Wikinger sein am Ende des 10. Jahrhunderts - Das Ende eines Traums?

Die Veränderung der wikingischen Lebensweise


Bachelorarbeit, 2021

35 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in den Themenkomplex
1.2 Der Begriff Wikinger
1.3 Problematik der Begrifflichkeit
1.4 Quellenlage

2. Motive und Voraussetzungen der wikingischen Expansion
2.1 Die wikingische Expansion
2.2 Charakter der Expansion: Einzelplünderung, organisierte Kriegsführung und Kolonisation?

3. Das Ende der Wikingerzeit
3.1 Christianisierung
3.2 Erstarkende Königsherrschaft
3.3 Andere Einflüsse für das Ende der Wikingerzeit
3.3.1 Handel
3.3.2 Mobilität

4. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Einführung in den Themenkomplex

Die Wikinger gelten seit jeher als männlich, stark, abenteuerlustig und unerschrocken. Schon in den Sagas des Mittelalters von Snorri Sturluson, einem isländischen Dichter, entwickelte sich der Wikingermythos. Saxo Grammaticus, ein dänischer Geschichtsschreiber, schrieb die Gesta Danorum, in der er so wie Snorri Sturluson die Geschichte und Aktivitäten der Wikinger glorifizierte. Schon dort waren die Wikinger für ihre Tapferkeit, ihre männlichen Tugenden und heroischen Taten gerühmt worden. Glorifiziert und idealisiert wurde der Wikingerbegriff auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und Island, da die Wikingerzeit seit dem 17. Jahrhundert als Teil der eigenen, nationalen Geschichte aufgefasst wurde. Somit galt der Wikingermythos seit jeher auch als gutes Mittel zur politischen Instrumenalisierung. Auch die Nationalsozialisten bedienten sich an dem Mythos und instrumentalisierten den Wikinger als eine Art Ur-Arier. Heutzutage trifft man die Wikinger nur allzu oft in Filmen und Serien, um aus dem allgemeinen Interesse der Bevölkerung kommerziellen Profit zu schlagen. Auch für Werbezwecke sind sie aktuell noch im Trend.

Klischees halten sich seit jeher hartnäckig. Sie trugen keine Hörnerhelme wie in der Oper von Richard Wagner 1876, sie waren keine ständig betrunkenen Raufbolde, deren Frauen waren nicht gleichgestellt und sie waren auch nicht die Erfinder der Demokratie.

Warum ich diese Arbeit mit der Rezeption und den Klischees der „Wikinger“ einleite, liegt auf der Hand; da ich mich selbst an ihnen bedient habe.

„Wikinger sein am Ende des 10. Jahrhunderts. Das Ende eines Traums?“ Der sogenannte „wikingische Traum“ impliziert schon eine Art Glorifizierung in sich und deutet mit dem Traum im allgemeinen auf die Lebensweise der Wikinger und deren Lebensvorstellungen und Ziele.

Der Fokus dieser Arbeit wird sich wortwörtlich auf die „wikingische“ Lebensweise beziehen; nämlich um die Wikinger, die ihre Heimat verließen, um neue Welten zu entdecken, nach Reichtümern zu suchen und diese auch mit Gewalt an sich zu reißen, Handel zu betreiben und um Lebensräume zu besiedeln.

