Der radikale Konstruktivismus


Hausarbeit, 2001

13 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Einführung in den radikalen Konstruktivismus
2.1. Ernst von Glasersfeld
2.2. Kernaussagen des Radikalen Konstruktivismus

3. Fragen und Kritik

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Studiums einer Geisteswissenschaft wie der Pädagogik kommt man nicht umher, sich auch mit metatheoretischen Problemstellungen und Herangehensweisen auseinander zu setzen. Die Wissenschaftstheorie einer Fachdisziplin beschäftigt sich mit der Vorgehensweise, den Methoden und den Voraussetzungen des wissenschaftlichen Arbeitens. Nach solchen Kriterien muss sich eine Fachdisziplin auf ihre Wissenschaftlichkeit hin prüfen lassen. Nun existiert in der Pädagogik keine allgemeingültige Wissenschaftstheorie, die unangezweifelt eine allgemeingültige Funktion innehätte. Wenn man eine solche nennen müsste, würde man am ehesten auf die Empirie stoßen, die sich in großen Bereichen der Sozialwissenschaften durchgesetzt hat.

Die vorliegende Hausarbeit soll sich jedoch mit dem Radikalen Konstruktivismus auseinandersetzen, die hingegen der positivistischen Strömung einen völlig anderen Ansatz bietet. Es sollen neben einer Vorstellung dieser Erkenntnistheorie auch Fragen gestellt werden dürfen, auf die der Verfasser selber versuchen möchte, mögliche Antworten zu geben, denn bei der Auseinandersetzung mit dem Radikalen Konstruktivismus werden selbige sehr schnell hervorgerufen, wenn man sich über die Bedeutung und Praktikabilität dieser Theorie einige Gedanken macht. Es sei vorneweg schon einmal vermerkt, dass die Kognitionstheorie von Jean Piagét eine wichtige Rolle spielt und deren Kenntnis vorausgesetzt wird, wenn sie auch nach Meinung des Verfassers nicht unumgänglich ist, um den Radikalen Konstruktivismus zu verstehen.

2. Einführung in den Radikalen Konstruktivismus

2.1.Ernst von Glasersfeld

Als Begründer des Radikalen Konstruktivismus muss man Ernst von Glasersfeld nennen. Dieser wurde 1917 in Prag geboren und wuchs dreisprachig auf (tschechisch, italienisch und französisch). Er beginnt ein Studium der Mathematik in Wien, unterbricht dieses jedoch für eine Anstellung als Skilehrer in Tirol. Vor Ausbruch des Krieges emigriert er mit seiner Ehefrau nach Irland, zieht nach dessen Ende nach Meran in Oberitalien, wo er Silvio Ceccato kennen lernt. Hier arbeitet er sechs Jahre als Fachjournalist für die Zeitschrift „Methodos“. 1951 wird Ceccato von Colin Cherry dazu aufgefordert, seine operationalen Analysen auf maschinelle Übersetzungsaufgaben anzuwenden. Ernst von Glasersfeld wird sein Forschungsassistent, was starke Auswirkungen haben wird, beruht doch seine Entdeckung, dass jede Sprache eine anderen begrifflichen Zugang zur Welt bedeutet zum Großteil auf Erfahrungen aus dieser Zeit. In den folgenden Jahren setzt Glasersfeld seine Sprachanalysen und deren maschinelle Umsetzung fort, wobei die fehlende Computerleistung mit Hilfe von Holztafeln und Reisnägeln simuliert wird. Nach dem Tode seiner Frau wechselt Glasersfeld schließlich 1969 an die Computerabteilung der „University of Georgia“, wo er aber bald in der Abteilung für Psychologie mit Bob Pollack und Charles Smock zusammenarbeitet, die sich beide mit Wahrnehmung, insbesondere dem Sehvorgang, beschäftigen. Auch die Erfahrungen aus dieser Zeit sollen seine Theorie weiterführen. Sein computerlinguistisches Interesse führt ihn wenig später zu einer langjährigen Studie am anthropologischen Institut, wo er den Spracherwerb von Schimpansen erforscht. Zu diesem Zweck entwirft er eine Affensprache („Yerkish“) und implementiert diese mit seinem Freund Pisani auf einem der ersten PDP-Rechner. Über Charles Smock wird er schließlich auch an die Arbeit von Jean Piagét herangeführt und baut darauf schließlich seine Vorstellung vom Konstruktivismus auf. In der Zusammenarbeit mit dem ebenfalls an Piagét orientierten Psychologen Leslie Steffe verfeinert Glasersfeld sein Begriffsinventar und führt mit Steffe zusammen Lehrexperimente im mathematischen Unterricht an Schulen durch. Diese Biographie soll erwähnt sein, um zu erklären, wie seine persönliche Biographie zu seiner Theorie des Radikalen Konstruktivismus beigetragen hat. Da wäre zuerst der Zugang zu den verschiedenen Sprachen, die Abhängigkeit des Weltbildes von der Sprache, dann die Bekanntschaften, die ihn in die Biologie, Kybernetik und Psychologie führten. All dies führte ihn zur Theorie des Radikalen Konstruktivismus.

