Als ich damit begonnen habe mich mit dem Thema "La Chanson im Schulunterricht" auseinanderzusetzen, musste ich mir zunächst einmal die Frage stellen, was ein Chanson eigentlich ist. Dabei versuchte ich in einem ersten Schritt den Begriff des französischen Chansons abzuklären, da ich mir darunter eigentlich zum damaligen Zeitpunkt auch nicht viel mehr als das typische "chanson à texte" der 70er Jahre vorstellen konnte. Auch die Definition des Chansons in Wilperts Sachwörterbuch der Literatur schien meine Vorstellung zunächst zu bestätigen:
(...) Heute und im engeren Sinne (literar. Ch.) bezeichnet Ch. eine Form der "Gebrauchslyrik": e. nach Inhalt, Form und Melodie leichtes, verspieltes, frechiron., witzig pointiertes und thematisch engagiertes Kehrreimlied mit strenger Strophengliederung und pointiertem Strophenschluß zum Einzelvortrag auf der Kleinkunstbühne durch den Autor selbst oder Chansonniers bzw. Diseusen (Brettllied) mit Begleitung durch ein Instrument (...)
Nach Beendigung meiner Arbeit muss ich jetzt aber sagen, dass diese Definition auch gewisse Gefahren birgt. Man merkt deutlich, dass sich die Erklärung hauptsächlich auf die "chansons à texte" der 70er Jahre stützt, was eine sehr eingeschränkte Sichtweise mit sich bringt, wie ich im Verlauf meiner Arbeit noch aufzeigen werde. Es werden moderne Entwicklungen wie der französische Rap vollkommen außer Acht gelassen. Dadurch ist diese Definition auch sehr qualifizierend und wertend. Es werden Kriterien festgelegt, die ein "chanson typique" kennzeichnen. Dies mag zwar auf der einen Seite durchaus hilfreich und informativ sein, und man muss sich die Frage stellen, ob das Erarbeiten von Charakteristika und Kriterien nicht auch die Hauptaufgabe eines Lexikons ist, auf der anderen Seite sollte man sich aber gleichzeitig auch fragen, ob solche Verallgemeinerungen nicht dazu führen, dass jedes Chanson, das diese Normen durchbricht, dann nicht mehr als (vollwertiges) Chanson angesehen wird.
Ich selbst habe vor allem eines herausgefunden: Was genau ein französisches Chanson kennzeichnet, ist heute gar nicht mehr so eindeutig festzustellen und exakt zu definieren. Nachdem es oft lang tradierte Normen durchbricht (siehe Rap), muss sich auch unsere Einstellung ihm gegenüber ändern und wir müssen folgedessen versuchen, langsam die erstarrten Konventionen aufzubrechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort – Was ist eigentlich ein Chanson?
2. Die Geschichte des französischen Chansons im Schulunterricht
2.1 Die 50er Jahre – der Beginn
2.2 Die 60er Jahre und das „chanson à texte“
2.3 Die 70er Jahre – Zeit der Auswahlkriterien
2.4 Die 80er Jahre und der Übergang zur Moderne
2.5 Angleterre – Le rap des écoles
3. Der wirtschaftliche Gesichtspunkt
3.1 Veränderungen auf dem französischen Musiksektor
3.2 Nouvelle Génération Française (NGF)
3.2.1 Pädagogische Seite
3.2.2 Wirtschaftliche Seite
4. Die rechtliche Basis
5. Die Verwendung des Chansons im Unterricht
5.1 Die Auswahl des Chansons
5.2 Die Vorgangsweise im Unterricht
5.2.1 Wecken von Interesse und Neugierde der Schüler
5.2.2 Erhalten der Aufmerksamkeit der Schüler
5.2.3 Die Schüler ihre Gedanken/Meinungen zum Lied formulieren lassen
5.3 Über den Unterricht hinaus
6. Nochmals auf den Punkt gebracht ...
6.1 Die Abhängigkeiten des Chansons
6.1.1 Kommentar zu den externen Faktoren
6.1.2 Kommentar zu den internen Faktoren
6.2 Kommentar zu „5. Die Verwendung des Chansons im Unterricht“
6.2.1 Die Auswahl des Chansons
6.2.2 Vorgangsweise im Unterricht
6.2.3 Über den Unterricht hinaus
Zielsetzung und thematische Ausrichtung
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einsatz des französischen Chansons als didaktisches Mittel im Fremdsprachenunterricht. Ziel ist es, die historische Entwicklung sowie die pädagogischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Integration von Musik in den Unterricht zu beleuchten und daraus methodische Empfehlungen abzuleiten.
- Historische Evolution des Chansoneinsatzes von den 1950er Jahren bis zur Moderne.
