Menschen mit Essstörungen. Verstehen, begleiten und unterstützen

Inwiefern können pädagogische Fachkräfte im Alltag das Essverhalten der Kinder beeinflussen?


Bachelorarbeit, 2020

53 Seiten, Note: 7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeine Informationen zu Essstörungen
1.1 Essen
1.2 Begriffserklärung bzw. Definition
1.3 Entstehung und Ursachen
1.4 Fallbeispiel

2.1 Essstörungen im Kontext Sozialpädagogik
2.2 (Sozial-)Pädagogik – Arbeitsfelder
2.2.1 Kita
2.2.2 Schule
2.3 Lebenswelt Familie
2.3.1 Familie
2.3.2 Eltern
2.4 Fütter- und Ernährungsschwierigkeiten bei Säuglingen und Kleinkindern
2.4.1 Ruminationsstörung
2.4.2 Pica
2.4.3 Fütterstörung

3 Essstörungen
3.1 Fettleibigkeit / starkes Übergewicht (Adipositas)
3.2 Binge-Eating-Störung (BES)
3.3 Magersucht (Anorexia nervosa)
3.4 Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

4 Begleitung und Betreuung von essgestörten Kindern und Jugendlichen
4.1 Therapeutische Wohngruppen
4.2 Sozialpädagogische Begleitung – Betreutes Einzelwohnen

5 Behandlungsmethoden bzw. Therapieansätze sowie pädagogische Präventionsmöglichkeiten
5.1 Behandlungsmethoden bzw. Therapieansätze
5.1.1 Ernährungstherapie
5.1.2 Psychotherapie
5.1.2.1 Verhaltenstherapie
5.1.2.2 Klientenzentrierte Psychotherapie / Gesprächspsychotherapie
5.1.3 Gruppentherapie
5.1.4 Familientherapie
5.2 Pädagogische Präventionsmaßnahmen
5.2.1 In der Krippe und Kita
5.2.1.1 TigerKids
5.2.1.1.1 Ernährungserziehung
5.2.1.1.2 Bewegungserziehung
5.2.2 In der (Grund-)Schule
5.2.2.1 Move & eat & more

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: „Schema des ernährungstherapeutischen Prozesses“ (vgl. Rufener, A. et al. 2015, S. 13)

Abb. 2: „Stofftiger für TigerKids“ (Anonym; www.tigerkids.de)

Abb. 3: „Stoffdrache für JolinchenKids“ (Anonym; http://arche.kiga-bad-abbach.de)

Abb. 4: „Die kleine Lok mit TigerKids“ (Anonym; http://www.thyra-kids-rottleberode.de/)

Abb. 5: „Das Programm/Schulungsdauer von move & eat & more“ (Kraaibeek, H.-K. et al. 2011, S. 121)

Abkürzungsverzeichnis

AN Anorexia nervosa

APA American Psychiatric Association

BES Binge-Eating-Störung

BMI Body-Mass-Index

BN Bulimia nervosa

DSM Diagnostisches und statistisches Manual psychischer

Störungen

ETP ernährungstherapeutischer Prozess

ICD Internationale Klassifikation psychischer Störungen

WHO Weltgesundheitsorganisation

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: „Einteilung in Gewichtsbereiche mittels BMI“ (Wunderer, E. 2015, S. 33)

Tab. 2: „Anthropometrische Parameter und Grenzwerte zur Bestimmung des mit der Körperfettverteilung einher- gehenden metabolischen Risikos auf Basis von WHO-Berichten“ (WHO 2008, zit. n. Herpertz, S. et al. 2015, S. 372)

Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die Fragestellung: „Inwiefern können pädagogische Fachkräfte im Alltag mit ihren pädagogischen Maßnahmen das Essverhalten der Kinder beeinflussen, so dass die Kinder ein bewusstes und gesundes Essverhalten entwickeln?“.

