Im Zeichen der Venus? Frauenfiguren in Eichendorffs „Das Marmorbild“. Die Funktion der Frauenfiguren


Hausarbeit, 2021

12 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rolle der Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft im Jahrhundert
2.1 Verhältnis von Frau und Literatur im 19.Jahrhundert

3 Die Frauenfiguren im „Marmorbild“
3.1 Bianka
3.2 Die mystische Venus

4 Der Vergleich der beiden Frauenfiguren in Joseph von Eichendorffs „Marmorbild“
4.1 Vergleich der Frauen und Konkurrenzverhalten
4.2 Einfluss der Frauenfiguren auf den Protagonisten Florio
4.3 Funktion der Frauen in der Nouvelle
4.4 Im Zeichen der Venus?

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Der Mond, der eben über die Wipfel trat, beleuchtete scharf ein marmornes Ve­nusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise auf dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte.“ (Joseph von Eichen- dorff,1819, S.15)

In Joseph von Eichendorffs Nouvelle „Das Marmorbild“ aus dem Jahr 1819 be­findet sich die Hauptfigur, Florio, in einem Zwiespalt. Die Zerrissenheit Florios entsteht durch die entwickelten Gefühle für zwei Frauenfiguren, welche sich stark voneinander unterscheiden. So wird er von der kindlichen, zierlichen Bianka im­mer wieder durch die mystische Venusfigur in einen unwiderstehlichen Liebes­bann gezogen. Obwohl die „schöne Griechin“ (Joseph von Eichendorff, 1819, S.25) unlebendig ist, und nicht der Realität entsprechend zu sein scheint, schafft sie es trotzdem, den Protagonisten Florio und sein Leben Kopf zu stellen.

Doch wie kann etwas Weibliches, unlebendiges einen Mann so stark beeinflus­sen und ihn aus der Realität entziehen?

In dieser Hausarbeit werden die Frauenfiguren in Joseph von Eichendorffs „Das Marmorbild“ und dessen Bedeutung untersucht. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den Vergleich der beiden Frauen und deren Beziehung zum Protago­nisten gerichtet. Anfänglich wird allgemein die Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beschrieben, um mithilfe eines historischen Hintergrunds, den Standpunkt und Status der Frau zu verstehen. Dabei wird auch das Verhältnis der Frau zu der Literatur in dieser Zeit näher beleuchtet. Weiter­gehend werden die Frauenfiguren Bianka und Venus charakterisiert und im wei­teren Verlauf verglichen. Einen besonders wichtigen Punkt stellt die Analyse des Einflusses der Frauen auf die Hauptfigur dar und welche Bedeutung die beiden Frauenfiguren in der Nouvelle haben. Abschließend wird die Einstiegsfrage be­antwortet.

2 Die Rolle der Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert profitierte von gesellschaftlichen Veränderungen, welche neue Strukturen in die Bevölkerung brachten. So entstand beispielsweise durch die beginnende Industrialisierung, das Arbeiterproletariat. Auch die preußischen Reformen und dessen Ergebnisse, beispielsweise die Bauernbefreiung, sind Ein­schnitte, die die Gesellschaft veränderten.

Die bürgerliche Gesellschaft, aber auch die gesamte Gesellschaft, prägte eine strikte Rollenteilung von Mann und Frau. Neben dem Mann, der das Oberhaupt und den „Ernährer“ darstellte, war die Frau der „Mittelpunkt der Familie“ (Jessica Siegmund,2004) und stets dem Mann unterwürfig. Eigene Bedürfnisse und Wün­sche wurden von der Frau zurückgestellt, da der Fokus ganz den Bedürfnissen des Mannes galt.

Die Frau führte ein Doppelleben, welches aus den Rollen der Hausfrau und Haus­hälterin und aus der Rolle der Frau in der Öffentlichkeit bestand.

In den eigenen vier Wänden spielte die Frau eine dreifache Rolle. Sie war Mutter und für die Erziehung der Kinder zuständig, Haushälterin und Gattin. Die ideale Frau sollte Charaktereigenschaften, wie Fleiß, Sparsamkeit, Reinlichkeit, Ordent­lichkeit, Geschicktheit und Klugheit besitzen. Viel wichtiger jedoch war die Erfül­lung von Wünschen der Ehemänner, denn sie stellten die „oberste Priorität“ (Je­ssica Siegmund,2004) dar. Wurden die Bedürfnisse des Mannes nicht gestillt, so galt die Ehe als schlecht. Die Frau kümmerte sich um die ganze Familie und sorgte für ein funktionierendes und gutes Leben mit den Mitteln, die sie von ihrem Mann bekam. Sie hatte umfängliche Aufgaben, die von Kindererziehung bis zum Kochen und Putzen reichten. Waren die Aufgaben zu umfänglich, stellte der Mann ein Dienstmädchen ein, welches im Haushalt half, jedoch die Arbeit nicht komplett übernahm. In der Öffentlichkeit wurde jedoch nur von einem Dienstmäd­chen gesprochen, welches sich um den Haushalt kümmerte, da man stets be­dacht war den Wohlstandstatus zu präsentieren.

