Boulevardisierung und Infotainment in den USA. Das Verhältnis von Emotionalität und sachlicher Berichterstattung in den Nachrichten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Korrelation von Emotionen und Nachrichten

3 Boulevardisierung und Infotainment in den USA
3.1 Begriffserklärungen
3.2 Merkmale der Boulevardmedien
3.3 Erkenntnisse der Rezeptionsforschung
3.4 Chancen und Risiken der Boulevardisierung

4 Emotionen und Nachrichten in den USA
4.1 Emotionen im Fernsehsender Fox News
4.2 Emotionalisierung der Berichterstattung über Corona

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Emotionalität und die sachliche Berichterstattung in den Nachrichten scheinen sich zunächst gegenüberzustehen. Doch bei genauerer Betrachtung der Entwicklung der letzten Jahre wird sichtbar, dass sich Emotionalität und die Nachrichten immer weiter aneinander annähern. Um diese Annäherung zu verdeutlichen, eignet sich das amerikanische Mediensystem besonders gut. Denn wo schon die Politik emotionalisiert ist, beispielsweise durch den ehemaligen Präsidenten Donald Trump, dort hat das auch Einfluss auf die Medienlandschaft. Konkret kann man die Verbindung von Emotionen und Nachrichten an der Boulevardisierung der amerikanischen Berichterstattung festmachen, aberauchan dem generellen Trend von unterhaltsamen Nachrichten, häufig Infotainment genannt. Diese beiden Entwicklungen zeigen sich auch an der Berichterstattung des Fernsehsenders Fox News oder an der Corona Berichterstattung der letzten Monate. Zuvor wird in dieser Arbeit jedoch auf die Erkenntnisse der Rezeptionsforschung eingegangen, welche die Zusammenhänge der Emotionen im Bezug auf Medien- und Nachrichtenrezeption untersucht hat.

2 Korrelation von Emotionen und Nachrichten

Bevor konkret auf das Beispiel USA eingegangen werden kann, ist die ausführliche Auseinandersetzung mit der Korrelation von Emotionen und Nachrichten notwendig. Da Nachrichten Teil eines Medienangebotes sind, wird im Folgenden auch auf die allgemeine Medienrezeption in Verbindung mit Emotionen eingegangen.

Emotionen sind meist wichtige Faktoren, die unsere Entscheidungen und unser Verhalten beeinflussen (Mizgajski & Morzy, 2019). So ist es nicht verwunderlich, dass das Gehirnareal für Emotionen wesentlich aktiver als das für Rationalität ist, wenn wir uns entscheiden müssen (Carmona, 2021). Gerade deshalb sind sie für die Medienrezeptionsforschung besonders interessant. Aber wie beeinflusst die Emotionalisierung unsere Wahrnehmung und das Erleben von Nachrichten? Zum einen können Emotionen für den Grad der Informationsverarbeitung verantwortlich sein. Dabei kommt es nicht nur auf Emotionen im Allgemeinen, sondern auf ihre Bewertung an. Empfindet ein Rezipient positive Emotionen, wenn er ein Medienangebot wahrnimmt, so ist seine Informationsverarbeitung meist ganzheitlich und umfasst einen weiten Horizont. Ganz anders bei negativen Emotionen: Werden diese bei der Rezeption wahrgenommen, so wird der betreffende Sachverhalt nur eingeschränkt und in einem engeren Blickwinkel betrachtet (Otieno, Spada & Renkl, 2013). Bereits damit wird deutlich, welchen großen Einfluss die Emotionen auf die Nachrichtenrezeption haben. Differenziert man die Emotionen noch weiter, kommen weitere Erkenntnisse dazu. Empfindet ein Rezipient durch ein Medienangebot Ärger, beispielsweise weil es seiner eigenen Meinung widerspricht, so ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass er in Zukunft ein ähnliches Angebot rezipieren möchte. Wird hingegen Angst empfunden, haben die Rezipienten das verstärkte Bedürfnis, weitere Informationen zu dem betreffenden Sachverhalt zu recherchieren. Beide Emotionen führen aber dazu, dass das Bedürfnis nach politischer Teilhabe nach der Rezeption verstärkt wird. Ganz anders ist es, wenn stattdessen Freude empfunden wird. Durch die innere Zufriedenstellung sinkt hierbei sowohl das Bedürfnis nach weiterer Recherche, wie als auch nach politischer Teilhabe (Obermaier, Haim, & Reinemann, 2014). Emotionalität im Allgemeinen, kann den Rezipienten aber vor allem dabei helfen, das Nachrichtenangebot zu verarbeiten, insbesondere, wenn es sich um sehr rationale und sachliche Themen handelt. Deshalb können Emotionen in Nachrichten auch strategisch genutzt werden, um bestimmte Sachverhalte besonders anschaulich zu vermitteln und sie damit in den Mittelpunkt der menschlichen Wahrnehmung zu rücken (Priebe, 2017). Da diese Tatsache in Zeiten der Informationsflut und geringen Aufmerksamkeitsspanne besonders wichtig ist, sind Emotionen für die strategische Verbreitung von Nachrichten also elementar (Schwermund, 2020).

