Selektiver Mutismus bei Kindern. Ambulante und stationäre Behandlungsmöglichkeiten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Krankheitsbild
2.1 Was ist Selektiver Mutismus?
2.2 Ursachen

3 Behandlungsmöglichkeiten
3.1 Die Systematische Mutismus-Therapie (SYMUT)
3.2 Die Stationäre Behandlung von Selektiven Mutismus
3.3 Vergleich

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Die Fähigkeit, Sprache erzeugen und verstehen zu können, macht den Menschen zu etwas Einzigartigem“ (Friederici, Skeide und Müller, 2016). Jedoch sind nicht alle Menschen jederzeit dazu in der Lage die Sprache als Kommunikationsmittel zu nutzen. Menschen, die unter selektivem Mutismus leiden zählen dazu. Denn sie können sich nicht frei in allen Situationen sprachlich verständigen, sondern können dies nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu zählt z. B. ein gewohntes Umfeld bzw. Situation, in der sich das Kind/der Jugendliche sicher und wohl fühlt (Bahr, 2006, S. 11).

Jedoch ist es so, dass die passende Diagnose häufig erst verzögert gestellt wird. Da selektiver Mutismus noch relativ unbekannt ist sowohl bei Ärzten/Ärztinnen, der Allgemeinheit und auch der/die Betroffene selbst. Aufgrund dessen kommt es oft zu Verwechselung mit anderen Störungen wie z. B. Autismus. Unter Umständen kann es auch als Schüchternheit abgestempelt werden, bei dem die Betroffenen häufig mit ihren Problemen alleine gelassen werden (Bahr, 2012, S. 48; Gauß, 2013, S. 34; Hartmann, 2019, S. 39).

Das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit Selektiver Mutismus bei Kindern und ihre Behandlungsmöglichkeiten ist die Untersuchung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der ambulanten und der stationären Behandlungsmöglichkeit. Dazu wird als erstes das Krankheitsbild des selektiven Mutismus erläutert und unter anderem auf die Erkennungsmerkmale und die Unterteilungen von Mutismus eingegangen. Im nächsten Abschnitt werden sowohl die verschiedenen Ursachen als auch Risikofaktoren beschrieben. Danach werden die verschiedenen Behandlungsarten aufgezeigt, dabei handelt es sich wie bereits erwähnt sowohl um eine ambulante Therapie als auch um eine stationäre. Im Anschluss werden die beiden Behandlungsmöglichkeiten miteinander verglichen, um somit im Fazit der wissenschaftlichen Arbeit eine Vermutung aufzustellen welche Therapie für wenn besser geeignet ist.

2 Krankheitsbild

2.1 Was ist Selektiver Mutismus?

Die Bezeichnung des Selektiven Mutismus wird von den Lateinischen Begriffen „selektiv“ und „mutus“ abgeleitet, was übersetzt „ausgewählt“ und „stumm“ bedeutet (Bahr, 2012 S. 14). Generell handelt es sich beim Selektiven Mutismus um eine seltene Störung die aktuell nach DSM-5 unter Angststörungen eingeordnet wird. Mit einer Prävalenzrate von 0,03% - 1% (Falkai und Wittchen, 2018, S. 264f.). DSM steht hierbei für „Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen“ (Falkai und Wittchen, 2018, S. LI) und dient der „Klassifikation psychischer Störungen mit zugehörigen diagnostischen Kriterien, welche eine zuverlässige Diagnosestellung psychischer Störungen erleichtern sollen“ (Falkai und Wittchen, 2018, S. LI). Genauer handelt es sich, um ein situations- und personenbedingtes Schweigen bei den Betroffenen (überwiegend Kinder und Jugendliche), trotz der vorhandenen Sprachkompetenz nicht reden. Diese bestimmten Situationen bzw. Personen gebundenen Umgebungen wie z. B. der Schul-, Kindergartenbesuch oder das Einkaufen gehen mit der Mutter sind für die Betroffenen mit fremden Gesichtern, Stress und auch Angst verbunden. Somit werden die unvertrauten Situationen durch das Schweigen umgangen (Bahr, 2012 S.

14). Ebenfalls anzumerken ist, dass die Mimik und Gestik starr sein können. Gefühle werden teilweise nach außen hin nicht gezeigt und in manchen Fällen wird auch das Essen und Trinken außerhalb der vertrauten Umgebung (meist das Zuhause) verweigert, da sie keinerlei Aufmerksamkeit erregen wollen (Gauß, 2013, S. 36f.). Um das schweigende Verhalten außerhalb der vertrauten Umgebung auszugleichen, kommt es Zuhause oft zu einem „übergroßen und fast schon nervenden Redefluss“ (Gauß, 2013, S. 37). Nicht nur das Kommunikationsverhalten des Kindes bzw. Jugendlichen ist zu Hause gegenteilig, sondern auch das psychosoziale Verhalten. So wird der/die Heranwachsende Zuhause oft als „quirlig“, „munter“, und sogar als „dominant“ beschrieben (Hartmann, 2019, S. 14, S. 263).