2.2.Kernaussagen des Radikalen Konstruktivismus

Ernst von Glasersfeld nennt seine Theorie den „radikalen Konstruktivismus“, um sich von den anderen Arten konstruktivistischer Theorien zu distanzieren und abzugrenzen. Er formuliert folgende Kernaussagen:

1. Wissen wird vom denkenden Subjekt nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv aufgebaut.

2. Die Funktion der Kognition ist adaptiv und dient der Organisation der Erfahrungswelt, nicht der Entdeckung der ontologischen Realität .

Diese Kernaussagen und die verwendeten Begriffe bedürfen einer Erläuterung. Zunächst wäre da der Begriff des „Wissens“. Im Radikalen Konstruktivismus geht es vor allem um den Wissenserwerb und bezieht sich dabei nur auf Erfahrungswissen, nicht auf metaphysisches Wissen. Wissen wird aus der eigenen Erfahrungswelt abstrahiert und aktiv von jedem Individuum selbst aufgebaut, der Vorgang ähnelt dabei dem Aufbau einer körperlichen Fertigkeit (vgl. Glasersfeld, 1997, S.147). Die vorausgehenden Annahmen der Wissenskonstruktion sind hierbei stark an die Kognitionstheorie Jean Piagéts angelehnt. Wissen setzt sich nach Glasersfeld aus zwei verschiedenen Arten zusammen: Dem figurativen Wissen, das auf Koordination und Abstraktion von sensomotorischen Erfahrungen basiert und dem operativen Wissen, das durch reflexive Abstraktion aufgebaut wird. Wissen bezieht sich danach auf begriffliche Strukturen, die jedes Subjekt innerhalb seiner traditionellen und individuellen Denk-, Sprech- und Schreibmuster als „viabel“ (gangbar) ansieht. „Viabel“ ist abgeleitet von lat. „Via“ = der Weg und possible = möglich und bedeutet soviel wie „gangbar“ (s.o.) oder „möglicher Weg“. Viabel ist jedes Wissen, das es dem Subjekt ermöglicht, gut oder besser in seiner Umwelt zurecht zu kommen, das sich als erfahrungsgemäßnützlich oder besser: praktikabel erwiesen hat. Wissen ist demnach „... eine Landkarte dessen, was die Realität uns zu tun erlaubt.“ (Glasersfeld, 1997, S. 202).

Zusammenfassend ist Wissen also ein Repertoire von Erfahrungsstrukturen, aus dem das Subjekt schöpfen kann, um seine Verhaltensweisen in einer Umwelt „viabel“ zu gestalten. Dabei gibt es zwei Ebenen: die biologische und die begriffliche. Auf der biologischen Ebene ist Wissen dann „viabel“, wenn es dem Organismus erlaubt, sich gegenüber den einschränkenden Bedingungen der Umwelt zu behaupten, d.h. sein Gleichgewicht zu erhalten und zu überleben. Der Organismus passt sich hierbei nur insofern der Umwelt an, als er es schafft, darin zu existieren, indem er „viable“ Verhaltensweisen und Vorhersagen nutzt. Es geht also mehr um ein „Durchkommen“, denn um ein Angleichen. Der Organismus mit viablen Wissen existiert schließlich unabhängig von den Änderungen in der Umwelt (Glasersfeld, 1998b).

