Informelles Lernen. Die Problematik der Anerkennung informeller Lernergebnisse im Rahmen einer Zertifizierung


Hausarbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Hinführung zum Thema

2. Informelles Lernen - Begriffserläuterung in Abgrenzung zum formalen und non- formalen Lernen

3. Entwicklungsgeschichte des Informellen Lernens
3.1 Ausgangslage der Entwicklungsgeschichte des informellen Lernens
3.2 Entwicklungsgeschichtliche Ursachen und Hintergründe für die Problematik der Aner­kennung informeller Lernergebnisse.

4. Die Zertifizierungsproblematik
4.1 Anerkennung im Rahmen einer Zertifizierung informeller Lernergebnisse
4.2 Entwicklung im Rahmen der Digitalisierung mit Bezug auf informelles Lernen

5. Konklusion
5.1 Resümee
5.2 Perspektive auf zukünftige Entwicklungen

VI. Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung und Hinführung zum Thema

Im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung und der einhergehenden Technisierung kommt dem informellen Lernen nicht nur im beruflichen Kontext immer mehr Bedeutung zu (Gaylor et al., 2015; Wienberg, 2017).

Durch den gesellschaftlichen Wandel werden Anforderungsprofile vieler beruflicher Tätigkeiten zu­nehmend vielschichtiger und anspruchsvoller. (Leimeister & David, 2019) Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, kommen vor allem auch nicht formalen - und informellen Lernprozessen eine tragende Bedeutung zu (Rohs, 2016); (Overwien, 2004); Münchhausen & Seidel, 2016).

Schließlich wird heute allein durch die schulische Grundbildung, oder der beruflichen Ausbildung, sowie durch ein Studium, welche in erster Linie in formal transportiertem Wissen und Kompetenzen münden und im ausbildungsspezifischen Kontext zu einer bestimmten beruflichen- und/oder Bil­dungstätigkeit qualifiziert, in den meisten Fällen nicht mehr ausreichen (Gnahs, 2003), „denn die Verwertung und Haltbarkeit von erlangtem fachspezifischen Wissen und Kompetenzen geht immer rasanter verloren“ (Kuhlmeier et al., 2014), um den stetig wachsenden Anforderungen an Wissen, Kompetenzen und konzeptuellen Veränderungen und Entwicklungen von Bildung und Beruf zukünf­tig gerecht zu werden (Dohmen, 2001).

Aus diesem Grund steigt auch der Bedarf an Bildungs- und Weiterbildung seit Jahrzehnten, weil Weiterbildungsangebote oftmals notwendige Bedingung darstellen und als feste Komponente im beruflichen Alltag integriert werden müssen (Leimeister & David, 2019).

Formale (und non formale) Lernergebnisse in den oben genannten Kontexten werden unter ande­rem in Form von Zeugnissen, Teilnahmebescheinigungen und Zertifikaten als verifizierte Leistungs­beurteilung und/oder als Nachweis für Wissen und Kompetenzen formal anerkannt und zertifiziert (Colardyn & Bj0rnavold, 2005).

Obwohl informelle Lernprozesse in privater, sowie in beruflicher Umgebung ständig und überall statt­finden können (Kahnwald & Täubig, 2017) und generell nachweislich ein Großteil aller erlernten Kompetenzen und Wissen auf diesen Lernprozessen basiert (Faure et al., 1972); (Overwien, 2016), ist die Anerkennung im Rahmen einer Zertifizierung informeller Lernergebnisse, gerade in Deutsch­land, immer noch ein bildungspolitischen und gesellschaftliches Problem (Böhm et al., 2010).

Aus diesem Grund wird sich im Folgenden bemüht, die Frage zu beantworten, warum die Anerken­nung im Rahmen einer Zertifizierung von informellen Lernergebnissen problematisch ist und an­schließend vor dem Hintergrund der Digitalisierung näher ausgeführt.