Diese Arbeit versucht möglichst differenziert einen Überblick zu schaffen, und versucht weniger die „Wikinger“ als eine ethnologische Gruppe zu fassen, sondern als ein allgemein skandinavisches Phänomen dieser Zeit. Wichtig ist hier auch vor allem zu betrachten, dass wir in diesen 300 Jahren zentrale Veränderungen wahrnehmen. Die vielen fremden Kulturen, die die Wikinger kennenlernten, brachten unzählige neue Einflüsse und enorme Reichtümer nach Skandinavien. Auch die kulturelle Entwicklung veränderte sich rapide. Zu Beginn der Wikingerzeit herrschten eine Vielzahl von heidnischen Kleinkönigen, Häuptlinge oder Jarle über ein einziges Tal, einen Fjord oder eine kleine Gebirgsregion. In binnen von drei Jahrhunderten bildeten sich drei riesige Königreiche mit wachsenden Zentralmächten. Diese Zeit ist geprägt von unzähligen Machtkämpfen zwischen Kleinkönigen, Häuptlingsaufständen und -zusammenschlüssen, bis hin zu Königskriegen, die die Herrschaftsgebiete wieder neu teilten oder diese unter ganz neuer Herrschaft stellten. Die Staatenbildung von Dänemark, Schweden und Norwegen ist ein langer Prozess, der in dieser Zeit entscheidend geprägt wurde, sodass gegen 1200 n. Chr. die Grenzen gegenseitig weitgehend anerkannt wurden.

Ziel dieser Arbeit ist es, einem Überblick über die Zeit zwischen 800 und 1200 n. Chr. zu schaffen. Der Fokus ist vor allem auf die Ursachen und Gründe für die Veränderung der „wikingischen“ Lebensweise gesetzt. Zunächst werden die Rahmenbedingungen wie die Etymologie des Begriffes und die Quellenlage behandelt. Im folgenden Kapitel werde ich mich vor allem zunächst auf die möglichen Ursachen und Voraussetzungen für die Wikingerzeit konzentrieren, um anschließend die wikingische Expansion nach Richtungen kurz zu erläutern. Auch der Charakter der Expansion wird hier geklärt, und ob ein allgemeiner Phasenablauf erkennbar ist. Teil 3 beschäftigt sich mit dem wichtigsten Punkt dieser Arbeit, nämlich dem Ende der Wikingerzeit, dessen Ursachen und Folgen. Dort werde ich auf die Christianiserung und die erstarkenden Königsherrschaften eingehen, die wie allgemein bekannt, die größten Faktoren für das Ende der Wikingerzeit sind. Die Frage dieser Arbeit ist, welche Rolle andere bekannte Austauschmechanismen, vor allem der Handel, für das Ende der Wikingerzeit einnahmen. Aufgrund ihrer führenden Handelspositionen und bekannten Handelsplätzen ist besonders hier nachzuforschen, warum die Wikinger nach der Jahrtausendwende langsam an Einfluß verloren. Dank neuester Forschung können immer mehr Punkte miteinbezogen werden und je mehr die Handelsplätze genauer untersucht und vor allem auch mit neuen Methoden unter anderen Ansätzen ausgegraben werden, desto besser können wir neue Erkenntnisse erlangen.

1.2 Der Begriff Wikinger

Zunächst ist es wichtig der Begrifflichkeit und Etymologie des Wortes nachzugehen. Heutzutage ist weit verbreitet, dass sich der Begriff Wikinger von dem altnordischen Begriff vikingr und fara a viking ableitet.1 Vikingr tauchte frühestens in einem altenglischen Text des 7. Jahrhunderts auf, wo er sich aber zunächst auf Seeräuberei im Mittelmeer bezog und noch nicht speziell von Skandinavischen Räubern sprach.2 Fara a viking bedeutet zunächst nur „Seekrieger, der sich von der Heimat entfernt“. Erst im Verlauf des 10. Jahrhunderts wurde der Begriff den Räubern aus dem Norden zugeschrieben. Auch wenn diese beiden Begriffe weitestgehend anerkannt sind, gibt es auch noch andere mögliche Herkunftsableitungen.

