben die Bereiche mit knapp 40 Prozent im Bereich der durchaus hohen Relevanz.

3.3 Männliche und weibliche Sexualität

„Die männliche Sexualität funktioniert nun einmal anders als die weibliche, sie weist andere Besonderheiten auf.“ (Kristeva, 2018). Ist diese These haltbar, und um welche Besonderheiten könnte es sich handeln? Um dies näher beleuchten zu können, werden im Folgenden die markantesten Geschlechterunterschiede im Hinblick auf Sexualität beschrieben. Aufgrund der Komplexität des Themas kann die Darstellung des Themas nur in Teilen erfolgen.

[...]


1 Interviewt wurden im Frühsommer 2002 insgesamt 776 Hamburger und Leipziger der Geburtsjahrgänge 1942, 1957 und 1972.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Liebe und Sexualität im Wandel der Gesellschaft. Polyamorie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
71
Katalognummer
V1043552
ISBN (eBook)
9783346467157
ISBN (Buch)
9783346467164
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebe, sexualität, wandel, gesellschaft, polyamorie, ehe-, familien-, lebensberatung
Arbeit zitieren
Xenia Lehr (Autor:in), 2020, Liebe und Sexualität im Wandel der Gesellschaft. Polyamorie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1043552

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