Sexuelle Übergriffe und Missbrauch unter den Klienten in Berliner und Brandenburger Seniorenwohngemeinschaften und -wohnheimen


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexuelle Übergriffe und Missbrauch
2.1 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch – Missbrauch und Folgen im Allgemeinen
2.2 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch im Kontext von Generationshintergründen
2.3 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch im Kontext von Pflegebedürftigen heute

3. Häufigkeit von sexuellem Missbrauch und Übergriffen unter Klienten
3.1 Häufigkeit von sexuellem Missbrauch und Übergriffen unter Klienten – eigene Beobachtungen und Untersuchungen
3.2 Häufigkeit von sexuellem Missbrauch und Übergriffen unter Klienten – bisherige Untersuchungen in der Literatur

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit thematisiert sexuelle Übergriffe und Missbrauchsfälle unter Klienten von Seniorenwohngemeinschaften - und Heimen. Seit sieben Jahren bewege ich mich als Pflegeassistentin im Arbeitsfeld der Altenpflege. Zum einen arbeitete ich hauptberuflich in einer Wohngemeinschaft für Senioren in Berlin, zum anderen werde ich seit vier Jahren nebenberuflich als Leasingpflegekraft in viele verschiedene Senioreneinrichtungen im Raum Berlin und Brandenburg gebucht. Von Anfang an fiel mir auf, dass sexueller Missbrauch und Gewalt in der Pflege Aufmerksamkeit in verschiedenen Formen bekommt, aber dass es innerhalb dieses Themenbereichs ein spezifisches Themenfeld „Missbrauch und sexuelle Übergriffe unter den Klienten“ gibt, was meiner Beobachtung nach wenig beachtet wird. Es erscheint, als ob sich das Fachpersonal im Umgang mit diesem Fokus sehr uneinig ist und bis hin zu hilflos erscheint, da es kaum Handlungsanleitungen hierzu gibt, die ja eine Folge von Untersuchungen mit dem Themenfokus sein müssten. In Berliner und Brandenburger Seniorengemeinschaften und Pflegeheimen habe ich daher immer wieder Beobachtungen und Zählungen unternommen und dokumentiert. Die Ergebnisse werden in Form dieser Arbeit präsentiert.

Zunächst wird auf Missbrauch im Allgemeinen eingegangen, dann werden die Generationshintergründe der Betroffenen thematisiert, um dann diese beiden Aspekte in den Kontext von Pflegebedürftigen heute zu setzten. Dabei liegt der Fokus auf demenziellen Erkrankungen. Im Kapitel drei werden dann die Ergebnisse meiner eigenen Untersuchungen dargelegt. Für diese Untersuchungen wurden empirisch-quantitative Methoden verwendet wie Befragungen und Zählungen in Senioreneinrichtungen und unter Mitarbeiter*innen. Des Weiteren werden auch Missbrauchsfälle aus einer Seniorenwohngemeinschaft näher beschrieben und analysiert. Anschließend erfolgt eine Darstellung der bisherigen Forschung, Untersuchungen und Prüfungen zum Thema. Abschließend erfolgt eine Stellungnahme zur Frage, ob dieses Thema zu wenig ernst genommen wird und es werden Vorschläge unterbreitet, wie diesbezügliche Untersuchungen und Forschungen vorangetrieben und Zustände besser aufgedeckt und verbessert werden könnten.

2. Sexuelle Übergriffe und Missbrauch

2.1 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch – Missbrauch und Folgen im Allgemeinen

Eine Definition von sexuellen Missbrauch zu finden, die sowohl den sexuellen Missbrauch gegenüber Minderjährigen als auch den unter Erwachsenen umfasst, ist schwer. Der Psychotherapeut R. Ruthe schreibt in seinem Buch, dass die Diskussion der Experten über eine einheitliche Definition bis heute andauere (Vgl. R. Ruthe, 2016, S.13). Des Weiteren versucht sich R. Ruth in einer allgemeinen Beschreibung, in dem er sagt, beim sexuellen Missbrauch gehe es um willentlich sexuelle Handlungen, wobei über die Geschlechtsorgane sexuelle Befriedigung herbeigeführt wird. Dabei bestehe zwischen Opfer und Täter in der Regel keine Freiwilligkeit. Es gäbe viele verschiedene Formen sexuellen Missbrauchs. Am häufigsten passiere er zwischen Erwachsenen und Kindern, aber er finde auch zwischen Erwachsenen statt. (Vgl. R. Ruthe, 2016, S. 11). Viele verschieden Definitionsversuche haben laut dem Fachbuch „Fass mich nicht an!- sexueller Missbrauch“ von R. Ruthe gemeinsam, dass zwischen Tätern und Opfern in der Regel ein Gefälle besteht, welches mit dem Alter, mit Reife und/oder Macht zu tun hat. Auf diesen übergeordneten Punkt wird an späterer Stelle noch vertieft eingegangen. Außerdem werden Missbrauchsfälle in vier verschiedene Kategorien eingeteilt.