Zum einen soll ein Ort die Begrifflichkeit geprägt haben. Viken ist der Küstenbezirk von Oslofjörd und Skagerrak in Norwegen.3

Der altnordische Begriff vik, der mit Bucht/kleine Bucht zu übersetzen ist, scheint sich auch anzubieten. Demnach wäre die Bedeutung des Wortes in der Herkunft oder der Aktivität zu beschreiben. Zum einen könnte das Wort ursprünglich die Völker bezeichneten, die zu beiden Seiten von Viken (der Bucht, Fjord) lebten.4 Zum anderen könnte man mit vik jemanden beschreiben, der mit seinem Schiff an einer Bucht anlegt, um Handel zu betreiben oder zu rauben.5 Andere Gelehrte halten den Begriff auch für eine Ableitung vom altenglischen Wort wic (aus dem lateinischen vicus), bezeichnend für Lager oder Handelsplatz. So kommt zum räuberischen Aspekt des Begriffes auch einer, der für den Händler spricht.6

Schon vor den Wikingern haben im frühen 8. Jahrhundert andere Skandinavier, bekannt als Svea, Kontakt nach Osteuropa. Die Slawen nannten sie Rus, eine Ableitung des nordischen Begriffes roör, was mit Ruderer oder Rudermannschaft übersetzt werden kann7, obwohl allgemein strittig ist, ob die Rus rein normannischer Abstammung waren bzw. slawische Einflüße hatten. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet man die Wikinger aus Schweden, die nach Osten zogen Waräger. Der Begriff Normannen wird vor allem zeitgenössisch in fränkischen Quellen verwendet.8 Der Begriff Normanne bezeichnet im allgemeinen die Nordmänner, die sich im 9. und 10. Jahrhundert in der später nach ihnen benannten Normandie niederließen und von dort aus einige Zeit später nach Sizilien, Süditalien und England aufbrachen.9

Zusätzlich gaben die Menschen, die diesen „Räubern“ begegneten und sie fürchteten unterschiedliche Namen. Für die Christen Westeuropas war viking ein Synonym für das Heidentum der Barbaren. Die Bewohner Skandinaviens nannten sich in dieser Zeit nie selbst Wikinger.

Die vielen Interpretationen und Begriffsherleitungen mögen zunächst breitgefächert wirken, jedoch beziehen sie sich im Großen und Ganzen auf zwei verschiedene Tätigkeiten: den Handel und die Plünderungen. Was diese beiden einte: Die skandinavischen Häuptlinge, die am erfolgreichsten Tribute eintreiben konnten und Reichtümer aus räuberischen Aktivitäten schöpften, gelangten ebenso zu Macht und Reichtum, wie diejenigen, die die Handelszentren beherrschten und beeinflussten.

1.3 Problematik der Begrifflichkeit

Die Bezeichnung Wikinger beschreibt also im Grunde genommen allein diejenigen, die ihre Heimat verließen, um entweder zu Plündern oder Handel zu betreiben. Er bezieht sich deshalb im Kern nicht auf die einheimische skandinavische Bevölkerung. Der Begriff „Wikinger“ ist eigentlich kein ethnischer sondern eher eine Berufsbezeichnung. Im allgemeinen ist der Begriff heutzutage aber viel umfassender und bezieht sich im Allgemeinen auf mehrere Volksgruppen, die sich in Skandinavien einen gemeinsamen Kulturkreis teilten. Was diesen Kulturkreis einte, war zum einen die Sprache, das Altnordische, die Glaubensvorstellungen, die Mentalität, die ähnlichen Gesellschaftsformen, die Wichtigkeit von Schiffen, die materielle Kultur/Kunst, Grabsitten, wobei durchaus bei den letzten beiden Punkten auch lokale Unterschiede vorliegen.

1.4 Quellenlage

Zunächst beziehen wir uns auf die schriftlichen Quellen. Die Quellenlage ist aus mehreren Punkten problematisch.

Zum einen haben wir innerhalb Skandinaviens sehr viele Unterschiede. Runeninschriften aus dem 11. Jahrhundert sind im Osten Schwedens sehr viel verbreiterter, als in Norwegen und Dänemark. Viele Dichtungen sind aus Norwegen erhalten geblieben, jedoch nicht aus Schweden. In Norwegen und auf Island wurden im 13. Jahrhundert (also nach der eigentlichen Wikingerzeit) zahlreiche Sagas geschrieben, in Dänemark und Norwegen hingegen nicht. Einige Geschichten der Norweger und Dänen wurden vor dem Jahr 1230 geschrieben, jedoch nicht in Schweden.10 Die Vorstellungen, die im 12. und 13. Jahrhundert nach der Wikingerzeit über das frühe Skandinavien in den Sagas auf Island aufgeschrieben wurden, sind mit Vorsicht zu betrachten. Auch die Gesta Danorum von Saxo Grammaticus ist mit Vorsicht miteinzubeziehen.