In der heutigen Zeit sind viele Kinder und Jugendliche mit den gesellschaftlichen Anforderungen in vielen Lebensbereichen überfordert. Dies beginnt oft schon mit dem Kitaeintritt und steigert sich bis zum Übergang in die Schule immer mehr. Kinder im pubertären Alter sind davon besonders betroffen. Aus diesem Grund suchen sie für sich Strategien, um sich von diesem Stress zu befreien. So nutzen sie z.B. das Essen, im dem sie viel essen, als Belohnungssystem, wodurch Glückshormone ausgeschüttet werden und sie dem Stress für eine begrenzte Zeit entkommen und ihn vergessen (vgl. Simchen, H. 2016, S. 12-14). Außerdem ist das Essen bzw. sich zu ernähren ein Grundbedürfnis aller Lebewesen und daher essenziell. Immer mehr rücken Essen und Ernährung in den Fokus der Gesellschaft, was dafür gesorgt hat, dass das Thema Ernährung auch ein fester Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags (s. Kap. 2.1, 2.2) geworden ist. Hinzu kommt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche eine Verhaltensauffälligkeit zeigen, was auf psychische Belastungen zurückzuführen ist. Häufig sind Verhaltensauffälligkeiten im Bereich der Ernährung, was anhand eines gestörten Essverhaltens zu beobachten ist. Bei einigen Betroffenen wird Essen sogar zu einer „Freundin“ (s. Kap. 3.3), weil sie sich damit ablenken können. Studien wie „KIGGS“ (2007) kamen zum Ergebnis, dass jedes dritte Mädchen an einer Essstörung leidet oder ein gestörtes Essverhalten zeigt (vgl. Berger, C. 2008, S. 5).

Mit dieser Arbeit soll den Leser*innen, besonderes denen, die in pädagogischen Kinder- und Jugendeinrichtungen bzw. in Bildungseinrichtungen wie Kita und Schule arbeiten, verdeutlicht werden, wie wichtig es als Pädagoge*in oder Lehrer*in ist, sich mit dem Thema Essstörung auszukennen, um Betroffenen schnellstmöglich helfen zu können.

Zu diesem Zweck ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Das erste Kapitel erläutert Essstörungen im Allgemeinen, indem es den Begriff definiert und die Entstehung und Ursachen dieses Krankheitsbildes beschreibt. Außerdem wird sich dem Begriff „Essen“ gewidmet. Darauffolgend werden im Kapitel zwei Essstörungen im Kontext der Lebenswelten thematisiert. Besonders die institutionelle bzw. sozialpädagogische Lebenswelt und die Familie werden näher betrachtet. Zum Schluss dieses Kapitels wird auf Fütter- und Ernährungsschwierigkeiten bei Säuglingen und Kleinkindern eingegangen, denn Fütter- und Ernährungsschwierigkeiten sowie Adipositas zählen zu den vielen Ursachen, durch die Kinder in späteren Lebensphasen eine Essstörung entwickeln.

Kapitel drei beschäftigt sich zu Beginn mit Adipositas, dann ausführlich mit den drei Essstörungsformen Binge-Eating-Störung, Magersucht und Ess-Brech-Sucht. Kapitel vier beinhaltet zwei pädagogisch-therapeutische Systeme bzw. Institutionen, die therapeutische Wohngruppe sowie das sozialpädagogisch betreute Einzelwohnen, in denen Kinder und Jugendliche mit einem gestörten Essverhalten von Pädagogen*innen begleitet und betreut werden. In Kapitel fünf werden vier der vielen Behandlungsmethoden bzw. Therapieansätze, Ernährungstherapie, Psychotherapie, Gruppentherapie und Familientherapie, ausführlich beschrieben. Außerdem werden im Kapitel fünf pädagogische Präventionsmaßnahmen detailliert dargestellt, die im Rahmen des pädagogischen Alltags vermittelt werden: Das Programm TigerKids ist für Kitas vorgesehen und move & eat & more für Schulen. Zum Schluss werden alle erarbeiteten Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst.