1. Leichte Form des sexuellen Missbrauchs: hierbei gibt es keinen Körperkontakt. In diesen Bereich fallen u.a. Exhibitionismus und anzügliche Bemerkungen.
2. Wenig intensive Missbrauchshandlungen: darunter zählen Versuche, die Genitalien anzufassen, das Berühren der Brüste oder sexualisierte Küsse.
3. Intensiver Missbrauch: Hier ist Folgendes gemeint: das Berühren oder Vorzeigen der Genitalien, wenn das Opfer gezwungen wird, vor dem Täter zu masturbieren oder der Täter sich vor dem Opfer selbst befriedigt.
4. Der intensivste Missbrauch besteht in dem Versuch oder dem Vollziehen einer oralen, vaginalen oder analen Vergewaltigung.

Andere Wissenschaftler haben andere Kategorien aufgestellt, in denen sie die Häufigkeit, Dauer, die Beziehung zwischen Täter und Opfer und das Alter des Opfers bei Beginn des Missbrauchs mit einbeziehen (Vgl. U.T. Egle at al, 2016, S.14 – 15).

Für die Opfer können die Folgen facettenreich sein und sich sehr unterschiedlich ausprägen. Hier seien einige erwähnt, von denen ich annehme, dass sie gehäuft in dem Kreis der Betroffenen auftreten, die in dieser Arbeit fokussiert werden. Der Diplom-Psychologe J. Wevers beschreibt in einer umfangreichen und ausführlichen Auflistung von möglichen Folgen durch sexuellen Missbrauch direkte emotionale Reaktionen wie Schuldgefühle, Angstzustände und ein gestörtes Verhältnis zu den eigenen Gefühlen. Hierbei kann es sein, dass der/die Betroffene ihren eigenen Gefühlen misstraut bzw. sie als falsch bewertet. Daraus kann eine starke Unsicherheit zur eigenen Person und der Umwelt entstehen. Des Weiteren wird Dissoziation aufgeführt. Die Person durchlebt hierbei eine innere Abspaltung, um kaum erträgliche Gefühle von sich abzutrennen. Das kann sich z.B. darin äußern, dass sich die Person an Gespräche, an denen sie teilgenommen hat, wenig bis kaum erinnern kann. Auch Tagträumereien und große Phantasien können ein Hinweis auf Dissoziation sein. Schamgefühle sowie zwanghaftes Verhalten in Form von Wasch- oder Kontrollzwang werden ebenfalls oft als Symptome nach sexuellem Missbrauch und Übergriffen beobachtet. Hier sei Aggressivität und Depressionen benannt, so wie regressives Verhalten, welches J. Wevers zwar nur im Zusammenhang mit Kindern erwähnt, aber bei Menschen mit einer demenziellen Erkrankung durch aus für möglich gehalten werden kann. Psychosomatische Folgen können Kopfschmerzen, Hautkrankheiten, Asthma, Lähmungen, Verspannung und Haltungsschäden, Konzentrations- und Leistungsstörungen, Kreislaufschwäche, Einkoten, Verdauungs- sowie Schlafstörungen sein. Als mögliche Folgeerkrankungen des Missbrauchs führt J. Wevers u.a. Verletzungen im Genital- und Analbereich auf sowie häufige Harnwegsinfektionen, Ausfluss, unklare Blutungen und Juckreiz im entsprechenden Bereich. Treten folgende Veränderungen plötzlich im Sozialverhalten auf, so könnten diese ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch und Übergriffe sein: Anklammern an Bezugspersonen, Verschlossenheit und Misstrauen, übersteigertes Fremdeln, meiden bestimmter Orte, Personen und Situationen, Rückzugsverhalten oder Hyperaktivität (Vgl. J. Wevers, 2017, Abs.1-18).

