Die nachfolgende Forschungsfrage fasst das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit zusammen: Welche Rolle spielen domänenspezifische Selbstkonzepte von Grundschüler/-innen beim naturwissenschaftlichen Lernen im Sachunterricht vor dem Hintergrund diskutierter geschlechtsspezifischer Disparitäten?
Die vorliegende Literaturarbeit untersucht das Konstrukt des Selbstkonzepts, insbesondere die Rolle des naturwissenschaftlichen Fähigkeitsselbstkonzepts von Mädchen und den theoretischen Rahmen des naturwissenschaftlichen Lernens im Sachunterricht. Sie präsentiert die empirisch sehr gute Befundlage zu allgemeinen und bereichsspezifischen Selbstkonzepten, woran sich der theoretische Rahmen zur naturwissenschaftlichen Bildung in der Grundschule anschließt. Des Weiteren wird der aktuelle Kenntnisstand über geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede und die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Fähigkeitsselbstkonzepts von Mädchen dargelegt sowie mögliche Erklärungsansätze thematisiert.
Schließlich erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse, aus denen praktische Implikationen für den Sachunterricht gefolgert werden. Da der Begriff des naturwissenschaftlichen Lernens Schnittpunkte sowohl mit dem Sachunterricht als auch der Mathematik aufweist, wird der Versuch unternommen, die mathematische Perspektive größtenteils auszuklammern. Dies gilt auch für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven des Sachunterrichts.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 METHODIK
2 ZUM FORSCHUNGSSTAND DES SELBSTKONZEPTS
2.1 BEGRIFFSBESTIMMUNG UND -ABGRENZUNG ZU ANDEREN SELBSTTHEORIEN
2.2 FORSCHUNGSPERSPEKTIVEN, ENTWICKLUNG UND MESSUNG DES SELBSTKONZEPTS
2.3 BEDEUTUNG DES FÄHIGKEITSSELBSTKONZEPTS IN DER GRUNDSCHULE
2.4 SACHUNTERRICHTSSPEZIFISCHE UND NATURWISSENSCHAFTLICHE FÄHIGKEITSSELBSTKONZEPTE
2.5 ZWISCHENFAZIT
3 ZUM THEORETISCHEN HINTERGRUND DES NATURWISSENSCHAFTLICHEN LERNENS IM SACHUNTERRICHT
3.1 NATURWISSENSCHAFTLICHES LERNEN: GRUNDBILDUNG ODER „SCIENTIFIC LITERACY“
3.2 DER LERNBEGRIFF AUS ENTWICKLUNGS- UND KOGNITIONSPSYCHOLOGISCHER SICHT
3.3 ORIENTIERUNG AN SCHÜLERVORSTELLUNGEN
3.4 EINE KONSTRUKTIVISTISCHE PERSPEKTIVE: DER CONCEPTUAL-CHANGE-ANSATZ
3.5 DIE BEFÄHIGUNG ZUM (NATUR-)WISSENSCHAFTLICHEN DENKEN
3.6 ZWISCHENFAZIT
4 GESCHLECHTSSPEZIFISCHE DISPARITÄTEN MATHEMATISCH NATURWISSENSCHAFTLICHER LEISTUNGEN UND DES FÄHIGKEITSSELBSTKONZEPTS WÄHREND DER GRUNDSCHULZEIT
4.1 ZUR KONTROVERSE GESCHLECHTSSPEZIFISCHER LEISTUNGSDIVERGENZEN IM MATHEMATISCH NATURWISSENSCHAFTLICHEN UNTERRICHT
4.2 ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR EIN GERINGES MATHEMATISCH-TECHNISCHES SELBSTKONZEPT VON GRUNDSCHÜLERINNEN
5 DISKUSSION
5.1 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN
5.2 PRAKTISCHE IMPLIKATIONEN FÜR DEN SACHUNTERRICHT
5.3 LIMITATIONEN UND FORSCHUNGSDESIDERATA
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konstrukt des Selbstkonzepts, insbesondere das naturwissenschaftliche Fähigkeitsselbstkonzept bei Mädchen im Grundschulalter, und analysiert den theoretischen Rahmen naturwissenschaftlichen Lernens im Sachunterricht, um die Rolle domänenspezifischer Selbstkonzepte vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Disparitäten zu klären.
