Die Geschichte ist geprägt von verschiedenen Vorstellungen über die Funktionsweise des Gedächtnisses. Dabei wird das Gedächtnis in Speicher- und Funktionsgedächtnis unterteilt, welche zusammen das kulturelle Gedächtnis bilden. Beide stehen im Gegensatz zueinander und werden im zweiten Kapitel genauer erläutert.
Jede Epoche hat eigene Gedächtnismetaphern und so wird im dritten Kapitel auf die Schriftmetaphern eingegangen. Diese sind mit der Erfindung der Schrift entstanden und bilden die ersten Gedächtnismetaphern. Dabei geht es vor allem um die historischen Versuche, sich das Gedächtnis verständlich zu machen.
Harald Weinrich unterscheidet dabei zwei Formen der Gedächtnismetaphern: Magazin- und Wachstafelmetaphern. Magazinmetaphern verstehen das Gedächtnis als einen Komplex, wie beispielsweise Bibliotheken oder Enzyklopädien. Die Wachstafelmetaphern finden ihren Ursprung in Platons Überlegungen zur Schrift, welche Freud als „Wunderblock“ weiterentwickelt. Bei dieser Schreibmetapher kann einmal gelöschtes wieder sichtbar gemacht werden. Er enthält also „in seiner Wachsschicht zugleich ein vergängliches und ein dauerhaftes Gedächtnis“. Freud beschreibt mit dieser Metapher, dass man sich auch an bereits vergessenes wieder zurückerinnern kann, was unter anderem über Psychoanalyse durch Psychoanalytiker geschehen kann. Markus Krajewski beschreibt das Vergessen als ein „tabula rasa“. Es ist nicht möglich, etwas aus seinem Gedächtnis zu löschen, es sei nur verborgen und müsse in den Vordergrund gebracht werden.
Mit der Zeit findet ein stetiger Wechsel der Gedächtnistheorien und -metaphern statt, da sich die Technik immer weiter verändert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das kulturelle Gedächtnis
3. Schriftmetaphern
3.1 Wachstafel
3.1.1 Palimpsest
3.1.2 Wunderblock
4. Vergessen und Erinnern
5. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen Erinnerungsprozessen und dem Vergessen unter Berücksichtigung kulturwissenschaftlicher Gedächtnistheorien und historischer Speichertechniken. Das zentrale Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich das menschliche Verständnis von Gedächtnis durch den Wandel von Metaphern und Medientechnologien – von der oralen Tradition bis zum digitalen Zeitalter – verändert hat.
- Analyse des kulturellen Gedächtnisses und seiner Unterteilung in Speicher- und Funktionsgedächtnis.
- Untersuchung von Schriftmetaphern als historische Versuche zur Modellierung des Gedächtnisses.
- Betrachtung von Speichermedien wie der Wachstafel, dem Palimpsest und dem Wunderblock.
- Diskussion der psychologischen Aspekte von Verdrängung, Erinnerungsarbeit und Vergessen.
- Reflexion über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das kollektive Wissensgedächtnis.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Wunderblock
Sigmund Freud greift 80 Jahre später, nämlich 1925, in seinem Werk „Notizen über den Wunderblock“ auf die Metapher der Wachsplatte, beziehungsweise des Palimpsests, zurück, um das psychische Phänomen des Vergessens und Erinnern des Gedächtnisses zu beschreiben. Dabei aktualisiert er dieses Bild der Schreibmetapher und fokussiert es damit weiter, indem er nun nicht mehr eine einfache Wachsplatte, sondern den sogenannten Wunderblock als Vergleich heranzieht.
Dabei handelt es sich um eine Art Schreibblock, welches eigentlich als Spielzeug für Kinder gedacht war. Der Untergrund des Wunderblocks besteht aus einer bräunlichen Harz- oder Wachsmasse, worüber eine Schicht dünnes und durchscheinendes Papier gelegt wird. Das Papier besteht aus zwei Schichten, welche voneinander getrennt werden können. Die untere Schicht besteht aus einem dünnen und durchsichtigen Wachspapier, während die obere Schicht eine durchsichtige Zelluloidplatte ist. Die obere Schicht ist notwendig, da sie „eine schützende Hülle für das Wachspapier [ist], die schädigende Einwirkungen von außen abhalten soll“. Man benötigt keinen Bleistift oder Kreide, wie es vorher üblich war, um darauf zu schreiben. Es genügt ein spitzer Gegenstand, mit dem in die obere Zelluloidplatte eingeritzt wird. Jedoch geschieht dieses Ritzen nicht direkt, sondern der spitze Gegenstand „drückt an den von ihm berührten Stellen die Unterfläche des Wachspapiers an die Wachstafel an, und diese Furchen werden an der sonst glatten weißlichgrauen Oberfläche des Zelluloids als dunkle Schrift sichtbar“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Gedächtnismetaphorik ein und erläutert die Unterteilung des kulturellen Gedächtnisses sowie die Bedeutung technischer Speicherformen.