Viele von den eben genannten Symptomen, Krankheiten und Verhaltensweisen wird man unter Klienten in Seniorenheimen und Wohngemeinschaften gehäuft beobachten können. Ihr Ursprung können viele verschiedene physische und psychische Vor- und Neuerkrankungen sein. Im Folgenden wird untersucht, ob und inwieweit sexueller Missbrauch und Übergriffe verschiedener Ausprägung eine Ursache der aufgeführten Symptome sind. Denn meiner Ansicht nach wird oft nicht ausreichend intensiv beobachtet, nachgefragt oder es werden Dinge zu wenig in Zusammenhang gesetzt, um sexuellen Missbrauch und Übergriffe im Allgemeinen und Spezifischen auszuschließen. Das mag unter anderen an den oftmals kritisierten Rahmenbedingungen im Bereich der Altenpflege liegen.

Ich musste in einer Umfrage unter Mitarbeitern einer Leasingfirma, deren Angestellte in vielen Altenheimen auch lange Zeit tätig sind, feststellen, dass von 28 der Befragten nur einer überhaupt bereit war, über das Thema sexuellen Missbrauch und Übergriffe in Senioreneinrichtungen spezifisch unter den Klienten zu reden. Das brachte mich zu der Annahme, dass die Bereitschaft, unangenehme und vielleicht sogar schwer vorstellbare Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, absolut gering ist. Auf die Begründung dieser Annahme gehe ich am Ende der Arbeit noch näher ein, aber ein Aspekt davon möchte ich an dieser Stelle erwähnen: Meiner Ansicht nach ist die Generation der heutigen Pflegekräfte noch stark von Erziehungsleitsätzen geprägt, die besagen, dass man Respekt vor Älteren haben soll. Es kann sein, dass die Hemmschwelle diesen Themen gegenüber im Bereich der Altenpflege daher größer ist als in anderen Arbeitsfeldern. Denn in keinem anderen Arbeitsfeld sind Angestellte tagtäglich mit einer so hohen Anzahl von Menschen ihrer Eltern- und Großelterngeneration im engen Kontakt. Aber wie haben frühere Generationen, denen laut einer bestimmten Konditionierung Respekt zu zollen ist, gelebt?

2.2 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch im Kontext von Generationshintergründen

R. Ruthe beschreibt in einem Praxisbeispiel einen älteren Mann, dessen Ehe auf Grund des Klimakteriums der Frau in sexueller Hinsicht passiv verlief. Der Ehemann sah sich durch den sexuellen Rückzug der Frau gezwungen, die Lage seiner in Geldnot geratenen weiblichen Reinigungskraft auszunutzen und sie sexuell zu missbrauchen. Der Autor, selber im Jahr 1927 geboren, Theologe und Psychotherapeut, spricht hier von der Mitschuld der Ehefrau am sexuellen Missbrauch durch ihren Ehemann an einer anderen Frau. Er stützt sich auf die Worte von Paulus im 1. Korinther 7, 3-6, die besagen, dass der Mann seine Frau nicht vernachlässigen und die Frau sich ihrem Mann nicht entziehen solle, denn weder die Frau noch der Mann dürften eigenmächtig über ihren Körper verfügen (Vgl. R. Ruthe, 2016, S.83). Zwar besagt die Bibel, dass weder der eine noch der andere Ehepartner ein Recht auf den eigenen Körper habe, doch sah das beispielsweise in der Gesetzgebung lange anders aus. Bis 1900 war es dem Ehemann rechtlich erlaubt, seine Frau im Falle von Ungehorsam körperlich zu züchtigen (Vgl. B. Jungkunz, 2019, S. 25). Es ist bekannt, dass der Ehemann für Vergewaltigung innerhalb der Ehe erst seit dem 1. Juli 1997 strafbar gemacht werden kann (Vgl. R. Steinke, 2017, Abs. 3 - 4). Darüber schreibt R. Steinke und greift in dem Zusammenhang ein Zitat eines der bedeutendsten Strafrechtler des 19. Jh. auf: „Wer wie der Ehemann auf den Beischlaf ein vollkommenes Recht hat, macht sich durch Erzwingen desselben keiner Nothzucht schuldig". 1937 hieß es vom Reichsgericht: "Eine an sich zulässige Handlung wird nicht dadurch zu einer unzüchtigen, dass sie mit Gewalt vorgenommen wird" (Vgl. R. Steinke, 2017, Abs. 3 - 4). An den eben beschriebenen Aussagen von politisch einflussreichen Menschen ist zu erkennen, dass viele Männer und Frauen, die heute pflegebedürftig sind, in einer Gesellschaft aufwuchsen, in der ein Mann das Recht hatte, seine sexuellen Bedürfnisse weit über die Bedürfnisse der Frau zu stellen und diese angehalten worden ist, sich zu unterwerfen. Es war also auch für viele Kinder der vorigen Generation normal, die eigenen Eltern in diesem Machtgefälle zu erleben. Hinzu kommt, dass die heutigen pflegebedürftigen Menschen als Kriegs- oder Nachkriegskinder stark vom verschiedenen Massenschicksalen des 2. Weltkrieges geprägt sind. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, werde ich diesen Punkt einschränken müssen und nur zwei näher im Genderkontext behandeln, um deutlich zu machen, welche Ursachen sexueller Missbrauch und Übergriffe dieser Generation haben könnte.

