Niklas Luhmann: Funktionale Differenzierung und Kunst


Ausarbeitung, 2001

10 Seiten


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Einleitendes Wort

Eine Theorie zu beschreiben, die selbstbekennend autologisch, selbstreferenziell1 ist, kann insofern schwierig sein, als dass man nicht weiß, wo man beginnen soll. Die Rede ist von der „Theorie autopoietischer, operativ geschlossener, sich selbst beschreibender Systeme“, die Luhmann sich gewissermaßen zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Die Theorie ist mithin eine von der Gesellschaft, und irgendwie auch eine vom Individuum, wiewohl wir dieses nur als schönes Beiwerk, als kritisches Reflexiv, als emanzipative Fiktion wiederfinden. Das, was letztlich als Forschungsgegenstand übrigbleibt sind Systeme, die einander pertubieren: personale Systeme (solche mit Bewusstsein) und Soziale Systeme (diejenigen, die das Nicht- materiale der Gesellschaft ausmachen, nur aus sinnstiftender Kommunikation bestehen. Auch hier die Frage: wo anfangen? Was war zuerst? Bewusstsein oder Kommunikation, Henne oder Ei?

Wir machen uns eine Grundlage des radikal - konstruktivistischen Theoriedesigns zunutze, einen Ausspruch, der von Spencer Brown geprägt wurde: wir wagen „Die Willkür allen Anfangens“2, wir „draw a distinction“, teilen die überkomplexe Welt ein, indem wir eine Form bezeichnen.

Wenn es also um Systemtheorie geht, sei die erste Frage: was ist ein System, und: wie schränkt die Bezeichnung „System“ das Stück Welt, das wir mit unserer distinction bezeichnet haben ein?

Die basale Idee ist der von Maturana geprägte Begriff der Autopoiesis, der Selbsterschaffung, der Selbstreproduktion: Ein System reproduziert diejenigen Elemente und Strukturen aus ebendiesen Elementen3. Das System lässt sich also aus einer imaginierten Vogelperspektive als ein Ding beschreiben, das die Eigenschaft „Innen - Außen“ aufzeigt, und das somit über eine Grenze verfügt Die Grenze jedoch, das sei auch mit dem Begriff der Autopoiesis gesagt, definiert das System selbst. Es ist - im Gegensatz zur Maschine - ein dynamisches System, dessen Autopoiesis nicht nur eine seiner hervorragenden Möglichkeiten darstellt, sondern zu seinen Existenzbedingungen gehört. Der Begriff der Autopoiesis besagt zudem, dass Operationen nur innerhalb des Systems möglich sind. Die Umwelt, das, was außen (und nicht das System) ist, erscheint als diffus und ist grundsätzlich überkomplex. Mit der Grenze ist folgendes gewonnen: Das System ist nicht mehr - da es sich selbst reproduziert - von allen Umwelteinflüssen abhängig. Es ist durch den Aufbau von eigener Komplexität in der Lage, diejenige Komplexität der Umwelt zu reduzieren. Es selektiert an der Grenze. Insofern wird unabhängig(- er) von allem, was außen ist, von dem wenigen Input, der die Systemgrenze übertritt, hineinseligiert wird, desto abhängiger. Die Struktur, die im System aufgebaut wird, findet keine Entsprechungen in der Umwelt, es sei denn, über strukturelle Kopplungen, die ein Minimum an Input in das System zulassen (müssen).

Das Bewusstseinssystem oder das psychische System, man darf in einer Einführung noch sagen: die Person4, wird als ein solches System begriffen. Wenn es jedoch bei Maturana, auch bei Varela5 noch Gehirne sind, ist es bei Luhmann nur ein unbestimmter Teil desselben, eben das Bewusstseinssystem. Die Frage ist nun berechtigt, wie es möglich sein kann, dass Wesen, die über einen so bedingten Bewusstseinsapparat verfügen, überhaupt lebensfähig, geschweige denn der Kommunikation fähig sind. Luhmann würde sagen: Sie sind es nur aufgrund ihrer Bedingtheit, nämlich davon ausgehend, dass ein System welches auf jede Änderung in seiner Umwelt reagierte, es mit ein überkomplexen Gleichzeitigkeit zu tun hätte. Die Eigenleistung läge dann eher in der Bewältigung der Umwelt, als in der Selbsterschaffung. Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass Systeme Komplexität reduzieren.