1 Allgemeine Informationen zu Essstörungen

Um das komplexe Thema der Essstörungen zu verstehen, muss eine Auseinandersetzung mit dem Thema Essen und der Frage, was Essen ist, erfolgen. Sodann findet die Definition einer Essstörung statt. In Kapitel 1.3 werden deren Entstehung sowie Ursachen ausführlich dargestellt. Das Krankheitsbild bzw. die Störung wird dann im Kapitel 1.4 anhand eines realen Fallbeispiels aus der Praxis veranschaulicht, um eine bessere Vorstellung von dem Krankheitsbild zu gewährleisten.

1.1 Essen

Unter dem Begriff „Essen“ wird ein Prozess verstanden, der verschiedene Funktionen hat. Als biologischer Prozess verfolgt Essen den „Zweck zur Erhaltung des Lebens“ (Fichter, M. M. 2020, S. 1), außerdem gilt es als eine „Quelle des Genusses“ (ebd.).

Auch im Kontext des sozialen Lebens hat es eine bedeutende Rolle. Zu beachten ist, dass sowohl das übermäßige als auch das zu wenige Essen gesundheitsschädigend ist. Ein gestörtes Essverhalten, das mit einer Störung der Essgewohnheiten einhergeht, ist eine psychische Erkrankung (vgl. ebd.). Eine Richtlinie für ein gesundes Körpergewicht ist der Body-Mass-Index (BMI). Bei dessen Berechnung wird nicht der Knochenbau bzw. die Muskelmasse berücksichtigt. Dennoch gibt er eine grobe Orientierung und erlaubt somit eine Abgrenzung zwischen Unter-, Normal- und Übergewicht sowie Fettleibigkeit (Adipositas) (s. Tab. 1) (vgl. ebd.).

Eine weitere Maßzahl zur Einordnung des Gewichts ist der Taillenumfang. Dabei werden anthropometrische Parameter und Grenzwerte ermittelt, um die Körperfettverteilung zu analysieren. Zur Analyse wird das Taille-zu-Hüfte-Verhältnis betrachtet (s. Tab. 2.) (vgl. Herpertz, S. et al. 2015, S. 372).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: „Einteilung in Gewichtsbereiche mittels BMI“ (Wunderer, E. 2015, S. 33)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: „Anthropometrische2 Parameter und Grenzwerte zur Bestimmung des mit der Körperfettverteilung einhergehenden metabolischen Risikos auf Basis von WHO-Berichten“ (WHO 2008, zit. n. Herpertz, S. et al. 2015, S. 372)

1.2 Begriffserklärung bzw. Definition

Essstörungen werden als Verhaltensstörungen verstanden, die sich prozesshaft entwickeln (vgl. Wilke, E. et al. 2007, S. 524). Die Betroffenen befassen sich den ganzen Tag über mit dem Thema Essen (vgl. Caspar, F. et al. 2018, S. 91).

Der (Krankheits-)Verlauf gleicht einem schleichenden Prozess, welcher sich über die Zeit manifestiert (vgl. Wilke, E. et al. 2007, S. 524).

Die Definition einer Essstörung hängt von der disziplinären Perspektive bzw. der Fachrichtung ab. Es gibt keine genau festgelegte Definition hinsichtlich der Formen sowie der Ursachen von Essstörungen. Die Disziplinen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen sind die Medizin, Psychologie, Ernährungswissenschaften sowie Pädagogik. Trotz dieser unklaren Festlegung werden in der Praxis drei Formen von Störungen, die mit dem Essverhalten zu tun haben, unterschieden (vgl. Ecarius, J. et al. 2011, S. 242): Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung. Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind die ersten Formen, die entdeckt und benannt wurden. Im Laufe der Zeit kam die dritte Form, die Binge-Eating-Störung, hinzu (vgl. Caspar, F. et al. 2018, S. 91). Zwar können die Formen voneinander abgegrenzt werden, aber dennoch können die Betroffenen von einer Störung in eine andere fließend übergehen (vgl. Ecarius, J. et al. 2011, S. 242). Vor diesem Hintergrund spricht man auch von einem „dynamischen und mehrdimensionalem Modell von Essstörungen“ (ebd.).

