Mit der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern autobiographisches Schreiben dazu beiträgt, die Schreibkompetenz von Schüler_innen mit DaZ zu verbessern.
Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage wird im Rahmen einer Pilotstudie die Entwicklung der Schreibkompetenz von 27 Sprachlerner_innen aus drei Schulen untersucht. Dabei werden die Proband_innen in zwei Interventions- und in eine Kontrollgruppe aufgeteilt. Während neun Schüler_innen sieben Wochen lang einem autobiographischen Schreibtraining ausgesetzt werden, bei dem sie sich selbst zum Gegenstand ihrer Texte machen, werden neun andere Sprachlerner_innen in dieser Zeit ausschließlich objektive Textproduktionen verfassen. Die übrigen Proband_innen bilden die Kontrollgruppe.
Da sich die Schreibkompetenz laut Torsten Steinhoff am Schreibprozess, aber immer auch am Schreibprodukt erkennen lässt, werden am Anfang und am Ende der Intervention Schreibtests durchgeführt, bei dem zum einen schreibprozessbezogene Merkmale (Burstlänge, Latenzzeit vor dem Schreiben, Anzahl der Wörter pro Minute, Schreibpausen in-mitten eines Wortes) erhoben und zum anderen die Textproduktionen nach bestimmten Kriterien ausgewertet werden.
Das Testverfahren soll Aufschluss darüber geben, ob und wie effektiv ein autobiographisches Schreiben im Gegensatz zu anderen Schreibformen den Schreibfluss und die Textqualität fördern kann. Zur Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes müssen vorab die Variablen Schreibkompetenz und Schreibprozess genauer definiert werden. Hierfür werden die Schreibkompetenzmodelle von Becker-Mrotzek/Schindler und Baurmann/Pohl sowie die bekannten Schreibprozessmodelle von Hayes vorgestellt.
Um herauszufinden, inwiefern sich das Schreiben in der Zweitsprache von dem muttersprachlichen Schreiben unterscheidet und welchen Einfluss die Muttersprache auf das zweitsprachliche Schreiben ausübt, werden die Schreibprozessmodelle für das fremd- bzw. zweitsprachliche Schreiben von Börner und Grießhaber herangezogen.
In einem weiteren Schritt werden kurz geeignete Diagnoseinstrumente und Schreibtests zur Erfassung der Schreibkompetenz und des Schreibprozesses beschrieben, woraus Rückschlüsse für die Gestaltung des Studiendesigns und für die Analyse der Textkorpora geschlossen werden sollen. Bevor zum Schluss die Studie mit den Forschungsergebnissen erläutert und diskutiert wird, wird der zentrale Gegenstand dieser Arbeit, das autobiographische Schreiben, intensiver thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Schreibkompetenz
2.1 Der Begriff der Schreibkompetenz
2.2 Schreibkompetenzmodelle
2.2.1 Das Schreibkompetenzmodell von Becker-Mrotzek und Schindler (2007)
2.2.2 Das Schreibkompetenzmodell von Baurmann und Pohl (2009)
3 Die Modellierung des Schreibprozesses
3.1 Das Schreibprozessmodell für das muttersprachliche Schreiben
3.1.1 Das Schreibprozessmodell nach Hayes & Flower (1980)
3.1.3 Das aktuelle Schreibprozessmodell von Hayes (2012)
3.2 Schreibprozessmodelle für das fremdsprachliche bzw. zweitsprachliche Schreiben
3.2.1 Das Schreibprozessmodell nach Börner (1989)
3.2.2 Das Schreibprozessmodell nach Grießhaber (2008)
4 Untersuchung der Schreibkompetenz
4.1 Testverfahren zur Ermittlung der Schreibkompetenz
4.2 Messung der Schreibkompetenz durch Beurteilung der Textqualität
5 Untersuchung des Schreibprozesses
5.1 Schreibpausen
5.2 Untersuchung der Schreibflüssigkeit
5.3 Revisionen
6 Autobiographisches Schreiben
6.1 Das traditionelle Autobiographieverständnis
6.2 Von der Autobiographie zum autobiographischen Schreiben
6.3 Merkmale autobiographischen Schreibens
7 Forschungsprojekt
7.1 Stichprobenbeschreibung
7.2 Studiendesign
7.3 Auswertungsmethoden
7.4 Tatsächlicher Studienverlauf
7.5 Ergebnisse
7.6 Diskussion der Studienergebnisse
7.6.1 Interpretation der Studienergebnisse
7.6.2 Reflexion der Studie
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht, inwiefern autobiographisches Schreiben als didaktische Methode dazu beitragen kann, die Schreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern im Unterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ) zu fördern. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Wirksamkeit eines gezielten autobiographischen Schreibtrainings im Vergleich zu anderen Schreibformen hinsichtlich der Schreibflüssigkeit und der Qualität der produzierten Texte.
