Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Gesprächsdokumentation und Forschungsbericht


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ethnographisches Protokoll

2 Sequenzieller Bericht

3 Reflexion

4 Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung

5 Theoretisches Konzept zur Analyse des Interviews

6 Unterstützende Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit

7 Rechtliche Rahmenbedingungen

Literaturverzeichnis

1 Ethnographisches Protokoll

Ich habe den Schwerpunkt Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gewählt, da ich bereits Workshops zum Thema LGBTQI* in Schulen gegeben habe und auch in meinem Umfeld häufig mit dem Thema konfrontiert bin. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele Umstände von Betroffenen nicht als Diskriminierung aufgefasst werden, da sie zu ihrer Normalität gehören oder lediglich impliziert beziehungsweise subtil geäußert oder getätigt werden. Vor dem Hintergrund dieses subjektiven Eindrucks, empfinde ich eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Diskriminierungserfahrungen im Kontext LGBTQI* und den rechtlichen Hintergründen als wichtig und notwendig. Da sich mein privates Umfeld und somit die Gespräche über die Thematik auf einen Altersbereich zwischen 25 und 35 eingrenzen lassen und ich sowohl durch die Projekte in Schulen als auch die Arbeit in einer LGBTQI*-Jugendgruppe Einblicke in die Lebenswelt und Erfahrungen jüngerer Personen gewinnen konnte, habe ich mich entschieden, das Interview mit einer Person zu führen, die außerhalb dieses Altersbereichs liegt. Bei meinem Interview-Partner handelt es sich um den Ex-Freund meines Cousins A.. Da die beiden eine Fernbeziehung führten und ich zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Nähe meines Cousins wohnte, haben P. und ich uns lediglich einmal zu Silvester gesehen, uns jedoch nicht näher kennen gelernt und keinen privaten Kontakt gepflegt. Da A. und P. gemeinsame Hunde haben und weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, findet vierteljährlich ein Treffen zwischen den beiden statt. Über A. habe ich bei P. angefragt, ob er sich vorstellen kann, bei seinem nächsten Besuch ein Interview mit mir zu führen. P. sah dies als gute Gelegenheit zu erfahren, wie es ist auf der Seite des_der Interviewten zu stehen, da er sonst in seiner seelsorgerischen Arbeit meist der befragende ist. Wir vereinbarten einen Termin für das Interview. Dieses fand, auf Wunsch von P., in der Wohnung von A. statt, wobei sich Letzterer in einem anderen Raum aufhielt.