1. Binnendifferenzierung des Bewusstseinssystems

Das Theorieelement der operativen Geschlossenheit lässt den kommunikationsfreudigen Menschen fragen: Wie ist denn Kommunikation, wie ist Gesellschaft überhaupt möglich, wenn sich nur Monaden, fensterlose, eigenthümliche Wesen begegnen?

1.1 Innen - Außen

Die Antwort ist - und das macht schließlich das konstruktivistische Element aus: Eine systeminterne Innen -Außen - Differenzierung. Die Welt, als ein „Außen“ wahrgenommen, wird als solche im Innern abgebildet. Der Vorgang ist als ein re - entry, als ein Wiedereintritt der Form in die Form, und zwar der Unterscheidung „Innen - Außen“ in die Form (das System) zu begreifen. Realität sei also eine je systeminterne Qualität, die unter der Bedingung der operativen Geschlossenheit, keine Entsprechungen in ihrer Umwelt findet; sie ist Eigenkonstruktion des Systems6. Dieses ist notwendigerweise strukturell mit der Umwelt gekoppelt. Das Bewusstsein lässt sich über Wahrnehmung von seiner Umwelt faszinieren (Luhmann), also vereinfacht gesagt: über Sehen im Medium Licht, über Hören im Medium der Luft.

1.2 Wahrnehmung und Kommunikation

Wahrnehmung zu prozessieren, das heißt: sich selbst beobachten, um etwas über seine Umwelt zu erfahren, ist das Primat des Bewusstseinssystems. Wahrnehmung ist letztlich nicht mehr als das Absuchen der Umwelt nach Änderungen nach dem 1-0 Schema7 ; es geht also einmal mehr darum, eine Differenzierung vorzunehmen, eine Form zu bilden, die - wie immer im System - etwas über die Umwelt sagen will, aber eigentlich über das System „Auskunft gibt“.

Der Kommunikationsbegriff nimmt schließlich Abschied vom „Sender-Empfänger-Modell“. Es wird nicht davon ausgegangen, dass Information von einem System auf das andere übertragbar sei; Information ist eine systeminterne Qualität. Kommunikation wird begriffen als ein Oszillieren zwischen Bewusstseinssystemen, durch welches Aufmerksamkeit erzeugt, vorhandene Information rekombiniert wird8 - in einem solchen Falle kann man hoffen, die Kommunikation sei geglückt (zunächsteinmal scheint sie nämlich unter den o.a. Prämissen als ziemlich unwahrscheinlich. In den Medien der Luft und des Lichtes wird nun sprachliche Kommunikation möglich. Hier können Formen gebildet werden, Laute, oder komplexere und redundante Grammatiken, wenn sich erst das Medium der Sprache etabliert hat. Hinzukommt das Unbestimmte der nonverbalen Kommunikation.

Alldies, was nicht Wahrnehmung ist, sondern als ein Oszillieren „irgendwie“ zwischen den Bewusstseinssystemen stattfindet, ist Kommunikation. Die Einheit der Kommunikation, und alles sinnhaft erinnerte, was sich in den Strukturen der Kommunikation - etwa als Semantik - strukturell niederschlägt, seien Soziale Systeme, denen ebenso das Charakteristikum der Autopoiesis zukommt.

1.3 Medium und Form

1.3.1 Medien der Wahrnehmung

Wahrnehmung ist also nicht ein ständiges reagieren des Bewusstseinssystems auf die Allheit, die seine Umwelt darstellt, sondern ein „Für-Wahr-Nehmen“ der Umwelt über diejenigen Elemente, die an der Grenze des Systems hineinseligiert, und der Außenseite zugeschrieben werden. Formen sind also in der Umwelt durch Lichtreflexion wahrnehmbar, aber nicht primär durch magnetische Felder, oder durch atomare Strahlung. Man kann mit Luhmann sagen: im Medium des Lichtes befinden sich massenhaft Elemente, die Formen, die in ihm gebildet werden, bestimmt das System aufgrund seiner Eigenstruktur; die Form, wie sie Wahrgenommen wird, existiert als diese nur im System. Kommunikation wird darüber entscheiden, ob eine adäquate Form der Form (der Form) in einem anderen System angeregt werden kann.

