Künstlerischer Ausdruck der "digital tristesse" im Song "LED go" von Bilderbuch

Subjektives Erleben im Überwachungskapitalismus


Seminararbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Subjekt im Überwachungskapitalismus
2.1 Zuboffs Big Other
2.2 Das Subjekt unter Big Other

3 Analyse von Bilderbuchs LED go
3.1 Sound
3.2 Text

4 Fazit

5 Quellen
5.1 Literatur
5.2 Musik
5.3 Online

1 Einleitung

Mit ihrem Album Schick Schock schaffte die österreichische Band Bilderbuch im Jahr 2015 den Durchbruch in die deutschsprachige Poplandschaft und etablierte ihren in der Populärkultur außergewöhnlichen Stil. Über groß produzierten Stilmischungen aus Hip-Hop, Indie-Rock und New-Wave wird in dadaistischen Texten über die Freuden des Kapitalismus gestaunt. So tragen einige der erfolgreichsten Bilderbuch-Songs Titel wie Soft Drink, Sneakers4free oder Maschin. Konsumgüter werden fetischisiert, wie der Sportwagen im Musikvideo zu Maschin, in Sneakers4free werden Sportschuhe mit Gospel-chören zu Reliquien erklärt. Ende 2018 erscheint Mea Culpa, der erste Teil eines Doppelalbums, das Anfang 2019 mit Vernissage My Heart vervollständigt wird. Hier schlagen Bilderbuch einen neuen Ton an: Die Songs klingen unfertiger, skizzenhaft, in großen Strecken melancholischer. Die Texte werden deutlich introspektiver, Sänger Maurice Ernst monologisiert in assoziativen Texten über Einsamkeit und Verlorenheit im zunehmend digitalen Alltag. In einem Interview zu Vernissage My Heart sagt Ernst, „dass schon ein Paradigmenwechsel stattfindet, zum Beispiel auch in der Romantik. Was ist romantisch? Ist es romantisch, ein schwarzes Display zu haben? […] Das ist die Hauptmetapher für allein zu sein. Oder ist es immer noch der Blick aus dem Fenster und es rieselt der Tropfen Regen dran runter […]?“.1 Es entsteht beim Hören des Doppelalbums der Eindruck, einer Subjektivität beim Treiben durch eine digitale Erlebniswelt voller Möglichkeiten zu folgen, über die jedoch nur noch gedämpfte Freude empfunden werden kann. Ernst verwendet dafür den Begriff der „digital tristesse“.2

Mit Vernissage My Heart liegt also ein im popkulturellen Diskurs aufge-nommener Versuch vor, subjektives Empfinden im hochdigitalen Alltag wiederzugeben. Es erscheint fruchtbar, dieses Werk im wissenschaftlich-philosophischen Diskurs zum Thema Überwachungskapitalismus einzuordnen. Auf welche Art werden hier Themen wie das subjektive Erleben im Überwa-chungskapitalismus künstlerisch bearbeitet? Wie wird Sprache, Musik und Symbolik verwendet, um damit verbundene abstrakte, existentielle Fragen zu vergegenständlichen?

Zu diesem Zweck soll exemplarisch der erfolgreichste Song des Albums LED go unter dem Vorzeichen entsprechender Grundgedanken analysiert werden. Seine Popularität deutet bereits an, dass in diesem Song die Kernthemen des Doppelalbums verdichtet und besonders deutlich hervortreten. Als theoretische Grundlagen dienen Passagen aus Shoshana Zuboffs The Age Of Surveillance Capitalism, Slavoj Žižeks Hegel In a Wired Brain und der Text Ein Meer von Daten - Apophänie und Muster(-miss-)erkennung von Hito Steyerl.