Die direkten zeitgenössischen schriftlichen Quellen zu jener Zeit sind allesamt nicht von den sogenannten Wikingern selbst. Während der Wikingerzeit wurden einige der skandinavischen Aktionen in Jahrbüchern, sogenannten Annalen und Chroniken aufgezeichnet. Wir haben Quellen aus Frankreich, Deutschland, England, Irland, Russland, Byzanz und im Kalifat, jedoch gibt es dort keine genauen Angaben über die Verhätnisse im Norden.11 Lediglich stichpunkthaltig lassen sich militärische Zusammenstöße und einzelne Berichte über die wirtschaftliche und soziale Struktur wiederfinden. Während sich die eine Seite der Runen und Sagas mit den Heldentaten befasst und sie glorifiziert darstellt, haben wir aus den Quellen von außerhalb mit einer sehr feindlichen Sicht auf die Wikinger zu rechnen.

Mit der Christianisierung im 10. und 11. Jahrhundert und der damit verbundenen Schriftkultur, der Eingliederung in Europa und den daher eingehenden internationalen Verbindungen beginnt der Norden auch allmählich in eigenen Schriftquellen hervorzutreten. Doch schriftliche Berichte über weite Teile des Nordens vor der Wikingerzeit, beziehungsweise vor 1200 n. Chr., sind und bleiben spärlich. Unsere wichtigsten Quellen mögen archäologische Funde von Siedlungen, Häusern, Werkzeuge, Importwaren, Bestattungen und vieles mehr sein. Auch die Numismatik kann aufschlussreich sein, wie im Verlauf der Arbeit klar wird.

Die archäologischen Funde der Neuzeit werden, so gut wie es eben geht, mit den erhaltenen Quellen aus der Wikingerzeit in Übereinstimmung gebracht. Über die Wikinger gibt es unzählige publizierte Monographien, Sammelwerke, Kataloge, Aufsätze, Dokumentationen und viele weitere zusammengetragene Informationen.

Das Problem: sie stammen allesamt, vor allem bezogen auf die älteren Werke, aus den spärlichen Quellen, die wir haben. Das bringt eine gewisse Problematik mit sich einher, was den Interpretationsspielraum angeht. Das Thema rund um die Wikinger übt großen Anreiz aus und ist seit jeher ein beliebtes Thema, leider auch von vielen unwissenschaftlichen Autoren.

Die Glorifizierung der Wikinger und dessen Mythos, angefangen mit Wagners Oper bis hin zur Instrumentalisierung für Ideologien und Nationalbewusstsein, sind seit jeher ein Problem und wirken sich nicht nur in dem Wissen der allgemeinen Bevölkerung aus, sondern setzen sich auch bei vermeintlichen wissenschaftlichen Publikationen durch.

Viele Autoren üben sich gut, Quellenkritik auszuüben, schreiben dann aber vergleichsweise über das Leben der Wikinger ohne genaue Quellenangabe, als hätten sie mit diesen zusammengelebt. Neuere Werke und Forschungen sind weitaus vielversprechender und versuchen die Auslegung auf fundiertere Quellen, wie zum Beispiel die Erkenntnisse aus archäologischen Ausgrabungen zu beziehen. Es sollen damit nicht pauschal alle zeitgenössischen Quellen als unbrauchbar zertifiziert werden. Auch eine Anzweiflung an den Mehrwert von älteren schriftlichen Quellen ist nicht das Ziel. Es soll lediglich die Problematik der Quellen im Blickfeld bleiben. Die Wichtigkeit einer sorgfältigen Textanalyse und Quellenkritik ist der Schlüssel um aus alten Schriften durchaus brauchbare Informationen herauszukristallisieren.