Diese Selektionsfolge beschreibt Luhmann als die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz, die, so Kommunikation vollzogen wird, den Dreischritt „Information - Mitteilung - Verstehen“9 prozessiert. Die Abfolge betrachtend, fällt auf, dass Kommunikation nicht nur doppelt (auf beiden Seiten der jeweiligen Systemgrenze) kontingent, sondern damit sehr unwahrscheinlich ist. Vielleicht liegt es darin begründet, dass Kommunikation oft mit „Redundanz“, - verbale mit nonverbaler Kommunikation, Schriftsprache unter anderem mit Großschreibungsregeln und Satzzeichen - versehen ist.

1.3.2 Medien der Kommunikation

1.3.2.1 Sinn, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Das Luhmannsche Theoriedesign setzt die Entstehung sprachlicher Kommunikation voraus. Zu den „niederen Medien“, welche das Bewusstsein an seine Umwelt koppeln, muss nun eines kommen, innerhalb dessen kommuniziert wird.

Grundsätzlich nehmen personale Systeme wahr und kommunizieren ausschließlich in dem, was als Welt unterstellt wird, in sozialen Systemen. Das Medium, welches nun Welt konstituiert, nennt Luhmann „Sinn“, ein gleichsam philosophisches Element der Theorie. Sinn beschreibt eine Entscheidungsstruktur, die rekursiv erinnert werden kann, oder anders: Sinn ist das, was erinnert wird, und nicht das was vergessen wird. Entscheidungen liegen binäre Formen, also ein Ja-Nein-Schema zugrunde. Wenn sich Sprache etabliert, wird sich eine Semantik ausbilden, also Begriffe, die komplexe Sinngehalte referieren / erinnern. Sinn gibt der Kommunikation eine historische Dimension, ein vorher und ein nachher. Sinn ist dasjenige Medium, über welches Bewusstseinssystem und Soziale Systeme gekoppelt sind. Die Linearität des Mediums etabliert sich, da Personen sich aus guten Gründen als sterblich wahrnehmen (H. Arendt: Mortalität - Natalität). Dies ist evolutionär folgenreich:

Kommunikation muss immer irgendwo anschließen, also Sinn referieren, Kommunikation muss grundsätzlich anschlussfähig (viabel) sein, damit die Autopoiesis des Systems gesichert ist. Damit ist zugleich eine hohe Selektivität gegeben, wir beschreiben aber hiermit kein (so viel kritisiertes) „anything goes“, zumal in jeder Kommunikation (wie in jeder Form) auch ihr Negationspotential enthalten ist10

Soziale System differenzieren sich nun nicht „anyway“ aus, sondern sind evolutionärem Selektionsdruck unterworfen. Immer sind sie davon abhängig, dass jemand kommuniziert, dass jemand wahrnimmt. Dieser jemand, der Mensch ist jedoch ein bedürftiges Wesen, und so etabliert sich eben hauptsächlich diese Bedürftigkeit in der Semantik seiner Kommunikationen. An dieser Stelle treten wir über vom reinen Theoriedesign zum eigentlich soziologischen Sinngehalt.

Menschliche, also leibgebundene Wesen sind Abhängigkeiten unterworfen, die Selektionen fordern. Bezugsprobleme von Gesellschaft werden zum Beispiel die Sterblichkeit, die Ressourcenknappheit, die physische Ungleichheit, die Kontingenzen, mit der die Natur - oder wer denn auch immer - aufwartet.

Aus einem heutigen Standpunkt würde man wohl sagen: Macht, die Erziehung des Nachwuchses, Besitz, die materielle Reproduktion, eine erwartungssichernde Rechtsstruktur und Glaube werden zu den Hauptproblemen, wenn Manschen in Gesellschaften Leben; ihnen entsprechen somit Funktionen, die es „immer schon“ gab, die sich aber in der Geschichte der Gesellschaftsevolution in ganz verschiedener Weise zueinander verhalten.