„Viables Wissen“ auf der begrifflichen Ebene bezieht sich auf das begriffliche Gleichgewicht der kognitiven Strukturen, die erwartbare Ergebnisse geliefert haben und diese auch zukünftig liefern werden, bzw. liefern müssen, ohne begriffliche Widersprüche auftreten zu lassen. Begriffe, in denen „viables“ Wissen enthalten ist, müssen in einem Gleichgewicht mit der Erfahrungswelt stehen, d.h. es dürfen keine Unstimmigkeiten auftreten. Entsteht eine solche „Perturbation“ (Störung), so muss ein Lernprozess einsetzen, der ein Gleichgewicht („Äquilibrium“) wiederherstellt. [Dem Leser wird auffallen, dass dies in etwa dem Lernbegriff Piagéts entspricht (Assimilation-Akkomodation-Äquilibration).] Dem Lernen muss also erst ein Ungleichgewicht zwischen der innersubjektiven Erfahrungswelt und aktuellen Erfahrungseindrücken vorausgehen, das es zu beseitigen gilt.

Die innersubjektive Erfahrungswelt ist hierbei jedoch aktiv vom denkenden Subjekt aufgebaut.

Vorraussetzung hierfür ist, dass das denkende Subjekt ein Gedächntnis besitzt. Erst dieses ermöglicht ihm, Wissen aus seiner Erfahrung zu abstrahieren, indem es Erfahrungen als Vorstellungen rekonstruieren kann; des weiteren benötigt das denkende Subjekt die Fähigkeit der Reflexion, um Erfahrungen untersuchen und ordnen (strukturieren) zu können, indem es Wiederholungen erkennt. Wiederholungen erkennt das Subjekt dadurch, dass es neue Erfahrungen an seine bereits vorhanden Strukturen assimiliert, d.h. heranträgt und versucht, anzupassen. Es überprüft Neues in Bezug auf Bekanntes und erkennt Übereinstimmungen in bestimmten Beziehungen zwischen neuen und bekannten Erfahrungen als identisch. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Das Subjekt wirft einen Apfel in die Luft und beobachtet, wie er auf den Boden zurückfällt. Es nimmt einen zweiten Apfel und wiederholt den Vorgang, dann einen dritten, einen vierten, etc. Obwohl es sich um verschiedene Äpfel handelt, erkennt es den Apfel als begriffliches Konstrukt als identisch mit jedem anderen, ebenso den Vorgang des Aufsteigens und Herabfallens des Apfels und erkennt die Wiederholung aus der es eine Regelmäßigkeit ableiten kann: Wirft man einen Apfel in die Luft, so fällt er wieder herunter.

Nach mehrmaliger Assimilation der ersten Erkenntnis, dass ein hochgeworfener Apfel wieder herunterfällt auf die anderen Versuche wird das wiederholbare Konstrukt also als vorhersagbare Regelmäßigkeit erkannt.

Solche Regelmäßigkeiten können in drei Arten unterteilt werden: in Korrelationen, bei denen die Reihenfolge der wiederholbaren Konstrukte beliebig ist, in feste Folgen, bei denen immer dieselbe Reihenfolge der wiederholbaren Konstrukte auftritt und in Kausalfolgen, bei denen ein wiederholbares Konstrukt stets die Ursache eines anderen ist. Kausalfolgen können hierbei auch zur Erklärung und Kontrolle von erlebten Folgen dienen.

Entscheidend bei all dem ist jedoch, dass diese Erfahrungswelt aktiv aufgebaut wird und nicht einfach passiv aufgenommen wird. Ein Subjekt verarbeitet seine Eindrücke erst zu Strukturen und Regeln, diese werden nicht nach einem „tabula-rasa-Prinzip“ von außen in das Subjekt hineingegeben.

Diese kognitiven Vorgänge bilden dabei nicht die ontologische Realität als Abbild ab, sondern dienen nur zur Organisation der Erfahrungswelt. An dieser Stelle kommt das eigentlich radikale und neue am Radikalen Konstruktivismus zu Tage.