Dafür wird folgend im ersten Teil eine Begriffserläuterung des informellen Lernens in Abgrenzung zum formalen und nicht formalen Lernen unternommen. Dabei soll die Zertifizierungsproblematik bereits skizziert werden. Im zweiten Teil wird sich mit der Entwicklungsgeschichte des informellen Lernens beschäftigt und aufgezeigt welche bildungspolitischen und gesellschaftlichen Umstände, sowie relevante Akteure und Institutionen eine tragende Rolle spielen, um auch die Problematik aus dieser Perspektive besser nachvollziehen zu können. Darauf basierend wird im dritten Teil die aktu­elle Zertifizierungsproblematik behandelt und in den Kontext der Digitalisierung eingebunden.

2.0 Informelles Lernen - Begriffserläuterung in Abgrenzung zum formalen und non- formalen Lernen

Die Frage nach einer eindeutigen Definition informellen Lernens lässt sich nicht beantworten, da es eine ganze Fülle an Definitionen gibt.

Es kommt darauf an, in welchem Kontext man sich bewegt und welchen theoretischen Verortungen man anhängt (Marsick & Watkins, 2001). Man spricht im Zusammenhang mit informellen Lernen auch vom einem individuellen und kontextbezogen Charakter (Geldermann et al., 2009) ,daher ist die Beschreibung von Kriterien, des Kontextes und die Abgrenzung von formalen und non-formalen Lernen bei der Erfassung informellen Lernens sinnvoll (Düx & Sass, 2005), darüber hinaus besteht ansonsten das Risiko, den Begriff informelles Lernen als Restkategorie zu betrachten, in dem belie­big Interpretiert werden kann. (Overwien, 2005)

Beim formalen Lernen handelt es sich im Kern um ein „planmäßig organisiertes, gesellschaftlich anerkanntes Lernen im Rahmen eines von der übrigen Umwelt abgegrenzten öffentlichen Bildungs­systems“ (Dohmen, 2001), während es sich beim non-formalen Lernen (im weiteren Verlauf als nicht- formales lernen bezeichnet), um alle Formen von Lernen handelt, die außerhalb des formalen Bildungssystems stattfinden. (Dohmen, 2001).

Formal erworbene Lernergebnisse werden nach standardisierten Zertifizierungsmaßstäben mit ho­her Verkehrsreichweite bewertet und anerkannt. Die Anerkennung und Zertifizierung nicht formaler Lernergebnisse ist möglich, jedoch auf eine geringe Verkehrsreichweite beschränkt. (Annen & Bretschneider, 2009); (Gutschow et al., 2010); (Gnahs, 2003). Im Gegensatz dazu werden die Lern­ergebnisse des im folgendem erläuterten informellen Lernens in der Regel nicht formal im Rahmen einer Zertifizierung anerkannt.

Laut Dohmen 2001 gibt es für den Begriff des informellen Lernens mehrere Definitionen beziehungs­weise mehrere Begriffsbedeutungen, die sich charakteristisch ähneln, aber auch unterscheiden kön­nen, wobei „informelles Lernen“ als Oberbegriff verwendet wird.

Das informelle Lernen wird unter diesem Gesichtspunkt zusammenfassend als ein Lernen bezeich­net, das als „ungeplantes, beiläufiges, implizites und oft auch unbewusstes Lernen außerhalb von formalen Bildungssystemen und ohne Einfluss von externer Bildungsunterstützung zu verstehen ist“ (Dohmen, 2001).

Im Jahre 2009 im Rahmen einer Überarbeitung der Definitionen nicht- formalen und informellen Ler­nens des OECD wird darauf hingewiesen, dass die Definitionen für nicht formales und informelles Lernen, die im Memorandum über „lebenslanges Lernen“ (2000) festgehalten wurden, nicht mehr mit der aktuellen (2009) identisch ist (Gutschow et al., 2010). So geht aus dem „CEDEFOP 2009“ hervor, dass nicht formales Lernen beabsichtigt und in Tätigkeiten integriert ist, welche nicht explizit als Lernen bezeichnet werden, aber ein „ausgeprägtes Lernelement“ (CEDEFOP, 2009) beinhalten. Informelles Lernen hingegen wird nunmehr als eine Lernform definiert, die „im Alltag, am Arbeitsplatz im Familienkreis, oder in der Freizeit stattfindet.“ (CEDEFOP, 2009) „Es ist als Lernform nicht orga­nisiert und strukturiert und in dem meisten Fällen unbeabsichtigt“ (CEDEFOP, 2009).