2. Differenzierungsformen Sozialer Systeme - Geschichte und Evolution

Unter erheblichen Reduktionen betrachtet Luhmann die Geschichte der Gesellschaft in vier Differenzierungsformen. Zwar geht es immer um „die Gesellschaft“, aber um die Betrachtung unterschiedlicher Problemkreise / Lebensordnungen: „Differenzierung ist nötig (...) zur Erhaltung von Kohäsion unter der Bedingung von Wachstum“11. Zwar gab es schon vorher Gesellschaft, aber für diese Form sind erstmals Indizien zu finden.

2.1 segmentiert

Die segmentierte Gesellschaftsform beschreibt das Soziale System als in multifunktionale Teilsysteme differenziert. Wir befinden uns hier in der zeit der archaischen Stammesgesellschaften. Die Gesellschaft wurde durch die Zugehörigkeit zum Stamm definiert, die einzelnen Teilsysteme beschreiben die Sippen / Großfamilien. Die Multifunktionalität der Teilsysteme (Familien) besteht in ihrer Allzuständigkeit in Bezug auf alle relevanten sozialen Funktionen, als da wären: Rechts- und Machtposition, die hierarchisch angelegt ist, die Familie ist ökonomisch autark, sie ist für die Sozialisation ihrer Nachkommen zuständig, und sie entwickelt in bezug auf den Glauben (die Vertrautmachung des Unvertrauten) eine eigene Semantik in Form von Mythen, Erzählungen und Liedern. Die „Familie bildet ein künstliche Einheit über den natürlichen Unterschieden des Alters und des Geschlechts (...)12 - man könnte noch anfügen: der physischen Ausstattung. Die Außengrenze der Familie / des Oikos wird gekennzeichnet durch Endogamie oder andere Paarungsbeschränkungen, aber - und das wird später unser Thema sein: durch Ornamentkulturen, der Schmuck von Waffen, Gebrauchsgegenständen und Körpern, die die Zugehörigkeit zur Familie, aber an anderer Stelle auch zum Stamm kennzeichnet / kommuniziert.

2.2 Zentrum - Peripherie

Die Differenzierung in Zentrum und Peripherie bedeutet eine teilweise Monopolisierung von gesellschaftlichen Funktionen, - jedoch wie jedes soziale System beschreibt sich als Zentrum selbst als ein solches, die Umwelt ist zumeist noch segmentär geordnet. Die Monopolstellung wird durch Macht codiert, durch Handelsbeschränkungen, Kolonisation, religiöse Missionierung und rechtliche - politische Administration kommuniziert. Auch hier findet sich sehr ausgeprägt die Ornamentkultur, so zum Beispiel durch kunstvolle Torbögen an der Stadtgrenze oder Kennzeichnung der Beamten der Stadtstaaten. Zudem werden besonders in den Stadtstaaten Schriftkulturen Entwickelt, die zwar den Anspruch haben, die Gesellschaft zu beschreiben, aber womöglich nur innerhalb der Stadtstaaten Gültigkeit erfahren - „viabel“ sind.

Innerhalb der Stadtstaaten kommt es etwa in der frühen Antike zur Ausdifferenzierung einer Beamtenkaste, einer Priesterkaste, einer Herrscherkaste: es etabliert sich eine Aristokratie, die ihrerseits eine Monopolstellung in Bezug auf grundlegende gesellschaftliche Funktionen beansprucht, und diese mit Ethos, Geburt und/oder Glaube rechtfertigt, heißt: die Differenzierung in Unterschicht/Oberschicht kommuniziert.

In einem solchen Falle spricht man von stratifizierten Gesellschaften.

2.3 Stratifiziert

Mit dem Mittelalter, dem Lehnswesen, später dem Feudalwesen überzieht diese Form der Differenzierung den mitteleuropäischen Raum.

