Mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch Thema der öffentlichen Diskussion, sowohl in der Politik als auch in der Forschung. Der Einfluss der zwei unterschiedlichen Heimaten DDR und BRD manifestiert sich unter anderem in der Mediennutzung. Der Medienkonsum von Ost- und Westberliner:innen weist selbst heute noch gravierende Unterschiede auf, die sich zur Wendezeit manifestiert haben. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Verteilung der Tageszeitungen in den beiden Stadthälften Berlins.
Der Forschungsbericht ist die Synthese zweier Interviews mit einem Ostberliner und einer Ostberlinerin. Der Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf den Mediennutzungmotiven der Befragten in der Wende- und Nachwendezeit. Die deutsche Wiedervereinigung brachte eine Vielzahl von Lebensumbrüchen mit sich. Ost- und Westberliner:innen nutzten Medien als Hilfsmittel, um mit der neuen Situation umzugehen. Es ging einerseits um die Bewältigung von Einschnitten, andererseits um das Sichern und die Bestätigung von Identitäten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mediennutzung und Ost-West-Identität im Berlin der Nachwendejahre
3. Theorie und Kategoriensystem
4. Methode
5. Ergebnisse
5.1. Kurzporträts: Lebenslauf, Mediennutzung in den 1990er Jahren
5.2. Vergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen individueller Mediennutzung und der Identitätsbildung von Berlinerinnen und Berlinern in der Wende- und Nachwendezeit. Ziel ist es, mittels qualitativer Leitfadeninterviews nachzuvollziehen, welche Rolle Medien bei der Bewältigung von Lebensumbrüchen spielten und wie diese zur Sicherung oder Bestätigung ostdeutscher Identität beigetragen haben.
- Anwendung der Mediennutzungsforschung auf ein historisch-biografisches Fallbeispiel.
- Analyse identitätsbezogener Motive und Determinanten der Mediennutzung.
- Untersuchung der Bedeutung der deutsch-deutschen Teilung für den Medienkonsum.
- Vergleich von individuellen Bewältigungsstrategien im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
Auszug aus dem Buch
5. Ergebnisse
Herr M. wurde am sechsten August 1959 geboren. Seine Eltern arbeiteten beide in der Landwirtschaft. Der Vater namens Heinz-Karl wurde erst Polizist und später Verkehrsingenieur. Die Eltern der Mutter starben beide mit 44 Jahren. Damit war sie früh auf sich allein gestellt. Die Eltern von Herrn M. lernten sich Ende der 40er-Jahre kennen. Die Mutter wurde Buchhalterin und studierte später Jura, um als Justiziarin zu arbeiten. 1954 kam Herr M.s älterer Bruder zur Welt und fünf Jahre später er selbst (Interview M, 2021, S.2). Die Geschwister wuchsen in der Stadt Neubrandenburg auf. Die Familie lebte in einem Neubauviertel. Da die Eltern viel arbeiteten, waren die beiden Söhne von früh an in einer Kinderbetreuung. Neubrandenburg wurde während Herrn M.s Kindheit zur Hauptstadt des Bundeslandes Neubrandenburg und wuchs in Folge stark (Interview M, 2021, S.3).
1966 wurde Herr M. eingeschult. Ab der dritten Klasse kam er in eine Russisch-Ehrenklasse für besonders leistungsstarke Schüler:innen. Da er das Gefühl hatte, auserwählt zu sein und die Eltern gute Leistungen erwarteten, entschied sich Herr M. für ein Gymnasium als Oberschule, damals EOS. Um ein Stipendium für sein Studium zu bekommen, ging Herr M. drei Jahre zur Armee. 1982 zog er nach Berlin, um an der Humboldt Universität Lehramt für Geschichte und Geografie zu studieren. Anschließend absolvierte er das obligatorische Schulpraktikum und finanzierte sich währenddessen durch ein Leistungsstipendium. Seine erste Wohnung in Berlin befand sich im Bezirk Friedrichshain (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die fortdauernde mediale Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschen sowie die Bedeutung von Medien für die Identitätsbildung nach der Wiedervereinigung.
2. Mediennutzung und Ost-West-Identität im Berlin der Nachwendejahre: Dieser Abschnitt beleuchtet die historischen Unterschiede der politischen Systeme und deren Einfluss auf die Medienlandschaft sowie die Entwicklung kollektiver Identitäten.
3. Theorie und Kategoriensystem: Hier wird der Uses-and-Gratifications-Ansatz eingeführt und ein Kategoriensystem entwickelt, um Mediennutzungsmotive (informationell, unterhaltend, sozial) wissenschaftlich zu greifen.
4. Methode: Es wird das Forschungsdesign beschrieben, welches auf biografischen Leitfadeninterviews basiert, um qualitativ die Einflussfaktoren der Mediennutzung zu erheben.
5. Ergebnisse: Die Kapitel 5.1 und 5.2 stellen die Lebensläufe und Medienbiografien von zwei Zeitzeugen gegenüber und arbeiten Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihrem Konsumverhalten heraus.
6. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Medien für die Interviewten maßgeblich zur Identitätsbestätigung und Orientierung im neuen Gesellschaftssystem dienten.
Schlüsselwörter
Mediennutzung, Identität, Ostberlin, Nachwendezeit, Uses-and-Gratifications-Ansatz, Qualitative Forschung, Biografische Interviews, Mediensozialisation, DDR, Transformation, Leitfadeninterviews, Medienangebot, Identitätsbildung, Ostalgie, Medienwirkungsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Forschungsarbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen aus Ostberlin in der Wende- und Nachwendezeit Medien nutzten und welche Rolle diese Medien bei der Konstruktion oder Sicherung ihrer Identität spielten.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentral sind der Zusammenhang zwischen Medienkonsum und ostdeutscher Identität, die Verarbeitung gesellschaftlicher Umbrüche sowie der Einfluss von Sozialisation auf die Medienwahl.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Handlungsmuster und Einflussfaktoren der Mediennutzung im individuellen Lebensverlauf während der Transformationszeit 1990er-Jahre zu rekonstruieren und zu verallgemeinern.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Studie nutzt die qualitative empirische Sozialforschung, konkret werden biografische Leitfadeninterviews geführt und anhand eines theoriegeleiteten Kategoriensystems ausgewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Medienbiografien zweier Interviewpartner (Frau F. und Herr M.), vergleicht deren Nutzungsgewohnheiten und identifiziert Motive wie Informationsbedürfnis, Unterhaltung und soziale Integration.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Mediennutzung, Identität, Nachwendezeit, Uses-and-Gratifications-Ansatz, Transformation und ostdeutsche Identität.
Warum spielt Berlin als Untersuchungsraum eine besondere Rolle?
Berlin ist als geteilte Hauptstadt und Medienstadt ein Ort, an dem die deutsch-deutsche Teilung sowie die Systemunterschiede besonders stark physisch und medial erlebbar waren.
Welche Rolle spielt die "Ostalgie" in der Untersuchung?
Die Studie betrachtet Medienangebote wie die SUPERillu kritisch und arbeitet heraus, dass der Konsum solcher Formate oft nicht nur nostalgisch begründet ist, sondern der Bestätigung persönlicher Werte und ostdeutscher Identität dient.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2021, Die Mediennutzung von Ost- und Westberlinern nach dem Mauerfall im Vergleich. Zwei Ostberliner im Interview, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1060940