Als Anorexia nervosa wird die Magersucht verstanden, die Bezeichnung Bulimia nervosa meint die Ess-Brech-Sucht und die Binge-Eating-Störung ist durch Essanfälle gekennzeichnet (vgl. Caspar, F. et al. 2018, S. 91).

Noch 1980 wurden Essstörungen als ein vernehmlich medizinisch problematisches Phänomen gesehen. Entsprechend wurden Essstörungen primär medizinisch-psychopathologisch über die typischen Krankheitssymptome definiert (vgl. Ecarius, J. et al. 2011, S. 242). „Das heißt, es wurden nur das Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM) der American Psychiatric Association (APA) und die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) berücksichtigt.“ (ebd.)

1.3 Entstehung und Ursachen

Ein gestörtes Essverhalten entsteht bereits in der frühen Kindheit. Zwei der Essstörungen, die Anorexia nervosa und die Binge-Eating-Störung, können schon Kinder zwischen sieben und acht Jahren entwickeln. Die Entstehung von Bulimia nervosa ist bei Jugendlichen ab 12 Jahren beobachtbar (vgl. Herpertz-Dahlmann, B. et al. 2005, zit. n. Casper, F. et al. 2018, S. 96). Frauen zwischen 15 und 19 Jahren erreichen bei der Anorexia nervosa die höchste Inzidenzrate. Im Unterschied dazu liegt die höchste Inzidenzrate bei Bulimia nervosa zwischen 20 und 24 Jahren, d.h., dass die Anorexia nervosa verglichen mit der Bulimia nervosa in früheren Jahren auftritt (vgl. Hoek, H. W. et al. 2003, zit. n. Casper, F. et al. 2018, S. 96).

Allgemein lässt sich sagen, dass Frauen häufiger als Männer an einer Essstörung leiden (vgl. Casper, F. et al. 2018, S. 96).

Es gibt vier Ursachen, die zu einer Essstörung führen können: „biologische, soziokulturelle, Einfluss äußerer sowie sonstige pathogenetische Faktoren“ (Fichter, M. M. 2020, S. 4-7). In anderen Fachbüchern werden „allgemeine und spezifische intrapsychische, psychosoziale, soziokulturelle und biologische Risikofaktoren“ (Casper, F. et al. 2018, S. 96) oder „genetische, soziokulturelle und individuelle Faktoren, Faktoren der Sozialisation“ (Dannigkeit, N. 2004, S. 25ff.) als Ursachen genannt.

Jeder dieser Faktoren beeinflusst, ob positiv oder negativ, das Essverhalten aller Menschen. Es gibt Menschen, die durch einen Faktor so beeinflusst werden, dass sie unter einer Essstörung leiden, andere wiederum benötigen ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, bis eine Essstörung ausbricht. Der Grund dafür ist, dass jeder Mensch individuell ist und demnach auch anders mit den Einflussfaktoren umgeht. Kinder und Jugendliche sind anfälliger, da sie noch in der Entwicklungsphase sind (vgl. Casper, F. et al. 2018, S. 96).

Da es sich bei Essstörungen um „multifaktoriell bedingte Störungen“ (Franke, A. et al. 2004, S. 19) handelt, gibt es keine spezifische einzelne Ursache, sondern es müssen immer verschiedene Faktoren zusammentreffen, damit die Störung ausbricht (vgl. ebd.). Auf ungünstige Umweltfaktoren reagieren junge Menschen, besonders Mädchen, mit einem mangelhaften Selbstwertgefühl. Um dieses zu kompensieren und dem gesellschaftlichen Schönheitsideal näherzukommen, hungern sie, bis sie schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen erfahren, krank werden (vgl. ebd.) oder im schlimmsten Fallbeispiel sterben (Biermann, B. 2008, S. 268ff.) (s. Anhang-Nr.: 1).

