Politische Theorie und gesellschaftliche Entwertung


Seminararbeit, 2020

11 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.2 Problematik

2 ENTWERTUNG VON THEORIEARBEIT
2.1Theorie
2.2THEORIE UND PRAXIS
2.3 Theorie und Abstraktion
2.4 Gesellschaftliche Entwertung

3 SCHLUSS

4 QUELLEN

1 Einleitung

„Theorien sind selektiv, sie behandeln Ausschnitte der Wirklichkeit bzw. gestalten Wirklichkeitsausschnitte injeweils eigener Weise. Theorien erdffnen uns Gelegenheiten, Aspekte eines Phanomens in den Blickzu nehmen, andere aber gezielt aufierAchtzu lassen."(Kreisky, 2012, p. 29)

So ist auch der folgende Versuch, mich der Problematik der Abstraktion und Entwertung von Theorie zu stellen ebenfalls nur ein Ausschnitt meiner Wirklichkeit.

Die Gesellschaft in mit jener Problematik, welche ich mithilfe von Eva Kreisky und Alexander Demirovic betrachten mochte, ist ein einzigartiges und eigenartiges Phanomen. Wir bewegen uns durch einen hochst unuberschaubaren Alltag, durchzogen von komplexen Debatten auf den unterschiedlichsten Ebenen, welche wir wiederum mit abstrakten Konzepten und undurchsichtigen Strukturen belegen in dem Versuch uns diesen damit zu erklaren, zu analysieren oder zu optimieren. Wozu also diese Komplexitat?

Die politische Wissenschaft hat sich schon gefragt wozu wir diese erlauternden Grundlagen, wie Begriffe und Theorien benotigen und ist zu logischen und vernunftigen Erklarungen mit positiven Absichten gekommen, dass unsere Gesellschaft und unser praktischerAlltag sie essentiell benotigt, da wir ihn damit greifbarer und verstandlicher machen. Dabei verschleiern wir diese ironischer Weise gleichzeitig bis zu solchen Dimensionen, dass wir jene unabdingbaren Geruste und Strukturen anfangen zu entwerten, sie erscheinen uns so fern von der Wirklichkeit, dass sie mehr als muhsame und langweilige Hurde betrachtet werden als wie eine analytische Hilfe.

Jener Sachverhalt fuhrt mich zu meiner Forschungsfrage, ob die gesellschaftliche Entwertung von Theorie aufgrund der Grenze ihrer Greifbarkeit entsteht, welche durch die abstrakten Dimensionen von Theoriearbeit erschaffen wurde.

1.2 Problematik

Politische Praxis und Theorie sind nicht trennbar, und da Politik wesentlich den gesellschaftlichen Alltag gestaltet, auch untrennbar die Auseinandersetzung mit jener. Politische Theorien hegen also eine weitreichende Allgegenwartigkeit mit dem Nutzen und Zweck politische Wirklichkeit und ihre Prozesse durch begriffliche Arbeit begreiflich zu erlautern (Demirovic, 1995, p. 209). Theorie soil uns durch ebenburtige Elemente wie Begriffe, Bedeutungen und Werte helfen die Realitat politischer Praxis zu erfassen und die dahinter liegenden komplexen Strukturen alltagstauglich auszurusten, damit ihre Strategien und Strategen ausreichend beraten fur die Bewaltigung politisch komplexer Debatten sind. Ansonsten verirrt man sich in den Dimensionen der „Eiswuste der Abstraktionen", wie Walter Benjamin die teilweise muhsame und sperrige Arbeit derTheorie beschreibt (Kreisky, 2012, p. 21).

Gefahrlich wird diese Wanderung eben, wenn wir unsere Realitatsgriffe aus dem Blick der Forschungverlieren und Begriffs- und Bedeutungsdebatten fallen lassen. Einfach haben es uns die groRen Theoretiker auch nicht gemacht, denn die hinterlassenen verblumten Wegbeschreibungen mitunter schwieriger und langwieriger erkenntnistheoretischer Arbeit, haben ein verzerrtes und beangstigendes Bild vor allem der nachfolgenden studierenden und an der Wissenschaft interessierten Generation vermacht. Diese Verzerrung hat ein abstraktes Feld derTheoriearbeit hinterlassen, in das sich so keiner richtig wagen mochte und wie der Mensch aus rein psychologischer Perspektive mit solchen Sachverhalten umgehen mag, ist jener Forschung nur allzu gut bekannt - Entwertung. Die Problematik gestaltet sich also aus der Notwendigkeit von Theoriedebatten allein zur Bewaltigung des Alltags und der geschaffenen Abstraktion, welche eine „beschwerliche Schwelle" darstellt und die Gesellschaft dazu verleitet die Debatte uber ihre Griffe des Alltags zu entwerten (Kreisky, 2012, p. 21).