2 Das Subjekt im Überwachungskapitalismus

2.1 Zuboffs Big Other

In ihrem Buch The Age Of Surveillance Capitalism führt Shoshana Zuboff den Begriff Big Other als Bezeichnung für die Gesamtheit überwachungs-kapitalistischer Mechanismen ein, die auf das Subjekt einwirken:

„Surveillance Capitalism is the puppet master that imposes its will through the medium of the ubiquitous digital apparatus. I now name the apparatus Big Other: it is the sensate, computational, connected puppet that renders, monitors, computes, and modifies human behavior. […] Big Other places our behavior for surplus and leaves behind all the meaning lodged in our bodies, our brains and our beating hearts, not unlike the monstrous slaughter of elephants for ivory. Forget the cliché that if it’s free, „You are the product.“ You are not the product, you are the abandoned carcass.“3

Entscheidend ist, dass der Mensch in dieser kapitalistischen Akkumulationslogik nicht als moralisches, selbstbestimmtes Subjekt adressiert wird, sondern als bloßer Erzeuger von Verhaltensdaten. Als zentraler Rohstoff in der über-wachungskapitalistischen Akkumulation dienen sie zur Herstellung von Verhal-tensvorhersage- und beeinflussungsprodukten, verkauft werden garantierte Ergebnisse, eine Recorded Future: „The aim of this undertaking is not to impose behavioral norms, such as conformity or obedience, but rather to produce behavior that reliably, definitively and certainly leads to desired commercial results.“4 Zu diesem Zweck wird das Verhalten von Individuen überwacht und durch gezielte Impulse (Nudges, Herding) so beeinflusst, dass vorhersagbares Verhalten gewährleistet ist.5 Die Integration überwachungs-kapitalistischer Imperative in Öffentlichkeit und soziale Gefüge (Social Media) hat extreme Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Selbst- und Fremdwahr-nehmung: Man befindet sich in einem Schwarm, in dem man sich „produziert“, andere als ein „Es“ wahrnimmt und sich selbst als das „Es“ erfährt, als das man von anderen gesehen wird.6

„Self-Determination and autonomous moral judgement, generally regarded as the bulwark of civilization, are recast as a threat to collective well-being. Social pressure, well known to psychologists for its dangerous production of obedience and conformity, is elevated to the highest good as the means to extinguish the unpredictable influences of autonomous thought and moral judgement.“7

Das Subjekt wird also durch Big Other von seinen charakteristischen Eigenschaften abgetrennt, reduziert auf eine eher unbewusste Innerlichkeit. Der Mensch befindet sich im Überwachungskapitalismus in einem Spannungs-zustand: Er überidentifiziert sich mit dem beobachtbaren Verhalten seiner selbst und der anderen. Diese Entgrenzung steht im krassen Kontrast zur gleich-zeitigen Isolierung seiner individuellen Subjektivität, die man hier als Kapazität der moralischen Erwägung, Selbstbestimmung und Reflexion begreifen kann. Der Philosoph Slavoj Žižek schreibt dazu:

„The digital big Other which registers my acts and decisions can in some sense effectively be said to „know me better than myself“ […], the digital Other ignores my inner feelings and intentions and can thus identify better than myself where I really stand. Imagine a subject committed to commodity fetishism: just by observing and registering my activity when I am engaged in commodity exchange, the Big Other will see that, in contrast to my professed secular rationalism, I really believe in commodity fetishism, I act as if commodities are magical objects etc. […]“8

Zuboff verweist in einem Paper zum Thema auf ein Zitat von Hannah Arendt, in dem das Leitmotiv von LED go bereits einen Interpretationsansatz erhält:

„The last stage of the laboring society, the society of jobholders, demands of its members a sheer automatic functioning, as though individual life had actually been submerged in the over-all life process of the species and the only active decision still required of the individual were to let go, so to speak, to abandon his individuality, the still individually sensed pain and trouble of living, and acquiesce in a dazed,‘ tranquilized,’ functional type of behavior.“9