Am Tag des Interviews fuhr ich zur vereinbarten Uhrzeit zu meinem Cousin, P. war bereits dort. Nach der Begrüßung, die aufgrund von Corona etwas seltsam war, setzten wir uns zunächst zu dritt an den Küchentisch und unterhielten uns kurz über unseren bisherigen Tag und darüber, wie seltsam sozialer Umgang in Zeiten von Corona ist. Hierdurch war die Atmosphäre aufgelockert. A. verließ den Raum, P. machte sich einen Kaffee und war dann bereit, mit dem Interview zu beginnen. Er fragte, wie das Ganze ablaufen würde und ob ich ihm Fragen stellen möchte, woraufhin ich ihm erläuterte, dass ich von ihm gerne seine Lebensgeschichte hören wolle und ihm erst nachdem er seine Erzählung beendet habe Nachfragen stellen würde. Er war irritiert und meinte, dass er sich das schwierig vorstelle aber es gerne versuchen würde, wollte jedoch wissen, wo er anfangen solle. Ich erklärte ihm, dass das ihm überlassen sei, worauf er nickte und kurz überlegte. Als er so weit war, startete ich wie vereinbart die Tonaufnahme und P. fing an zu erzählen. Er begann in seiner Erzählung mit seinem Geburtsjahr und den ersten Erinnerungen ab dem Kindergarten und arbeitete sich dann zunächst chronologisch durch sein Leben. Dieser von ihm gewählte zeitliche Erzählungsstrang machte es für mich einfacher, die Ereignisse einzuordnen und ihm zu folgen. Erst ab der Schul- und Berufsschulzeit beginnen seine Erzählungen zwischen Zeitsträngen zu springen. Als auffällig empfand ich seinen Sprach- und Erzählstil, der mich an den Stil von Märchen oder alten Legenden erinnerte. Diese Art und Weise des Sprechens war mir schon in seiner Erzählung über seinen bisherigen Tag aufgefallen, da er aber kontinuierlich so sprach, empfand ich dies als authentisch. Seine Stimme war ruhig und gelassen, zwischendurch rauchten wir während des Gespräches Zigaretten. P. schien sich gerne an seinen bisherigen Lebenslauf zu erinnern, seine Augen leuchteten und er gestikulierte gelegentlich, manchmal begann er zu lachen. Nachdem er Ereignisse erzählt hatte, die er damals nicht verstand, erläuterte er teilweise, wie seine heutige Sicht auf diese Dinge ist oder erklärte, dass er etwas erwähne, weil es später relevant würde. Er brauchte häufiger Pausen, um durchzuatmen, jedoch nicht, weil die Erzählung ihn thematisch oder emotional mitnahm, sondern weil es ihm aufgrund des erlittenen Schlaganfalls schwerfiel, sich lange zu konzentrieren und zu sprechen, ohne sich zu verhaspeln, wie er es nannte. In einer der Pausen bestellten wir essen, zu welchem ich sowohl ihn als auch A. einlud, als Dank für die zur Verfügung Stellung der Räumlichkeiten und des Durchführens des Interviews. Nachdem wir gegessen hatten, erzählte P. weiter, ich sah ihm jedoch an, dass es ihn zunehmend anstrengte und er müde war. Er fragte mich, ob ich am nächsten Tag nochmals vorbeikommen könne, um das Interview fortzuführen und ich stimmte zu. Am zweiten Tag war die Begrüßung nicht mehr seltsam und wir begannen direkt mit der Fortführung des Interviews. P.s Erzählungen dauerten nicht mehr lange und so stellte ich ihm im Anschluss Fragen zu einigen Punkten seiner Erzählungen, welche er mir ausführlich beantwortete. Ich bedankte mich bei ihm für seine Zeit und seine Offenheit, wir rauchten noch eine Zigarette und tranken einen Kaffee und verabschiedeten uns dann voneinander.

2 Sequenzieller Bericht

Im Folgenden wird eine Zusammenfassung des Interviews in dessen Abfolge skizziert. Da das Interview sich über zwei Tage erstreckt und Tonmaterial von zweieinhalb Stunden ergeben hat, der sequenzielle Bericht sich jedoch auf maximal fünf Seiten beschränken soll, werden jene Erzählungen P.s, die bedeutungsschwer für ihn schienen, detaillierter skizziert, als andere. Die Zitate seitens P.s sind in „“ gesetzt und Betonungen seinerseits durch kursive Schrift kenntlich gemacht, während in [] Gefühlsausdrücke beschrieben sind.

Zu Beginn des Interviews wollte P. wissen, wie das Ganze ablaufen und ob ich ihm Fragen stellen würde. Ich erläuterte ihm, dass ich von ihm gerne seine Lebensgeschichte hören wolle und erst nachdem er seine Erzählung beendet habe Nachfragen stellen würde. Des Weiteren erklärte ich ihm, dass er Bescheid sagen solle, wenn er Pausen benötige und ich mir gegebenenfalls Notizen machen würde, um besagte Fragen am Ende stellen zu können. P. stellte es sich schwierig vor, ohne Unterbrechung meinerseits zu erzählen und fragte, wo er beginnen solle. Ich erklärte ihm, dass das ihm überlassen sei, worauf er nickte und kurz überlegte. Als er so weit war startete ich, wie vereinbart, die Tonaufnahme und P. fing an zu erzählen.