Offensichtlich wird deutlich zwischen Erfahrungswelt und ontologischer Realität unterschieden. Glasersfeld geht davon aus, dass keine Sinneswahrnehmung ein Abbild der ontologischen Realität darstellt. Um dies zu erläutern bedarf es eines Exkurses in die Biologie und Anthropologie. Der Mensch ist in Bezug auf die Wahrnehmung seiner Umwelt von seinen Sinnen abhängig. Deren gibt es sechs: Den Seh-, Tast-, Geruchs-, Gehörs-, Gleichgewichts- und Geschmackssinn. All diese Sinne sind jedoch Synapsen und Nervenbahnen, die auf verschiedene Stimuli unterschiedlich reagieren, jedoch resultieren in immer derselben Art und Weise: Sie senden elektrische Impulse durch die Nervenbahnen ins Gehirn. Erst dort werden die Signale zu einer Information zusammengestellt, bzw. interpretiert. Als Beispiel nehmen wir das Auge. In einer ontologischen Realität gibt es irgendetwas, dass die Rezeptoren auf der Netzhaut stimuliert. Durch den Sehnerv werden elektrische Impulse ans Gehirn weitergeleitet, dort werden diese Impulse interpretiert und zu einem Bild konstruiert. Dasselbe geschieht bei der Netzhaut des anderen Auges. Beide konstruierten Bilder werden verglichen und Unstimmigkeiten zweierlei Art bearbeitet. Die eine Art von Unterschieden in den elektrischen Impulsen werden dazu benutzt, um Abstände zwischen einzelnen Objekten im konstruierten Bild zu errechnen. Obgleich diese Leistung des Gehirns schon beeindruckend ist, ist die Behebung der anderen Unstimmigkeiten ungleich beeindruckender. An der Stelle, an der der Sehnerv in die Netzhaut mündet, befinden sich keinerlei Rezeptoren. Diese Stelle ist also für jegliche Stimuli unempfindlich. Es handelt sich hierbei um den sogenannten „Blinden Fleck“. Dennoch ist im konstruierten Bild, das das Subjekt „sieht“ nirgends ein schwarzer Fleck zu erkennen. Das Gehirn konstruiert die fehlenden Daten und bettet sie in das Gesamtkonstrukt ein. Wir sehen also etwas, von dem die Rezeptoren auf der Netzhaut keinerlei „Kenntnis“ haben, dem nichts aus der ontologischen Realität entspricht. Wenn wir Farben sehen, so sind dies Konstrukte des Gehirns, konstruiert aus den elektrischen Impulsen von bestimmten Rezeptoren, die auf eine bestimmte Wellenlänge des Lichts reagieren. Wenn wir hell und dunkel sehen, sind dies Konstrukte des Gehirns, konstruiert aus den elektrischen Impulsen von bestimmten Rezeptoren, die auf bestimmte Intensitäten von Photoneneinstrahlung reagieren. Und dazu kommt noch, dass Bestandteile des konstruierten Bildes vom Gehirn ohne jeglichen Impulse „hinzugedacht“ werden, um das Konstrukt zu komplettieren.

Es wäre also vermessen, zu behaupten, dass wir etwas über die tatsächliche visuelle Beschaffenheit der betrachteten Szenerie in einer ontologischen Realität aufgrund unserer Beobachtung aussagen könnten, mit einer Ausnahme: Irgendetwas ist „da draußen“, dass die Rezeptoren auf der Netzhaut dazu veranlasst, Signale ans Gehirn zu senden. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Sinnen. In einer ontologischen Realität gibt es kein heißund kein kalt, sondern unterschiedliche Bewegungen der Partikel, es gibt kein hart und kein weich, sondern lediglich unterschiedliche Molekülanordnungen, und ganz gewiss gibt es in der ontologischen Realität keinen Schmerz. Nach dem radikalen Konstruktivismus muss man sogar soweit gehen, dass es keinesfalls sicher ist, dass es dort Moleküle, Schwingungen, oder Partikel gibt, wie sie in der chemischen oder physikalischen Vorstellung existieren, da jeder Kontakt zur ontologischen Realität, zu Kants „Ding an sich“ letztlich nur über die Sinnesorgane des Menschen möglich ist, sei es beim Beobachten eines Messinstrumentes oder eines herunterfallenden Apfels. (Dies ist auch der zentrale Schwachpunkt der Theorie, auf den noch einzugehen sein wird.)