- Grundlagen und Messung des Selbstkonzepts sowie des Fähigkeitsselbstkonzepts (FSK)
- Theoretische Fundierung des naturwissenschaftlichen Lernens (Conceptual-Change-Ansatz, Scientific Literacy)
- Analyse geschlechtsspezifischer Leistungsunterschiede in MINT-Bereichen in der Grundschule
- Ursachen für geschlechtsunterschiedliche Selbsteinschätzungen bei mathematisch-technischen Fähigkeiten
- Praktische Implikationen für die Gestaltung eines förderlichen Sachunterrichts
Auszug aus dem Buch
3.3 Orientierung an Schülervorstellungen
Zum Ende der 1970er Jahre wurde durch Martin Wagenscheins genetischer Lehr- und Lerntheorie die Basis für das bis heute bestehende Paradigma gelegt, dem Lehrende folgen, wenn sie an Vorwissen und Denkweisen von Schüler/-innen anknüpfen (vgl. Möller 2018, S. 36). So sei genetisches Lernen eine Folgekonstruktion aus zurückliegenden Naturerfahrungen der Kinder. Wagenscheins Analogie zum „Brückenbau“ charakterisiert das Lernen als Verbindung von altem Wissen mit dem Neuen (vgl. Labudde 1996, S. 171). Lernende differenzieren in dieser Hinsicht altes und neues Wissen, bilden neue Begriffe und Theorien sowie notwendige Methoden aus. Zeitgenossen wie Ausubel (1968, S. 6) waren sich der Bedeutung einer didaktischen Bezugnahme auf Vorkenntnisse bzw. Vorstellungen der Lernenden als wichtigen und lernbestimmenden Faktor ebenfalls bewusst. Auch wenn angenommen werden kann, dass Schüler/-innen in allen Fächern mit individuellen Vorkenntnissen in die Schule eintreten, so scheint speziell für den vielperspektivischen Sachunterricht eine dezidierte Betrachtung der Schülervorstellungen von besonderer Bedeutung zu sein, da sich hier wissenschaftliche Konzepte zahlreicher Stoffe aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenfinden.
In der allgemeinen Didaktik wird dieses Vorwissen als Präkonzept bezeichnet, wobei es sich um keinen eindeutig abgrenzbaren Terminus handelt, da sich der theoretische Rahmen „facettenreich“ (vgl. Wiesemann & Wille 2014, S. 3), aber unpräzise darstellt. Häufig finden sich Synonyme wie „Alltagsvorstellungen“ oder „Vorerfahrungen“ (vgl. Möller 2001, S. 20). Ein aktueller Versuch einer sehr allgemeinen Begriffsbestimmung stammt von Möller (2018, S. 35), allerdings mit dem Hinweis, dass es keine einheitliche Definition geben könne: „Ganz allgemein können unter Schülervorstellungen [Hervorh. im Original] Vorstellungen verstanden werden, die von Schülerinnen und Schülern vor bzw. neben dem Unterricht, im Unterricht und auch nach dem Unterricht gebildet werden“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 METHODIK: Dieses Kapitel erläutert die Literaturrecherche unter Verwendung gängiger Datenbanken und Suchmethoden wie der "Schneeballmethode", um den aktuellen Forschungsstand zu erfassen.
2 ZUM FORSCHUNGSSTAND DES SELBSTKONZEPTS: Hier werden theoretische Grundlagen des Selbstkonzepts und des Fähigkeitsselbstkonzepts (FSK) sowie deren Bedeutung und Messung in der Grundschule beleuchtet.