Er begann in seiner Erzählung mit seinem Geburtsjahr und den ersten Erinnerungen ab dem Kindergarten. Es sei ein katholischer Kindergarten gewesen, in welchem Ordensschwestern die Erzieherinnen waren und er die Halbtagsgruppe besucht habe, da seine Mutter halbtags gearbeitet habe. Eines Tages sei er nicht abgeholt worden, sodass er zum Mittagessen habe bleiben müssen und ihn schließlich seine Oma geholt habe, mit ihr sei er oft in der Kirche gewesen. Die Zeit bei seinen Großeltern habe er immer sehr genossen, da sein Großvater Hühner und Hasen besessen habe. Das sei für ihn „ natürlich das Paradies schlechthin“ gewesen, weswegen für ihn die Einschulung wie ein „Weltzusammenbruch“ gewesen sei, da diese zur Folge gehabt habe, dass er nicht mehr in den Garten gedurft habe [seufzt]. Zudem sei er mit seiner Grundschullehrerin nicht zurechtgekommen, da diese ihn nicht gemocht habe und einen „Prass“ auf ihn gehabt habe. Besagte Lehrerin habe in derselben Straße wie seine Großeltern gewohnt und es sei eine Tages dazu gekommen, dass sein Großvater die Lehrerin auf P. und dessen schulische Leistungen angesprochen habe. Daraufhin habe die Lehrerin über ihn hergezogen und seine Leistungen, insbesondere im handwerklichen und künstlerischen Bereich, schlecht geredet. Sein Großvater habe nachgefragt, wie er denn in den Fächern Mathe und Deutsch sei, worauf die Lehrerin nur positives habe antworten können. Sein Großvater habe daraufhin die Contenance verloren und der Lehrerin zu verstehen gegeben, dass diese Fächer wichtiger seien als der Kunstunterricht [lacht]. Er habe sich im Anschluss Zeit genommen, um P.s Kunstaufgabe für ihn zu erledigen, sodass dieser eine gute Note bekommen habe. In dieser Zeit habe P. bereits die ein oder andere Freundin gehabt, jedoch festgestellt, dass er mit „Mädels nichts anfangen“ könne. Sein Großvater sei, kurz bevor er in die weiterführende Schule gekommen sei, gestorben. Er habe von der Grundschullehrerin aufgrund ihrer persönlichen Abneigung gegen ihn keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten. Seine Paten seien Gymnasial- und Realschullehrer gewesen und hätten daher Einfluss auf seine Mutter genommen und gedrängt, P. zumindest auf eine Realschule, besser auf ein Gymnasium, zu schicken. Seine Mutter habe sich aufgrund der Empfehlung der Lehrerin gesträubt. P. sei dann auf die Hauptschule gekommen [lässt die Schultern hängen]. Diese Schule sei eine Brennpunktschule gewesen, er habe jedoch das Glück gehabt, relativ gute Lehrer_innen zu haben. In dieser Zeit habe sich für ihn immer klarer herausgestellt, dass er schwul sei [schweigt]. Er habe „die ein oder andere Alibi-Freundin“ gehabt, mit diesen „auch Intimitäten laufen“ [schüttelt den Kopf] gehabt, hätte allerdings bemerkt, dass das weder ihm noch der entsprechenden Freundin etwas bringe. Es sei damals auch so gewesen, dass „man auch so die berühmten Schwulen-Witze losgelassen“ habe. „Physisches Mobbing“ habe es eher weniger gegeben, da dies durch seine Lehrer_innen realtiv schnell unterbunden worden sei.