Die Generation der Kinder im 2. Weltkrieg wird als vaterlose Generation bezeichnet. M. Franz schreibt hierzu in einem von L. Janus herausgegebenen Sachbuch Folgendes: Über sechs Jahre starben statistisch gesehen pro Tag 25.000 Männer- Söhne, Brüder und Väter. Die deutsche „Heldenmutter“ oder „Kriegswitwe“ zeigte in der Öffentlichkeit keine Trauer, sondern ergab sich pflichtbewusst in ihre Rolle (Vgl. L. Janus (Hg.), 2012, S. 78). Der Psychiater M. J. Maaz behauptet, die Nazis hätten die Mutterschaft auf verbrecherische Weise missbraucht und damals wie heute würde die Mehrheit der Menschen ein idealisiertes und unkritisches Mutterbild verfolgen (M. J. Maaz, 2013, S. 12). Er begründet die durch die Mutter geprägte Störung darin, dass Mutterliebe als Vergiftung erfahren wird, wenn die Mutter überzeugt ist, aus Liebe zu handeln, die Bedürfnisse des Kindes aber andere sind und die Mutter diese nicht erfüllen will (M. J. Maaz, 2013, S. 27) oder kann. Die Mütter waren also oftmals wegen ihres eigenen Leids emotional nicht nährend und unerreichbar für ihre Kinder. Millionen Männer in Kriegsgefangenschaft kamen schwerstens traumatisiert nach dem Krieg zurück und konnten ihren Kindern häufig emotional auch nicht zu Verfügung stehen (Vgl. L. Janus (Hg.), 2012, S. 78).

Ein Betroffener berichtet im Rahmen einer empirischen Untersuchung, dass seine Mutter nach dem Krieg eine Versorgungsehe ohne Liebe einging. Der Stiefvater, psychisch schwer traumatisiert, kommandierte seinen Kindern im Kasernenton herum, ließ sie antreten und es gab sadistisch ritualisierte Schläge fürs nächtliche Bettnässen. Das seelisch und körperlich misshandelte Kind litt sein Leben lang unter den Folgen. In einer Therapie konnte er zu einer inneren tiefliegenden Wut und Feindseligkeit auf die Mutter bezogen vordringen. Er habe ihr sein ganzes Leben lang unbewusst vorgeworfen, einen sadistischen Mann nur der eigenen Versorgung wegen ins Haus geholt zu haben. Der Sohn hatte das Gefühl, dass der Preis, den er und seine Geschwister dafür zahlen mussten, ihr gleichgültig gewesen sei (Vgl. L. Janus Hg., 2012, S. 81). Hier wurde das Frauenbild gleichzeitig von Übermächtigkeit und Kälte aber auch von Unterwürfigkeit in einem patriarchischen Weltbild geprägt. Mit dieser inneren Prägung ist es für einen Mann schwer, einer Frau auf Augenhöhe zu begegnen. Entweder der Mann wird die Frau überhöhen, wie er es einst als Sohn in der Beziehung zu seiner Mutter erfahren hat, oder er wird sich der Frau gegenüber erhöhen, wie es ihm patriarchische Gesellschaften und die Familie bzw. die Umstände in der er aufwuchs, vorlebten.