2. Das kulturelle Gedächtnis: Dieses Kapitel definiert das kulturelle Gedächtnis und differenziert zwischen dem passiven Speichergedächtnis und dem aktiven Funktionsgedächtnis innerhalb einer Gesellschaft.
3. Schriftmetaphern: Hier wird der historische Wandel von der oralen Überlieferung hin zur Schriftkultur und deren Einfluss auf die menschliche Gedächtnisleistung untersucht.
3.1 Wachstafel: Der Abschnitt fokussiert auf die Wachstafel als Schreibmedium, das als Modell für die Einschreibung von Wahrnehmungen in das menschliche Gedächtnis dient.
3.1.1 Palimpsest: Dieses Kapitel erläutert den Vergleich zwischen dem Palimpsest und der menschlichen Psyche, bei dem Vergessen als ein bloßes Verdecken von Erinnerungen interpretiert wird.
3.1.2 Wunderblock: Hier wird Freuds Modell des Wunderblocks als Analogie für den seelischen Wahrnehmungsapparat und die Dynamik von Bewusstsein und Unbewusstem detailliert analysiert.
4. Vergessen und Erinnern: Dieses Kapitel beleuchtet psychologische Mechanismen des Vergessens, insbesondere das Unlustmotiv und die Funktion des Verdrängens als Schutzmechanismus.
5. Schluss: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass Vergessen eine notwendige Bedingung für das Erinnern darstellt und reflektiert die Transformation des Gedächtnisses im digitalen Zeitalter.
Schlüsselwörter
Kulturelles Gedächtnis, Speichergedächtnis, Funktionsgedächtnis, Schriftmetaphern, Wachstafel, Palimpsest, Wunderblock, Sigmund Freud, Vergessen, Erinnern, Verdrängung, Kulturtechnik, Wissensspeicherung, Bewusstsein, Unbewusstes.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kulturwissenschaftlichen Erforschung der Gedächtnis- und Vergessensprozesse. Sie untersucht, wie sich das Verständnis von Gedächtnis durch verschiedene Metaphern und Aufzeichnungstechnologien im Laufe der Zeit gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Unterscheidung von Speicher- und Funktionsgedächtnis, die Bedeutung der Schrift als externe Gedächtnisstütze und die psychologische Perspektive auf Verdrängung und Erinnerungsarbeit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel der Arbeit ist es, die historische Entwicklung der Gedächtnismetaphorik darzustellen und aufzuzeigen, dass Vergessen kein bloßer Verlust ist, sondern ein notwendiger Prozess für das Funktionieren des kulturellen Gedächtnisses.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse, bei der geisteswissenschaftliche und psychoanalytische Konzepte (u.a. von Jan und Aleida Assmann, Harald Weinrich und Sigmund Freud) vergleichend betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine medientheoretische Analyse des kulturellen Gedächtnisses und eine Untersuchung spezifischer Schreibmetaphern wie die Wachstafel, das Palimpsest und der Wunderblock.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Gedächtnismetaphorik, kulturelles Gedächtnis, Speichertechnik, Verdrängung, Psychoanalyse und Medientheorie charakterisieren.
Wie unterscheidet Freud das Gedächtnis beim „Wunderblock“?
Freud nutzt den Wunderblock als Modell, um zu zeigen, dass das System Wahrnehmung-Bewusstsein zwar Eindrücke aufnimmt, aber keine dauerhaften Spuren speichert, während das Unbewusste als dauerhafter Speicher fungiert.
Was bedeutet der Begriff „Tabula rasa“ im Kontext von Markus Krajewski?
Krajewski widerspricht dem Verständnis von „tabula rasa“ als restlose Löschung. Er argumentiert, dass immer ein Rest verbleibt, der aus dem Gedächtnis zwar verdrängt wird, aber latent erhalten bleibt.
Welche Rolle spielt das „Unlustmotiv“ bei Freud?
Das Unlustmotiv beschreibt den psychischen Schutzmechanismus, durch den unangenehme oder schmerzhafte Erinnerungen aktiv ins Unbewusste verdrängt werden, um das Bewusstsein zu entlasten.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2020, Kulturelle Erinnerungsprozesse und deren Zusammenhang mit dem Vergessen. Gedächtnistheorien und Schriftmetaphern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1044696