Die Strafikation wird kommuniziert innerhalb des adligen Haushaltes: Die Adelsfamilie, die sich durch einen distinguierten Ethos ausweist, das Personal im Haushalt13, welches an den Sinngehalt von Ethos durch Formen der Ehrerbietung anschließt. Die Oberschicht beansprucht in Bezug auf die zitierten relevanten gesellschaftlichen Funktionen eine Monopolstellung; die operative Geschlossenheit des Teilsystems „Oberschicht“ ist mithin gesichert durch Endogamie. Die Kunst dieser Zeit referiert/repräsentiert christliche Motive (also die Oberschicht, zu welcher der Klerus gehörte), und /oder die Souveränität des weltlichen Herrschers.

Nicht rein zufällig fällt wohl die Renaissance, der „take-off“ der Kunst, mit dem anderer Funktionssysteme zusammen.

2.4 Funktional - Differenziert

2.4.1 Take - off der Funktionalen Differenzierung

Als evolutionäre Attraktoren oder Katalysatoren wirkten bestimmte Entwicklungen dieser Zeit: insbesondere die Glaubensspaltung, und mit ihr die Ver(inner)weltlichung, die entstandene Geldwirtschaft, der Buchdruck. Der protestantische Glaube forderte die Legitimation der weltlichen Macht neben der klerikalen, die Idee der Staatsraison (Macciavelli) wird unter den beschriebenen Theorieprämissen als eine operative Schließung des politisch - administrativen Systems verstanden, Kriege werden zum Erhalt der primären politischen Institution geführt, immer weniger im Sinne von Kreuzzügen; zudem wird Krieg mit dem sich ausdifferenzierenden Wirtschaftssystem als Investition betrachtet, die letztlich wieder profitabel sein muss: reine Glaubenkriege sind mit solcher Rationalität nicht zu legitimieren. Durch die Geldwirtschaft wird ein reflexives, in bezug auf Stratifikation egalitäres Kommunikationsmedium geschaffen, das die Verknüpfung der Semantik, die Besitz referiert und derjenigen, die die Zugehörigkeit zur Oberschicht ausweist (Geburt, Gottes Wille) differenziert. Der Buchdruck erlaubt es, Herrschaftswissen transparent zu machen. Wissen diffundiert insofern durch die Schichtgrenze, als dessen Aneignung lediglich die Technik des Lesens verlangt, nicht aber grundsätzlich die Wohlgeborenheit. Wer nun die Bibel lesen kann, nicht nur auf lateinisch, sondern auch auf deutsch, der kann ihre Gebote an der Realität messen, der kann aber Pamphlete lesen oder schreiben. Kommunikation wird von Zeit und Raum und von Interaktionen unter Anwesenden unabhängig.

Der Prozess der Verweltlichung und der Verinnerweltlichung erschafft neue Fragen nach Wahrheit, der Rückgriff auf die Antike, der Humanismus, die Renaissance stellen die Welt und den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Beobachtung. Die Funktionssysteme schließen sich operativ, sie referieren mehr und mehr - sich selbst: Geld die Preise, Preise das Geld und den Besitz, der wiederum einen Geldwert hat, Religion den Glauben, Wissenschaft die Wahrheit, Erziehung wird nicht nur mehr zu einem religiösen oder politischen, sondern zu einem ganz eigenen Problem, und Kunst zitiert Kunst und Formen aus ihr.

Damit erreichen die Funktionssysteme relativ zueinander denkbar große Autonomie.

2.4.2 Autonomie

2.4.2.1 Erhöhte Abhängigkeit und Unabhängigkeit

Der Unterschied jedoch des Kunstsystems zum Rechtssystem, zum Wirtschaftssystem, später zum Erziehungssystem ist jedoch, dass bei ihm kein gesellschaftsweiter Anschlusszwang besteht; ist man jedoch aus dem Rechtssystem exkludiert, ist man schlichtweg aus der Gesellschaft exkludiert, ... der Kommunikation im Kunstsystem jedoch kann man entsagen, ohne nicht mehr in der Gesellschaft zu existieren. Insofern wird die Frage nach der spezifischen Funktion des Kunstsystems deutlich, die Frage nach seiner Codierung, und was diese hohe Autonomie bedeutet. Denn, wie wir sahen, bedeutet erhöhte Unabhängigkeit von der Umwelt auch immer erhöhte Abhängigkeit in Bezug auf bestimmte Selektionen. Wenn also die Kunst nicht einem primären Bedürfnis entspricht (wie etwa der materiellen Reproduktion, oder des Rechts), wozu ist sie dann überhaupt da, und: ergibt sich aus dieser offenen Frage eine besondere Gefahr für das System Kunst?