Informelles Lernen kann aber in Abgrenzung zur genannten Definition sehr wohl als ein vom Indivi­duum selbstorganisiertes Lernen bezeichnet werden, dass in dieser Form strukturiert und mit der bewussten Zielorientierung etwas zu lernen eingesetzt werden kann. (Gutschow et al., 2010), was jedoch nur selten der Fall ist.

Allerdings gilt es als institutionell unabhängiges Lernen und ist in diesem Fall nicht fremd organisier­bar, wodurch es sich maßgeblich vom formalen- und in Bezug auf den zweiten Aspekt auch vom nicht formalen Lernen unterscheidet (Werquin, 2016).

Informelles Lernen kann auch als „Lernen über Erfahrung“ verstanden werden, wobei die Erfahrun­gen zumindest theoretisch über zwei getrennte Verarbeitungsmechanismen erfolgen kann. Nament­lich sind reflexives Lernen und implizites Lernen zu unterscheiden. Erfahrungslernen (reflexives Ler­nen) erfolgt als bewusste reflektierte Verarbeitung der gemachten Erfahrung, wobei implizites Ler­nen überwiegend unreflektiert und unbewusst stattfindet (Dehnbostel et al., 2003); (Molzberger, 2016). Während reflexives Lernen zu neuen Erkenntnissen führen kann, werden unbewusst und unreflektiert (implizite) verarbeitete Erfahrungen meist nur Teil des Erfahrungswissens, welches un­terbewusst gespeichert wird und Kontextgebunden wiedergegeben werden kann.

Diese Verarbeitungsmechanismen kommen überwiegend in Situationen zum Einsatz, in denen das Individuum neue Herausforderungen und Probleme lösen muss. Das Lernen findet folglich als Ne­benprodukt der Handlung statt (Dohmen, 2001) und steht zukünftig bewusst oder unbewusst als Handlungskompetenz oder Handlungswissen zur Verfügung (Overwien, 2004).

Dieser Versuch einer Abgrenzung und Begriffserläuterung des informellen Lernens bestätigt, dass es sich um ein hoch komplexes und vielschichtiges Unterfangen handelt. Es kann festgehalten wer­den, dass eine einheitliche Definition zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist (Overwien, 2004); (Düx & Sass, 2005), was unteranderem auch daran liegt, dass zuständige Organisationen im internatio­nalen Vergleich den vielzähligen Facetten des informellen Lernens unterschiedlich gewichtete Be­deutungen und Bewertungen zu schreiben. So unterscheiden Sie sich maßgeblich im Bereich der zugeschriebenen Intentionalität, dem Grad des zufälligen und unbeabsichtigten Lernens und in dem Möglichkeitshorizont einer Erlangung von Qualifikationen im Rahmen eines informellen Lernprozes­ses. (Werquin, 2016)

Die Komplexität, allen voran die Unintentionalität und begriffliche Uneindeutigkeit informellen Ler­nens, können folglich als Gründe für die Problematik der Anerkennung im Rahmen der Zertifizierung informeller Lernergebnisse betrachtet werden. Wie soll man etwas zertifizieren, was man gar nicht einheitlich definieren, gar erfassen kann? Und wenn die allgemeinen Zertifizierungsmaßstäbe (vor allem in Deutschland) längst nur zur Beurteilung von formalen (ferner, auch nicht formale-) Lernpro­zessen eigenen und sich informelle Lernprozesse maßgeblich davon unterscheiden und als solche Lernform nicht für eine gleiche Validierungsgrundlage geeignet ist, wird eine Konzeption neuer Va­lidierungsprozesse neben den existierenden unabdingbar (Münchhausen & Seidel, 2016).