Auch der Grund, weshalb wir auf Medienangebote zurückgreifen, liegt in unseren Emotionen. So sind sie Teil des Mood-Managements, wenn der Rezipient versucht, die eigene Stimmung, also auch seine Emotionen, durch ein Medienangebot zu regulieren (Schramm & Wirth, 2006). Doch nicht nur das Streben nach Unterhaltung hat mit Emotionen zu tun. Denn die Emotionen Fröhlichkeit, Ärger und Trauer treten nicht nur beim Nutzungsmotiv Unterhaltung, sondern überraschenderweise auch beim Nutzungsmotiv Information auf (Perse, 1990). Diese Erkenntnis bildet eine Grundlage für das Infotainment, welches zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Arbeit ausführlicher behandelt wird.

Auch das Elaboration-Likelihood-Modell kann verdeutlichen, welchen Einfluss Emotionen in Nachrichten haben. Innerhalb des Modells wird zwischen zwei Arten der Informationsverarbeitung unterschieden - dem zentralen und dem peripheren Pfad (Klimmt & Rosset, 2020). In diesem Fall geht es insbesondere umdie Emotion, dieder Rezipient bereits empfindet, bevor er das Medienangebot wahrnimmt, aber auch während der Wahrnehmung selbst. Wenn wir uns in einer positiven Stimmung befinden, wählen wir eher den peripheren Weg, also setzen uns weniger mit dem Inhalt oder der Botschaft eines Medienangebots auseinander, als wenn wir schlecht gelaunt sind. Das bedeutet, eine Nachricht die Emotionen wie Ärger auslöst, wird eher aufdem zentralen Weg verarbeitet - sorgfältig und intensiv (Schramm & Wirth, 2006). Das ist ein Ansporn für Medienunternehmen und Nachrichtensender ihre Botschaften größtmöglich zu emotionalisieren, damit sie von den Rezipienten bestmöglich verarbeitet, aufgenommen und erinnert werden.

Auch Modelle wie das Agenda-Setting oder die Schweigespirale funktionieren nach einem Prinzip, das mit Emotionen arbeitet. So werden beispielsweise Themen, die Angst verbreiten, auf der öffentlichen Agenda höher gesetzt und damit als wichtiger eingestuft. Und die Basis für das Auftreten einer Schweigespirale besteht daraus, dass innerhalb des Sachverhalts eine emotionale Auseinandersetzung stattfindet (Schramm & Wirth, 2006).

Generell kann man zwischen drei Formen der Emotionalisierung der Nachrichten unterscheiden. Erstens ist dafür der Gegenstand der Nachricht wichtig, denn nicht jede Nachricht kann gleich gut emotionalisiert werden oder bringt bereits eine gewisse Emotionalität mit. Außerdem kann eine Nachricht durch gestalterische Merkmale wie die Musikuntermalung emotionalisiert werden. Darüber hinaus ist die Herstellung von Emotionalität durchgeschicktesFraming,alsodas Hervorheben bestimmter Botschaften und Merkmale, möglich (Kamps, 2020).