[...]


1 Dies ist jedoch kein Nachteil, sondern Folge der hohen Abstraktionsleistung der Theorie, wie Luhmann in vielen einleitenden Worten seiner Werke anmerkt: LUHMANN, Niklas: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf Gefahren aus der Umwelt einstellen? Opladen : 1988, S. 16, ff; Ders.: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt / Main : 1998, S. 8, ff, S. 30,ff; Ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp : 1999, S. 20, ff. Soziologische Theorie müsse, so Luhmann, sich selbst zum Beobachtungsgegenstand haben ...

2 Ders., Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt / Main : 1999, S. 72; Mithin ist diese Willkür schon durch den konstruktivistischen Charakter der Theorie geboten (siehe oben), aber auch, weil die Evolution, welche paradigmatisch für die Theorie steht, zwar keine Anfänge kennt, Historizität aber „sinn“voll für körpergebundene Wesen erscheint, siehe: Ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt / Main 1998, S. 592, ff.

3 MATURANA, Humberto, in: REESE-SCHÄFER: Niklas Luhmann. Eine Einführung. Hamburg : 1999, S. 42

4 „Der Mensch (...) ist kein System. (...) Bei solchen Annahmen würde übersehen, dass der Mensch das, was in ihm an physischen, chemischen, lebenden Prozessen abläuft, nicht einmal selbst beobachten kann.“ LUHMANN, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main : 1999

5 VARELA, Francisco J.: Kognitionswissenschaft - Kognitionstechnik? Eine Skizze aktueller Perspektiven. Frankfurt / Main : 1990, S. 88, ff.

6 LUHMANN, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt / Main : 1999, S. 15

7 LUHMANN, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt / Main : 1999, S. 27

8 Ders., Soziologische Aufklärung 5. Opladen : 1993, S. 174

9 ebenda, S. 23

10 „Jede Kommunikation lädt zum Protest ein. Sobald etwas bestimmtes zur Annahme angeboten wird, kann man es auch negieren. Das System ist nicht strukturell auf Annehmen, nicht einmal auf eine Präferenz für Annehmen festgelegt:“ siehe: LUHMANN, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt / Main : 1999, S. 238

11 Ebenda, S. 596

12 Ders., Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt / Main : 1998, S. 634

13 Ebenda, S. 697

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Niklas Luhmann: Funktionale Differenzierung und Kunst
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Ästhetische Theorie
Autor
Jahr
2001
Seiten
10
Katalognummer
V106925
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Luhmann widmete eine seiner letzten Monographien dem Thema der Kunst.- Man darf mit Recht eine rein soziologisch, also funktional ausgerichtete Betrachtungsweise der Kunst erwarten. Wie immer geht es um Reduktion von Komplexität. Aus diesem Grunde habe ich A. Gehlen: "Zeit-Bilder" mit verarbeitet, denn Gehlens grundlegende These ist schliesslich diejenige, dass gesellschaftliche Funktionen Entlastung schaffen ... Es geht mir in dieser Arbeit darum, den Take-off der Kunst als autonomes System nachzuvollziehen, mit der Frage, was Kunst schliesslich dann noch ausmacht, wenn seine Stützfunktion(en) wegfallen. Die Frage bleibt bestehen, ob Kunst derart autonom wird, dass sich im gleichen Moment die Systemgrenzen oft nicht mehr erkennen lassen ...?
Schlagworte
funktionale Differenzierung Kunst Systemtheorie Luhmann Gehlen Soziologie Barske
Arbeit zitieren
Hannes Barske (Autor), 2001, Niklas Luhmann: Funktionale Differenzierung und Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106925

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