In der Öffentlichkeit war die Frau eine andere als Zuhause. Die Frau galt als Re­präsentationsfigur der Familie und des Wohlstandes. Sie musste immer sehr gut gekleidet und reinlich sein. Man sollte in der Öffentlichkeit nie merken, wie um­fänglich die Hausarbeit im Heim war. Die Öffentlichkeit war somit eine Bühne des Wohlstandes, auf die die Frau nur in der Rolle der Schönen und anständigen gehen durfte. Sobald sie diese Bühne wieder verließ, durfte sie sie sein. Beson­ders glänzten kluge und gebildete Frauen, welche Klavier spielten oder „Kennt­nisse über die französische Literatur“ (Jessica Siegmund,2004) besaßen. Auch Zuhause sorgte die Frau für prunkvolle Möblierung, um den Schein des Wohl­standes perfekt zu inszenieren. Dass es sich meist um selbst angefertigte Hand­arbeiten handelte, wurde verheimlicht und verblendet. Deutlich wird schlussend­lich, dass der Schein des Wohlstandes in der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle spielt.

2.1 Verhältnis von Frau und Literatur im 19.Jahrhundert

Das bewegte und ereignisreiche 19. Jahrhundert prägte auch die Literatur. So wurden durch die verbesserten Bildungssysteme mehr Menschen zum Lesen animiert. Auch die Technisierung der Buchproduktion führte dazu, dass Literatur nun zugänglicher für jedermann war.

Autoren der damaligen Zeit waren meist Männer, denn das Schreiben war nicht Frauensache. Das weibliche Geschlecht durfte nur in Ausnahmefällen Literatur publizieren, nämlich dann, wenn ihr Mann es erlaubte. Teils suchten Frauen auch nach anderen Wegen, um ihre Literatur an die Öffentlichkeit zu bringen. Bei­spielsweise Karoline Günderrode änderte ihren Namen im Werk zu „Tian, Ion“, um die Autorschaft zu erlangen. Und nicht nur sie, sondern auch viele andere Frauen änderten ihren Namen in einen Männernamen, um mit ihrer Literatur ge­sehen zu werden. Auch Marie Sophie von La Roche musste einen anderen Weg finden, um ihre Schriften zu publizieren. Sie ließ ihren guten Freund Wieland das Vorwort des Werkes „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ schreiben, und bat ihn sich als Herausgeber vorzustellen.

Frauen konnten somit nur Werke publizieren, wenn sie Beziehungen zu berühm­ten, anerkannten Männern hatten. Der Wunsch nach Gleichberechtigung und Anerkennung derer Literatur wurde immer größer, denn das Schreiben und Le­sen stellte für viele Frauen eine Flucht aus dem Alltag und der Abhängigkeit dar.

3 Die Frauenfiguren in „Das Marmorbild“

3.1 Bianka

Der Name Bianka stammt aus dem Italienischen und bedeutet so viel, wie „Die Helle“ oder „Die Unschuldige“. Diese Übersetzung des Namens spiegelt auch die Figur Bianka in Joseph von Eichendorffs Nouvelle „Das Marmorbild“ wider. „Be­sonders zog die eine durch ihre zierliche, fast noch kindliche Gestalt ... Florios Augen auf sich“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.6) Bianka wirkt in der Nouvelle noch sehr jung und „kindlich“, was gerade durch das Ballspielen verdeutlicht wird. „Sie hatte einen vollen, bunten Blumenkranz in den Haaren und war recht wie ein fröhliches Bild des Frühlings anzuschauen.“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.6) Die Verbindung ihres fröhlichen und wunderschönen Aussehens und „die Anmut aller ihrer Bewegungen“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.6) lässt Bianka sehr frisch und unbeschwert wirken. Gleichzeitig scheint sie dennoch sehr schüchtern und verlegen zu sein. „Sie stand fast wie erschrocken vor ihm und sah ihn schweigend aus den schönen großen Augen an. Dann verneigte sie sich errötend etc.“ Im weiteren Verlauf der Nouvelle wird immer wieder deutlicher, dass „die niedliche Ballspielerin“ mit ihren „langen, furchtsamen Augenwimpern (Joseph von Eichendorff,1819, S.7) sehr enthaltsam und zurückhaltend ist. „.als er sie schnell auf die roten, heißen Lippen küsste“ wurde Bianka „hochrot“ und schaute in ihren Schoß. Auch die Szene verdeutlicht ihre Enthaltsamkeit und ihre Keuschheit. Das Bild der „kindlichen“ und schüchternen Bianka zeigt das typi­sche bzw. ideale Frauenbild der Romantik. Die ideale Frau sollte gesittet sein und Respekt vor dem Mann haben. Auch sollte sie immer hübsch anzusehen sein, dem Mann gehorchen und geflochtene oder hochgesteckte Frisuren tragen. Alle diese Kriterien treffen auf Bianka zu und machen sie zu einer idealen Frau der Romantik.