- Grundlagen der Schreibkompetenz und Modellierung von Schreibprozessen
- Vergleich von Muttersprach- und Zweitsprach-Schreibprozessmodellen
- Theoretische Einordnung des autobiographischen Schreibens
- Empirische Pilotstudie mit 27 Probanden im Kontrollgruppendesign
- Methoden zur Messung von Schreibflüssigkeit (z.B. Bursts, Pausen) und Textqualität
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
neugierig ängstlich, sprachlos weißes Papier, schwarzer Stift, kalte Hände Ich kann wieder schreiben Sehnsucht
Mit diesem Gedicht einer jungen, iranischen Sprachlernerin namens Arezoo Shamami, das im Rahmen einer interkulturellen Schreibwerkstatt entstanden ist, steigen Eva Finke und Barbara Thums-Senft in ihrem Handbuch zum kreativen-biographischen Schreiben im DaZ- und DaF-Unterricht ein. Anhand dieses Gedichtes möchten die Autorinnen darauf aufmerksam machen, dass dem Schreiben eine höhere Bedeutung zugeschrieben werden solle als dem bloßen Verschriftlichen von Wörtern unter Berücksichtigung syntaktischer und orthographischer Regeln. Schreiben sei nämlich „mehr als ein Mittel zum Üben, Lernen und Behalten, mehr als [ein] schriftlicher Vorentwurf dialogischen Sprechens […] [und] mehr als das funktionale Fixieren von Informationen“.
Diese These belegen Finke und Thums-Senft mit dem tiefen Bedürfnis Shamamis, endlich wieder schreiben zu können. Sie projizieren das Gedicht auf die Schreibgeschichte der Sprachlernerin und interpretieren, dass das muttersprachliche Schreiben in der Vergangenheit für Shamami einen hohen Stellenwert eingenommen habe. Jedoch sei sie aktuell unglücklich und niedergeschlagen, da sie sich in der Fremdsprache Deutsch sprachlos fühle. Folglich vermuten Finke und Thums-Senft, dass das Schreiben für Shamami und wahrscheinlich auch für viele andere Migrant_innen nicht primär dazu diene, Alltagssituationen mithilfe des Schreibens zu bewältigen, sondern, dass es vielmehr darum gehe, eigene Gedanken und vor allem sich selbst auszudrücken, um so persönliche Lebensgeschichten und Emotionen erfahrbar zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung des autobiographischen Schreibens anhand eines Fallbeispiels und begründet die Relevanz des Themas für den DaZ-Unterricht unter Berücksichtigung der bestehenden Forschungslücke.
2 Schreibkompetenz: Dieses Kapitel definiert Schreibkompetenz und stellt zwei zentrale Modelle der Didaktik vor, um die theoretische Basis für die Bewertung von Texten zu legen.
3 Die Modellierung des Schreibprozesses: Hier werden Schreibprozessmodelle für das muttersprachliche sowie für das zweitsprachliche Schreiben analysiert, wobei insbesondere die kognitiven Abläufe und externe Einflüsse betrachtet werden.