P. springt inhaltlich zu dem Thema Eltern. Diese hätten sich scheiden lassen, als er in die Schule gekommen sei. Er habe dadurch „zwischen zwei Fronten“ gestanden. Einzig seine Großeltern hätten Verständnis gehabt und versucht, ihn aus der „Schusslinie“ zu bringen. Im Grunde hätten sie ihn erzogen. Er reflektiert, dass die Spannung zwischen Eltern „für ein Kind natürlich dramatische Folgen“ habe, weil man nie wisse, „wer eigentlich Recht“ habe [P. wirkt nachdenklich und schweigt, er Räuspert sich und verlangt eine Pause, da er etwas im Hals habe]. Er eröffnet das Gespräch wieder mit: „So dann mal ein paar Gedanken zu meiner Erziehung“. Seine Mutter habe die „typische Einstellung Mann und Mann und Frau und Frau geht har nicht“ vertreten und so sei der Satz „Eher schlage ich dich tot, als dass du mir mit einem Mann nach Hause kommst“ [verdreht die Augen] gefallen. Seine Großeltern und seine Paten seien offener gewesen und gesagt er müsse „seinen Weg gehen und glücklich werden mit einem Menschen [er stellt klar: „mit der Betonung Menschen“] an seiner Seite“ [lächelt gedankenverloren]. P. wechselt erneut das Thema. Er sei in der Berufsschule mit einer „Alibi-Freundin“ zusammen gewesen. Eines Abends nach seinem Dienst [er beschreibt die Jahreszeit, die Luft, das Wetter] habe er einen Anruf von der Freundin dieser Alibi-Freundin erhalten, dass diese sich vergiften wolle. Er sei dorthin gefahren und es habe sich herausgestellt, dass „man einen flotten Dreier machen“ wolle. Die beiden hätten begonnen sich auszuziehen und er habe unter Vorwänden die Flucht ergriffen. Wenn dann könne er sich „Freund, Freundin und sich“ vorstellen, keinesfalls „Freundin, Freundin, Mann“. Diese Situation sei für ihn „ganz grausig“ gewesen [schüttelt sich]. P. beginnt über das Thema Berufswahl zu sprechen. Er habe die Ausbildung zum Kranken-Pflege-Helfer in einem katholischen Krankenhaus absolviert. Er merkt an, er betone dies, weil „die Kirche dann später noch eine große Rolle spielen“ würde. Dort habe er Kontakt zu „dem ein oder anderen schwulen Krankenpfleger“ gehabt, jedoch sei ihm das „immer irgendwie suspekt“ gewesen. Er erklärt: „Irgendwie dachte ich doch immer: Naja, Mann und Mann geht gar nicht und ist wiedernatürlich“ und daher habe er versucht, mit Frauen „anzubandeln“. Durch das praktische Examen sei er durchgefallen, habe es alledings nicht wiederholt, da er beim Roten Kreuz gewesen sei und dort die Möglichkeit bekommen habe, die Ausbildung zum Rettungssanitäter zu absolvieren. Im Zuge des Abschluss-Lehrgangs sei er „gemeinsam mit einem Zivi aufs Zimmer, der auch schwul war, gekommen“. Nachdem die beiden sich „etwas beschnuppert und angefreundet und festgestellt hätten, dass beide von derselben Fraktion“ seien, hätten sie nicht nur gemeinsam gelernt, sondern ebenso „erste Erfahrungen im Schlafzimmer gesammelt“ [lacht].

Er springt erneut thematisch. Seine Sexualität habe er immer „ sehr, sehr bedeckt“ gehalten und „nie irgendwo ein Coming-Out, wie man sich das jetzt typischerweise vorstellt“ gehabt. Seiner Großmutter habe er im Alter von etwa dreizehn Jahren gesagt, dass er mit Frauen nicht könne. Er analysiert, dass dies wohl auch damit zusammenhinge, dass seine Mutter ihm „mal eine Haarbürste auf den Kopf geschlagen“ habe, sodass er bewusstlos geworden sei. Sie sei allgemein „immer sehr herrisch“ gewesen [P. wiederholt die zuvor gemachten Erzählung zu seiner Mutter]. Er habe, auch aufgrund seiner Sexualität, „nie so eine typische Bindung“ zu seinen Eltern aufgebaut. Seine Eltern seien für ihn eher seine Großeltern gewesen, insbesondere der Großvater väterlicherseits [lächelt]. Dieser habe stets gesagt: „Ideoligen sind des Teufels. Es geht um Menschen, nicht um irgendwelche Ideologien“ und ihn gelehrt „Toleranz walten zu lassen“. Daher sei der Satz „Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden, hauptsache, er achtet die Gesetze“ sein Leitbild. Der Großvater sei für ihn „zugleich Vater und bester Freund“ gewesen [schaut gedankenverloren und scheint sich zu erinnern].