Es stellt sich hierbei die Frage, ob dann eine ontologische Realität überhaupt zwangsläufig existieren muss. Die Antwort hierauf lautet: ja. Wie schon gesagt: Irgendetwas muss dort sein, unabhängig vom Bewusstsein, dass die Rezeptoren dazu veranlasst, Signale zu senden, ebenso muss dort irgendetwas sein, aus dem diese Rezeptoren bestehen. Nach dem Radikalen Konstruktivismus ist dies jedoch schon alles, was wir über eine ontologische Realität wissen können: Dass sie existiert, jedoch können wir in keiner Weise feststellen, wie sie beschaffen ist.

Das unterscheidet den Radikalen Konstruktivismus von den positivistischen Strömungen. Er behauptet aufgrund der Sinnverhaftetheit des Menschen, dass keine Aussage über die Beschaffenheit einer ontologischen Realität möglich ist, während die Positivisten der Auffassung sind, dass man mittels Beobachtung etwas über die wahre Realität herausfinden kann.

Ernst von Glasersfeld geht dabei sogar so weit, dass er postuliert, die Unterstellung einer Existenz einer ontologischen Realität mache keinen Sinn, da man nichts über sie herausfinden könne, außer, dass sie existiert.

Das Modell der Wahrnehmung von William T. Powers (1973), dass aus der Kybernetik stammt, liefert Glasersfeld schon an sich genug Beweis, um die Annahme zu verneinen, dass die Sinne des Menschen die Dinge so zeigen, wie sie sind, noch, dass „... die ontologische Realität etwas besitzt, das wir „Struktur“ nennen können.“ (Richards u. Glasersfeld, 1996, S.221). Dabei handelt es sich um drei Schleifen von kreisförmig wechselwirkenden Einheiten, einem Sensor (Input), einem Vergleichselement (Komparator) und einem Effektor (Output). Sehr verkürzt dargestellt funktioniert diese Apparatur folgendermaßen: Wird ein Input wahrgenommen, dass nicht den vordefinierten Parametern des Komparators entspricht, wird ein Output erzeugt, dass diese Diskrepanz abbaut. Diese Schleife wiederholt sich so oft, bis die Diskrepanz verschwunden ist. Dabei gibt es unterschiedliche Ebenen in verschiedener Rangordnung, wobei die Systeme einer höheren Rangordnung die Parameter der unteren bestimmen. Auf diese Weise entsteht ein System von Invarianzkonstruktionen. Zusammenfassend: Die Wahrnehmung wird vom Verhalten bestimmt (detaillierter in Richards und Glasersfeld, 1996, S.197ff.) .

Zusammenfassend zum Realitätsbegriff:

Es entsteht also im Individuum eine subjektive Erfahrungswelt, die jedoch keinen Rückschluss auf eine ontologische Realität ermöglicht. Alle Sinneseindrücke, alle Wahrnehmung ist dem radikalen Konstruktivismus zu Folge ein reines Konstrukt des Gehirns aus elektrischen Impulsen, die der bisherigen Erfahrung angepasst wird oder zu einer Änderung der Erfahrungsorganisation im Gehirn führt. Über die ontologische Realität lässt sich nur sagen, dass sie existiert.

3. Fragen und Kritik

Es stellen sich nun eine Menge Fragen, was diese Wissenschaftstheorie bedeutet.