Die oben genannte begriffliche Undeutlichkeit ist auch im Zuge der gestiegenen bildungspolitischen Bedeutung des informellen Lernens über die letzten Jahrzehnte entstanden (Rohs, 2016), dass die folgende Auseinandersetzung mit Fragmenten der Entwicklungsgeschichte des informellen Lernens notwendig macht.

3. Entwicklungsgeschichte des Informellen Lernens

3.1 Ausgangslage der Entwicklungsgeschichte des Informellen Lernens

Das Erfahrungslernen als Form des informellen Lernens wurde in seiner Fasson bereits im antiken Griechenland, in Aristoteles Schriften als Teil einer Unterscheidung zwischen formaler Unterweisung und Lernen durch Erfahrung erfasst und beschrieben. Diese Lernformen unterscheiden sich sowohl in der Art und Weise als auch vom Ort der Durchführung, nämlich einerseits in Alltagssituationen, andererseits in dafür geschaffenen Institutionen (Andresen et al., 2000).

Das Lernen durch Erfahrung hatte bis zum 19. Jahrhundert einen hohen Stellenwert, bis im Kontext der Schul-, Berufs- und Erwachsenenpädagogik im Laufe des 19. Jahrhunderts eine grundlegende Formalisierung des Lernens zu beobachten war.

An der Entwicklung beteiligt waren mitunter die Einführung der Schulpflicht im 18. Jahrhundert, die Einführung der Berufsausbildung in Verbindung mit der Freigabe von beruflichen Schulen und der Ausdehnung von formal organisierten Weiterbildungsangeboten für Erwachsene, wodurch das in­formelle Lernen im Zuge der Formalisierung und Institutionalisierung des Lernens zunehmend an Beachtung verlor (Rohs, 2016).

Darin sind die Wurzeln der fortwährenden Diskussion um das informelle Lernen in der Entwicklungs­geschichte skizzenhaft begründet. Im weiteren Verlauf liegt der Fokus auf den Ereignissen, die maß­geblich zur Klärung der Frage nach den Gründen der Zertifizierungsproblematik beitragen können und zum Leidtragen der Gesamterfassung der Entwicklungsgeschichte auch aus Umfangsgründen weitestgehend darauf beschränkt.

3.2 Entwicklungsgeschichtliche Ursachen und Hintergründe für die Problematik der Aner­kennung Informeller Lernergebnisse

Die fehlende Beachtung der bis zu den 70er- Jahren vorwiegend in den USA und England geführten wissenschaftlichen Diskussion über informelles Lernen ist als Grund anzuführen, da es im stark formalisierten Bildungssystem in Deutschland bis in die 90er- Jahre kaum Beachtung fand (Gnahs, 2016) und damit keine wissenschaftliche und bildungspolitische Auseinandersetzung möglich machte. Während gerade in Amerika informell erworbene Kompetenzen (bis heute) bedeutungstra­gend für Qualifikationen einer beruflichen Tätigkeit waren, waren fast ausschließlich institutionell erworbenes Wissen und Kompetenzen in Deutschland von Bedeutung. Als Mitursache für das nicht Beachten, war die gängige Begriffsverwendung „informell education“ und die implizierte Bedeutung, die in Deutschland aufgrund von unklarer Übersetzung nicht den formalisierten Bildungstraditionen entsprachen (Rohs, 2016).

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Informelles Lernen. Die Problematik der Anerkennung informeller Lernergebnisse im Rahmen einer Zertifizierung
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,3
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1064561
ISBN (eBook)
9783346481108
ISBN (Buch)
9783346481115
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lernen von Erwachsenen, Informelles Lernen, Lernen im Digitalen Kontext, Lebenslanges Lernen, Lernpsychologie, Geschichte des Lernens, Formelles Lernen, Nicht formales Lernen
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Informelles Lernen. Die Problematik der Anerkennung informeller Lernergebnisse im Rahmen einer Zertifizierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064561

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