3 Boulevardisierung und Infotainment in den USA

Bezieht man die generellen Wirkungen von Emotionen auf Nachrichteninhalte nun auf das Beispiel USA, rückt die Boulevardisierung und die Boulevard-Presse im Allgemeinen, in den Vordergrund. Denn der Boulevard-Journalismuskennzeichnet sich vor allem durch eine hohe Emotionalität auf formaler, inhaltlicher und sprachlicher Ebene. Ähnlich wie die Boulevardisierung entspringt auch das Infotainment aus der Kombination von Emotionen und Nachrichten, genauer gesagt aus Unterhaltung und Nachrichten. Ob Unterhaltung selbst eine Emotion ist, ist noch nicht ausreichend belegt, aber dafür, dass bei der Entstehung von Unterhaltung Emotionen maßgeblich beteiligt sind (Mizgajski & Morzy, 2019). Über die Grundzüge der Boulevardisierung, die Verbindung zum Infotainment und die Erkenntnisse der Rezeptionsforschung, geht es im folgenden Abschnitt.

3.1 Begriffserklärungen

Allgemein wird in der Medienforschung zwischen den Boulevardmedien und der Boulevardisierung ein Unterschied gemacht. Letzteres beschreibt die allmähliche Übernahme von boulevardesken Methoden, durch immer mehr Mediengattungen und Formate. Ursprünglich entstand die Boulevard-Presse in den USA, in den 1830er Jahren (Magin, 2020). Die sogenannte “penny press” kennzeichnete sich vor allem durch einen niedrigen Preis, der durch den günstigen Papierpreis und die technische Entwicklung der Druckmethoden möglich war. Ihr Erfolg wurde auch durch die fortschreitende Alphabetisierung der Bevölkerung und ihre Zentralisierung in den Großstädten begünstigt. Der Vertrieb fand hauptsächlich auf der Straße statt, daher auch der Name “Boulevard”. Das englische Synonym für die Boulevardisierung “tabloidization”, wurde in den 1990er Jahren zum ersten Mal in der Literatur verwendet (Magin, 2020). Die “penny press” bildet die Basis für die Weiterentwicklung der heutigen Massenkommunikation der Presse, aber auch anderer Medienformen. Allgemein spricht man bei der Boulevardisierung von der Tendenz, Konflikte zu personalisieren, Sensationen zu präsentieren, große Themenfelder anhand einer speziellen Situation aufzugreifen und Stereotype zu reproduzieren (Schutte, 1996).

Der Begriff “Infotainment” ist ein Neologismus und setzt sich aus den englischen Wörtern “Entertainment” und “Information” zusammen. Auch das Infotainment hat seinen Ursprung in den USA und wird dort seit den 19890er Jahren verwendet, wenn Unterhaltung und Information miteinander verknüpftwerden (Thussu, 2015). Besonders die amerikanische Fernsehkultur hat das Modell geprägt, aber durch die Globalisierung ist es mittlerweile zu einem weltweiten Phänomen verschiedenster Mediensysteme geworden. Dennoch liegt der Fokus weiterhin auf den westlichen Medien.

Die Boulvardisierung und das Infotainment sind bisher noch nicht klar voneinander zu trennen, da es bei beiden Begriffen um die Anreicherung von Information durch mediale Mittel wie Emotionen und damit auch Unterhaltung, geht. Otto, Glogger und Boukes (2016) haben aber einen ersten Erklärungsansatz geliefert, wie das Infotainment und die der Boulevardismus an der politischen und medialen Kommunikation beteiligt sind. Die unterste Stufe dieser Kommunikation ist der Sensationalismus, welcher durch journalistische Strategien und visuelle Gestaltung erreicht werden kann. Ziel ist dabei ein bestimmter Einfluss auf den Rezipienten. Die Stufe darüber, ist die Stufe der “Soft News”, ein Begriff, der innerhalb der Kombination von Emotionen und Nachrichten häufig Anwendung findet. Gemeint sind damit “leichte” Themen, wie Sport, Kultur und Gesellschaft, die oft von Natur aus, einen unterhaltsamen Charakter haben. Dem gegenüber stehen die “Hard News”, welche besonders Genres wie Politik und Wirtschaft beinhalten, also deutlich rationalere Themen (Lünenborg, 2016). Während also der Sensationalismus die Kommunikation innerhalb eines Themas bestimmt, sind Soft News das Thema selbst. Das Infotainment, die dritte Stufe, wird mit dem Genre verdeutlicht (Otto, Glogger, & Boukes, 2016). Durch die Verknüpfung von Unterhaltung und Information wird also gewissermaßen ein neues Genre geschaffen, welches nach Lüneborg (2016) durch zwei Formen entstehen kann: Entweder werden bestehenden Formaten Merkmale des Boulevardismus hinzugefügt, oder es werden neue Formate gegründet, die bereits von Beginn an, als boulevardesk einzuordnen sind. Die Mediengattung befindet sich auf der vierten Stufe, welche gleichzeitig durch die Boulevardisierung repräsentiert wird. Als oberste Stufe nennen Otto, Glogger und Boukes (2016) das Verschwimmen der Grenzen zwischen dem Journalismus und anderen Subsystemen der Gesellschaft, wie die PR oder die Wirtschaft. Das geschieht auf der Ebene des Mediensystems.