Wenn es nicht möglich ist, Aussagen über eine ontologische Realität zu treffen, wozu dann Wissenschaft? Eine Mögliche Antwort hierauf wäre: Obwohl dem Radikalen Konstruktivismus zufolge eine jegliche Erfahrungswelt subjektiv und einzigartig ist, gibt es dennoch gewissen Konsens über viele Dinge. Woran liegt das? Die meisten Menschen in einer ähnlichen Umwelt machen unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Erfahrungen. Niemand wird z.B. behaupten, dass wenn man einen Apfel hochwirft, dieser in die Unendlichkeit des Weltalls fliegt und dabei womöglich noch von sich aus beschleunigt. Oder dass besagter Apfel ohne jegliches Zutun von außen plötzlich eine Operette singt (man möge dem Verfasser diese absurden Darstellungen verzeihen). Man kann offensichtlich zumindest noch eine Aussage über die ontologische Realität treffen: nämlich wie sie nicht ist. Insofern würde Wissenschaft Sinn machen, indem sie eine Annäherung an die Realität ermöglicht durch Ausschluss der Unmöglichkeiten. Doch auch hierbei ist Vorsicht geboten, schließlich ist nicht alles, was der Mensch nicht wahrnimmt mit seinen Sinnen zwangsweise auch unmöglich: Als Beispiel hierfür möchte ich die sogenannte Dunkle Materie in der Astrophysik anführen, von der man nur weiß, dass sie existiert und sich jeder bisherigen Messung und Wahrnehmung entzieht, also gänzlich anders als alles, was der Mensch bisher kennt, sein muss.

Ein andere Grund für die Sinnhaftigkeit von Wissenschaft wäre der Begriff der Viabilität. Solange eine Wissenschaft Regelmäßigkeiten im Konsens der Erfahrungswelten entdeckt, die dem Menschen ein besseres Zurechtkommen mit seiner Umwelt ermöglichen, hat jede dieser Wissenschaften ihre Berechtigung, auch wenn keine wissenschaftliche Erkenntnis mehr einen Wahrheitsanspruch annehmen dürfte, als den, dass die Erkenntnis eben viabel sei. Ein Beispiel hierfür wäre wiederum aus der Physik das Newtonsche Gravitationsmodell. Seit dem Gravitationsmodell von Einstein ist dieses als überholt und unpräzise zu bewerten, dennoch verliert es nicht an Gültigkeit und wird weiterhin gelehrt. Warum? -Weil es für den Alltagsgebrauch völlig ausreichend ist. Selbst wenn theoretische Annahmen nicht mehr den Erkenntnissen der Physik entsprechen, selbst wenn die Genauigkeit und der Einbezug aller Eventualitäten zu wünschen übrig lässt, ist es dennoch eine sehr zuverlässige Methode zum Vorhersagen von verschiedenen physikalischen Vorgängen. Es ist gerade durch die Einfachheit der Handhabung und der daran gemessenen hohen Zuverlässigkeit viabel. Es stellt sich hierbei nur die Frage, wozu man dann in Hinblick auf die Viabilität z.B. das Gravitationsmodell von Einstein benötigt. Nun, in komplizierten Vorhersagen, wie sie in der Astrophysik stattfinden, ist dieses wesentlich genauere Modell dann vonnöten, um diese Vorhersagen zuverlässig zu berechnen, da sich hier kleinste Ungenauigkeiten erheblich auf das Ergebnis auswirken.

Die nächste Frage, die sich stellt ist die nach einer Wissenschaftlichen Disziplin oder Forschungsmethode, die dem Radikalen Konstruktivismus als Metatheorie gerecht würde. An dieser Frage scheitert man. Der Radikale Konstruktivismus ermöglicht keine wissenschaftliche Methodik mehr, die auf allgemeingültige Aussagen über die Realität schließen ließe. Vielmehr wird man auf die vorherige Frage verwiesen und deren Antwort: Die Viabilität. Er kann jedoch als Metatheorie der Metatheorien gebraucht werden, praktisch als Leitfaden zur Beurteilung der jeweiligen Forschungsmethoden. Dies hätte einen Verlust des Wahrheitsanspruches zur Folge, welcher ersetzt werden müsste durch den Begriff einer Viabilität in einer vom Konsens ernannten konstruierten Erfahrungswelt, beruhend auf Übereinstimmungen der verschiedenen subjektiven Erfahrungswelten. Die Schwierigkeit hierbei liegt auf der Hand: Dieser Konsens muss erst gefunden werden. Des weiteren ergäbe sich ein Problem aus der Viabilität, wie schon beim Beispiel der verschiedenen Gravitationsmodelle deutlich wird: Forschungen in eine Richtung, die für den einen nicht viabel sind, sind es eventuell für den anderen. Wer entscheidet also, welche wissenschaftliche Erkenntnis viabel ist und für wen?

Festzuhalten bliebe: Der Radikale Konstruktivismus könnte dazu beitragen, den Wahrheitsanspruch verschiedener Erkenntnisse zu relativieren.