1.4 Fallbeispiel

„Sabine betrachtet sich im Spiegel. Andere Menschen würden eher einen Schreck bekommen, sie als völlig abgemagert bezeichnen und ihren Körper als eher unattraktiv empfinden, aber Sabine ist zufrieden mit sich. Ihre Eltern wussten sich nicht zu helfen, nachdem sie nach einem Zusammenbruch kurzzeitig im Krankenhaus war und dort über eine Sonde ernährt werden musste. So ist sie vor kurzem in eine Wohngruppe gezogen, in der Mädchen mit Essstörungen ein zu Hause gefunden haben. Sabine isst kaum etwas. Noch bei ihren Eltern ist sie nach einem Magerjogurt mehrere Kilometer gejoggt, um die Kalorien des Joghurts gleich wieder zu verbrennen. Jetzt hat sie mit dem Betreuer der Gruppe einen Deal – sie muss in den nächsten Wochen ein Kilogramm zunehmen.“ (Andreae, S. et al. 2008, S. 86)

2 Essstörungen im Kontext der Lebenswelten

Kapitel 2 untersucht im ersten Teil die Berücksichtigung von Essstörungen in der Sozialpädagogik. Im nächsten Teil wird anhand von zwei Institutionen, Kita und Schule, auf den Umgang der pädagogischen Fachkräfte mit dem Thema Essstörungen eingegangen. Anschließend wird das Familienleben der Betroffenen aus mehreren Perspektiven beleuchtet, denn familiäre Strukturen und Ressourcen spielen eine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung und Behandlung von Essstörungen.

2.1 Essstörungen im Kontext Sozialpädagogik

Zwischen Erziehung und Ernährung besteht seit der Geburt ein Zusammenhang, wie viele kindliche Entwicklungsprozesse zeigen. Essen und Trinken sind ein Grundbedürfnis (vgl. Methfessel, B. et al. 2016, S. 13). Das Essen steht in einem Widerspruch zwischen Sollen und Wollen sowie zwischen privat und öffentlich, was immer mehr zunimmt, denn die Kinder befinden sich immer länger in öffentlichen Institutionen (vgl. ebd., S. 14). Kinder wachsen in zwei unterschiedlichen Esskulturen auf, aus denen sie im Laufe der Zeit die eigene Esskultur entwickeln. Heutzutage gehört die Essbildung bzw. Ernährungsbildung zu den Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Fachkräfte in den Institutionen (vgl. ebd., S. 15).

Da Essstörungen weitverbreitet sind und in unterschiedlichen Lebensphasen eines Kindes entstehen, kommen Pädagogen*innen in unterschiedlichen Arbeitskontexten damit in Berührung (vgl. Wunderer, E. 2015, S. 422). Pädagogen*innen arbeiten mittlerweile in Krippen, Kitas, Schulen und Kliniken, in denen sie mit Kindern und Jugendlichen, die Essstörungen haben, konfrontiert werden. Sie sind sogar ein Teil des interdisziplinären Behandlungsteams (vgl. ebd.). Durch ihr multiprofessionelles Handeln unterstützen sie z.B. besonders in der „soziale[n] Gruppenarbeit, Angehörigenarbeit und in der Präventionsarbeit (…), Krisenintervention und Suizidprophylaxe, soziale[n] Integration (…), Gestaltung der Freizeit und Wohnsituationen (…)“ (ebd., S. 423-424).

Das nächste Kapitel 2.2 setzt sich mit den zwei pädagogischen Arbeitsfeldern Kita und Schule auseinander. Denn die Bildung und Erziehung im Rahmen dieser institutionellen Settings spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für eine gesunde Esskultur.

2.2 (Sozial-)Pädagogik – Arbeitsfelder

In diesem Kapitel werden zwei der wichtigsten pädagogischen Bildungs- und Erziehungsorte, Kita und Schule, und deren Einfluss auf Essstörungen analysiert.