Gemeinsam mit der Literatur, vor allem durch Eva Kreiskys Ermutigung dieses Feld dennoch zu betreten und Alexander Demirovics Antwort aufdie Frage nach dem wozu mit logischer Vernunft, mochte ich versuchen den Bruch zwischen dem Zugang des wissenschaftlichen Nachwuchses und politischen Theoriearbeit zu finden.

2 Entwertung von Theoriearbeit

Ebenso wie die groBen Theoretiker weiB ich ebenfalls schon zu Beginn dieses Projektes, dass es nach viel muhsamer sperriger und langweiliger Arbeit niemals abschlieBbar sein wird, da auch meine Beobachtungen und Versuche Strukturen aufzubauen stets luckenhaft und unfertig bleiben, somit ein „fertiges, unumsturzbares Gerust eine Fiktion bleibt" (Kreisky, 2012, p. 27) . Der deutsche Philosoph Walter Benjamin auBerte sich treffend, „das menschliche Leben, irdische Schonheit und soziale Wahrnehmung sind von kurzer Dauer und relativ" und da Theorie und Begriffe ebenfalls menschliches Schaffen sind, auch jene von kurzer Dauer und relativ (Bolz and Reijen, 1991, p. 55). Somit ist nachvollziehbar, dass sich die Frage stellt ob sich Muhen und Strapazen uberhaupt lohnen fur etwas solch Kurzweiliges und Relatives.

Ob die gesellschaftliche Tendenz also daher ruhrt, weil wir generell die Auseinandersetzung mit ungreifbaren Konzepten wie Unendlichkeit meiden oder weil es sich um einen immer wandelnden Weg ohne wirklich definierbarem Ziel handelt?

2.1 Theorie

Wenn nachfolgend von Theorie oder Theoriearbeit gesprochen wird, ist immer die politische Theorie und politische Theoriearbeit gemeint, welche sich aus dem klassischen ideengeschichtlichen Korpus und der modernen Wissenschaftstheorie alsAnalyseinstrument der politikwissenschaftlichen Empirie zusammensetzt. Dieser Kanon unterscheidet sich im Stellenwert und seiner Funktionsweise fur und in der Politik, ihrer Wissenschaft und den jeweiligen Herangehensweisen (Bevc, 2019, p. 15). Die ideengeschichtliche Wissenschaft beinhaltet Grundbegriffe, welche „in den meisten Theorien eine enorme Bedeutung fur Politik und Gesellschaft haben" (Bevc, 2019, p. 15) und sich mit normativem Interesse Problematiken der Politik widmen. Hier bildet sich oft der Anschein, Theorie hatte eine anweisende Absicht - wie Demirovic jedoch berichtigt mochte jene nur Normen begrunden welche Ziele und Strategien fur die Praxis angeben sollen (Demirovic, 1995, p. 204). Die begriffliche Arbeit hat die Absicht der Erlauterung mithilfe eines normativen Blickwinkels, welcherstaatliche und politische Prozessegreifbarerermachen mochte (Demirovic, 1995, p. 209) . Es ist also ein fatalerTrugschluss zu glauben die Arbeit um solche essentiellen Begriffe und Konstrukte waren von der Praxis trennbar und jene konnte ihr Optimum der Gesellschaft bieten ohne theoretische Begriffsarbeit und wechselseitige Unterstutzung.

Die politikwissenschaftliche Analyse im Sinne der modernen politischen Theorie hat wiederum die Absicht ein besseres Verstandnis unserer Wirklichkeit zu ermoglichen, durch genauere positivistische Betrachtung der realen politischen Verhaltnisse gepragt von Max Webers analytischem Charakter - hier, wie von ihm festgehalten, liegt der Fokus nicht auf „induktiv gewonnenen Idealtypen", welche von der Ideengeschichte bestrebt wurden sondern mehr in ihrem Realitatsbezug mit „strukturierterTerminologie" und einer „theoretischen Wechselwirkung" mit der Praxis (Fitzi, 2004, p. 123). Hierzu gehort vor allem die Kritische Theorie und Frankfurter Schule, welche im allgemeinen vor allem mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und auch Walter Benjamin assoziiert wird (Munkler, 1990, p. 179) . Sie legt eben den Fokus, welcher sich zur dem der Ideengeschichte der Politikwissenschaft unterscheidet, aufdie reflexive und selbstkritisch belehrte politische Theorie und macht die Wichtigkeit des Zusammenhangs von Theorie und Praxis deutlich.