P. wechselt in seiner Erzählung wieder zur Arbeit. Es sei im Rettungsdienst „damals noch sehr, sehr verpönt“ gewesen, „in irgendeiner Weise bisexuell, homosexuell oder gar trassexuell zu sein“ [die Intensität seiner Betonung steigert sich mit jedem Wort]. Es habe wöchentlich „gemeinsames Pornoschauen“ gegeben und als er an der Reihe gewesen sei, einen Film auszuleihen, habe er „versehentlich einen Bisexuellen-Porno“ ausgewählt. Daraufhin seien auf der Arbeit „wochenlang Gerüchte und Gespräche“ über ihn in Umlauf gewesen, die er „natürlich dementiert“ habe [denkt nach]. P. erzählt von der Auseinandersetzung mit seiner Identität. Er habe „jahrelang damit verbracht“ zu überlegen „wie es jetzt weiter“ gehe und sich die folgenden Fragen gestellt: „Was kann man dagegen tun? Kann man überhaupt etwas gegen seine sexuelle Neigung tun?“ [schaut bedrückt]. Zudem habe er „versucht, Sex mit einer Prostituierten“ zu haben, sei jedoch gescheitert und habe sich stattdessen mit ihr unterhalten. Er nimmt erneut Bezug auf seine Arbeit. Er habe „die Rettungsdienst Zeit irgendwann beendet, weil es einfach zu stupide [gewesen sei] mit Menschen zu arbeiten, die erstens mal den Intellekt einer Amöbe [gehabt hätten] und zum zweiten einen sozialen Beruf ausgeübt [hätten] und dabei die größten Assozialen gewesen [seien]“ [er nickt]. Er habe begonnen in einem Auslieferungslager zu arbeiten und auch dort seien Witze gemacht worden. Als es ihm „irgendwann einfach zu blöd“ gewesen sei, habe er gesagt, „was Sache [sei]“. Er berichtet, es sei erstaunlich gewesen, dass es daraufhin kein Mobbing gegeben habe. Es sei einfach akzeptiert und gesagt worden, dass es nun mal so sei, wenn er mit einem Mann glücklich werde [wirkt erstaunt]. Er verbindet diese Erfahrungen mit seinem privaten Umfeld. Nachdem klar gewesen sei, dass es keine Enkelkinder und Urenkel geben würde, habe man sich damit arrangiert. Seine Mutter sei aber „natürlich mehr als echauffiert“ gewesen und habe „Klischees hoch und runter zitiert“ [verdreht die Augen]. Er habe damals überlegt, auszuwandern „weit weg irgendwohin, wo man eigentlich leben kann, wie man will“.