2.2.1 Kita

„Kitas haben eine optionale Möglichkeit für die Versorgung und Prävention für alle sozialen Gruppen zu bilden, außerdem haben sie die Verpflichtung, dies auch zu tun.“ (Methfessel, B. et al. 2016, S. 17) Schon lange ist man von der Vorstellung, dass die Eltern allein für die Esskultur bzw. die Ernährung ihrer Kinder zuständig sind weg (vgl. ebd.). Essen und Ernährung sind in der Sozialisation sehr eng miteinander verknüpft. Mit Thema Essen rücken immer mehr die Fragen in den Vordergrund, „was gegessen werden soll oder darf und welche Normen und Werte damit verbunden sind, wie Nahrungsmittel bearbeitet werden und in welcher Form zusammen gegessen wird“ (ebd., S. 18). Menschen sind im Alltag von der Esskultur beeinflusst, da sie einen Rahmen für bestimmte Entscheidungen gibt. Zu den wichtigsten Aufgaben einer Kita und somit aller Pädagogen*innen gehört es, eine Esskultur zu vermitteln. Dies geschieht einerseits durch die Ess-Sozialisation sowie die Bildung, die damit eng verbunden ist, andererseits durch das Thematisieren des Essens und der Ernährung (vgl. ebd., S. 19). Denn das Thema Essen ist ein Teil des Bildungsauftrages geworden und ist in § 22 SGB VIII unter dem Bildungsbereich Körper, Bewegung, Gesundheit zusammengefasst und verankert.

Die Kita ist ein Bildungs- und Handlungsort zugleich, d.h., dort machen die Kinder in der Regel ihre ersten Erfahrungen bezüglich Essen im sozialen Umfeld unter Gleichaltrigen. Den Kindern soll bei der Vermittlung von Esskultur auch Lust und Genuss vermittelt werden. Ernährungserziehung kann durch bestimmte Angebote im pädagogischen Alltag leicht vermittelt und integriert werden (vgl. ebd.).

In den Essenssituationen in der Kita werden mehrere Funktionen miteinander verbunden. Diese sind „physischer, psychischer und soziokultureller“ (Methfessel, B. et al. 2016, S. 76) Natur. Denn beim Essen werden mehrere verschiedene Prozesse miteinander vereinbart, oft passiert dies unbewusst und unbemerkt (vgl. ebd.).

2.2.2 Schule

Einer der Faktoren, warum Kinder an psychischen Störungen leiden, sind Veränderungen, die sich auf die Schule und den Unterricht beziehen und durch die Kinder in ihrem Alltag immer mehr Stress erleben. Damit eng verbunden sind auch Misserfolge, die durch den Stress zustande kommen. In sehr vielen pädagogischen Institutionen werden Experimente mit den Kindern durchgeführt, die nicht genug wissenschaftlich fundiert sind (vgl. Simchen, H. 2016, S. 21). Dies geschieht besonders in Schulen. Ein Beispiel für solche Experimente ist: „das Schreiben in den ersten Klassen erfolgt nach Gehör und ohne Beachtung von Groß- und Kleinschreibung, Doppellauten und Vorsilben; kein frontaler Unterricht mit Blickkontakt zum Lehrer (…)“ (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Menschen mit Essstörungen. Verstehen, begleiten und unterstützen
Untertitel
Inwiefern können pädagogische Fachkräfte im Alltag das Essverhalten der Kinder beeinflussen?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Allgemeine Erziehungswissenschaften)
Note
7
Autor
Jahr
2020
Seiten
53
Katalognummer
V1060156
ISBN (eBook)
9783346494900
ISBN (Buch)
9783346494917
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essstörungen
Arbeit zitieren
Funda Yazici (Autor:in), 2020, Menschen mit Essstörungen. Verstehen, begleiten und unterstützen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060156

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