Im Gegensatz dazu verhalten sich die Personen, die unter totalem Mutismus leiden (eine seltenere Form von Mutismus) auch in vertrauter Umgebung so, denn sie verweigern jegliche sprachlichen Äußerungen und oftmals auch Geräusche wie z. B. Räuspern, Husten oder Niesen. Dies wird dann in Gegenwart anderer Menschen weitestgehend unterdrückt. Bei beiden Arten des Mutismus liegt weder eine Störung des Gehörs noch der Sprechfähigkeit vor (Bahr, 2012, S. 15; Katz-Bernstein, 2007, S. 20f.). Des Weiteren wird auch noch zwischen Früh- (3-4 Lebensjahr) und Spätmutimus bzw. Schulmutismus (5-7 Lebensjahr) unterschieden (Zuckrigl 1982, zitiert nach Hartmann, 2019, S. 31). Denn zu den Zeitpunkten des Kindergarten- bzw. Schulbeginns entstehen die ersten Kontakte, die nach Integration und Anpassung verlangen. Da sich diese Kontakte außerhalb des vertrauten Umfelds befinden wird das Schweigen somit erstmals im Kindergarten oder spätestens in der Schule bemerkbar (Hartmann, 2019, S. 31; Bahr, 1996, S. 37ff. und Hartmann, 1997, S. 67f. zitiert nach Katz- Bernstein, 2007, S. 25). Es kann vorkommen, dass dies erst in der Schule geschieht, da dort im Gegensatz zum Kindergarten ein aktives Handeln vorausgesetzt wird. Dies spiegelt sich beispielweise in mündlicher Mitarbeit oder Vorlesen von Hausaufgaben wieder (Bahr, 2012, S. 30f.).

2.2 Ursachen

Zwar sind die Ursachen von Selektiven Mutismus nicht eindeutig, da jeder Mensch unterschiedlich aufwächst, über andere Erfahrungen und Anlagen verfügt. Dennoch lassen sie sich sowohl in genetische, neurologische und umweltbedingte Ursachen aufteilen, als auch die hinzukommenden Risikofaktoren. Dementsprechend sind die Auslöser für den selektiven Mutismus nicht verallgemeinerbar, sondern müssen jeweils auf individueller Ebene untersucht werden. Zurzeit wird der Selektiver Mutismus nach DSM-5 unter Angststörungen kategorisiert (Falkai und Wittchen, 2018, S. 264). Auch Hartmann spricht davon, dass viele Betroffene eine genetisch basierte Ängstlichkeit und Gehemmtheit aufweisen. Dementsprechend reagieren sie bei unvertrauten Gegebenheiten mit Angst und sprachlichem Rückzug. Hinzufügend erwähnt Hartmann das Forschungen ergeben haben, dass bei sozial gehemmten Kindern/Jugendlichen die Reizschwelle des Angstzentrums im Gehirn deutlich schneller überschritten wird. Demnach reagiert der Körper in unsicheren Momenten zur Abwehr der Gefahrenquelle übermäßig (Hartmann, 2020a). Durch diese Aussagen belegt Hartmann, dass die Ursachen sowohl genetisch als auch neurologisch bedingt sein können.

Im folgendem wird die Mutter als einer der möglichen Umwelt bedingten Auslöser beschrieben. Da sie oftmals die Rolle der Zentralen Bezugsperson einnimmt, kann es zu einer Überbehütung des Kindes kommen. Dies kann dazu führen, dass sich eine sogenannte „Mutter-Kind-Symbiose” (Hartmann 2019, S. 23) entwickelt. Das bedeutet, Mutter und Kind leben in einer Co-Abhängigkeit zueinander. Sie kommen nicht mehr ohne einander aus, da das Kind die Mutter als Sprachrohr benötigt und die Mutter das Kind als Hilfe bedürftig ansieht. Dadurch macht sich die Mutter die Aufgaben des Kindes zu ihren eigenen. Hierdurch kann sich das Kind trotz des Wunsches nicht zu einer selbstständigen Persönlichkeit entwickeln und ist nicht in der Lage neue Anforderungen eigenständig zu meistern. Die einzige Lösung für das betroffene Kind ist es zu schweigen (Bahr, 2012, S. 39ff.; TU Dortmund, 2020).

Hinzu kommen zahlreiche Risiko-und Stressfaktoren, die das Auftreten von Selektivem Mutismus begünstigen können. Dazu zählen zum einen die von Bahr erwähnten individuellen Faktoren wie z. B. Frühgeburten, Krankheiten im Säuglingsalter, anlagebedingte Schüchternheit, eine verzögerte motorische Entwicklung und ein verspäteter Sprachbeginn. Zum anderen erwähnt er die sozialen Faktoren bei denen es sich um emotionalen Stress, häufig wechselnde Bezugspersonen oder Wohnorte, überbehütende Mütter, Migration und Zweisprachigkeit handelt (Bahr, 2012, S. 19).