Thematisch wechselt er zu seiner ersten längeren Beziehung. Er sei dort nach einer OP „wunderbar versorgt“ worden, sowohl von seinem Freund, als auch von seinen Schwiegereltern. Die gemeinsame Wohnungssuche habe sich schwierig gestaltet, da Vermieter_innen zwar „an ein Pärchen vermietet [hätten], jedoch nicht an ein schwules“. Nach dem Finden einer Wohnung habe es keine Probleme mit dem Vermieter gegeben, jedoch mit den Nachbar_innen. Daher hätten sie die gemeinsame Wohnung als WG getarnt und zwei Zimmer eingerichtet, „insbesondere wegen älterer Nachbarn, Leute etc. etc., die mal zum Einzug gratulieren [hätten wollen] oder so“. Es habe dennoch „dieses Gerede in der Nachbarschaft“ gegeben und einige hätten „gemeint etwas ganz besonders gutes zu tun, indem sie [ihnen] irgendwelche Zitate aus der heiligen Schrift um die Ohren [hätten] werfen [wollen]“. Diese habe er „natürlich mit ebensolchen Zitaten entkräftet“. P. reflektiert, dass er es von seinem „jetzigen Standpunkt aus bereue, nicht viel früher den Mut gehabt zu haben, dazu zu stehen, was eigentlich Sache“ sei. In Bezug darauf analysiert und bewertet er sein „Umfeld der 70er, 80er, 90er Jahre“ und versucht zu erklären, wie die Stimmung in Bezug auf Homosexualität war [er wirkt dabei, als wolle er sich, insbesondere vor sich selbst rechtfertigen]. Er bezieht dies auf seine Familie und merkt an, dass seine Großeltern, zu seinem Erstaunen, locker gesehen hätten. Der Kontakt zu seiner Mutter sei, mit dem Zusammenziehen mit seinem Freund, abgebrochen. Er beschreibt die Situation der Arbeitssuche. Sobald sich herauskristallisiert habe, dass „man bi oder homosexuell sein könnte“, sei die Kündigung innerhalb der Probezeit relativ schnell da gewesen. Er erklärt: „Weil man braucht in der Probezeit ja keine Begründung anzugeben, braucht sich dann eigentlich auch gar nicht bemühen, das zu rechtfertigen“. Einmal sei ihm im Nachhinein von einer Kollegin aus der Personalabteilung, mit der er sich gut verstanden habe, mitgeteilt worden, dass die Kündigung aufgrund dessen erfolgt sei, dass man Kenntnis über seine sexuelle Orientierung erlangt habe. Er habe dann gelernt, den Arbeitsplatz als das anzusehen, was er sei, „nämlich die Gelegenheit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen“ und auf der Arbeit keine Freundschaften mehr geschlossen, es sei denn er habe bemerkt, dass „jemand bi oder schwul“ sei, dann habe er sich „vielleicht nochmal ein bisschen [er stellt klar: „in Anführungszeichen“] angefreundet“. Generell seien für ihn persönlich „Homosexuelle“ immer die besseren Freunde gewesen [nickt].

P. beginnt wieder über seine Identität zu sprechen. Er habe irgendwann gemerkt, dass ihm etwas in seinem Leben fehle. Er sei „zwar schwul, aber“ habe nach wie vor das Bedürfnis, Menschen zu helfen. So sei er dann in den kirchlichen Raum gekommen und habe erste Schritte im Bereich der Jugendarbeit gemacht. Seine Tätigkeiten seien „beratende Arbeit, Seelsorge allgemein“ gewesen. Dies habe ihm „ein ganz anderes Umfeld“ eröffnet. Er habe Glück, eine Gemeinde gehabt zu haben, die „auf der einen Seite zwar stockkonservativ“ gewesen sei, sich auf der anderen Seite „dennoch sehr offen auch für Menschen, die eben gleichgeschlechtlich leben“ gezeigt habe. Zu seiner Ordinierung sei ein Fest veranstaltet worden und auf die Frage, ob er seine Freundin mitbrächte, habe er geantwortet: „Meine Freundin wird nicht kommen, es wird wohl mein Freund kommen“. Die Mehrheit habe willkommen heißend reagiert, für einige sei es „ein Schock“ gewesen. Insgesamt habe er aber im kirchlichen Raum nie „richtige Ablehnung“ erfahren. Während seiner Studienzeit habe er sich auf Prediger-Seminaren der Landeskirche mit seinem heutigen Amtskollegen angefreundet. Dieser sei schwul und habe damals bereits „gefühlte 20 Jahre mit seinem Freund zusammen gelebt“. Mit diesem habe er bis heute ein sehr gutes Verhältnis und stünde in regelmäßigem Kontakt. Er sei es gewesen, mit dem er sich über Gefühle, Erfahrungen und Ängste in Bezug auf seine sexuelle Orientierung habe austauschen können. Dies habe ihm geholfen, sich zu akzeptieren und er habe gelernt zu sagen: „Ich bin ich und was [der_die] andere denkt, interessiert mich nicht.“ Mittlerweile sei er offen im Umgang mit seiner sexuellen Orientierung, allerdings nur im privaten Umfeld oder wenn er gefragt würde. Auf seiner jetzigen Arbeitsstelle sei er nie danach gefragt worden, auch von Kunden nicht. Er habe Kontakt zu Kunden mit den verschiedensten Familien- und Beziehungsmodellen, sie würden jedoch gar nicht darüber sprechen. P. endet in seiner Erzählung und beantwortet einige Fragen meinerseits, indem er bisher gemachte Erzählungen nochmals in den richtigen zeitlichen Kotext setzt.