2.2 Das Subjekt unter Big Other

In seinem Buch Hegel in a wired Brain nähert sich Slavoj Žižek der Vorstellung einer Singularität an, die als letzte Konsequenz überwachungskapitalistischer Imperative zu begreifen ist. Die Rede ist vom Zustand menschlicher Subjek-tivität(en) nach der Einführung von Gerätschaften wie Elon Musks Neuralink, die menschliche Gehirne miteinander verbinden und das direkte Teilen von Erfahrung ermöglichen soll. Diese Zuspitzung ist hilfreich, um den zunehmend isoliert-entgrenzten Zustand des Subjekts im Überwachungskapitalismus zu verstehen. Um diesen Zustand zu ergründen, bezieht sich Žižek auf den Roman Der Namenlose von Samuel Beckett, dessen Text den Bewusstseinsstrom, das innere „Geplapper“ eines namenlosen Subjekts nachzeichnet.10

„To begin with, Beckett immediately notices that this unnamable cogito is not happily floating in its hallucinations but is radically divided: it is not speaking, speech itself is imposed on it from outside, it is spoken (as Lacan would have put it), dominated by an external Other, Beckett’ s version of Descartes’ s malin g é nie, which manipulates my hallucinations - or, as Deleuze put it apropos Beckett and his use of language: „it is always an Other who speaks, since words have not expected/waited for me and there is no language other than the foreign.“ In short, the unnamable „supposes that language comes to him purely from the other, that it passes through him and does not belong to him.“ 11

Setzt man den digitalen Big Other als diesen manipulativen Anderen ein , durch den die Sprache zum Subjekt kommt, stellt sich die Frage, wie das „innere Geplapper“ eines Subjekts klingt, das durch Big Other gesprochen wird.

Hito Steyerl verweist in ihrem Text Ein Meer von Daten auf eine besondere Eigenschaft der Produktion von Zusammenhang und Sinn in Big Data. Das ausufernde Sammeln von Daten erzeugt eine gigantische Datenrohmasse, die für die Produktion von Sinn der Interpretation bedarf. Algorithmen tun dies mit der messbaren Maxime der Profiterhöhung, für die menschliche Wahrnehmung ist nicht zuletzt ob der maschinellen Verschlüsselung kein direkter Zugang möglich. Steyerl verdeutlicht dies am Beispiel einer Datei aus den Snowden Leaks, einem Standbild aus einem verschlüsselten Video. Mit dem passenden Algorithmus entschlüsselt ist es ein Bild von Wolken am Himmel, für das menschliche Auge ist nichts zu erkennen. Es sei denn, so Steyerl, man nutzt die Methode der Apophänie12: „Apophänie wird als die Wahrnehmung von Mustern in zufälligen Daten definiert. Das häufigste Beispiel sind Menschen, die Gesichter in Wolken oder auf dem Mond erkennen wollen.“13 Unter Anwendung dieser Methode könne man Steyerl zufolge im Datenrauschen des verschlüss-elten Standbilds beispielsweise einen Sonnenuntergang über einem Meer erkennen.14 Rückschlüsse auf das Quellmaterial, die Wolken am Himmel, sind für den menschlichen Betrachter jedoch nicht möglich.