Die Frauen im 2. Weltkrieg hatten mit einem anderen Massenschicksal zu kämpfen, welches ihre Söhne und Töchter ebenso geprägt haben dürfte. Das Institut für Zeitgeschichte konnte in diesem Kontext die Tagebuchaufzeichnungen von Marta Hillers wissenschaftlich untersuchen. Marta Hillers, 1911 in Berlin geboren, veranlasste vor ihrem Tod, dass ihre biographischen Aufzeichnungen Historikern zu Verfügung stehen sollten. Allerdings wollte sie anonym bleiben. Durch Recherchen wurde die Verfasserin aber nach ihrem Tod ausfindig gemacht. In ihren festgehaltenen Erlebnissen im Buch „Anonymia“ geht es um brutale Vergewaltigungen durch die Sieger, die in Berlin auf der Tagesordnung standen (Vgl. Y. Saal, 2019, Abs. 2). Es wird u.a. beschrieben, wie junge Mädchen tagelang versteckt wurden, um sie vor Schändungen zu schützen. Es wird von Massenvergewaltigungen berichtet (Vgl. Anonymia, 2003, S. 136- 137), sowie von suizidalen Vergewaltigungsopfern (Vgl. Anonymia, 2003, S. 125). Auch werden Kleinkinder erwähnt, deren Mütter mit Soldaten Tag und Nacht feierten mussten (Vgl. ebd., S. 125). Die Verrohung der eigenen Gefühle wird wie folgt beschrieben: „Überhaupt fangen wir langsam an, den Schändungsbetrieb humoristisch zu nehmen, galgenhumoristisch.“ (ebd., S. 137). Die Tagesbuchverfasserin beschreibt außerdem, wie sie sich durch Sex mit einem höheren Offizier vor anderen Vergewaltigungen zu schützen versucht. Sie vergleicht die Besatzer mit Wölfen, von denen sie es geschafft hätte, den Stärksten des Rudels zu zähmen, damit sich der Rest vom Rudel fernhielte. (Vgl. Anonymia, 2001, S. 96). Die Prostitution der Frauen, die durch Hungersnot und auf der Suche nach Schutz ausgelöste wurde, zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufzeichnungen. Kinder, die Geschlechterrollen so miterleben müssen, haben automatisch ein inneres Männerbild in sich, welches bedrohlich, brutal sich selbst ermächtigend ist. Auf der anderen Seite waren die Männer auch die Versorger und Beschützer, von denen Frauen und Kinder abhängig waren. Das Buch verdeutlicht, dass es zwei Wege gab, mit der damaligen Situation umzugehen: entweder man versteckte sich oder man ergab sich. Im besten Fall konnte man in der ergebenen Rolle Vorteile für seine Angehörigen und sich erkaufen. Eine weiterentwickelte Strategie kann sein, es genau wegen dieser inneren Prägung und einer Urangst vor Kontrollverlust darauf anzulegen, als Frau die Oberhand zu behalten und sich dem Mann gegenüber zu erhöhen, emotionale Abhängigkeiten auszunutzen und so evtl. selbst zur Täterin zu werden. Hat man als Frau diese Überlebensstrategien als Heranwachse vorgelebt bekommen und verinnerlicht, gegebenenfalls weiterentwickelt und nicht oder nur teilweise bearbeitet, so wird sie einen ein Leben lang begleiten und den Umgang mit Männern und das Setzen, Wahrnehmen und Akzeptieren eigener und anderer Grenzen beeinflussen.

Diese beiden Zeitzeugenaussagen, die stellvertretend für eine ganze Generation stehen können, soll verdeutlichen, dass viele heutige Pflegebedürftigen kaum die Möglichkeit hatten, emotional stabil aufzuwachsen und dass Konzepte dahingehend, wie eine Frau oder ein Mann zu sein hat bzw. sein muss, auf Grund der stark polarisierenden und patriarchischen Gesellschaftsform massiv geprägt wurde. Daher ist erahnbar, dass für die Betroffenen der Bezug zum anderen Geschlecht in vielen Fällen innerlich mit Macht, Ohnmacht, Pflichtgefühl, Abhängigkeit, Angst, Wut und Verzweiflung in Verbindung steht.