- Wechselwirkung zwischen pädagogischen Ansätzen und ökonomischen Interessen der Musikindustrie.
- Rechtliche Grundlagen und deren Einfluss auf die Auswahlfreiheit der Lehrkräfte.
- Methodik zur aktivierenden Einbindung von Musik zur Steigerung von Motivation und Sprachkompetenz.
- Analyse der Rolle von Schülervorlieben und der Bedeutung des Chansons als plurimedialer Text.
Auszug aus dem Buch
2.4 Die 80er Jahre und der Übergang zur Moderne
Diese Vorherrschaft des „bonne chanson“ beginnt man erst in den 80er Jahren das erste Mal bewusst zu hinterfragen und zu kritisieren. Man sieht das Chanson nun endlich als das, was es ist: Ein kultureller Ausdruck, der den Lernenden direkt erreicht und der es ihm ermöglicht, sich wiederzufinden, und wenn es nur auf dem Niveau der Melodie und der Musik ist, die – selbst bei fehlendem Textverständnis – auch schon sehr viel der Thematik ausdrücken kann.
Diese erweiterte Sichtweise führt endlich zu einem Aufbrechen der erstarrten Konventionen von „guten Liedern“ und „unhörbaren Liedern“, und selbst diejenigen, die man bislang als „schlecht formuliert“ oder zu „umgangssprachlich“ beurteilt hat, werden jetzt in den Unterricht miteingebunden.
Das Chanson wird das erste Mal bewusst in seinem ganzen Spektrum wahrgenommen, nämlich als untrennbare Einheit von Musik, Text und Interpretation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort – Was ist eigentlich ein Chanson?: Die Autorin reflektiert ihre anfängliche Definition des Chansons und erkennt, dass diese durch moderne Einflüsse wie Rap überholt ist.
2. Die Geschichte des französischen Chansons im Schulunterricht: Es wird die chronologische Entwicklung des Liedeinsatzes von einfachen Volksliedern der 50er Jahre bis hin zur modernen, plurimedialen Nutzung aufgezeigt.
3. Der wirtschaftliche Gesichtspunkt: Dieses Kapitel thematisiert die Rolle der Musikindustrie und spezielle Förderprojekte wie die "Nouvelle Génération Française".
4. Die rechtliche Basis: Die Autorin erläutert die strengen urheberrechtlichen Einschränkungen, die den pädagogischen Spielraum für Lehrkräfte bei der Musikauswahl begrenzen.
5. Die Verwendung des Chansons im Unterricht: Hier werden praktische Anleitungen zur Auswahl und didaktischen Vermittlung von Liedern im Unterrichtsalltag gegeben.
6. Nochmals auf den Punkt gebracht ...: Eine abschließende Systematisierung der externen und internen Einflussfaktoren auf den Einsatz des Mediums Chanson.
Schlüsselwörter
Französischunterricht, Chanson, Didaktik, Musikindustrie, Fremdsprachenerwerb, Sprachlehrforschung, Motivation, Interkulturelles Lernen, Urheberrecht, Rap, Unterrichtsmethodik, Hörverstehen, Lernkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die didaktische Einbindung des französischen Chansons im Fremdsprachenunterricht unter Berücksichtigung historischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Aspekte.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Felder sind die Evolution des Chansoneinsatzes, die Rolle der Musikindustrie, didaktische Auswahlkriterien und die rechtlichen Rahmenbedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Verständnis für die Geschichte und die Potenziale des Chansons zu schaffen, um daraus effektive und zeitgemäße Unterrichtsansätze zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die kritische Reflexion bestehender didaktischer Konzepte und aktueller Entwicklungen im französischen Musiksektor.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Phasen des Liedeinsatzes, wirtschaftliche Aspekte (z.B. NGF-CDs), die rechtliche Lage sowie konkrete methodische Vorgehensweisen für den Unterricht detailliert erläutert.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Französischunterricht, Chanson, Musikpädagogik, Motivationssteigerung und didaktische Methodik.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Lehrers in Bezug auf den Musikgeschmack?
Die Autorin stellt fest, dass das Alter und das individuelle Engagement des Lehrers einen großen Einfluss darauf haben, ob aktuelle Musiktrends im Unterricht aufgegriffen werden und wie authentisch diese vermittelt werden können.
Welche Bedeutung misst die Arbeit dem Projekt "NGF" bei?
Das Projekt "Nouvelle Génération Française" wird als wegweisendes Beispiel gesehen, das ökonomische Interessen der Musikindustrie erfolgreich mit pädagogischen Zielen verbindet.
- Quote paper
- Roswitha Geyss (Author), 2002, La Chanson im Schulunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10715