In Zukunft bleibt zu hoffen, dass die bevorstehenden archäologischen Funde und Forschungen neue fundierte Erkenntnisse zu Tage bringen, die sich in Einklang mit den bestehenden Schriften betrachten lassen.

2. Motive und Voraussetzungen der wikingischen Expansion

Wenn es um die Ursachen und Voraussetzungen der wikingischen Expansion geht, müssen viele Aspekte in Betracht gezogen werden. Es gibt viele Ursachen und noch mehr kleine Teilursachen, die mehr oder weniger Einfluss hatten.

Zunächst ist klar, dass es auch vor und nach der Wikingerzeit Piraterie und größere Volksbewegungen gab. Diese Überfälle sind auch nicht die spezielle Art der Wikinger. Unzählige Völker plünderten, eroberten und reisten umher. Der einzige Unterschied und die Neuheit ist die Intensivität und das Entsetzen der gegenüber stehenden christlichen Welt. In den Jahren zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert intensivierten sich die Auslandsbewegungen der nordischen Völker. In diesem Kapitel werden die möglichen Gründe und Thesen zusammenfassend besprochen.

Anhand der 1977 erschienen Monografie „Das Bild der Normannen und der Normanneneinfälle in westfränkischen, ostfränkischen und angelsächsischen Quellen des 8. bis 11. Jahrhunderts“ von Horst Zettel, der die Thesen und Motive damals schon umfassend einbrachte, möchte ich an aktuelle Forschungsergebnisse anknüpfen, um auch die Forschungsgeschichte mit einzubringen.

Die einzelnen möglichen Thesen teilte Zettel in 8 Überpunkte.12 Diese sind in den meisten Punkten selbsterklärend, auf einige werde ich am Ende der Aufzählung eingehen:

1. Politisch-sozialgeschichtliche These (Erbrecht, soziales Ansehen, Gefolgschafts-Institution, Möglichkeit zum sozialen Aufstieg)
2. Psychologische These (Kampfeslust, Abenteuerlust, Streben nach Ruhm und Ansehen)
3. Pädagogische These („Lebensschule für junge Wikinger“)
4. Die These der Umweltbedingungen (Überbevölkerung, Bevölkerungsdruck, Bodenmangel, Nahrungsmittelknappheit)
5. Drei-Phasen-These (Einzelplünderungen, organisierte Kriegsführung, bis zum Ziel der Kolonisation)
6. Die komplexe Darstellungsweise (Fritz Askeberg 1944)
7. Die Völkerwanderungsthese
8. Die These von Herausforderung und Antwort

Viele dieser Thesen gelten heutzutage als unwahrscheinlich. Zu der These der Umweltbedingungen gilt die Erwärmung der nördlichen Hemisphäre, diese sei förderlich für die Seefahrt gewesen. Eine Erwärmung konnte weder damals noch heute belegt werden, es wurde sogar eine Abkühlung sichtbar.13 Zudem wurde vermutet, dass große Hungersnöte und Seuchen die Skandinavier in andere Länder vetrieb.14 Solche Katastrophen sind jedoch auch nicht bewiesen und würde zudem nicht erklären, warum viele Wikinger auch in ihre Heimat zurückkehrten. Einer der frühesten Thesen besagt, dass Überbevölkerung und die daraus resultierende Landesknappheit die Hauptursache des Aufbruches sei.15 Dies mag für Westnorwegen teilweise gestimmt haben, da es dort nur wenig überschüssiges Land gab, jedoch ist diese These nicht auf Schweden und Dänemark zuweisbar.16 Zudem hätte man einer Ressourcenknappheit mit intensiviertem Fischfang in Norwegen oder verstärktem Landroden in Schweden entgegenwirken können. Auch hier zu unterstreichen ist, dass wir keine einheitliche Ursache für jedes einzelne Gebiet finden können.