4 Untersuchung der Schreibkompetenz: Dieses Kapitel diskutiert Methoden zur Erfassung von Schreibkompetenz, einschließlich Testverfahren und Kriterienkatalogen zur Messung der Textqualität.
5 Untersuchung des Schreibprozesses: Hier liegt der Fokus auf der Analyse von Realzeitparametern wie Schreibpausen, Bursts und Revisionen zur Diagnostik der Schreibflüssigkeit.
6 Autobiographisches Schreiben: Dieses Kapitel erarbeitet eine Definition und die Merkmale des autobiographischen Schreibens unter Abgrenzung zur traditionellen Autobiographie.
7 Forschungsprojekt: Der Hauptteil stellt die Konzeption, das Studiendesign, die Stichprobe sowie die methodische Umsetzung der Pilotstudie zur Wirksamkeit des autobiographischen Schreibtrainings vor.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Studienergebnisse zusammen und bewertet die Eignung autobiographischen Schreibens als Förderinstrument für DaZ-Lernende.
Schlüsselwörter
Schreibkompetenz, DaZ-Unterricht, autobiographisches Schreiben, Schreibprozessmodell, Schreibflüssigkeit, Textqualität, Zweitspracherwerb, Schreibdidaktik, Schreibpausen, Revisionen, Pilotstudie, Schreibtraining, Schreibförderung, Bildungsbiographie, Sprachdiagnostik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Förderung der Schreibkompetenz bei DaZ-Lernenden durch den Einsatz von autobiographischem Schreiben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Theorien der Schreibkompetenz und Schreibprozessmodelle mit empirischen Untersuchungen zu Schreibflüssigkeit und Textqualität im Kontext des Zweitspracherwerbs.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, in einer Pilotstudie zu prüfen, ob ein siebenwöchiges autobiographisches Schreibtraining die Schreibflüssigkeit und Textqualität bei mehrsprachigen Schülern messbar verbessert.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein empirisches Kontrollgruppendesign gewählt, das sowohl quantitative Messungen des Schreibprozesses (z.B. Pausenlängen) als auch eine qualitative Bewertung der Textprodukte durch Kriterienkataloge umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung von Schreibkompetenzmodellen, Prozessanalysen sowie eine detaillierte Beschreibung und Auswertung des durchgeführten Forschungsprojekts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schreibkompetenz, DaZ, autobiographisches Schreiben, Schreibprozessmodelle sowie die messbaren Indikatoren wie Bursts und Textqualität.
Wie unterscheidet sich autobiographisches Schreiben von der traditionellen Autobiographie?
Während die traditionelle Autobiographie einen hohen Wahrheitsanspruch und eine kohärente Lebensbeschreibung fordert, öffnet sich das autobiographische Schreiben stärker für Fiktionalität, fragmentarisches Erzählen und dient primär der Selbstfindung und Identitätsarbeit.
Warum wurde die Corona-Pandemie als Störfaktor identifiziert?
Die Schulschließungen unterbrachen das geplante Setting der Schreibwerkstatt und zwangen zu einer Umstellung auf Home-Learning, was die direkte methodische Kontrolle und Unterstützung der Schüler massiv erschwerte.
Welche Rolle spielt die Schreibflüssigkeit für die Schreibkompetenz?
Eine höhere Schreibflüssigkeit entlastet das Arbeitsgedächtnis, sodass kognitive Ressourcen frei werden, um komplexere Anforderungen wie Textstrukturierung und Adressatenorientierung besser zu bewältigen.
Wie wurden die Schreibprozesse in der Studie messbar gemacht?
Die Prozesse wurden durch die Analyse von Schreibpausen (Binnenpausen), die Bestimmung der Burst-Länge (zusammenhängende Wörter) und die Messung der Schreibgeschwindigkeit (Wörter pro Minute) erfasst.
- Quote paper
- Tobias Schlüter (Author), 2020, Autobiographisches Schreiben zur Förderung der Schreibkompetenz im DaZ-Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045283