Begreift man Big Other selbst als relativ verdichtete Entität, die aus endlosem Datenrauschen entsteht und sich wiederum darin ausdrückt, kann man davon ausgehen, dass der stete Austausch menschlicher Subjekte mit (und gesprochen durch) Big Other sich eines Vokabulars zwischen Rauschen und relativen Verdichtungen bedient, subjektiv wahrgenommene Sinnverdichtungen haben apophänischen Charakter. Selbst die algorithmischen Interpretationen, Zusammenfassungen oder Übersetzungen des gigantischen Quelltextes in menschliche Sinndimensionen, etwa Social Media Feeds, behalten den Charakter relativ zusammenhanglosen Rauschens mit relativen, apophänischen Sinnverdichtungen, die erst in der subjektiven Wahrnehmung entstehen. Daraus ergibt sich eine besondere Charakteristik der symbolischen Kommunikation, über das man sich selbst und die Welt begreift. Žižek argumentiert mit Jacques-Alain Miller, dass Kapitalismus und moderne Wissenschaft als definierende Kräfte unserer Zeit zunehmend die reale Ordnung der Welt, also die Natur der Dinge zerstören und durch kapitalistische Dynamiken und Hierarchien ersetzen.15 Das Reale begreift Zizek im Widerspruch zu Lacan als virtuelle Entität, die sich zwischen umkreisenden Illusionen des Symbolischen materia-lisiert.16 Hier kommen wir zurück zu Ernsts Aussage, das dunkle Display des Smartphones sei ein angemesseneres zeitgenössisches Symbol für Einsamkeit als der Blick aus dem Fenster. Das Symbolische als konstituierende, relative Repräsentation des Realen entwickelt sich zu einer kapitalistisch kodierten Symbolik, die eine kapitalistisch-datenbasierte Ordnung des Realen, also Big Other, konstituiert und repräsentiert. Die Lücke zwischen Symbolik und einem (natürlichen) Realen, die sich auf diese Weise vergrößert, kann in ihrer Wirkung auf das Subjekt wohl sehr treffend als „digital tristesse“ beschrieben werden.

[...]


1 Ernst, Maurice. In: Bilderbuch im exklusiven Interview mit Salwa Houmsi zu "Vernissage my Heart" | DIFFUS TITELSTORY. 2019. In: https://www.youtube.com/watch?v=Jtesrg4XIFE&t=979s

2 Vgl. Ernst, Maurice. In: Müller, Kai: Die Kunst der Gefühle. 2019. In: https://www.tagesspiegel.de/kultur/vernissage-my-heart-von-bilderbuch-die-kunst-der-gefuehle/24025958.html

3 Zuboff, Shoshana: The Age Of Surveillance Capitalism. London. 2019, S. 376f.

4 Zuboff, S. 201

5 Vgl. ebd. S. 293

6 Vgl. ebd. S. 445

7 Ebd. S. 444

8 Žižek, Slavoj: Hegel In A Wired Brain. London 2020, S. 143

9 Arendt Hannah: Arendt, Hanna (1998). The Human Condition, Chicago 1998. In: Zuboff, Big Other: surveillance capitalism and the prospects of an information civilization. Cambridge 2015, S. 82

10 Vgl. Žižek, S. 110f.

11 Žižek, S. 111

12 Steyerl, Hito: Ein Meer von Daten, S. 310

13 Ebd. S. 310

14 Vgl. Steyerl, S. 310

15 Vgl. Žižek, Seite 121.

16 Vgl. ebd. S. 70

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Künstlerischer Ausdruck der "digital tristesse" im Song "LED go" von Bilderbuch
Untertitel
Subjektives Erleben im Überwachungskapitalismus
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Kunst und Technologie(kritik) im 20. und 21. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1060087
ISBN (eBook)
9783346492784
ISBN (Buch)
9783346492791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilderbuch, Band, Analyse, LED, go, Überwachungskapitalismus, Kapitalismuskritik, Kapitalismus, Zuboff, Shoshana, Zizek, Slavoj, Hito, Steyerl, Kunst, Medienkritik, Medienwissenschaft, Subjekt, Musik, Pop, Popkultur, populärkultur, Philosophie, Subjektivierung, Big, Other, Lacan, Symbolische, Reale, symbolisch, real, Symbolik, Lyrics, Vernissage, my, Heart, Schick, Schock, Maschin, Neuralink, Hegel, Wired, Brain, Kulturkritik, Essay, Soziologie
Arbeit zitieren
Maximilian Ahrens (Autor:in), 2021, Künstlerischer Ausdruck der "digital tristesse" im Song "LED go" von Bilderbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060087

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