3 ZUM THEORETISCHEN HINTERGRUND DES NATURWISSENSCHAFTLICHEN LERNENS IM SACHUNTERRICHT: Dieses Kapitel behandelt Konzepte wie "Scientific Literacy", den Conceptual-Change-Ansatz und die Bedeutung von Schülervorstellungen für den Lernprozess.
4 GESCHLECHTSSPEZIFISCHE DISPARITÄTEN MATHEMATISCH NATURWISSENSCHAFTLICHER LEISTUNGEN UND DES FÄHIGKEITSSELBSTKONZEPTS WÄHREND DER GRUNDSCHULZEIT: Es werden die Kontroverse um Leistungsunterschiede sowie Erklärungsansätze für die geringere Selbsteinschätzung von Mädchen bei mathematisch-technischen Aufgaben diskutiert.
5 DISKUSSION: Das Kapitel führt die Ergebnisse zusammen, leitet praktische Implikationen für den Sachunterricht ab und benennt Limitationen sowie Forschungsdesiderata.
6 FAZIT: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und reflektiert über die Notwendigkeit einer differenzierten Leistungsbewertung zur Förderung von Mädchen in MINT-Bereichen.
Schlüsselwörter
Selbstkonzept, Fähigkeitsselbstkonzept, Grundschule, Sachunterricht, naturwissenschaftliches Lernen, Geschlechtsunterschiede, MINT, Schülervorstellungen, Präkonzepte, Conceptual-Change, Scientific Literacy, Leistungsmotivation, Geschlechtsstereotype, Mädchen, Förderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die Rolle des Fähigkeitsselbstkonzepts (FSK) bei Grundschulkindern, insbesondere bei Mädchen, im Kontext des naturwissenschaftlichen Lernens im Sachunterricht und den dort auftretenden geschlechtsspezifischen Unterschieden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Selbstkonzeptforschung, die theoretischen Grundlagen des Sachunterrichts, der Conceptual-Change-Ansatz sowie die Analyse geschlechtsbezogener Leistungs- und Motivationsunterschiede.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Bedeutung domänenspezifischer Selbstkonzepte für das naturwissenschaftliche Lernen zu ergründen und aufzuzeigen, wie geschlechtsspezifische Stereotype und Erwartungen die Selbsteinschätzung von Mädchen beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Literaturarbeit, die durch Datenbankrecherche und die sogenannte Schneeballmethode aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführt und analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Forschungsstands zum Selbstkonzept, die theoretische Fundierung des naturwissenschaftlichen Lernens sowie die Diskussion spezifischer Disparitäten bei Mädchen in der Grundschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Selbstkonzept, Fähigkeitsselbstkonzept, Grundschule, Sachunterricht, naturwissenschaftliche Bildung, MINT und Geschlechterunterschiede.
Warum spielt das "Scientific Literacy"-Konzept eine Rolle?
Es bietet einen internationalen Bezugsrahmen für die naturwissenschaftliche Grundbildung, der hilft, prozedurales und konzeptuelles Wissen im Sachunterricht besser zu definieren.
Wie lassen sich laut Autorin die Selbsteinschätzungen von Mädchen verbessern?
Die Autorin plädiert für ein positives, geschlechtsneutrales Feedback, eine bewusste Rollenverteilung bei Experimenten und eine Abkehr von leistungshomogenen Gruppen hin zu kooperativen Lernformen.
Welchen Einfluss haben Noten auf das Fähigkeitsselbstkonzept?
Noten intensivieren soziale Vergleiche und Leistungsdruck, was laut der Arbeit dazu führen kann, dass Kinder ihre Fähigkeitseinschätzungen korrigieren, wobei Mädchen in MINT-Fächern häufiger dazu neigen, ihr Können geringer einzuschätzen.
- Quote paper
- Paul Linstedt (Author), 2021, Probleme und Folgen geschlechtsspezifischer Unterschiede beim naturwissenschaftlichen Lernen im Sachunterricht der Grundschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1063109