3 Behandlungsmöglichkeiten

Alle Behandlungsmöglichkeiten verfolgen dasselbe Ziel, dem Schweigen des Kindes/Jugendlichen ein Ende zu setzten. Um dieses Ziel zu erreichen gibt es mehrere Behandlungsmöglichkeiten bzw. Therapieangebote sowohl ambulant als auch stationär. Zu den ambulanten Therapien zählen unter anderem die Dortmunder Mutismus Therapie auch unter DortMuT bekannt (TU Dortmund, 2020) das Konzept der Kooperativen Mutismustherapie kurz KoMut (Feldmann, Kopf & Kramer, 2012, S.14ff.) und die Systematische Mutismus-Therapie auch SYMUT genannt auf diese im Weitern Verlauf genauer eingegangen wird. Hinzu kommen die Stationären Behandlungen wie z. B. die in der Rehabilitationsklinik in Werscherberg (AWO Bezirksverband Weser-Ems e.V., 2020) und die in dem Sprachheilzentrum von Meisenheim. Die ebenfalls im folgendem vertieft wird.

3.1 Die Systematische Mutismus-Therapie (SYMUT)

Die SYMUT findet in einem Institut für Sprachtherapie statt und folgt den Leitgedanken der Veränderung, Zuversicht, Ich-Stärkung, Antriebssteigerung und Selbstdisziplin. Mit dem Ziel das Schweigen der Betroffenen zu überwinden (Hartmann, 2019, S. 350). Dieses Ziel wird mit Hilfe von fünf Modulen und der Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams, dass aus Psychiatrie, Psychotherapie und Sprachtherapie bestehen kann angestrebt (vgl. Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Module der Systemischen Mutismus-Therapie (Hartmann, 2019, S. 262)

Bei dem ersten Modul handelt es sich um das systemische Menschenbild, welches die möglichen Ursachen als eine zirkulierende Wechselbeziehung zwischen verschieden Interaktionspartnern und innerlichen Prozessen beschreibt.

Danach folgt das zweite Modul bestehend aus der sogenannten 8 Stufen-Diagnostik. Hierbei wird zuerst eine Mutismusdiagnostik und Differenzdiagnostik (von einem/einer Kinderarzt/Kinderärztin oder einem/einer Kinderpsychologen/Kinderpsychlogin) mit Hilfe der ICD-10 bzw. DSM-5 erstellt. Hiermit sind wie schon teilweise erwähnt zwei Klassifikation Systeme gemeint. Als nächstes folgen in der zweiten und dritten Stufe die Neurologische Untersuchung und die HNO-ärztliche Untersuchung. Die vierte Stufe besteht aus der Patienten- und Familienanamnese die mit Hilfe des Kölner Mutismus Anamnesebogen (K-M- A) durchgeführt wird. Hierbei werden unter anderem Temperamtsmerkale, klinische Merkmale, vorherige Therapien und andere relevante Aspekte festgehalten (Hartmann, 2018, S. 2ff.). Im Anschluss folgt die fünfte und sechste Stufe die sich aus der Psychologischen Interpretation und Sprachdiagnostik mit der Definition des aktuellen Sprachstatus zusammensetzt. Anschließend kommt es zu der Bewertung des sozialen Kommunikationsverhaltens mit dem Mutismus-Soziogramm und dem Evaluationsbogen für das sozialinteraktive Kommunikationsverhalten bei Mutismus/E-S-K-M. Zum Schluss findet die Beschreibung emotionaler Motivationskriterien statt, womit das Modul der Diagnostik abgeschlossen wird (Hartmann, 2019, S. 270).

Zusätzlich gibt es das Modul der interdisziplinären Gesprächsrunden, bei denen Kontakt zu dem Kindergarten, Schule oder anderen Institutionen aufgenommen wird. Um die Therapie dorthin auszuweiten. Nun wird geschaut inwieweit man diese Einrichtung mit einbeziehen kann. Denn der/die Betroffene soll lernen nicht nur in den Behandlungsräumen oder in anderen vertrauten Situationen zu sprechen, sondern auch in spontanen Alltagssituationen (Hartmann, 2019, S. 232f.; 2020b).

Eng damit verbunden ist die Beratung und Elternarbeit (Modul 4). Hierbei wird unter anderem, gemeinsam überlegt welche Schule am geeignetsten für das Kind bzw. Jugendlichen ist. Es wird besprochen, wie sich der enge Familienkreis (Eltern und Geschwister) gegenüber dem schweigenden Kind/Jugendlichen verhalten soll (Hartmann, 2020b).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Selektiver Mutismus bei Kindern. Ambulante und stationäre Behandlungsmöglichkeiten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1059554
ISBN (eBook)
9783346470652
ISBN (Buch)
9783346470669
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selektiver, mutismus, kindern, ambulante, behandlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Marie Möller (Autor:in), 2020, Selektiver Mutismus bei Kindern. Ambulante und stationäre Behandlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1059554

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