„Vom kontemplativen Denken der traditionellen Theorie, die das Gegebene als unhinterfragbaren Ausgangspunkt des Denkens nehme, unterschiede sich Kritische Theorie durch „eingreifendes Denken"", ihr Forschungsinteresse liegt nicht in den Einzelbereichen „sondern der gesamten Gesellschaft, da deren Teile untrennbar zusammenhangen und miteinander in Wechselbeziehungen" stehen (Munkler, 1990, p. 180).

2.2 Theorie und Praxis

Demirovic beschreibt dieses Verhaltnis simpel und verstandlich, „politische Theorie begrunde die Normen und gebe Ziele und Strategien an, nach denen sich die politische Praxis zu richten habe" (Demirovic, 1995, p. 204), denn „Politische Theorien sind allgegenwartig, und sie haben weitreichende Konsequenzen fur die politische Praxis der beteiligten Akteure" (Demirovic, 1995, p. 208) . Die politische Praxis liefert also auf ihre eigene Art selbst die Antwort auf die Frage nach dem wozu uberhaupt Theorie und Theoriearbeit. Jene lehrt die Praxis nicht nur der formalen Begrifflichkeiten, sondern auch den historischen Kontext zu reflektieren aus welchem viele institutionelle Begriffe und Bedeutungen entstanden sind. Das Uberdenken dieserAnnahmen ist insofern notwendig und ein wichtiger Teil der Balancearbeit zwischen Theorie und Praxis, da vieles historisch mit Selbstverstandlichkeit angenommen und ubernommen wurde (Demirovic, 1995, p. 206). Dieser Prozess der Revision gibt die Moglichkeit normative Annahmen auf die realen, existierenden Verhaltnisse im gesellschaftlichen Alltag zu uberdenken und anzupassen - ganz nach Walter Benjamins Prinzip alles fur kurzweilig und relativ anzusehen. Des weiteren profitiert die Politikwissenschaft von dieser Arbeit durch die Vielfaltigkeit ihrerTheorien und modernen Gesellschaften, von welchen „es gleichzeitig viele verschiedene und sozial weit verbreitet[e]" gibt (Demirovic, 1995, p. 206) und somit ein Austausch moglich ist.

Es entsteht eine wechselseitige Optimierung beider Seiten durch einerseits Analyse und Diagnose eben der, auf der anderen Seite geschehenen Ereignissen und politische Praxen. Nicht aus den Augen zu verlieren ist hierbei, dass sich die Theorie und Praxis ebenburtig als Elemente eines Gesamten treffen, Theodor W. Adorno bemerkt dazu prazise, dass man „sich intellektuell nur mit dem beschaftigen [durfe] was auch praktisch unmittelbar nutzlich sei" (Demirovic, 1995, p. 204). Die Optimierung soil unserer Zukunftsgestaltung gelten, an welcher man als Gesellschaft doch sehr interessiert sein musste - und dazu „in den Himmel sehend, unsere Zukunft diagnostizierend, tragt politische Theorie dazu bei, sie herzustellen"(Demirovic, 1995, p. 211).

Offensichtlich birgt der „theoretische Boden" der Politikwissenschaft nicht nur „Antworten auf die Vielzahl an Fragen" die sich im offentlichen Raum des Austausches politischer Theorie und Praxis stellen, die Wissenschaft fordert die Theoriearbeit immer wieder heraus (Demirovic, 1995, p. 206) -jenes musste dieses Feld begehrenswert erscheinen lassen und mit Spannung versehen, doch scheint dies vor allem im Kreise des wissenschaftlichen Nachwuchses eine „geradezu mit Angsten besetzte" Arbeitswelt zu sein (Kreisky, 2012, p. 21). Immer wieder stoRt man auf Motive, welchen die Abstraktion zugrunde liegt, aber auch auf Aspekte gesellschaftlicher Entwertung - zumeist mit Ursachen der Okonomisierung unserersozialen Umwelt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Politische Theorie und gesellschaftliche Entwertung
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V1045659
ISBN (eBook)
9783346468970
ISBN (Buch)
9783346468987
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie, gesellschaftliche Entwertung, Eva Kreisky, Alexander Demirovic
Arbeit zitieren
Shirin Kallenbach (Autor:in), 2020, Politische Theorie und gesellschaftliche Entwertung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1045659

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Politische Theorie und gesellschaftliche Entwertung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden