Wie kein anderer Text des Neuen Testamentes hat der Johannesprolog mit seinen wenigen Versen die Entwicklung des theologischen Denkens bis in die Gegenwart hinein vorangetrieben. An den Aussagen dieses Textes arbeiten seit vielen Jahren Exegeten, die der inhaltlichen Faszination des Prologs einen wissenschaftlichen 'Apparat' hinzufügen, um Fragen nach Ursprung, Originalität und theologischer Absicht methodisch differenziert exerzieren zu können. Die vorliegende Arbeit versucht in komparativ-analytischer Methode, die jeweiligen Auslegungen der Exegeten im ausgehenden 20. Jahrhundert darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II 1 DIE VERFASSERFRAGE
II 2 DIE QUELLENFRAGE
II 3 ENTSTEHUNGSORT UND ABFASSUNGSZEIT
III DAS VERHÄLTNIS DES JOHANNESEVANGELIUMS ZU DEN SYNOPTIKERN
IV DER RELIGIONSGESCHICHTLICHE HINTERGRUND
V JOHANNEISCHE CHRISTOLOGIE UND GNOSTISCHER MYTHOS
VI 1 DER PROLOG: EIN HYMNUS ALS EINFÜHRUNG, KOMMENTAR ODER LESEANWEISUNG ZUM EVANGELIUM?
VI 2 ZUM LOGOS-GEDANKEN
VI 3 DER PROLOG ALS OBJEKT DER EXEGESE
VI 4 DIE INTERPOLATIONEN DES PROLOGS
VII SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die exegesewissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Prolog des Johannesevangeliums im ausgehenden 20. Jahrhundert, um die komplexen theoretischen Fragestellungen und methodischen Ansätze zur Rekonstruktion und Einordnung des Textes komparativ darzustellen.
- Die Verfasser- und Quellenfrage des vierten Evangeliums
- Die literarische Problematik sowie die Struktur des Johannesprologs
- Religionsgeschichtliche Einordnung im Kontext antiker Gnosis und Weisheitsdichtung
- Die christologische Bedeutung der Logos-Prädikation
- Kategorisierung von Interpolationen im Prolog anhand exegetischer Forschung
Auszug aus dem Buch
VI 3 DER PROLOG ALS OBJEKT DER EXEGESE
Der Prolog beginnt mit einem Dreizeiler, der das vorzeitliche Sein des Logos‘ zum Inhalt hat. Joh 1, 1 nennt etwas, das schon im Uranfang war, bringt das Verhältnis des präexistenten Wortes zu Gott zur Sprache. Wie Gen 1, 1 („Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“) redet der Prolog vom Anfang, überschreitet den Schöpfungsakt jedoch „hinein in die Ewigkeit Gottes ...“ Joh 1, 1 spricht nicht vom Anfang der Schöpfung, „sondern vom Anfang der Offenbarung Jesu. Der Logos ist nicht das Schöpfungswort des Vaters, sondern das Offenbarungswort des Sohnes, das der Sohn vom Vater hört und den Menschen verkündet ...“ Der erste Vers des Prologs spekuliert nicht über vorweltliche Dinge, sondern erklärt, dass sich die Welt der Schöpfungsmittlerschaft des Logos‘ verdankt, „der schon vor der Weltentstehung bei Gott war ...“ Von allen analysierten Exegeten spricht nur Michael Theobald den ersten Vers dem Redaktor zu. Dieser ‚unglückliche Vorschlag‘ basiert auf der Annahme Michael Theobalds, dass die Logos Prädikationen in Vers 1 und 14a die Gesamtstruktur der Vorlage stören würden und daher redaktionell nachgereicht sein müssten.
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Einführung in die Faszination und die wissenschaftliche Problemstellung des Johannesprologs unter Berücksichtigung bedeutender Exegeten der letzten Jahrzehnte.
II 1 DIE VERFASSERFRAGE: Darstellung der verschiedenen Hypothesen zur Identität des Verfassers, von der apostolischen Tradition bis hin zu Modellen einer johanneischen Schule.
II 2 DIE QUELLENFRAGE: Untersuchung der möglichen Vorlagen und Einflüsse, die bei der Entstehung des Evangeliums eine Rolle gespielt haben könnten.
II 3 ENTSTEHUNGSORT UND ABFASSUNGSZEIT: Analyse der wissenschaftlichen Konsensfindung hinsichtlich der zeitlichen und geographischen Herkunft des Johannesevangeliums.
III DAS VERHÄLTNIS DES JOHANNESEVANGELIUMS ZU DEN SYNOPTIKERN: Erörterung der Frage, ob das vierte Evangelium unabhängig konzipiert wurde oder in Abhängigkeit zu den synoptischen Evangelien steht.
IV DER RELIGIONSGESCHICHTLICHE HINTERGRUND: Untersuchung des jüdischen Wurzelbodens johanneischer Theologie im Gegensatz zu rein gnostischen Deutungsmodellen.
V JOHANNEISCHE CHRISTOLOGIE UND GNOSTISCHER MYTHOS: Diskussion darüber, inwieweit das Johannesevangelium in kritischem Dialog mit gnostischen Strömungen steht.
VI 1 DER PROLOG: EIN HYMNUS ALS EINFÜHRUNG, KOMMENTAR ODER LESEANWEISUNG ZUM EVANGELIUM?: Untersuchung des Prologs als hymnische Ouvertüre und seine Funktion für das Verständnis des gesamten Evangeliums.
VI 2 ZUM LOGOS-GEDANKEN: Herleitung des Logos-Begriffs aus spätjüdischer Weisheitsspekulation und hellenistischer Philosophie.
VI 3 DER PROLOG ALS OBJEKT DER EXEGESE: Detaillierte philologische und exegetische Betrachtung der einzelnen Verse des Johannesprologs.
VI 4 DIE INTERPOLATIONEN DES PROLOGS: Übersicht der exegetischen Divergenzen hinsichtlich der Abgrenzung von Hymnus und redaktionellen Zusätzen.
VII SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Einschätzung der hypothetischen Natur exegetischer Rekonstruktionen im Hinblick auf den Prolog.
Schlüsselwörter
Johannesevangelium, Johannesprolog, Logos, Exegese, Gnosis, Weisheitsspekulation, Verfasserfrage, Quellenfrage, Interpolation, Christologie, Hymnus, Redaktion, neutestamentliche Forschung, Präexistenz, Philo von Alexandrien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit behandelt die wissenschaftliche Erforschung des Johannesprologs im ausgehenden 20. Jahrhundert und analysiert, wie verschiedene Exegeten den Text deuten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die Fragen nach der Verfasserschaft, dem religionsgeschichtlichen Hintergrund, dem Verhältnis zu den Synoptikern und der Einordnung der Logos-Theologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine komparativ-analytische Darstellung der unterschiedlichen Auslegungen, insbesondere hinsichtlich der Abgrenzung von ursprünglichem Hymnus und redaktionellen Interpolationen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine komparativ-analytische Methode angewandt, um die verschiedenen wissenschaftlichen Positionen gegenüberzustellen und die Konsensbildung in der Exegese zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Entstehungshypothesen, des religionsgeschichtlichen Kontextes und eine detaillierte, versbezogene Analyse der Prolog-Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Johannesprolog, Logos, Gnosis, Exegese und die literarkritische Unterscheidung zwischen Vorlage und Redaktion.
Wie bewertet der Autor die Rolle des gnostischen Einflusses?
Der Autor stellt fest, dass gnostische Einflüsse zwar diskutiert werden, eine direkte Abhängigkeit jedoch wissenschaftlich nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann und oft als "religionsgeschichtliche Tendenz" bewertet wird.
Was ist das Ergebnis bezüglich der Interpolationen?
Die Arbeit zeigt, dass über weite Teile des Prologs kein Konsens besteht; lediglich die Verse 3, 4 und 15 werden von der Mehrheit der untersuchten Exegeten übereinstimmend bewertet.
- Arbeit zitieren
- Otto Rüdiger Rudolf Kalkhoff (Autor:in), 1995, Der Prolog des Johannesevangeliums. Eine Untersuchung zur exegetischen Forschung des ausgehenden 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1066374