2.3 Sexuelle Übergriffe und Missbrauch im Kontext von Pflegebedürftigen heute

Untersucht man die Fachliteratur zum Thema ´Sexualität im Alter´ im Kontext von Missbrauch, so wird man sehr häufig auf die Problematiken stoßen, die sich im Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Pflegenden abspielen können. Dass es gewalttätiges Handeln bis hin zu sexuellen Übergriffen vom Pflegekräften ausgehend gibt, ist kein Geheimnis. Auch ist weitgehend bekannt, dass Pflegekräfte sich in ihrem Arbeitsalltag mit sexuellen Belästigungen, die von Klienten ausgehen können, auseinandersetzten müssen. Das Pflegepersonal wird daher geschult, mittels Kleiderordnung, eindeutig nicht-sexuellen Signalen und einer eher distanzierten Anrede Grenzüberschreitungen entgegenzuwirken.

Oftmals werden im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen, die als übergriffig empfunden werden, demenzielle Erkrankungen als Ursache benannt, da Betroffene enthemmendes Verhalten aufzeigen können (Vgl. C. Zippel, 2009, S. 292 – 293). Hier sei betont, dass es viele verschiedene demenzielle Erkrankungen gibt. In Berlin und Brandenburg gab es 2016 insgesamt 114.535 Menschen mit Demenz (Vgl. R. Radke, 2018, Abb. 1). Laut dem medizinischen Unternehmen Novaritis, welches sich für Alzheimer-Früherkennung, -Prävention und -Unterstützung der Betroffenen einsetzt, ist Alzheimer mit einem Anteil von etwa zwei Dritteln bei weitem die häufigste Form der Demenz (Vgl. Novartis, 2020, Abs. 2). Im Gegensatz zu anderen demenziellen Erkrankungen werden bei der Definition von Alzheimer Symptome wie die Störung des Denk- und Urteilsvermögens sowie eine Veränderung der Persönlichkeit besonders hervorgehoben (Vgl. H. E. Philipp- Metzen, 2015, S.21). Bei dieser Art von Demenz wird auch häufig beobachtet, dass Betroffene ungewöhnlich stark auffallende Affekte bis hin zu aggressiven Impulsen aufzeigen (H. E. Philipp – Metzen, 2015, S. 93). Bei dem Symptom Persönlichkeitsveränderung möchte ich auf Grund meiner eigenen Beobachtungen betonen, dass sich die Persönlichkeit oftmals nur zu verändern scheint. Ich nehme bei viele Alzheimer- Patienten eher wahr, dass sich durch das Wegbrechen der kognitiven Fähigkeiten innere Konzepte bezüglich dessen, was ein zivilisierter Mensch offen zeigen darf oder verbergen sollte, auflösen und so Persönlichkeitsmerkmale oder Prägungen, die ein Leben lang unterdrückt bzw. nur dosiert hervorgetreten sind, plötzlich sichtbarer werden. Das kann z.B. bedeuten, dass eine Frau, die ihr Leben lang auf Grund ihrer Religion sehr fromm gelebt hat, ihr Interesse für Sexualität durch das Wegfallen ihrer kognitiven Glaubenssätze offen zum Ausdruck bringt und danach handelt. Möglich wäre auch, dass ein Mann, der seine Homosexualität auf Grund seiner Erziehung und generations- bedingten gesellschaftlichen Normen lange zu unterdrücken im Stande war, aber seine Prägung auf Grund seiner Krankheit nun nicht mehr verbergen kann. In beiden Fällen kann das sexuelle Verlangen als übertrieben und massiv erscheinen, da es sich über Jahrzehnte hinweg angestaut hat und unter starkem Druck (fest)gehalten wurde. Hier sehe ich einen starken Zusammenhang zwischen den biographischen, historisch-politischen Hintergründen und der Symptomatik dieser Krankheit. Die Ursache für sexuellen Missbrauch und Übergriffe ausgehend von Demenz-Erkrankten allein in der Krankheit zu suchen, finde ich nicht ausreichend.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sexuelle Übergriffe und Missbrauch unter den Klienten in Berliner und Brandenburger Seniorenwohngemeinschaften und -wohnheimen
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V1059818
ISBN (eBook)
9783346483799
ISBN (Buch)
9783346483805
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegeheime, Altenpflege, Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit, Missbrauch, Sexuelle Übergriffe unter Senioren
Arbeit zitieren
Studentin der Sozialen Arbeit Marieke Höfs (Autor:in), 2020, Sexuelle Übergriffe und Missbrauch unter den Klienten in Berliner und Brandenburger Seniorenwohngemeinschaften und -wohnheimen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1059818

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