Spannend sind die gesellschaftlichen und politischen Gründe. Nach altem Erbrecht zufolge bekam der älteste Sohn das ganze Land, lediglich der bewegliche Besitz wurde unter allen Erbfolgen aufgeteilt.17 Die fehlende Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen hätte zufolge, dass die jungen Männern sich gezwungen fühlten, ihr Glück in fremden Ländern zu suchen. Tatsächlich zeigen Quellen aus der Toponymik, dass ab dem 8. Jahrhundert in Norwegen ein Bevölkerungszuwachs stattfand, sodass um 900 n. Chr. alle besiedelbaren Flächen bereits genutzt worden waren.18 Überbevölkerung und Ressourcenknappheit könnten als sekundäre Auslöser (zumindest für Norwegen) tatsächlich im Hinterkopf bleiben.

Zu den politischen Ursachen können innere Konflikte gezählt werden, die die Menschen vertrieben. Auch die These, das Aufständische oder Mittellose, die sich einem mächtigeren König oder Häuptling entziehen wollten, verbannte oder geächtete Personen seien, ist nur schwer nachforschbar. Auch die Völkerwanderungsthese wird heutzutage als weniger wahrscheinlich eingestuft.

Auch die möglichen Voraussetzungen sind ein wichtiger Punkt, um diesen Zeitpunkt in der Geschichte besser begreifen zu können. Da sich diese Arbeit im Kern auf den Handel und die Mobilität am Ende der Wikingerzeit bezieht, ist es wichtig, diese zunächst auch als Gründe für die Expansion anzuzeigen.

[...]


1 J. Krüger, „Wikinger im Mittelalter“. Die Rezeption von vikingr m. und viking f. in der altnordischen Literatur. In: H. Beck / D. Geuenich / H. Steuer (Hrsg), RGA Ergänzungsband 56 (Kiel 2008) S. 219

2 C. Banck, Die Wikinger (Stuttgart 2009) S. 16

3 A. Plassmann, Die Normannen. Erobern-Herrschen-Integrieren (Stuttgart 2008) S. 21

4 B. Sawyer / P. Sawyer, Die Welt der Wikinger. In: Die Deutschen und das europäische Mittelalter (Berlin 2002) S. 15

5 Magnusson 2003 S. 10

6 M. Magnusson, Die Wikinger. Geschichte und Legende (Gloucestershire 1980 Übersetzung Düsseldorf/Zürich 2003) S.10

7 B. Sawyer / P. Sawyer 2002, S. 15

8 Plassmann 2008 S. 21

9 Banck 2009 S. 17

10 B. Sawyer / P. Sawyer 2002 S. 16

11 E. Roesdahl (Hrsg), In: Wikinger Waräger Normannen. Die Skandinavier und Europa 800­1200. Kunstausstellung des Europarates 22 (Berlin 1992) S. 26

12 H. Zettel, Die Normannen. Das Bild der Normannen und der Normanneneinfälle in westfränkischen, ostfränkischen und angelsächsischen Quellen des 8. Bis 11. Jahrhunderts (München 1977) S. 14-24

13 R. Boyer, Die Wikinger (Stuttgart 1994) S. 67

14 Boyer 1994 S. 67

15 Banck 2009 S. 20

16 P. Sawyer, Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes (Stuttgart 2000) S. 13

17 Boyer 1994 S. 70

18 Boyer 1994 S. 70

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Wikinger sein am Ende des 10. Jahrhunderts - Das Ende eines Traums?
Untertitel
Die Veränderung der wikingischen Lebensweise
Note
2.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
35
Katalognummer
V1064608
ISBN (eBook)
9783346477507
ISBN (Buch)
9783346477514
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wikinger, ende, jahrhunderts, traums, veränderung, lebensweise
Arbeit zitieren
Alina Paul (Autor:in), 2021, Wikinger sein am Ende des 10. Jahrhunderts - Das Ende eines Traums?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1064608

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