Zur Kritik lässt sich weiterhin sagen:

Der Radikale Konstruktivismus baut auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Naturwissenschaften auf, so der Biologie, der Physik, der Kybernetik, etc.. Doch genau diese Erkenntnisse sind nach den eigenen Aussagen des Radikalen Konstruktivismus nicht begründbar. Das Problem ist offensichtlich: Er ist damit eine Wissenschaftstheorie die sich selber (bildlich gesprochen) das Fundament abreißt.

Des weiteren existiert ein Selbstanwendungsproblem: Ein Individuum, dass keine Möglichkeit eines Zugangs zu einer ontologischen Realität hat, kann auch nicht erkennen, dass es diesen Zugang eben nicht hat (Groeben, 1998, S. 155). Als Bedingung hierfür müsste es zunächst erkennen, dass die ontologische Realität nicht dem entspricht, was das Individuum über diese zu wissen glaubt. Diese Prüfung ist jedoch nicht möglich, sondern immer nur in Bezug auf die Erfahrungswelt. Man kann anhand der Erfahrungswelt prüfen, wie die Realität wohl nicht beschaffen ist, jedoch nicht, ob eine solche Unstimmigkeit auf einen fehlenden Zugang zu einer unbekannten Realität oder auf eine fehlerhafte Erfahrungswelt zurückzuführen ist. Die einzige Möglichkeit wäre, eine fehlerhafte Erfahrungswelt auf einen fehlenden Zugang zur ontologischen Realität zurückzuführen und an der Stelle beginnt der Kreislauf von vorne. Eine plausible Begründung für diesen fehlenden Zugang ist dann wieder nur bei den Naturwissenschaften zu finden, was uns zu vorheriger Kritik bringt.

Der Radikale Konstruktivismus hat also als Erkenntnistheorie sehr interessante aber auch durchaus fragwürdige Aspekte zu bieten. Er beruft sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse und leitet daraus eine Theorie ab, nach deren endgültiger Konsequenz er sich selber verneinen müsste. Dennoch beinhaltet er Überlegungen, die durchaus faszinierend und erschreckend zugleich sind.

Literaturverzeichnis:

Fischer, H.R. (Hrsg.)(1998): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus: Zur Auseinandersetzung um ein neues Paradigma. Heidelberg; Carl Auer

Glasersfeld, E. von (1997): Wege des Wissens: Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken. Heidelberg; Carl Auer

Glasersfeld, E. von (1998a): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt am Main; Suhrkamp

Glasersfeld, E. von (1998b): Die Wurzeln des „Radikalen“ am Konstruktivismus. In: Fischer, H.R. (Hrsg.): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus: Zur Auseinandersetzung um ein neues Paradigma. S.35-45, Heidelberg; Carl Auer

Groeben, N. (1998): Zur Kritik an einer unnötigen, widersinnigen und destruktiven Radikalität. In: Fischer, H.R. (Hrsg.): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus: Zur Auseinandersetzung um ein neues Paradigma. S.35-45. Heidelberg. Carl Auer

Kahan, Gerald (1987): Einsteins Relativitätstheorie. Köln; Dumont

Richards, J. und Glasersfeld, E. von (1996): Die Kontrolle von Wahrnehmung und die Konstruktion von Realität: Erkenntnistheoretische Aspekte des Rückkopplungs-Kontroll- System. In: Schmidt, S.J. (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, S. 192- 228. Frankfurt a.Main; Suhrkamp

Schmidt, S.J. (Hrsg.)(1996): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt a.Main; Suhrkamp

Fischer, H.R. (Hrsg.)(1998): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus: Zur Auseinandersetzung um ein neues Paradigma. Heidelberg. Carl Auer

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Der radikale Konstruktivismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Wissenschaftstheorie
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V105573
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Radikalen Konstruktivismus nach Ernst von Glasersfeld unter dem Aspekt einer Wissenschaftshteorie. Ich bitte die sehr, sehr grobe Untergliederung im Inhaltsverzeichnis zu entschuldigen.
Schlagworte
Konstruktivismus, Wissenschaftstheorie
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Frank Stula (Autor), 2001, Der radikale Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105573

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