3.2 Merkmale der Boulevardmedien

Durch die vorangegangenen Erklärungen wird deutlich, dass eine endgültige Trennung zwischen Boulevardismus und Infotainment nicht möglich ist. Deshalb werden im Folgenden besonders die Boulevardmedien beleuchtet, welche aber das Infotainment als Mittel nutzen. Diese Entscheidung basiert vor allem auf den Erkenntnissen von Otto, Glogger und Boukes (2016), da das Infotainment unterhalb der Boulevardisierung steht und damit automatisch ein Teil der Boulevardmedien ist. Im Folgenden werden die Merkmale der Boulevardmedien auf den Ebenen des Layouts, des Inhalts und der Sprache beleuchtet.

Das Layout ist eines der wichtigsten Gestaltungsmittel der Boulevardpresse. Da es nur bei der Presse ausreichend zu untersuchen ist, konzentrieren sich die Erkenntnisse der Forschung besonders darauf. Die Gestaltung basiert vor allem auf der Tatsache, dass die Boulevardpresse auf den Einzelverkauf am Kiosk oder im Supermarkt angewiesen ist und keinen festen Abonnementstamm hat. Dadurch muss die Visualisierung Aufmerksamkeit erregen, was besonders durch viele typografische und farbige Elemente geschieht (Berg, 2018). Auch die Überschriften spielen im Layout eine wichtige Rolle. Satzzeichen wie Ausrufe- oder Fragezeichen werden häufig verwendet und die Schlagzeilen selbst sind sehr kurz gefasst und werden verhältnismäßig groß abgedruckt. Bilder und Grafiken sind bei dieser Mediengattung im Zentrum des Layouts. Denn visuelle Elemente benötigen weniger kognitive Verarbeitung und können somit schneller im Vorbeigehen aufgenommen werden. Die Fotos stellen die Realität gut dar und zeigen häufig Menschen. Dadurch soll der potenzielle Käufer und Rezipient gerade auf der emotionalen Ebene angesprochen werden (Berg, 2018). Auch der Text wird diesem Prinzip angepasst, indem er besonders kurz und wenig komplex gehalten wird. Als Anpassung an ein schnelles Überfliegen, werden häufig Unterstreichungen oder Hervorhebungen integriert (Berg, 2018).

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Boulevardisierung und Infotainment in den USA. Das Verhältnis von Emotionalität und sachlicher Berichterstattung in den Nachrichten
Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart  (Hochschule der Medien Stuttgart)
Veranstaltung
Theorien der Rezeptionsforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1061011
ISBN (eBook)
9783346476661
ISBN (Buch)
9783346476678
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeptionsforschung, Nachrichten, Emotionen, Fox News, USA, Amerika, Medien, Corona in den Medien, Coronaberichterstattung, Boulevardisierung, Infotainment, Boulevardmedien
Arbeit zitieren
Jana Braungardt (Autor:in), 2021, Boulevardisierung und Infotainment in den USA. Das Verhältnis von Emotionalität und sachlicher Berichterstattung in den Nachrichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061011

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