3.2 Die mystische Venus

Venus, ist eine römische Göttin, die für Sexualität, Liebe und Fruchtbarkeit steht. Im Marmorbild wird sie mit vielen verschiedenen Namen bezeichnet. So wird sie manchmal „schöne Lautenspielerin“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.19), „schöne Griechin“ (Joseph von Eichendorff, 1819, S.25) oder „Schöne Tänzerin“ (Joseph von Eichendorff, 1819, S.24) genannt, was teilweise zur Verwirrung des Lesers führt. Doch durch Merkmale ihres Aussehens, ist es dem Leser möglich mit den Namen zu hantieren und sie im Verlauf der Nouvelle wieder zu erkennen.

Anfangs ist die Venus als „fürchterlich weiß und regungslos“ (Joseph von Eichen- dorff,1819, S.15) in Form einer Marmorstatue vorzufinden. „Wie eine Wunder­blume“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.15) beschreibt das sofortige Empfinden ihrer Schönheit durch Florio. „Je länger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schlüge es die seelenvollen Augen langsam auf, als wollten sich die Lippen be­wegen zum Gruße...etc.“ (Joseph von Eichendorff,1819, S.15) signalisiert eine gewisse Lebendigkeit der Statue, die Florio vernimmt.

Im weiteren Verlauf der Nouvelle ist die „schöne Griechin“ lebendig und erwacht förmlich zum Leben. Deutlich wird hier allerdings, dass sie nur eine temporäre begrenzte Phase zum Leben erwacht, und zwar im Frühling. Angelehnt an die tatsächliche Beobachtungsphase der Venus im Sonnensystem, ist auch die rö­mische Göttin in „Das Marmorbild“ nur lebendig im Frühling zu beobachten. Pa­rallel zu diesem Aspekt ist die „schöne Lautenspielerin“ auch nur nachts und sehr früh morgens zu sehen, genauso, wie die Venus im Sonnensystem. Folglich ist „die schöne Griechin“ nach dem Frühling wieder „regungslos“ und verwandelt sich wieder zu dem steinernen Marmorbild. Venus taucht lebendig als eine „hohe schlanke Dame“ auf, welche eine „prächtige, mit goldenem Bildwerk gezierte Laute im Arm“ trägt. „Ihr langes blondes Haar fiel in Locken über die fast bloßen, blendend weißen Achseln.“ und wurde von „zierlichen goldenen Spangen“ ge­schmückt. Des Weiteren trägt die Venus ein „himmelblaues Gewand“ mit „langen weiten Ärmeln“, welches an den Enden mit bunten Blumen bestickt ist.

„Die schöne Lautenspielerin“ stellt die eher verführerische Komponente dar und strahlt nicht mithilfe ihres Charakters, sondern mit ihrer Schönheit und ihrem kör­perlichen Perfektionismus. Das äußerliche Bild und das „Entzücken“ Venus, zie­hen Florio magisch an.

Venus stellt keine ideale Frau des 19. Jahrhunderts dar. Nicht nur wegen der offenen Haare und der knappen Bekleidung ist sie nicht dazugehörig, sondern auch der Aspekt, dass sie in der Nouvelle über dem Mann, Florio, steht und nicht unterwürfig ist, grenzt sie von der Idealvorstellung einer Frau dieser Zeit ab. Nicht Florio hat die Venus in seiner Hand, sondern die Venus hat ihn in der Hand, was größtenteils der Verführung, durch Venus, zu schulden ist. „Die Venus steht, ge­meinsam mit dem Mond, in einem Horoskop für die weiblichen Anteile einer Per­sönlichkeit, wobei Venus vornehmlich die Aspekte der unabhängigen Frau.“ (Bryan Leppi, 2021, Die Venus) zeigt, dass auch die astrologische Bedeutung dem Bild der idealen Frau widerspricht.

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Details

Titel
Im Zeichen der Venus? Frauenfiguren in Eichendorffs „Das Marmorbild“. Die Funktion der Frauenfiguren
Autor
Jahr
2021
Seiten
12
Katalognummer
V1060170
ISBN (eBook)
9783346494689
ISBN (Buch)
9783346494696
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeichen, venus, frauenfiguren, eichendorffs, marmorbild, funktion
Arbeit zitieren
Laura Höhren (Autor:in), 2021, Im Zeichen der Venus? Frauenfiguren in Eichendorffs „Das Marmorbild“. Die Funktion der Frauenfiguren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060170

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