3 Reflexion

Das Interview habe ich insgesamt als angenehm erlebt. Zwar war es aufgrund der Corona-Situation leicht seltsam, sich persönlich mit anderen Menschen zu treffen und auch die Begrüßung gestaltete sich etwas befremdlich, dies hat das der angenehmen Atmosphäre während des Interviews jedoch keinen Abbruch getan. Da P. das Setting für das Interview gewählt hatte, fühlte er sich wohl und konnte frei sprechen. Auch ich war mit den Räumlichkeiten vertraut und daher entspannt. Zu Beginn des Interviews war ich etwas nervös, weil ich nicht wusste, ob beziehungsweise in welchem Umfang sich P. auf eine offene Erzählung einlassen würde. Meine Sorge war, dass er der Erzähllaufforderung zwar folgen, seine Haupterzählung jedoch sehr kurz halten würde, sodass ich gezwungen wäre, viele interne und externe Nachfragen zu stellen, was zu weniger Erzählungen und zu mehr Beschreibungen und Argumentationen führen würde. Diese Befürchtung bestätigte sich jedoch nicht, da das Gegenteilige der Fall war und P. sehr lange sprach. Ich fand es angenehm ihm zuzuhören und interessant, was er erlebt hatte und konnte seinen Erzählungen meist gut folgen. Lediglich die Themenwechsel, die für mich häufig keinen Sinn machten, bereiteten mir zunächst Schwierigkeiten, da ich das erzählte Geschehen teilweise nicht einordnen oder in Zusammenhang mit den anderen Sequenzen bringen konnte. Viele dieser Unklarheiten haben sich im weiteren Verlauf seiner Erzählungen aufgelöst. Auch der Umstand, dass es sich um eine offene Erzählaufforderung handelte, war spannend, da ich nicht wusste, welche Themen sich P. aussuchen, was er als wichtig oder unwichtig erachten würde oder, ob Themen zur Sprache kommen würden, die mich eventuell überfordern würden. Diese Spannung meinerseits war zum einen eine freudige, zum anderen war ein gewisser Teil Angst vorhanden. Letzterer war rückblickend betrachtet unbegründet. Zwischenzeitlich war ich derart auf seine Erzählungen und das Zuhören fixiert, dass ich vergaß, mir Notizen zu machen. Da ich das Interview aufzeichnete und mir Erzähltes ohnehin gut merken kann, war dies nicht problematisch. Hinzu kam, dass wir das Interview über zwei Tage verteilten, sodass ich mir Sequenzen, die mir während seines Erzählens nicht ganz klar wurden, nochmals anhören und mir Notizen machen konnte. Zukünftigen Interviews werde ich aufgrund dieser Erfahrung entspannter entgegensehen und wieder darauf achten, die Auswahl des Ortes, der Räumlichkeiten und der Zeit, soweit dies möglich ist, meine_m Interviewpartner_in zu überlassen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Gesprächsdokumentation und Forschungsbericht
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1066356
ISBN (eBook)
9783346477156
ISBN (Buch)
9783346477163
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexuelle Vielfalt, geschlechtliche Viefalt, Jugend, Sexualität, Sexualpädagogik, Gesprächsdokumentation, Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Vielfalt, LGBTQI, Sexuelle Entwicklung, Coming Out, Outing, Interview
Arbeit zitieren
Laura Linn (Autor:in), 2020, Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Gesprächsdokumentation und Forschungsbericht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1066356

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